mini|Johann Chr. Vollerdt: Wandertheater am Flussufer um 1750 Deutsche Wanderbühne (auch: Theater-, Schauspieler-, Komödianten-, Opern-, -Bande, -Truppe, -Gesellschaft) ist die Bezeichnung für eine aus professionellen Schauspielern und Musikern bestehende, umherziehende deutschsprachige Theatertruppe oder Wanderoper, die zwar über einen eigenen Fundus, nicht aber über eine feste Spielstätte verfügte.

Solche Wandertruppen hatten sich seit dem 17. Jahrhundert in Deutschland als Gegenstück zu den Hoftheatern der Fürsten herausgebildet und unterhielten das Volk mit als „Haupt- und Staatsaktionen“ titulierten Possen, die Parodien oder Travestien von höfischen Tragödien oder Opern waren. Mit dem Aufkommen der ersten Nationaltheater mit festen Schauspielerensembles im 18. Jahrhundert verlor diese Form des Volkstheaters allmählich an Bedeutung, auch wenn noch bis ins 19. Jahrhundert hinein Wandertruppen in deutschen Städten gastierten.

Organisation einer Wandertruppe mini|links|Spitzweg: Reisende Komödianten um 1838 Die Organisation der Wandertruppen blieb vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ungefähr gleich. Die Wanderkomödianten fanden sich im Rahmen sogenannter Schauspiel- oder Komödiantengesellschaften, im Kern meist Familienunternehmen, unter der Leitung eines Prinzipals zusammen. Dieser Theaterunternehmer war der organisatorische und künstlerische Leiter der privatwirtschaftlich geführten Truppe und verfügte in der Regel über die notwendigen Lizenzen, finanziellen Mittel, Requisiten und Kostüme.

Der Prinzipal entschied über das Engagement neuer oder zusätzlicher Schauspieler. Außerdem sorgte er für Disziplin, verwaltete die Einnahmen und Ausgaben, wählte und bearbeitete die neuen Stücke und legte den Spielplan und die Spielstätten fest. Für spezielle Bereiche, wie das Bühnenbild, die Spezialeffekte, oder die Organisation der technischen Abläufe, hatte eine Wandertruppe unter Umständen einen eigenen Theatermeister. War dies nicht der Fall, übernahm der Prinzipal diese Verantwortungen zusätzlich zu seinen anderen Aufgaben, wie der Besetzung der Rollen, der Leitung der Proben und der Überwachung des Spielbetriebs. Als Orchester wurden meist bestehende Ensembles an den jeweiligen Spielorten verpflichtet. Eine Regie im heutigen Sinn gab es noch nicht, es brauchte jedoch einen Ballettmeister für die Arrangements der sogenannten Gruppen.

Die Schauspielausbildung bestand vorwiegend in einer Tanzausbildung. Friedrich Ludwig Schröder begann seine Karriere als „Luftspringer“, und auch Joseph Anton Christ berichtet mit Stolz, dass er Ballette aufgeführt habe. Ferner gehörte eine Gesangsausbildung zum handwerklichen Rüstzeug, da die Schauspieler Singspiele aufführen mussten.

Der Prinzipal war es auch, der die Auftrittserlaubnis des jeweiligen Landesherrn besaß, ohne die eine Wandertruppe zur damaligen Zeit nicht auf deutschem Gebiet auftreten durfte. Die Fürsten vergaben diese Schauspiel-Privilegien an die von ihnen geschätzten Schauspielgesellschaften. Es war üblich, dass sie an Hoftheatern auftraten und auch zu Hofkomödianten ernannt wurden.

Im Normalfall gastierten die Theatergruppen im Rahmen von Tourneen in den Ortschaften ihres zugeteilten Spielgebietes. In Dörfern wurden die Aufführungen meist als Freilichttheater auf Holzbühnen von Märkten oder Plätzen veranstaltet, während in größeren Ortschaften die Möglichkeit bestand, in Wirtshäusern, Scheunen und ähnlichen Örtlichkeiten oder bei längerem Aufenthalt in extra errichteten Schaubuden (auch „Komödiantenbuden“) aufzutreten. Wenn die Truppe in einem festen Gebäude spielte, war der Prinzipal ein Pächter, der auf eigenes Risiko handelte. Intendanten gab es nur an großen Hoftheatern, und von Städten oder Vereinen eingesetzte Direktoren wurden erst im 19. Jahrhundert üblich.

