Als Zertifikat werden im Finanzwesen Finanzprodukte bezeichnet, die in der Form einer Inhaberschuldverschreibung die Wertentwicklung bestimmter, als Basiswert zugrunde liegender Wertpapiere oder anderer Finanzinstrumente im Wege der Wiederverbriefung nachvollziehen.

Allgemeines Ein Zertifikat verbrieft die Teilnahme an der Kursentwicklung anderer Finanzinstrumente wie Aktien, Anleihen,Annika Clauss, Anfechtungsrechte bei Wertpapiergeschäften zu nicht marktgerechten Preisen (Mistrades), 2012, S. 21 Derivate oder Indizes. Der Anleger erwirbt diese jedoch nicht direkt und lässt sie dementsprechend auch nicht in seinem Wertpapierdepot verwahren, sondern ein Kreditinstitut bescheinigt ihm als Emittent eine Forderung gegen das Institut in Höhe der im Zertifikat verbrieften Vermögenswerte. In dem Wertpapierdepot des Anlegers erscheinen lediglich die erworbenen Zertifikate.

Auch Investmentzertifikate sind wertpapierrechtlich und wirtschaftlich derartige Zertifikate, denn sie verbriefen dem Anleger einen Anteil am Sondervermögen der Investmentgesellschaft, in welchem sich beispielsweise die Aktien eines Aktienfonds befinden.

Geschichte Zertifikate sind eine relativ junge Finanzinnovation. Im Jahre 1927 führte die US-amerikanische Bank JP Morgan das erste American Depository Receipt (ADR) ein, um ihren amerikanischen Kunden die Möglichkeit zu geben, Aktien der englischen Kaufhauskette Selfridges unkompliziert zu erwerben.Oliver Süß, Das Jahrhundert der emerging markets, 2004, S. 185 Der Bankkunde erwarb die Aktien nicht direkt, sondern JP Morgan erwarb sie und bescheinigte dem Kunden mittels Hinterlegungsschein, dass er einen Anspruch auf Herausgabe gegen eine bestimmte Verwahrstelle hatte. Dieser Herausgabeanspruch ist heute allgemein bei Zertifikaten abgeschafft.

Das erste Zertifikat in Deutschland brachte im Juli 1990 die Dresdner Bank als Indexzertifikat auf den DAX heraus („DAX-Participations“).Heiko Weyand, Nachhaltige Zertifikate, in: Nils Löhndorf/Stefan Naumann (Hrsg.), Zertifikate Reloaded, 2010, S. 67 Seitdem erlebten Zertifikate ein erhebliches Marktwachstum, bis im September 2008 die US-Investment Bank Lehman Brothers in Insolvenz ging. Davon betroffen waren unter anderem die Zertifikate der deutschen Tochtergesellschaft. Obwohl diese einen Marktanteil von deutlich unter 1 % aufwies, führte das Herdenverhalten der Anleger im Februar 2009 zu einem Marktversagen des Zertifikate-Markts, denn Zertifikate unterliegen nicht der Einlagensicherung und sind deshalb einem hohen Insolvenzrisiko ausgesetzt. Im Dezember 2009 hatte sich der Zertifikate-Markt wieder erholt.Dietmar Pongratz, Auswirkungen der Finanzkrise auf das Anlegerverhalten am Zertifikatemarkt, 2012, S. 37

+ Anteile der Emittenten am Zertifikatemarkt in Deutschland Stand 2023https://de.statista.com/statistik/daten/studie/151861/umfrage/anteile-am-zertifikatemarkt-in-deutschland/ Emittent Prozent DekaBank 20,15 LBBW 18,36 DZ Bank 16,98 Helaba 14,83 Société Générale 8,15 Unicredit 4,75 Deutsche Bank 4,28 BNP Paribas 3,67 Goldman Sachs 2,72 Vontobel 1,88 UBS 1,41

Zertifikats-Strukturen Im Gegensatz zu einer Standardanleihe gewährt ein Zertifikat keine feste Verzinsung, sondern die Teilhabe am Erfolg oder Misserfolg eines Börsengeschäfts. Zertifikate können für den Käufer völlig unterschiedliche Ertragschancen und Verlustrisiken beinhalten. Für die emittierende Bank sind Zertifikate ein Mittel zur Refinanzierung; sie nimmt durch die Emission Fremdkapital auf.

Zertifikate zählen zu den strukturierten Finanzprodukten. Sie werden von Banken emittiert und vorwiegend an Privatkunden verkauft. Sie sind daher klassische Retail-Produkte und bieten Privatanlegern die Möglichkeit, komplexe Anlagestrategien zu verfolgen und in ansonsten für Privatleute nicht zugängliche Anlageklassen zu investieren.

