mini|Häftlinge (Bildertafel 1) mini|Häftlinge (Bildertafel 2) mini|Häftlinge (Bildertafel 3)
In den Jahren 1940 bis 1945 wurden in die deutschen Konzentrationslager Auschwitz (Stammlager, Birkenau, Monowitz und deren Nebenlager) insgesamt ca. 1,3 Millionen Menschen deportiert, davon mindestens 1,1 Millionen Juden, 140.000 Polen, 20.000 Sinti und Roma sowie mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangene und mehr als 10.000 Häftlinge anderer Nationalität. Knapp über 400.000 Häftlinge wurden registriert. Von den registrierten Häftlingen sind mehr als die Hälfte aufgrund der Arbeitsbedingungen, Hunger, Krankheiten, medizinischen Versuchen und Exekutionen gestorben. Unter den insgesamt ca. 1,1 Millionen Toten waren 960.000 Juden, von denen 865.000 direkt nach der Ankunft im Lager ermordet wurden.Franciszek, Piper. Auschwitz: How Many Perished: Jews, Poles, Gypsies. 1996.
Quellen zur Ermittlung der Opferzahlen Bezüglich der Akten zu den deportierten Menschen müssen zwei Gruppen getrennt betrachtet werden: die registrierten und mit Nummern gekennzeichneten Häftlinge und die unregistrierten Häftlinge, welche direkt nach der Ankunft ermordet wurden. Die Akten und Informationen bezüglich der registrierten Opfer wurden im Lager selbst verwaltet. Unterlagen über die Anzahl der nicht registrierten Opfer mussten im Lager nach jeder größeren Aktion vernichtet werden, nachdem Meldung an das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) beziehungsweise Reichssicherheitshauptamt (RSHA) gemacht wurde. Die Unterlagen zu den registrierten Häftlingen sind teilweise erhalten. Die Unterlagen zu den nicht registrierten Häftlingen sind bis auf drei Meldungen an das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt vernichtet.
Die Schwierigkeiten bei der Ermittlung von genauen Opferzahlen ergeben sich weiterhin aus dem Umstand, dass beginnend im Juli 1944 das SS-Personal systematisch begann, sämtliche Unterlagen über die Massentötungen und Transporte nach Auschwitz zu vernichten. Dieses Verwischen von Spuren wurde bis zur Räumung des Lagers im Januar 1945 fortgesetzt.Jochen August: Geschichte und Topographie von Auschwitz-Birkenau, S. 12, Aufsatz aus Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Die Auschwitz-Hefte Band 1 & 2, Weinheim/Basel 2007.
Als weitere Quelle könnten Schätzungen durch Überlebende beziehungsweise Schätzungen aufgrund der Leistungsfähigkeit und Betriebsdauer der Krematorien verwendet werden. Diese Schätzungen weisen extreme Abweichungen auf und werden deshalb von Historikern als ungeeignet zur Ermittlung der Opferzahlen angesehen.
Die außerhalb des KZ Auschwitz vorhandenen Dokumente, insbesondere die Transportlisten aus den Herkunftsgebieten, enthalten sehr genaue Aufstellungen über die Deportationen und den Zielort.z. B. Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945 (2007), online seit Dezember 2007: Einleitung. Sie wurden von vielen Historikern analysiert; eine ausschließlich den Konzentrationslagern Auschwitz gewidmete Forschungsarbeit wurde erstmals von Georges Wellers und Franciszek Piper erstellt.
Die Ermittlung der Opferzahlen durch Wellers und Piper Viele Historiker waren der Ansicht, dass eine detaillierte Statistik der Zu- und Abgänge in die Konzentrationslager Auschwitz aufgrund der Quellenlage nicht möglich ist. Der erste Forscher, der sich mit dieser Problemstellung detailliert auseinandersetzte, war der ehemalige Auschwitz-Häftling Georges Wellers (1905–1991). Er stellte Zusammenhänge zwischen den Folgen der Deportationen aus den einzelnen Ländern und den von Danuta Czech im Kalendarium festgehaltenen Ereignissen her. Er gelangte zum Schluss, dass mindestens 1,6 Millionen nach Auschwitz deportiert wurden und mindestens 1,5 Millionen umgekommen waren. Wellers veröffentlichte seine Untersuchungsergebnisse im Jahr 1983 in der Zeitschrift Le Monde Juif.Essai de détermination du nombre de morts au Camp d’Auschwitz. In: Le Monde juif: La revue du Centre de documentation juive contemporaine, . 1983, S. 127–159.
