Eine Imperialismustheorie ist bestrebt, die Bedingungen und den Prozess des Entstehens sowie die Funktionsmechanismen von Imperialismus wissenschaftlich zu erklären. Eine jede solche Theorie entfaltet einen eigenen Begriff des Imperialismus und macht Aussagen darüber, welche Tendenzen aus einem entsprechenden sozialen System zu erwarten sind.
Imperialismustheorien wurden im 20. Jahrhundert entwickelt. Damit versuchten Wissenschaftler wie auch revolutionäre Politiker, die Entstehung und den Verlauf kolonialer oder anderer wirtschaftlicher und politischer Expansionen, vor allem europäischer Staaten, später auch der USA oder seltener der Sowjetunion zu erklären. Im Selbstverständnis sozialistischer Politikstrategie sollte die jeweilige Theorie zur Grundlage revolutionärer Praxis dienen.
Wichtige Imperialismustheorien John Atkinson Hobson (1902) Die wohl erste Imperialismustheorie verfasste 1902 der britische Ökonom John Atkinson Hobson (1858–1940). Anlass für seine Überlegungen war der zweite Burenkrieg, den er als Journalist miterlebt hatte. Hobson sah die Suche nach neuen Kapitalanlagemöglichkeiten als Ursache des Imperialismus an: Unterkonsumtion der breiten Masse bei gleichzeitigem Kapitalüberschuss bei einer kleinen Minderheit führe zu Kapitalexport.
Zum Schutz ihrer Anlagen würden die Investoren nach Machtmitteln des Staates verlangen, was zu einer Vergrößerung des Staatsgebietes, einem Wettlauf rivalisierender Imperien und dadurch zu einer Gefährdung des Friedens führe. Diese Theorie analysiert Imperialismus aus ökonomischer Sicht. Anlass für seine Imperialismustheorie waren wohl die Burenkriege (1902); sie führten beim linksliberalen Demokraten Hobson zu einer moralischen Verurteilung des Imperialismus.
In seiner volkswirtschaftlichen Analyse des Imperialismus knüpft Hobson an John Stuart Mill an, wonach die Produktionsgesetze unveränderlich seien, die Distribution jedoch im Bereich des sozialen Willens liege. Damit ließe sich dann auch das Problem der Unterkonsumtion beheben, indem man den Arbeitern einfach mehr Geld gibt, damit sie mehr konsumieren können. Durch die ideale Verteilung entfällt dann auch der Expansionszwang für den Kapitalismus. An seine Vorarbeit knüpfen Rudolf Hilferding 1910 und Wladimir Iljitsch Lenin 1916/1917 an, die den Imperialismus jedoch an Karl Marx‘ historischen Materialismus anzuschließen strebten.
Rosa Luxemburg (1913) Die von der marxistischen Theoretikerin Rosa Luxemburg (1871–1919) 1913 in ihrem Hauptwerk Die Akkumulation des Kapitals veröffentlichte Imperialismustheorie betont die Gefahr für den Weltfrieden durch den Konkurrenzkampf der kapitalistisch verfassten Nationen untereinander. Nur die Ausdehnung der Ökonomie in noch nicht kapitalistische Gebiete kann demnach den Niedergang des Kapitalismus verzögern. Langfristig setzten sich weltweit kapitalistische Verhältnisse durch, die entweder durch die sozialistische Revolution beendet werden oder krisengeschüttelt durch einen ökonomischen und politischen Zusammenbruch, letztendlich immer im Krieg enden.
Karl Kautsky (1914)
Der deutsche marxistische Theoretiker Karl Kautsky (1854–1938) behauptete kurz vor dem Ersten Weltkrieg, der Imperialismus sei eine der möglichen Formen, wie der Kapitalismus die ihm notwendige Kapitalakkumulation erzielen könne, aber bei weitem nicht die einzige. Er vermutete, die Finanzkapitalisten der einzelnen Nationen könnten künftig, statt gegeneinander zu arbeiten, „syndiziert“ vorgehen:
In dieser neuen Phase des Kapitalismus, die er Ultraimperialismus nannte, würden Kriege zwischen den imperialistischen Mächten durch Verständigungen zur gemeinsamen Ausbeutung der Welt überflüssig gemacht.Karl Kautsky: Der Imperialismus. In: Die Neue Zeit Bd. 2 (1914), S. 908–922 (online); Clemens A. Wurm: Industrielle Interessenpolitik und Staat: Internationale Kartelle in der britischen Außen- und Wirtschaftspolitik während der Zwischenkriegszeit. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1988, S. 9.
