mini|hochkant|Titel der Erstausgabe 1960 Wer die Nachtigall stört (Originaltitel: To Kill a MockingbirdWährend sich der Originaltitel auf eine Warnung Atticus bezieht (Harper Lee: Wer die Nachtigall stört. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2016, Kap. 10, S. 147.), greift der deutsche Titel ein Zitat Scouts auf (Kap. 30, S. 438). In beiden Fällen wird auf die romantische Natursymbolik der Singvögel angespielt, wobei die europäische Nachtigall als kulturelles Äquivalent zur amerikanischen Spottdrossel angesehen werden kann. Deutscher Alternativtitel: Wie man eine Spottdrossel tötet.) ist der deutsche Titel eines 1960 erschienenen Romans der US-Amerikanerin Harper Lee. Das Werk wird der literarischen Strömung der Southern Gothic zugerechnet und handelt von Kindheit, Heranwachsen und vom Rassismus in den Südstaaten der USA. Der 1961 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete und weltweit über 40 Millionen Mal verkaufte Roman zählt zu den modernen Klassikern der amerikanischen Literatur. Die erste deutsche Übersetzung von Claire Malignon wurde 1962 publiziert, die Überarbeitung von Nikolaus Stingl 2015.beide im Rowohlt Verlag, Reinbek
Inhalt Wer die Nachtigall stört spielt im Zeitraum von 1933 bis 1935 in der fiktiven Kleinstadt Maycomb im Bundesstaat Alabama, inmitten der amerikanischen Great Depression. Es beschreibt eine Kindheit aus der Sicht des aufgeweckten kleinen Mädchens Jean Louise, genannt „Scout“. Die Welt Scouts und ihres älteren Bruders Jem wird von ihrem alleinerziehenden Vater, dem Abgeordneten und Anwalt Atticus Finch,in der älteren deutschen Übersetzung Fink zusammengehalten. Atticus ist für die Kinder Freund, Vertrauter, Lehrer und Autorität. Während seiner Sommerferien nimmt auch Dill, der ansonsten in der Großstadt lebende Neffe der Nachbarin, an den Unternehmungen der Geschwister teil. Bereichert wird die Gedankenwelt der Kinder durch den mysteriösen Nachbarn Arthur Boo Radley, über den allerhand gruselige Geschichten kursieren, den Jem und Scout allerdings noch nie gesehen haben, da er sein Haus nicht verlässt. Trotz ihrer Bemühungen bekommen die Kinder Boo nicht zu Gesicht, doch hinterlässt er ihnen in einem Baum in der Nachbarschaft kleine Geschenke der Anerkennung.
In diese Kindheitsidylle dringt langsam die intolerante Welt des Rassismus ein, der in den Südstaaten überall spürbar ist. Atticus Finch, aufrecht und vorurteilslos, wird vom Richter Taylor – wissend, dass Atticus ein hervorragender Anwalt ist – zum Pflichtverteidiger des schwarzen Farmarbeiters Tom Robinson berufen. Dieser wird beschuldigt, die junge weiße Frau Mayella vergewaltigt zu haben. Atticus nimmt die Verteidigung des Schwarzen an, weil er sonst nie wieder seinen Kindern in die Augen blicken könne. Für die Übernahme des Falles wird der Anwalt schon bald von vielen Bewohnern Maycombs als „Negerfreund“ angefeindet. Diese Ablehnung bekommen auch seine Kinder zu spüren, etwa durch abfällige Kommentare auf dem Schulhof. In diesem Umfeld von Vorurteilen und Intoleranz, Sein und Schein und Widersprüchlichkeiten versucht Atticus, seinen Kindern auf dem Weg ins Erwachsenwerden mit seinem Rat und Vorbild beizustehen: „Mut heißt: von vornherein wissen, dass man geschlagen ist, und trotzdem den Kampf – ganz gleich, um was es geht – aufzunehmen und ihn durchzustehen. Man gewinnt selten, aber zuweilen gelingt es.“Harper Lee: Wer die Nachtigall stört. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2016, Kap. 11, S. 180. Als eine Gruppe Männer Tom im Gefängnis lynchen will, stellt sich ihnen Atticus in den Weg und gefährdet dabei sich selbst. Als Scout, Jem und Dill plötzlich vor dem Gefängnis erscheinen und Scout einen der Männer unbekümmert anspricht, beschämt dies die Männer so, dass sie in der Nacht verschwinden. mini|Old Monroe County Courthouse, Vorbild für das Maycomb-Gerichtsgebäude im Roman Die Verhandlung gegen Tom Robinson wird wie ein Volksfest aufgezogen, die Gerichtshalle ist bis zum letzten Platz besetzt. Da kein Platz unter den Weißen unten im Gerichtssaal mehr vorhanden ist, setzen