Der Großtyrann und das Gericht ist der Titel eines 1935Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg veröffentlichten Romans von Werner Bergengruen, der in der Zeit des Nationalsozialismus und nach dem Zweiten Weltkrieg kontrovers rezipiert wurde.
Die Handlung spielt zur Zeit der Renaissance im fiktiven oberitalienischen Stadtstaat Cassano und handelt von einem autokratischen Herrscher, der mit Hilfe seines Sicherheitsdienstes die Bürger zu beherrschen versucht und sich vom Volk als „Herrlichkeit“ verehren lässt. Mit einem Experiment entlarvt er die Verführbarkeit und Korruption seiner Untertanen und, unfreiwillig, seine gottähnliche „Selbstüberhebung“ (III, 22) und gelobt Besserung.
Inhalt Überblick Der Roman beginnt mit einem Mordfall: Der Mönch Fra Agostino wurde nach einem Gespräch mit dem Großtyrannen über seine diplomatische Mission in Venedig im Garten des Kastells erdolcht aufgefunden. Der Herrscher beauftragt seinen Polizeichef Massimo Nespoli mit den Ermittlungen und gibt ihm dafür drei Tage Zeit. Da diesem die Lösung des Falls nicht gelingt, setzt der Tyrann ihm ständig neue Ultimaten und droht ihm mit Absetzung bzw. der Todesstrafe. Unter diesem Druck präsentiert Nespoli schließlich, wenig überzeugend, eine Selbstmörderin als Täterin, worauf ihm der Fall entzogen wird. Darauf will die mit dem Patrizier Confini verheiratete Vittoria ihren Geliebten Massimo retten und lenkt die Spur auf ihren gerade verstorbenen Mann. Damit löst sie in ihrer Familie eine Kette von Falschaussagen aus, da ihr Stiefsohn Diomede und ihre Schwägerin Mafalda die Ehre des Vaters und Bruders wiederherstellen wollen. Dadurch verbreiten sich unterschiedliche Gerüchte in der Stadt. Es kommt zu Verleumdungen und Alibi-Angeboten. Als die Lage eskaliert und der Regent die Manipulierbarkeit seiner Untertanen erkennt, stellt er die Protagonisten vor sein Gericht und klagt sie an. Er stößt allerdings nach seiner Enthüllung, selbst der Täter zu sein, auf Widerspruch und wird selbst der Verführung beschuldigt.
Wie in einem Kriminalroman wird die Vorgeschichte – und damit der Hintergrund der Tat – erst im letzten Buch während einer Gerichtsverhandlung enthüllt. Vor Gericht gesteht der Großtyrann, seinen Gesandten Agostino wegen des Verrats „heimlicher Staatsdinge“ selbst erstochen zu haben (V, 5). Daraufhin habe er den Plan gefasst, als „Abbild des Herzensforschers und Weltenrichters“ (Buch V, Kap. 4) die Gesinnung seiner Untertanen zu prüfen. Zuerst habe sich sein Experiment auf seinen Polizeichef Nespoli bezogen und dann auf die Moral der Bürger.
Der Roman ist in fünf Bücher eingeteilt, benannt nach der jeweiligen Hauptfigur: Nespoli, Vittoria, Diomede, Der Färber, Der Großtyrann und das Gericht.
Das Herrschaftssystem Der Großtyrann ist ein mit Machtinstinkt ausgestatteter gesellschaftlicher Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen. Nach einer Karriere beim Militär hat er vor anderthalb Jahrzehnten im oberitalienischen Stadtstaat Cassano, offenbar durch einen Militärputsch (II, 11), die bis dahin herrschenden Patrizier entmachtet, sich aber mit ihnen arrangiert und sie in ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Position belassen, und regiert seitdem mit absoluter Macht. Er ist nicht verheiratet, hat keine Kinder und liebt die „vollkommene Einsamkeit“ (II, 11). Seine Untertanen betrachtet er ohne Emotionen, mit übermenschlich ruhiger Distanz wie ein Ameisenvolk (II, 13). Sein Sicherheitsdienst sammelt alle Informationen und überwacht damit die Bewohner der „gläsern[en]“ Stadt (I, 3). Aber der Herrscher verlässt sich nicht allein auf ihn, sondern kontrolliert selbst bei seinen geheimen Gängen die Bevölkerung. Unangekündigt tritt er in den Dienststellen und Kanzleien auf, überprüft persönlich Akten und Bauarbeiten. In der Führung des Staates sieht er seine Lebensaufgabe: „Ein schönes Land […] Und ein brauchbares Volk! Ich hoffe, für beide noch manches tun zu könne, bevor ich sterbe“ (I, 17). Auf diese Omnipräsenz und sein ruhiges souveränes, aber konsequentes Auftreten reagieren die Bewohner mit Angst dem Polizeichef und mit Respekt dem Regenten gegenüber: „[E]r wurde vom einfachen Volk geliebt wie fast jeder Gewaltherrscher, indem nämlich die geringen Leute nicht die Frage stellen, ob er ihrem Lose eine Besserung gebracht habe, sondern sich freudig daran genügen lassen, dass jemand da ist, welcher den Herrenstand [die Patrizier] bedrückt“ (I, 17).