Lenin (1916)
Der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin wollte mit seiner Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, die 1917 unter einem Pseudonym in Russland erschien, seine Strategie des „revolutionären Defätismus“ theoretisch untermauern, nach der eine Niederlage Russlands im Ersten Weltkrieg zu einer Revolution führen würde.Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus. Beck, München 2017, S. 663 und 674 f. Die gesamte Politik werde durch das Finanz- und Monopolkapital beherrscht, d. h., dass die Produktion und das Kapital konzentriert sind und mit ihrer Wirtschaftskraft die Politik lenken (Stamokap= staatsmonopolistischer Kapitalismus). Außerdem sei der Imperialismus für die Großkonzerne lebensnotwendig, um das Sinken der Profitrate zu verhindern. Er könne nur durch die Abschaffung des Kapitalismus beseitigt werden. Lenin sah den Imperialismus als das fünfte und letzte Stadium des Kapitalismus an.
Nach Lenins Kurzdefinition ist „der Imperialismus das monopolistische Stadium des Kapitalismus“. Eine solche Definition enthielte die Hauptaussage, denn auf der einen Seite ist das Finanzkapital einiger weniger monopolistischer Großbanken, das mit dem Kapital monopolistischer Industriellenverbände verschmolzen ist. Auf der anderen Seite ist die Aufteilung der Welt, bzw. der Übergang von einer Kolonialpolitik, die sich auf noch von keiner kapitalistischen Macht eroberte Gebiete ausdehnt, zu einer Kolonialpolitik der monopolistischen Beherrschung des gesamten Erde. Unmittelbaren Anlass für die imperialistischen Kriege bildet dabei das erstmals von Lenin formulierte Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder, welches die Aufteilung der Erde periodisch in Frage stellt.
In seiner ausführlicheren Begriffsbestimmung, die Lenin jedoch immer noch nicht für die ausgeführte Theorie hält, führt er fünf Grundzüge an:
Die auf diese Weise gewonnenen Extraprofite würden die imperialistischen Mächte nutzen, um einen Teil der Arbeiterklasse, die „Arbeiteraristokratie“, durch vergleichsweise hohe Löhne zu „verbürgerlichen“. Mit diesem Theorem versuchte Lenin das Ausbleiben der Revolution zu erklären, die angesichts der „inneren Fäulnis“ des Kapitalismus überfällig sei. Gleichzeitig polemisierte er so gegen die „revisionistischen“ Tendenzen der deutschen Sozialdemokratie und namentlich Kautskys. Sie wurden später in der Sozialfaschismusthese zugespitzt, wonach die Sozialdemokratie nicht Bundesgenosse der Kommunisten im Kampf gegen den Faschismus sei, sondern als dessen „Zwillingsbruder“ ganz genau so bekämpft werden müsse.Helmut Dan Schmidt und Wolfgang J. Mommsen: Imperialismus. In: Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft. Eine vergleichende Enzyklopädie. Bd. III. Ideologie bis Leistung. Herder, Freiburg im Breisgau/Basel/Wien 1966, Sp. 33 ff.