Indexzertifikate und Hinterlegungsscheine sind zwar auch strukturierte Finanzprodukte, zählen jedoch – sofern der Basiswert nicht selbst als derivativ eingestuft wird – nicht zu den strukturierten Produkten im Sinne der Richtlinie 2007/16/EG, da sie keine Hebelkomponente aufweisen.

Aufgrund ihrer Rechtsnatur als Schuldverschreibung besteht bei Zertifikaten ein Emittentenrisiko, das heißt, dass bei Zahlungsunfähigkeit des Emittenten ein Totalverlust des investierten Kapitals eintreten kann. Die in Fonds angelegten Gelder sind hingegen durch ihren rechtlichen Status als Sondervermögen bei der Insolvenz der Fondsgesellschaft geschützt. Bei Spareinlagen besteht durch den Einlagensicherungsfonds ebenfalls ein weitreichender Schutz bei Zahlungsunfähigkeit der Bank. Im Zuge der Finanzkrise ab 2007 und der Insolvenz von Lehman Brothers wurde die Möglichkeit geschaffen, pfandbesicherte Zertifikate () zu emittieren. Die Emittenten hinterlegen hier Sicherheiten (Wertpapiere hoher Bonität, z. B. Staatsanleihen) bei einem Pfandverwahrer.Nils Lohndorf, Zertifikate Reloaded: Transparenz, Vertrauen, Rendite - Eine Anlageklasse positioniert sich neu, 2010, ISBN 978-3-8349-1652-5, S. 189 ff.Deutscher Derivate Verband (Hrsg.)/Lutz Johanning/Marc Becker/Mark Seeber, Unterschiede und Gemeinsamkeiten börsennotierter, passiver Investmentprodukte, 2011, S. 17 ff.

Wie bei allen anderen Anlageprodukten gibt es auch bei Zertifikaten Kosten, die letztlich vom Anleger getragen werden. Die Höhe der Kosten erschließt sich dem Anleger oft nicht unmittelbar. Anders als bei Investmentfonds gibt es bei Zertifikaten keine Verpflichtung des Emittenten zum Ausweis der voraussichtlichen oder tatsächlich angefallenen Kosten. Gewinne aus Zertifikaten unterliegen in Deutschland grundsätzlich der Abgeltungssteuer. Davon ausgenommen sind allerdings Erträge von Privatpersonen aus Altbeständen (Kauf des Zertifikats vor dem 1. Januar 2009).

Der Handel mit Zertifikaten findet in Deutschland vor allem außerbörslich statt. Darüber hinaus werden sie an den Börsen Stuttgart (EUWAX), Frankfurt (bis 2013 Scoach), Berlin und Düsseldorf gehandelt. Zertifikate kennt man in der Schweiz als Strukturierte Produkte. Diese werden dort ebenfalls größtenteils außerbörslich und in kleinerem Anteil an der Börse Zürich gehandelt. In Österreich werden Zertifikate an der Wiener Börse gehandelt.

Zertifikate sind regelmäßig Inhaberschuldverschreibungen gemäß Abs. 1 BGBMarcus P. Lerch, Anlageberater als Finanzintermediäre, 2015, S. 46 f. und unterliegen deshalb nach Abs. 1 Nr. 3a WpHG dem Wertpapier- und Bankenaufsichtsrecht.

Arten Allgemein wird unterschieden zwischen Anlage- und Hebelzertifikaten.Annika Clauss, Anfechtungsrechte bei Wertpapiergeschäften zu nicht marktgerechten Preisen (Mistrades), 2012, S. 21 Bei Anlagezertifikaten wird die Wertentwicklung des Zertifikats so gestaltet, dass sie der Wertentwicklung des Basiswerts folgt (Indexzertifikate, Basket-Zertifikate). Bei Hebelzertifikaten wird deren Wertentwicklung stärker ausgestaltet als die Entwicklung des Basiswerts. Um dies zu erreichen, müssen durch den Emittenten Long- und Short-Positionen eingegangen werden. Knock-out-Zertifikate verfallen beim Eintritt eines Knock-out-Ereignisses.Hans E. Büschgen, Das kleine Börsen-Lexikon, 2012, S. 500

Je nachdem, ob Basiswerte dauerhaft oder begrenzt im Zertifikat verbrieft sind, können Zertifikate in zwei Gruppen eingeteilt werden:

Partizipationszertifikate Zertifikate mit definiertem Rückzahlungsprofil Funktionsweise Der Wert des Zertifikats folgt dem Wert des Basiswerts Das Zertifikat nimmt zur Fälligkeit einen von vorab festgelegten Bedingungen abhängigen Wert an. Beispiele Tracker-, Index-, Themen-, Strategie-, Basket-Zertifikate Discount-, Bonus-, Outperformance-, Express-Zertifikate, Optionsscheine, Aktienanleihen Laufzeit oft endlos bei Emission definiert

Partizipationszertifikate Partizipationszertifikate eröffnen dem Anleger die Möglichkeit, flexibel und kostengünstig in Basiswerte aller Art zu investieren, ohne den Basiswert selbst an der Börse kaufen zu müssen. Dies ist vor allem dann vorteilhaft, wenn der Basiswert ein Index ist, also aus vielen Einzelwerten besteht, oder wenn es sich um einen exotischen Basiswert handelt, der an einer inländischen Börse nicht gehandelt wird.