Im dritten Buch (III, 22) erklärt der Tyrann dem Jurastudenten Diomede Confini sein über den verschiedenen Parteiinteressen stehendes Herrschaftssystem, das das große Ganze im Auge habe, am Beispiel eines von ihm vorangetriebenen Brückenbaus. Dieser sei schon lange vor seiner Regierungszeit geplant gewesen, aber durch Meinungsverschiedenheiten über Ausführung und Finanzierung zwischen den Adelsfamilien, Zünften und dem häufigen Wechsel an der Spitze des Staates nicht realisiert worden (III, 21). In einer Zentralgewalt sieht er mehr Vorteile als in einer Parteienherrschaft mit immer wieder wechselnden Mehrheitsverhältnissen. Auf Diomedes Einwand hin, es gehe um die Umsetzung des Volkswillens, unterscheidet er zwischen einem offenen und einem verborgenen Volkswillen, den ein über den Parteien stehender Regent deutlicher erkennen könne als die Beherrschten. Mit dem geheimen Willen meint er das Allgemeininteresse. Zwar wolle das Pferd „grasen und in Freiheit springen“, aber nach dem ihm selbst verborgenen Willen wolle es auch „in Zucht genommen und in Herrlichkeit geritten werden“. Er ist von seiner Eignung als Herrscher überzeugt: Für ihn gebe es nichts „Herrlicheres und Manneswürdigeres auf dieser Erde als die Macht.“ Diese Führungsposition werde er nicht freiwillig abgeben und, da er keine Söhne habe, seinem Neffen vererben. Die Zukunft der neuen Dynastie sei offen, denn im Lauf der Geschichte gebe es immer wieder Machtwechsel. Sein Herrschaftssystem stütze sich zwar auf den von ihm erkannten und ausgeführten Willen des Volkes, habe jedoch die Gesamtheit der Parteien gegen sich und müsse sich ständig bewähren (III, 22). Der Tyrann gesteht Diomede auf dessen Einwand zu, dass sich ein Herrscher bei einzelnen Entscheidungen auch irren könne, aber dies liege an der göttlichen Ordnung der Welt, an der „widersprüchlichen Unwidersprüchlichkeit Gottes“: Wie solle gleichzeitig der Wolf satt und das Schaf heil bleiben? Auch ein gerechter Kaiser, der in einem „hohen und majestätischen Zentrum als ein Gewissen des Erdreises“ throne, brauche zur „Vollstreckung seines gerechten Willens“ Diener, die in „Härten und Ungerechtigkeiten sich verstricken lassen“, wenn sie an „Orten der Peripherie“ mit „allen Unvollkommenheiten und Erniedrigungen der Erde“ zu schaffen haben. „Und dennoch vollbringen sie seinen Wille, dem Kerne nach, und des Kaisers gerechter Wille, in welchem kein Widerspruch ist, wird geheimnisvoll im allem Geschehen zugegen sein.“
Diomede schaudert es bei dem Gedanken, dass der Tyrann „ein Stück von Gott selbst“ in sich fühlt. Denn „hinter aller zweiflerischen Klugheit dieses Mannes, von ihr umschirmt, aber von ihr nicht angefochten“, erblickt er „ein Stück ungemessener, ja, fast wahnwitzig erscheinender Selbstüberhebung verborgen“ (III, 22).