sich Jem, Scout und Dill – die gegen den ausdrücklichen Wunsch von Atticus an der Verhandlung teilnehmen – zu dem schwarzen Reverend Sykes auf die Galerie mit den Afroamerikanern. Atticus plädiert im Prozess darauf, dass Mayella und ihr Vater – der stadtbekannte Trinker Bob Ewell – die Jury belügen. Anhand mehrerer Indizien legt Atticus einen Tathergang nahe, nach dem Mayella selbst Tom Avancen machte und ihn in das Haus lockte. Obwohl der verheiratete Tom die Verführung ablehnte, küsste ihn Mayella. In dieser Situation wurde sie von ihrem heimkehrenden Vater überrascht und fing an zu schreien. Tom floh aus dem Haus, und Ewell verprügelte daraufhin Mayella im Zorn. Deren Verletzungen stellten die beiden dem Sheriff gegenüber als Spuren einer Vergewaltigung dar. Eine ärztliche Untersuchung wurde nicht vorgenommen und so gibt es keine medizinischen Beweise und unabhängige Zeugenaussagen für eine Tat. Außerdem macht Mayella widersprüchliche Aussagen. Atticus appelliert an die Geschworenen: „Wir wissen, dass die Menschen nicht in dem Sinne gleich erschaffen sind, wie es uns einige Leute einreden möchten. […] Dennoch gibt es ein Gebiet in diesem Land, auf dem die Gleichheit aller Menschen unbestreitbar ist. […] Diese Institution ist das Gericht.“Harper Lee: Wer die Nachtigall stört. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2016, Kap. 20, S. 326. Obwohl Atticus’ überzeugendes Plädoyer einen Freispruch nach sich ziehen müsste, beugt sich die weiße Jury nach langer Beratung schließlich dem ungeschriebenen Gesetz, dass die Aussage eines Schwarzen weniger glaubwürdig ist als die einer Weißen, und spricht Tom schuldig. Vor allem Jem ist durch das Urteil in seinem Weltbild erschüttert. Doch wo sonst das Urteil gegen Schwarze von der Jury in nur wenigen Minuten gefällt wird, dauert dies im Fall von Tom immerhin mehrere Stunden.
Atticus rechnet sich gute Chancen für Tom in einem Berufungsverfahren vor einem höheren Gericht aus, doch der Verurteilte hat keine Hoffnung auf eine Revision des Urteils. Tom versucht, aus dem Transport zum Gefängnis zu fliehen, und wird dabei von einem Hilfssheriff erschossen. In der Folge des Prozesses sinkt der ohnehin schlechte Ruf der Ewells in Maycomb noch weiter, weil Atticus diese im Gerichtssaal als Lügner entlarvt hatte. Bob Ewell sehnt sich nach Rache, spuckt Atticus ins Gesicht und bricht mutmaßlicherweise auch in das Haus von Richter Taylor ein, der die Verhandlung geführt hat. Schließlich greift er Jem und Scout mit einem Messer an, als diese von einem Halloween-Fest ihrer Schule im Dunkeln nach Hause zurückkehren. Jems Ellenbogen wird von Ewell gebrochen, doch ein mysteriöser Fremder, ihr Nachbar Boo Radley, wie sich später herausstellt, taucht plötzlich auf, rettet die Kinder und trägt den verletzten Jem zu Atticus. Bob Ewell wird dabei offenbar im Gerangel mit dem Fremden erstochen.
mini|Die Spottdrossel (engl. Mockingbird) ist Staatsvogel in einigen Südstaaten der USA Um den menschenscheuen Arthur „Boo“ Radley nicht der kollektiven Neugier der Kleinstadt auszusetzen, wird der Tod des Täters im Polizeibericht als Sturz ins eigene Messer dargestellt. Atticus besteht zuerst auf einer öffentlichen Untersuchung, lässt sich schließlich jedoch von den Argumenten des Sheriffs, es handele sich um Notwehr, überzeugen. Scout kommentiert dieses Verschweigen mit der Bemerkung, dass Boo genau wie eine Nachtigall nicht gestört werden dürfe. Dieser Bezug zu einer Aussage von Atticus wird im deutschen Romantitel aufgegriffen. Er verbietet seinen Kindern, die Nachtigall (im Original ein „Mockingbird“, eine Spottdrossel) zu jagen, weil „sie nur schön singt und niemandem etwas zuleidetut“: „Darum ist es eine Sünde, auf eine Nachtigall zu schießen.“Harper Lee. Wer die Nachtigall stört. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2016, S. 147. Am Ende des Romans begleitet Scout ihren Nachbarn Boo zurück in sein Haus, während Atticus am Krankenbett seines Sohnes wacht. Bereits im ersten Satz des Romans wird auf die Verletzung hingewiesen, die im Wesentlichen geheilt werden kann.