Die Revolution erwartete Lenin vom Weltkrieg, den er als Produkt der Gegensätze zwischen den imperialistischen Mächten deutete:
Max Weber (1921) Der deutsche Nationalökonom und Soziologe Max Weber (1864–1920) erklärte in seinem postum erschienenen Hauptwerk Wirtschaft und Gesellschaft den Imperialismus als Folge des Prestigestrebens, das allen Großmächten eigne. Dies ziele auch auf eine innenpolitische Herrschaftssicherung:
Diese politischen Motive könnten unterstützt werden durch Wirtschaftsgruppen, die in der unmittelbaren gewaltsamen Ausbeutung der kolonialen Bevölkerung durch Zwangsarbeit größere Gewinnchancen sähen als durch Handel („kolonialer Beutekapitalismus“). Zu diesen gehörten nicht zuletzt die Rüstungsindustriellen. Hinzu kämen noch die Intellektuellen der imperialistischen Staaten, die ein Interesse daran hätten, den Geltungsbereich ihrer jeweils eigenen nationalen Kultur zu erweitern. Mit diesem Motiv bot Weber eine Erklärung dafür an, wieso der Imperialismus um die Jahrhundertwende insbesondere in bürgerlichen Kreisen massenhafte Unterstützung fand.Wolfgang J. Mommsen: Imperialismustheorien. Ein Überblick über die neueren Imperialismusinterpretationen. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1980, S. 19 f
Joseph Schumpeter (1919)
Der Ökonom und Sozialwissenschafter Joseph A. Schumpeter (1883–1950) entwickelte in seinem Werk „Zur Soziologie der Imperialismen“ (1919) eine Imperialismustheorie mit der Hauptthese, dass der Imperialismus „die objektlose Disposition eines Staates zu gewaltsamer Expansion ohne angebbare Grenze“ sei.
Dieser These setzt Schumpeter folgende Prämissen voraus: 1) Krieg entsteht in der Mehrzahl aller Fälle nicht aus rationalen Gründen, sondern aus einer triebhaften Neigung heraus. 2) Dieser Wille zum Krieg ist durch die, in der menschlichen Psyche verankerte, jedoch nicht mehr aktuelle, Lebensnotwendigkeit von zu Krieg führender Konkurrenz begründet. 3) Der Kriegswille wird durch zwei Interessengruppen weiter angetrieben: Die herrschende Schicht, die auf innenpolitischer Ebene durch den Krieg Vorteile erzielt und die Summe aller Individuen, die durch kriegerische Politik einen sozialen oder wirtschaftlichen Gewinn erhofft.
Imperialismus ist ein Atavismus, der als Übernahme verschiedener Merkmale und Verhaltensweisen aus einer vorherigen Epoche und damit aus einem vorherigen Entwicklungsstadium zu verstehen ist. Konkret ist die Konservierung absolutistischer Denkmuster durch die vorkapitalistischen Führungsschichten wie Adel und Militär gemeint. Aus einer Vielzahl besagter Muster – sozialer oder ökonomischer Natur – setzt sich nach Schumpeter die soziale bzw. ökonomische Gegenwart zusammen: „Er (Imperialismus) ist ein Atavismus der sozialen Struktur und ein Atavismus individualpsychologischer Gefühlsgewohnheit.“ Der Imperialismus entsteht aus diesen beiden Atavismusformen. Allerdings führt der soziale Strukturwandel, der im historischen Entwicklungsprozess der Gesellschaft begründet ist, zu seinem Untergang. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen (siehe Lenin, R. Luxemburg) betrachtet Schumpeter den Kapitalismus als antiimperialistisch, da in einer kapitalistischen Gesellschaft die dem Menschen eigenen kriegerischen Energien in die Anhäufung von Kapital investiert werden, nicht etwa in die gewaltsame und ziellose Expansion. Dennoch kann man Kapitalismus und Imperialismus nicht als zwei voneinander unabhängige Phänomene betrachten. Das Interesse der Kartelle und Trusts, das hohe Preisniveau im Landesinneren zu halten, führt zum Verkauf der im Kapitalismus – durch grundsätzliche Ausnutzung aller Produktionsmittel – überproduzierten Ware zu Dumpingpreisen in den neu entstandenen Absatzmärkten der Kolonien. Trotz dieser ökonomischen Faktoren ist der Imperialismus nicht aus Interesse an besagtem materiellen Gewinn entstanden, er ist nur ein Nebeneffekt der an sich im Atavismus der Menschen begründeten, nicht zweckgebundenen Expansion.Nach: Josef A. Schumpeter: Aufsätze zur Soziologie, Tübingen 1953, S. 74 ff.
Wolfgang J. Mommsen (1969)