Im Zuge der Arbeiten für eine Monographie über das Konzentrationslager Auschwitz untersuchte der Historiker – und Leiter der historischen Forschungsabteilung der Auschwitz-Gedenkstätte – Franciszek Piper (* 1941) 1980 bis 1985 diesen Themenkomplex erneut. Piper bestätigte die von Wellers ermittelten Opferzahlen, bis auf Zahlenannahmen für die Deportationen aus Polen. Hier konnte Piper nachweisen, dass Wellers eine zu große durchschnittliche Transportgröße bei den polnischen Transporten angenommen hatte. Im Ergebnis wurde die Arbeit von Wellers bei den polnischen Transporten um 320.000 nach unten korrigiert. Insgesamt kommt Piper auf etwa 1,1 Millionen Tote.
Die Arbeiten von Wellers und Piper sind (Stand 2006) die einzigen Forschungsarbeiten, die sich ausschließlich mit den Opferzahlen der Konzentrationslager Auschwitz auseinandersetzen. Das Werk „Die Zahl der Opfer von Auschwitz“ von Franciszek Piper gilt unter Historikern als Standardwerk zu diesem Thema; frühere Schätzungen haben seitdem in Fachkreisen kaum noch Bedeutung.
Registrierte Häftlinge Aufgrund der Quellenlage können 400.207 registrierte Häftlinge mit hoher Genauigkeit bestimmt werden. Die Häftlingsnummern wurden aus einer der sechs Nummernserien getrennt für Frauen und Männer fortlaufend und nur einmal vergeben. Damit kann aus der höchsten bekannten Nummer der Serie auf die Anzahl der Häftlinge geschlossen werden. Die Bestimmung der einzelnen Häftlingsgruppen ist dagegen schwierig. Die Erziehungshäftlinge (EH), sowjetische Kriegsgefangene (RKG) und Zigeuner (Z) hatten eine eigene Nummernserie, Juden wurden sowohl in der allgemeinen Nummernserie, in den Nummernserien „Juden Serie A“ und „Juden Serie B“ und als Erziehungshäftlinge (EH) registriert. Aus den Häftlingsnummern kann man deshalb nur die Registrierten des Zigeunerlagers (Z) und die sowjetischen Kriegsgefangenen (RKG) als Gruppe direkt bestimmen. Aufgrund der RSHA-Transporte und anderer Daten ergibt es sich, dass circa 205.000 Juden registriert worden sind. Neben den erhaltenen offiziellen Akten (also Fotografien, die während der Registrierung gemacht wurden, Nummernbücher, Häftlingspersonalbögen, die Hauptbücher des Zigeunerlagers und Zugangslisten der neu eingelieferten Häftlinge) als Quellen verweist Piper auch auf illegale Abschriften der Zugangslisten, die in der politischen Abteilung eingesetzte Häftlinge anfertigten.
Zugänge und nicht registrierte Deportierte Die nicht registrierten Häftlinge werden dadurch ermittelt, dass von den Zugängen zum Lager die Anzahl der registrierten Häftlinge abgezogen wird. Somit ergeben sich aus den 1.300.000 Lagerzugängen abzüglich der rund 400.000 registrierten Häftlinge 900.000 unregistrierte Deportierte, die unmittelbar nach der Ankunft vergast wurden. Die Lagerzugänge stellen sich wie folgt dar:
Juden aus Ungarn: 438.000
Anzahl und Stärke der Transporte aus Ungarn sind gut dokumentiert. Die einzelnen Registrierungstage der ungarischen Juden sind im Kalendarium aufgeführt. Telegramme mit der Gesamtzahl der deportierten Juden sind vom deutschen Botschafter in Ungarn Edmund Veesenmayer regelmäßig an das Auswärtige Amt gesendet worden. Aus diesen geht hervor, dass im Zeitraum vom 29. April 1944 bis 18. Oktober 1944 insgesamt 438.000 Juden nach Auschwitz deportiert wurden. Diese Zahl wird fast von der gesamten Forschung vorbehaltlos anerkannt.