Figuren Scout (Jean Louise Finch): Die erwachsene Scout fungiert als Ich-Erzählerin und berichtet dabei aus ihrer Kindheit. Zu Beginn des Romans ist Scout sechs, am Ende neun Jahre alt. Im Gegensatz zu anderen Mädchen ihres Städtchens ist die aufgeweckte Scout ein regelrechter Tomboy, die auch gelegentlich mit den Fäusten zuschlägt. Im Verlaufe von Wer die Nachtigall stört bringt sie das immer in Konflikte, doch auch dank der Hilfe ihres Vaters lernt sie dazu. Atticus Finch: Aus einer angesehenen Südstaaten-Familie kommend, praktiziert Atticus als Anwalt in Maycomb. Seit dem plötzlichen Tod seiner Frau vor einigen Jahren muss er die beiden Kinder alleine aufziehen. Atticus ist im Gegensatz zu den Vätern der anderen Kinder mit 50 Jahren bereits älter, trinkt und raucht nicht; stattdessen beschränkt er sich aufs Zeitunglesen. Der als positive Vaterfigur dargestellte Atticus glaubt an die Unschuld seines schwarzen Klienten Tom, was ihm in Maycomb einige Feinde einbringt. Der irrationale Charakter des Rassismus wird daran verdeutlicht, dass er trotz der Anfeindungen einstimmig ins Parlament von Alabama wiedergewählt wird. Atticus lehnt Gewalt prinzipiell ab, obwohl er in jungen Jahren ein hervorragender Schütze war. Jem (Jeremy Atticus Finch): Scouts älterer Bruder, zu Beginn des Romans zehn Jahre alt. Er ist Scouts Beschützer und unternimmt mit ihr viele Streiche. Gegen Ende des Romans verliert Jem, bei dem die Pubertät einsetzt, durch den Prozess gegen Tom den Glauben an die Gerechtigkeit der Welt und damit auch seine kindliche Unschuld. Charles Baker Harris (Dill) : Ein kleingewachsener, intelligenter Junge, der jeden Sommer bei seiner Tante Rachel in der Nachbarschaft der Familie Finch lebt. Seine Mutter und sein Stiefvater vernachlässigen ihn emotional, seinen leiblichen Vater kennt er nicht. Dill, der mit einer wilden Fantasie ausgestattet ist, treibt die Versuche der Kinder an, den Nachbarn Boo Radley aus seinem Haus zu locken. Calpurnia: Die afroamerikanische Haushälterin der Familie Finch, eine selbstbewusste und kluge Frau. Sie ist für die Kinder eine Autoritätsperson und wirkt damit auch auf ihre Erziehung ein. Miss Maudie Atkinson: Die Nachbarin der Familie Finch und eine Jugendfreundin von Atticus. Die nette, offenherzige Witwe ist den Kindern von Atticus eine wichtige Bezugsperson und besitzt deren Respekt. Ihre Freizeit verbringt Miss Maudie unter anderem mit Gartenarbeit und Kuchenbacken. Als ihr Haus im Verlaufe des Romanes niederbrennt, zeigt sie sich mutig und nimmt es gelassen. Arthur „Boo“ Radley: Der mysteriöse Nachbar der Familie Finch, vor dem sich alle Kinder von Maycomb fürchten, obwohl sie ihn noch nie zu Gesicht bekommen haben. Seit einem Vorfall in seiner Jugend, bei dem er vor Gericht erscheinen musste, trat er kaum mehr vor die Haustür. Er scheint ein einsamer Mann zu sein, der Jem und Scout mit Geschenken bedenkt. Im entscheidenden Moment des Romanes ist Arthur zur Stelle und kann die Kinder vor Bob Ewells Angriff retten. Robert E. Lee „Bob“ Ewell: Der Hauptantagonist des Romans, ein rassistischer Trunkenbold und Schläger. Der Witwer lebt von Wohlfahrtsgeldern, die genaue Zahl seiner Kinder kennt niemand in Maycomb wirklich. Mayella Ewell: Die 19-jährige Tochter von Bob Ewell, die bei ihrem grausamen Vater und zahlreichen kleinen Geschwistern, die sie versorgen muss, ein so trostloses Leben führt, dass sie schließlich einen schwarzen Mann verführen will. Vor Gericht behauptet sie aber wie ihr Vater, dass Tom sie vergewaltigt hätte. Während des Prozesses ist Mayella überrascht darüber, wie freundlich und respektvoll Atticus sie anspricht, weil sie dies zunächst für Spott hält.