Der Großtyrann und sein Polizeichef Nespoli Der Großtyrann ruft Nespoli, den Vorsteher der Sicherheitsbehörde des Stadtstaates, an den Tatort und gibt ihm zur Aufklärung des Falles drei Tage Zeit. Über den Stand der Ermittlungen will er täglich unterrichtet werden. Nespoli ist schon über ein Jahrzehnt in seinem Dienst und überwacht die Bevölkerung konsequent, so dass die Menschen vor ihm und seinen Leuten Angst haben. Er ist für seinen Jagdeifer und die schnelle Aufklärung von Verbrechen und Anschlagsplänen gegen den Herrscher innerhalb von drei Tagen berühmt und auf dieses Markenzeichen stolz, was der Tyrann für eine gefährliche Versuchung des Teufels hält (I, 6). Auch im Fall Agostino bestätigt sich im letzten Buch sein Instinkt, dass das Motiv mit der diplomatischen Mission im Zusammenhang stehe und ins Zentrum der Regierung führe (I, 3), doch ist es ihm zu gefährlich, den Verdacht ohne Beweise auszusprechen. Stattdessen weist er seine mit Hundenamen bezeichneten fünf Polizisten an, noch intensiver als bisher allen Spuren nachzugehen, das Dienstpersonal, die Wachen und dann Bewohner der Stadt nach Beobachtungen und den privaten Beziehungen des einsam lebenden Mönchs zu befragen, doch ohne Erfolg.
Nach seinen mageren Rapporten gibt der Tyrann Nespoli zu verstehen, dass er einer Erfolgshybris bzw. Privatisierung seines Polizeichefs misstraut und seine vollkommene Unterordnung in den Dienst für ihn erwartet. Offenbar ist ihm die Liebesaffäre des Witwers Nespoli mit Vittoria, der jungen Frau des Patriziers Confini bekannt. Er ermahnt ihn, auch seine polizeiliche Jagdleidenschaft dürfe kein persönliches narzisstisches Motiv haben. In symbolischer Anspielung droht er ihm seinen für seinen Diensteifer stehenden Kopf vom Körper der Leidenschaft zu trennen, d. h. ihn zu enthaupten (I, 9).
Kurz vor Ablauf der Frist wird Nespoli wieder zum Herrscher gerufen (I, 17). Da er keine neuen Erkenntnisse hat, versucht er einen diplomatischen Hintergrund für die Tat ins Spiel zu bringen und ersucht um die Genehmigung einer Reise nach Venedig. Dort will er über eine Verhinderung der diplomatischen Mission Agostinos nachzuforschen. Der Tyrann spottet über diesen Verdacht und lehnt das Gesuch mit dem Hinweis auf die Abwegigkeit dieser Vermutung und die Möglichkeit der Flucht seines Polizeichefs ab. Er drückt ihm somit sein Misstrauen aus und demütigt ihn weiterhin mit der Chance einer Fristverlängerung für die Aufklärung, die allerdings von ihm immer wieder neu erbeten werden müsse. In einer Mischung aus Ent- und Ermutigung droht er versteckt mit Nespolis Ersetzung durch einen jungen Nachfolger, schlägt dann immer wieder versöhnliche Töne an und gibt ihm in Erinnerung an seine früheren Erfolge noch Chancen, sich durch Anstrengung erneut zu bewähren.
So unter Druck gesetzt, präsentiert der Polizeichef schließlich seine ihn selbst nicht überzeugende Notlösung: die durch Selbstmord im Fluss ums Leben gekommene, schwachsinnige Wäscherin Bice. Er errechnete bei dem im vierten Monat schwangeren Mädchen als Zeugungstermin die Zeit, in der sich der Ermordete in der Stadt aufhielt und bestach ihre Tante zur Bestätigung ihrer in der Bevölkerung kolportierten Aussage, der Vater ihres Kindes sei ein Geistlicher (I, 12). Daraus konstruiert er vor dem Herrscher den Mord einer Unzurechnungsfähigen aus Rache. Doch der Tyrann stoppt seinen Vortrag mit ironischen Bemerkungen und widerlegt die Vermutungen mit einem angeblichen Alibi des Mädchens: Einer seiner Kuriere sei ihr zur Tatzeit an einer vom Kastell weit entfernten Stelle in der Stadt begegnet. Eine Befragung des Zeugen durch Nespoli lehnt er allerdings als überflüssig ab und analysiert die Methode Nespolis als „Doppelheit der Gedanken“: Einmal die der „unanfechtbaren Erkenntnisse[-] seiner Urteilskraft“ und zweitens die „zum Lebenkönnen“, d. h. die der Überlebensstrategie. Diese „Unwahrheit oder Lüge“ sei bei ihm aber nicht in einer „Schlechtigkeit des Gemüts“ begründet, sondern in der „Versuchung eines […] Selbstbetruges“, der er erlegen sei. Er warnt Nespoli davor und ermahnt ihn „zum Wiedergewinn [s]einer Klarheit“. Nespolis Kritik an seiner drei Tage Regelung weist er zurück: es stehe ihm nicht zu, von ihm getroffene Anordnungen zu beurteilen. Er gibt ihm für die Zukunft den Rat: „Ob du das Richtige tust oder nicht – handle“ (I, 17).