Der Verband der türkischen Kulturvereine in Europa (, Kurzform Avrupa Türk Birliği, ATB) ist die Europaorganisation der Büyük Birlik Partisi (BBP)Vgl. zu dem Überbau und den Idealistenvereinen: Kemal Bozay, Emre Aslan: Selbstethnisierung als Barriere zur gesellschaftlichen Partizipation. Die Leitkultur der Grauen Wölfe (Bozkurt). (), einer islamistischen und rechtsextremen politischen Partei in der Türkei. Die in Deutschland beheimatete Organisation ist gemäß Selbstdarstellung als Dachverband konzipiert.Vergleiche dazu die .

Geschichte Die Anfänge des ATB reichen in das Jahr 1994 zurück. Zwei Jahre nachdem in der Türkei Muhsin Yazıcıoğlu mit mehreren Gleichgesinnten aus der MHP ausgetreten war und die BBP gründete, spaltete sich auch die Tochterorganisation in Europa. Im Jahre 1994 wurde in Deutschland der Dachverband Avrupa Nizam-ı Alem Federasyonu („Föderation der Weltordnung in Europa“, ANF) gegründet.Kemal Bozay, „…ich bin stolz, Türke zu sein!“, Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen der Globalisierung, Wochenschau Verlag, 2005, S. 198 Im Jahre 2002 erfolgte die Umbenennung auf die heutige Bezeichnung.

Der ATB ist islamistisch und nationalistisch ausgerichtet. In einer Erklärung vom 25. August 2006 distanzierte er sich jedoch zusammen mit einer Reihe weiterer muslimischer Verbände ausdrücklich von „Terror und Gewalt“ im Namen des Islam.Dokument einsehbar auf der Homepage der Uni Kassel, AG Friedensforschung, abgerufen am 28. Juli 2007. In den Veröffentlichungen der VerfassungsschutzämterVergleiche dazu die Veröffentlichung des Verfassungsschutzes NRW () und in PublikationenGoldberg 2004, S. 112f., Wunn 2007, S. 68 und Spuler-Stegemann 2002, S. 118f.Kemal Bozay, „…ich bin stolz, Türke zu sein!“, Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen der Globalisierung, Wochenschau Verlag, 2005, S. 198–203Thomas Lemmen: Islamische Vereine und Verbände in Deutschland. Bonn 2000, S. 58 wird die Organisation unter ihrer früheren Bezeichnung behandelt.

Am 4. Juni 2007 wurde der Vorsitzende des Ortsverbandes von Mülhausen (Elsass), Osman Gürkan, auf offener Straße erschossen.

Organisation und Aktivitäten Sitz des Verbandes ist Ludwigshafen am Rhein. Der gegenwärtige Vorsitzende heißt Erol Yazıcıoğlu. Die ATB-Homepage listet in Deutschland zurzeit Mitgliedsvereine in Duisburg, Eislingen, Hamburg, Köln, Stuttgart, Berlin und Gelsenkirchen auf. Insgesamt gehören dem Verband 20 Mitgliedsvereine in Deutschland an.Andreas Goldberg, Dirk Halm & Faruk Şen: Die Deutschen Türken. Münster 2004, S. 112 Zehn weitere Mitgliedsvereine existieren in Belgien, Österreich, Dänemark, Frankreich der Schweiz und in den Niederlanden.Andreas Goldberg, Dirk Halm & Faruk Şen: Die Deutschen Türken. Münster 2004, S. 113 Der ATB bietet Dienstleistungen wie die Rückführung Verstorbener an, organisiert die jährliche Haddsch und betreibt eine eigene Website.

Auszeichnungen und Preise Der Verband verleiht jährlich eine Reihe von Preisen: den Necip-Fazıl-Kısakürek-Preis, ferner Preise für die Bereiche Kunst, Sport, Rechtspflege und Unternehmertum und Preise für besondere Verdienste.Bilder von den Preisverleihungen 2006 in Duisburg, bei dem der Führer der Mutterpartei und Abgeordnete des türkischen Parlaments Muhsin |Yazıcıoğlu anwesend war: Der Geograph Franz Schaffer war Ende 2005 der erste Deutsche, der den Preis für besondere Verdienste erhielt.

Selbstbild Der ATB betrachtet sich als Dienstleister für die Türken in Europa. In Achtung und Respekt vor der Rechtsordnung des jeweiligen Gastlandes möchte der Verband dazu beitragen, die traditionelle Lebensweise und Glaubensgrundsätze der Türken zu wahren. Der ATB beschreibt seine Identität in einer SelbstdarstellungVgl. , abgerufen am 27. Juli 2007. als national und islamisch. Er strebt danach, dass „heilige Werte“ wie Fahne, Vaterland und Religion von allen sozialen Schichten der Gesellschaft übernommen werden.

Ideologie Im Folgenden wird die Haltung der Organisation zu ausgewählten Themenbereichen dargestellt.

Islamverständnis und Nationalismus Das Landesamt für Verfassungsschutz Hessen rechnet neben der Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland (ADÜTDF) und der Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa e. V. (ATIB) insbesondere auch den ATB dem türkischen Nationalismus der Grauen Wölfe zu, in deren Vereine die Ideologie der Grauen Wölfe gepflegt und vermittelt wird.. Landesamt für Verfassungsschutz Hessen, abgerufen am 19. Juni 2016.