Da immer nur wenige auserwählte Truppen ein Aufführungsprivileg in einem Territorium erhielten, gab es zwischen den Theatertruppen eine harte Konkurrenz. Dabei kam es auch zum gegenseitigen Abwerben bekannter und beliebter Schauspieler. Truppen, die keine Spielerlaubnis ergattern konnten, mussten auf andere Gebiete ausweichen, weshalb die Reiserouten deutscher Wandertruppen bis weit nach Russland hinein und bis ins Baltikum reichten, wo sich deutschsprachige Bevölkerungsteile befanden.

Spielbetrieb einer Wanderbühne mini|hochkant|links|Harlekin mini|hochkant|Kostüm im 18. Jahrhundert Die privaten Wandertruppen orientierten sich bei ihrem Spielbetrieb fast ausschließlich am amüsierfreudigen und oft ungebildeten Publikum, von dessen Spenden und Eintrittsgeldern sie abhängig waren. Um das Publikumsinteresse nicht zu verlieren, mussten die Wandertruppen regelmäßig neue Stücke aufführen. Dies bedingte, dass man sich nur grob an die dichterischen Vorlagen hielt oder sie ganz und gar wegließ und improvisierte, da die Zeit nicht reichte, um beständig neue Stücke im Ganzen einzustudieren.

Theater war bei den Wandertruppen zunächst ein reines Unterhaltungstheater. Der Spielplan wurde von den sogenannten „Haupt- und Staatsaktionen“ beherrscht, in deren Zentrum die von derben Späße und Anzüglichkeiten charakterisierten possenhaften Einlagen eines Harlekin oder Hanswurst standen. Die Aufführungen bestanden aus einer Abfolge von spannungsgeladenen oder situationskomischen Einzelauftritten und wurden zu einem Spektakel, bei dem die optische Wirkung von aufwendigen Kostümen, pompösen Bühnenbildern und aufsehenerregenden Effekten mehr zählte als die schauspielerischen Leistungen. Dies lag zum Teil daran, dass zu dieser Zeit ein völlig anderes Kunstverständnis herrschte und die Schauspielerei eher als ein Handwerksberuf angesehen wurde.

Es war üblich, dass Schauspieler das Puppenspiel beherrschten, weil es beengte Raumverhältnissen oft nicht zuließen, auf großer Bühne zu spielen. Puppenspiele gehörten daher zum „Schlechtwetterprogramm“.

In Anlehnung an die englischen und italienischen Vorbilder praktizierten die deutschen Wanderbühnen ein Stegreiftheater, dessen Darstellungsstil geprägt war von Improvisationen, typisierten Rollen und realistischer Überdeutlichkeit. Die Schauspieler spezialisierten sich dabei auf bestimmte Rollenfächer oder sogar stehende Rollen – immer wieder auftauchende Figurentypen, die ihrem Geschlecht, Alter und Aussehen am ehesten entsprachen. Als besonders guter Schauspieler galt oft derjenige, welcher seine Figur durch Überzeichnung am eindeutigsten verkörperte.

Ein Zusammenspiel der einzelnen Akteure im modernen Sinn existierte nicht, da die Schauspieler das Einstudieren ihrer Rollentexte und die oft pompöse Kostümierung (sie erhielten vom Prinzipal ein so genanntes Kostümgeld) zumeist selbst übernahmen und um die Gunst des Publikums konkurrierten. So beschränkten sich die Aufgaben des Prinzipals als Regisseur darauf, den Schauspielern ihre Rollen zuzuordnen und darauf zu achten, dass sie im richtigen Verhältnis zueinander auf der Bühne positioniert waren.