Neuere Veröffentlichungen zu den untersuchten Unterlagen enthalten ein Verzeichnis von 137 Zügen mit Datum, Abfahrtsort und der genauen Zahl der Deportierten, mit denen 401.439 Juden in der Zeit vom 14. Mai 1944 bis 20. Juli 1944 von Ungarn aus über Košice und die Slowakei nach Auschwitz gebracht wurden.Szabolcs Szita: „Utak a pokolból. Magyar deportáltak az annektált Ausztriában 1944–1945“, Kecskemét 1991, S. 21f. Für den gesamten Zeitraum der sogenannten Ungarn-Aktion wird von 141 Transporten ausgegangen.Christian Gerlach, Götz Aly: Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden, Stuttgart/München, 2002
Juden aus Polen: 300.000
Im Kalendarium sind die einzelnen Transporte der polnischen Juden zwar aufgeführt, die genaue Stärke jedes Transportes ist jedoch nicht dokumentiert. Georges Wellers hatte irrtümlich angenommen, dass jeder Transport die Stärke 5.000 hat. Piper hat wegen des hohen Fehlerrisikos davon abgesehen, eine Durchschnittszahl für die Stärke eines einzelnen Transportes anzunehmen. Als angemessenere Methode hat Piper die von GilbertMartin Gilbert: Endlösung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas. Reinbek bei Hamburg 1982 vorgenommene Zuordnung einzelner Transporte und die Festlegung der Größe der Transporte für bestimmte Zeitabschnitte angesehen und übernommen.
Juden aus Frankreich: 69.000
Aufgrund der in Frankreich aufgefundenen Transportlisten hat Serge Klarsfeld eine exakte Statistik der aus Frankreich deportierten Juden veröffentlicht.Serge Klarsfeld: Memorial to the Jews deported from France 1942–1944. New York 1983 Danach wurden von den 75.721 deportierten Juden 69.114 in das Konzentrationslager Auschwitz verbracht. Ein kleiner Teil dieser Transporte wurde in Koźle (Województwo opolskie; dt: Cosel, Woiwodschaft Oppeln) einer Selektion unterzogen, und ein Teil der Deportierten wurde von dort in Arbeitslager in Schlesien oder ins Arbeitslager Blechhammer verbracht. Piper merkt deshalb an, dass die Zahl von 69.000 als angenäherte Maximalzahl zu betrachten ist.
Juden aus den Niederlanden: 60.000
Das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation hat aufgrund der erhaltenen Transportlisten festgestellt, dass von der Gesamtzahl von 102.893 aus Holland deportierten Juden im Zeitraum vom 15. Juli 1942 bis September 1944 mit 68 Transporten 60.085 nach Auschwitz deportiert wurden. Ein kleiner Teil dieser Transporte wurde in Koźle einer Selektion unterzogen, und ein Teil der Deportierten wurde in Arbeitslager in Schlesien oder ins Arbeitslager Blechhammer verbracht. Piper merkt deshalb an, dass die Zahl von 60.000 als angenäherte Maximalzahl zu betrachten ist.
Juden aus Griechenland: 55.000
Danuta Czech hat aufgrund verschiedener Quellenmaterialien, unter anderem der nach dem Krieg im Bahnhof Auschwitz gefundenen Fahrkarten in Griechisch und Deutsch, festgestellt, dass insgesamt etwa 55.000 Personen von Griechenland nach Auschwitz deportiert wurden.Danuta Czech: Deportation und Vernichtung der griechischen Juden im KL Auschwitz. Hefte von Auschwitz 11,1970 Siehe dazu auch Deportation der Juden von Thessaloniki.
Juden aus dem Protektorat Böhmen und Mähren (Theresienstadt): 46.000
Es wird davon ausgegangen, dass alle Deportationen aus dem Protektorat Böhmen und Mähren über das Ghetto Theresienstadt durchgeführt wurden.
Nach Lagus & Polák sind 44.839 Personen aus Theresienstadt nach Auschwitz transportiert worden.Hans Günther Adler: Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Tübingen 1955 Piper zeigt, dass ein Transport mit 1.260 Kindern nicht berücksichtigt wurde und ein nicht näher bestimmter Transport mit 18 Personen vorliegt. Wellers hat neben den Transporten aus Theresienstadt zusätzlich 2 Transporte aus Sered (Slowakei) dem Getto Theresienstadt zugeordnet. Diese wurden von Piper der Slowakei zugeordnet.
Juden aus der Slowakei: 27.000
Aus einer von der Judenzentrale in Bratislava angefertigten Zusammenstellung der Transporte ergibt sich, dass vom 26. März 1942 – 20. Oktober 1942 insgesamt 18.725 slowakische Juden nach Auschwitz deportiert wurden. Zwischen August und November 1944 wurden weitere 7.936 slowakische Juden nach Auschwitz deportiert; insgesamt also 26.661.
Juden aus Belgien: 25.000