Die beiden Wesensmerkmale der Ideologie des ATB sind ein traditionelles und rigides Verständnis des Islam und der türkische Nationalismus. Der Islam wird dabei als Hauptbestandteil des nationalen Selbstverständnisses empfunden.Vgl. , abgerufen am 27. Juli 2007. Ursula Spuler-Stegemann bezeichnet die Organisation als streng religiös.Ursula Spuler-Stegemann: Muslime in Deutschland. Freiburg 2002, S. 119 Hakkı Öznur, stellvertretender Vorsitzender der Mutterpartei BBP, stellt dazu auf der Homepage des ATB fest:

Der Koran wird nicht als bloßes Offenbarungsbuch verstanden, sondern wird in den Rang einer Verfassung erhoben.Vgl. , abgerufen am 27. Juli 2007. Die Geschichte der Menschheit wird als Kampf zwischen Gut und Böse aufgefasst, als Kampf zwischen dem Wahren (Hak) und dem Nichtigen (Batıl),Vgl. , abgerufen am 27. Juli 2007. zwischen Gott (Allah) und Teufel (Şeytan)Vgl. , abgerufen am 27. Juli 2007. oder als Kampf zwischen der „Nation des Islam“ (Millet-i İslamiye) und der „Nation des Unglaubens“ (Millet-i Küfriye).Vgl. , abgerufen am 27. Juli 2007.

Die Website des ATB enthielt ferner eine „Enzyklopädie der islamischen Jurisprudenz“ (İslam Fıkıh Ansiklopedisi) Einige Beispiele:

Entsprechend dem muslimischen Selbstverständnis wird Rassismus jeder Art abgelehnt. Der ATB begreift die Türken als große Nation, die ihrerseits Teil der islamischen Umma ist.

Laizismus und westliche Ordnung Den Laizismus, wie er in der Türkei gehandhabt wird, lehnt der ATB ab. Laizismus ist seiner Auffassung gemäß nicht mit Religionslosigkeit (dinsizlik) gleichzusetzen, sondern bedeutet staatliche Neutralität bei religiösen Angelegenheiten.Vgl. , abgerufen am 27. Juli 2007. Der ATB lehnt die westlich-europäische Ordnung ab. Diese basiert nach Lesart der Organisation auf Gewalt:

Funktionäre des ATB fordern Mitglieder und insbesondere die Jugendlichen dazu auf, die Gesetze und mögliche religiöse Empfindlichkeiten des jeweiligen Gastlandes zu beachten.Vgl. , abgerufen am 30. Juli 2007. Auch die Demokratie und das Primat des Rechts werden in den Beiträgen auf der Homepage befürwortet. Recht und Gesetz lassen sich dem ATB zufolge mit dem islamischen Recht vereinbaren.Vgl. , abgerufen am 30. Juli 2007.

Feindbilder Als Feindbilder des ATB fungieren: Amerika („der große Satan“) und Europa („der kreuzfahrerische Westen“)Vgl. , abgerufen am 27. Juli 2007. Satanisten (şeytaniler), die die Medien beherrschten und auch dafür verantwortlich seien, dass die USA in den Irak einmarschiert sind. Israel, dessen Ende herbeigesehnt wird.Vgl. , abgerufen am 27. Juli 2007. FreimaurerVgl. , abgerufen am 27. Juli 2007. Zionisten und Dönme, die in der Türkei häufig Ziel von Antisemiten sindVgl. , abgerufen am 27. Juli 2007.

Haltung zu den Kurden Den Kurden wird jedes kulturelle Existenzrecht abgesprochen. Nach Auffassung des ATB beinhaltet der Terminus „Kurde“ weder eine Rasse noch eine Nation. Das Wort „Kurde“ bedeute vielmehr „Schneehaufen“ oder „Lawine“. Dementsprechend existiere auch keine kurdische Sprache. Die Kurden seien das Ergebnis einer Vermischung türkischer Stämme und somit Türken.Vgl. , abgerufen am 27. Juli 2007.

Haltung zu Tschetschenien Besondere Verbundenheit empfindet der ATB zu dem ebenfalls muslimischen Volk der Tschetschenen. Anlässlich des Todes des früheren Untergrundkämpfers und Rebellenführers Bassajew lobte der stellvertretende Vorsitzende des Verbandes, Zafer Güler, ihn als großen Helden und erklärte, der Kampf der Tschetschenen sei auch der ihre. Die Tschetschenen setzten mit ihrem makellos reinen Glauben, dass es keinen Gott außer Gott gebe, die Tradition des Kampfes fort. Mit Abscheu sprach er von Russland als „reaktionäre, faschistische, kommunistische, terroristische und imperialistische Zentren“.Vgl. , abgerufen am 27. Juli 2007.

Literatur Allgemein Andreas Goldberg, Dirk Halm und Faruk Şen: Die deutschen Türken. Münster 2004 Ina Wunn: Muslimische Gruppierungen in Deutschland. Stuttgart 2007 Ursula Spuler-Stegemann: Muslime in Deutschland. Freiburg 2002 Kemal Bozay: „…ich bin stolz, Türke zu sein!“, Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen der Globalisierung. Schwalbach 2005 (Rezension) Thomas Lemmen: Islamische Vereine und Verbände in Deutschland. Bonn 2000

Literatur zu türkischen (Idealisten) Kulturvereinen und Nationalismus Fikret Aslan, Kemal Bozay: Graue Wölfe heulen wieder. Türkische Faschisten und ihre Vernetzung in der BRD. Münster. 2000 ISBN 3-89771-004-8 Kemal Bozay, Emre Aslan: Selbstethnisierung als Barriere zur gesellschaftlichen Partizipation. Die Leitkultur der Grauen Wölfe (Bozkurt). () Katy Schröder: Die Türkei im Schatten des Nationalismus. ISBN 3-8311-4266-1

Weblinks Website des Verbands der türkischen Kulturvereine in Europa Interkultureller Stadtplan Augsburg

Einzelnachweise

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