Sonderform Wanderoper Eine Sonderform war die Wanderoper des 18. Jahrhunderts, eine Organisationsform, in der sowohl deutsche Hoftheater bespielt wurden, als auch jeweils neu aufgeschlagene örtlichen Bühnen. Zu den Sängern hatte die Wanderoper zusätzlich Instrumentalisten im Engagement, deren Instrumente, Noten und Notenständer mitgeführt werden mussten, wenn nicht Musiker des Zielorts zum Einsatz kamen. Zum anderen erforderte gerade diese Theaterform eine intensive Vorbereitung und einen musikalischen Leiter. Improvisation wie beim Stegreiftheater gab es in der Regel dabei nicht. In den Aktpausen traten jedoch auch Unterhaltungskünstler, wie zum Beispiel Seiltänzer, auf. Indem sich ab Mitte des Jahrhunderts an den deutschen Höfen der Schwerpunkt italienische Oper zurückbildete, entstand eine bürgerliche Bewegung mit „Singspielen und leichten Opern“. Nach der Praxis der berühmten italienischen Wanderopern wie der des Girolamo Bon entstanden deutsche Operntruppen, die auf Unternehmerbasis arbeiteten. Dazu gehören die Truppen Johann Friedrich Schönemanns (1704–1782), Emanuel Schikaneders (1751–1812) und die Seylersche Schauspiel-Gesellschaft (gegründet 1769). Diese Theaterensembles hatten sowohl Musik- als auch Sprechtheater im Programm.Wilhelm Pfannkuch: Organisationen der Musik. In: Musik in Geschichte und Gegenwart. 1, Band 10, Bärenreiter-Verlag, Kassel 1962, Sp. 206.

Historische Entwicklung Mittelalter und Renaissance Die Theaterlandschaft des deutschsprachigen Gebietes war im Mittelalter und im Zeitalter der Renaissance geprägt von religiös motivierten, ursprünglich von Geistlichen aufgeführten beziehungsweise geleiteten, später auch der stadtbürgerlichen Repräsentation dienenden geistlichen Spielen. Der Zweck von Mysterien- und Passionsspielen, Fastnachtsspielen oder des Jesuiten- beziehungsweise des evangelischen Schultheaters lag vor allem in der Bekehrung, der Belehrung und der moralischen und sittlichen Erziehung der Gesellschaft. An diesen Aufführungen wirkte oftmals eine große Anzahl Bürger als Laiendarsteller mit, welche in hohem Ansehen standen. Die deutschen Laientheater erfreuten sich großer Beliebtheit und blieben noch lange nach dem Ende ihrer Glanzzeit bestehen, auch wenn sie mit dem Auftauchen der ersten ausländischen Wandertruppen an Bedeutung verloren. mini|Benjamin Cuyp: Wanderschausteller um 1645, Niederlande

Die ersten italienischen Komödianten zogen Ende des 15. Jahrhunderts über die Alpen, spielten zunächst aber vorrangig in adeligen Kreisen, in welchen man des Italienischen mächtig war. Mit der Entwicklung der italienischen Oper zur beliebtesten Theaterform an den europäischen Höfen nach 1600 sahen sich viele der italienischen Komödiantentruppen im deutschen Raum gezwungen, sich ein neues Publikum zu erschließen, da sie dieser neuen Form des musikalischen Theaters keine Konkurrenz bieten konnten. So wandten sie sich dem deutschen Bürgertum zu, das allerdings kein Italienisch verstand. Die Commedia-dell’arte-Vorstellungen der italienischen Theatergruppen entwickelten sich zu einer Art Pantomime, deren komische Handlung über Masken und übertriebene Gesten und Gebärden vermittelt wurde.

Gegen Ende des 16. und im 17. Jahrhundert wanderten dann die englischen Komödianten des Elisabethanischen Theaters über Dänemark und die Niederlande ins deutschsprachige Gebiet ein. Infolgedessen kam es zwischen diesen und den italienischen Theatertruppen zu einem harten Ringen um das deutsche Publikum, zu dem sich im 18. Jahrhundert zusätzlich noch französische Wandertruppen gesellten.

Ansätze zur Selbstständigkeit Im 17. Jahrhundert bildete sich, als Reaktion auf die fremden Theatergruppen, im deutschen Sprachraum ein eigenes deutsches Berufstheater nach dem Vorbild der ausländischen Wanderbühnen heraus. Diese Entwicklung begann mit der Aufnahme von deutschen Schauspielern in das Ensemble der englischen Truppen, was allmählich zu rein deutschsprachigen Wandertruppen führte.

Von den englischen Vorbildern übernahm man weniger die Texte als die Spielform, in welche zusätzlich noch Elemente der Commedia dell’arte eingebaut wurden. So entstand auf der deutschen Wanderbühne eine eigene komödiantische Darstellungsform. Das deutschsprachige Gegenstück zu Pickelhering oder Arlecchino war die von Stranitzky geschaffene komische Figur des Wiener Hanswursts, der als hinzugefügte Dienerfigur in übersetzten und stark vergröberten französischen oder italienischen Tragödien auftrat, die seinen Scherzen als Spielschablone dienten.