Indexzertifikate Indexzertifikate haben als Basiswert einen Aktien-, Wertpapier- oder Rohstoffindex. Indexzertifikate bilden die Entwicklung des zugrunde liegenden Index eins zu eins ab. Sie eignen sich besonders für Privatanleger, die die Anlagestrategie des Index Investing umsetzen möchten. Eine Alternative zu Indexzertifikaten sind Indexfonds, die ebenfalls einen Index abbilden. Indexzertifikate verursachen im Vergleich zu Indexfonds meist geringere Kosten, sind aber mit dem oben erläuterten Emittentenrisiko behaftet.

Liegt dem Zertifikat ein Aktienindex zugrunde, ist zu beachten, ob sich das Zertifikat auf einen Performanceindex oder einen Kursindex bezieht. Bei einem Performanceindex werden die Dividendenzahlungen mit einbezogen, bei einem Kursindex hingegen nicht – dieser Unterschied kann im Einzelfall einen Renditeunterschied um mehrere Prozent pro Jahr ausmachen. Die Investition in Performanceindices ist für den Anleger daher in jedem Fall vorteilhafter. Bei Indizes, die nicht in Lokalwährung notieren, besteht zusätzlich ein Währungsrisiko. Dieses kann aber mit so genannten Quanto-Index-Zertifikaten ausgeschlossen werden.

Korbzertifikate Korbzertifikate bilden einen Korb von Aktien oder auch anderen Anlageprodukten ab und sind eine Abwandlung der Indexzertifikate. Die Zertifikate unterscheiden sich hinsichtlich der Ausschüttung von Dividenden, dem Mechanismus der Pflege der Korbzusammensetzung und der hierfür erhobenen Managementgebühr. Eine Variante der Korbzertifikate sind REIT-Zertifikate, die die Kursentwicklung einer börsennotierten Immobilien-Aktiengesellschaft (Real Estate Investment Trust, REIT) oder eines Immobilienindex abbilden.

Trackerzertifikate Trackerzertifikate bilden die Kursentwicklung eines Basiswerts ab. Es werden aber keine Dividenden ausgezahlt; zukünftige Dividendenzahlungen werden stattdessen diskontiert und damit bereits vorab im Kurswert berücksichtigt. Dividendeneinkünfte werden somit in Kurssteigerungen umgewandelt. Bis zur Einführung der Abgeltungsteuer im Jahr 2009 konnte bei Werten, die eine üppige Sonderdividende ausschütten, ein Trackerzertifikat vorteilhaft sein.

Exchange-traded Commodities Zertifikate auf die Anlageklasse Rohstoffe werden unter dem Namen Exchange-traded Commodity (ETC) angeboten.

Discountzertifikate

Die grundlegende Idee des Discountzertifikats ist die Risikobegrenzung im Vergleich zum direkten Kauf des Basiswerts. Im Gegenzug ist allerdings auch die erzielbare Rendite mit einem produktspezifischen Höchstwert (Cap) gedeckelt. Die Konstruktion erfolgt über den Kauf (Long) und Verkauf (Short) jeweils einer Option. Soll auf steigende Kurse gesetzt werden, so ist der Preis des Basiswertes höher als der Preis der gekauften Option, für fallende Kurse entsprechend umgekehrt. Theoretisch ist es möglich, auch mit Put-Optionen auf steigende Kurse zu setzen. Zu erklären ist dies, weil man durch den Verkauf einer Put-Option mit höherem Basispreis mehr Geld einnimmt, als der Kauf einer Put-Option mit niedrigerem Basispreis benötigt.

Beispiel Der DAX stehe bei 8000 Punkten. Ein Discountzertifikat, das auf steigende Kurse setzt, bei 8500 Punkten gedeckelt (Cap) und bei 7500 Punkten abgesichert (Sicherungsgeschäft) ist, kann konstruiert werden durch:

Short Put mit Strike 8500 und Long Put mit Strike bei 7500.

Der Erlös des Short Put sei 505, der Verlust durch den Long Put sei 5.

Folgende Szenarien sind möglich: Dax > 8500: Sowohl der Long Put als auch der Short Put sind wertlos, aber der Anleger hat noch den Verkaufserlös von 505 - 5 = 500. Dax < 8500 und Dax > 7500, z. B. 8250: Der Short Put muss bedient werden und kostet so -8500 + 8250 = -250. Der Long Put ist wertlos. Allerdings hat der Anleger durch den Verkaufserlös von 500 einen Gewinn von 500 - 250 = 250 gemacht.