mini|Die Fürstäbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach mit ihrem Kammermohren Ignatius Fortuna, Gemälde von Johann Jakob Schmitz, Köln 1772 mini|Historisierendes Fresko aus dem Jahr 1914, über den Besuch des in der Fremde geadelten Diplomaten Johann Rudolf Schmid von Schwarzenhorn in seiner Heimatstadt Stein am Rhein, im Jahr 1664 mit einem Vierspänner und mit einem namenlosen Kammermohr. Schmid war 60 Jahre zuvor selbst weißer Sklave im Osmanischen Reich mini|Frühe Darstellung eines Hof- oder Kammermohren (Bildrand links), spätes 16. Jahrhundert: historisierende Darstellung der Belagerung der Burg Weinsberg von 1140 und der Treuen Weiber mini|seite=8|Kändler: Meissner Porzellan (1735/40) Als Kammermohr (oder Hofmohr) bezeichnete man im deutschen Sprachraum ab dem 18. Jahrhundert bei Hofe einen Hausdiener schwarzer Hautfarbe. Er zählte zur sogenannten Kammer, den persönlichen Bediensteten eines Herrschers.
Geschichte Menschen schwarzer Hautfarbe aus dem Orient, Afrika und Amerika wurden seit der Kolonialzeit oft als Sklaven nach Europa verschleppt, wo sie als Kammerdiener oder Page beliebt waren. Der Begriff ist als offizieller Terminus des Hofprotokolls erstmals 1747 im kursächsischen Codex Augusteus belegt. Für Sachsen ist bereits unter Kurfürst August ein „Mohr“ als Torwärter überliefert, der gemeinsam mit seiner „schwarzen Frau“ am Hof lebte.Karl von Weber: Anna Churfürstin zu Sachsen geboren aus königlichem Stamm zu Dänemark. Ein Lebens- und Sittenbild aus dem 16. Jahrhundert. Leipzig 1865, S. 87.
Funktion mini|Adolf Ludvig Gustav Albert Couschi, 1775 von Gustaf Lundberg,Schwedisches Nationalmuseum Der prächtig ausstaffierte und livrierte Kammermohr diente Herrschern, kirchlichen Würdenträgern oder wohlhabenden Kaufleuten als exotisches Prestigeobjekt und Statussymbol. Er sollte den Reichtum und Luxus des eigenen Hauses zur Schau stellen und fungierte darüber hinaus in vielen Fällen als Gesellschafter oder Privatlehrer. Frauen aus diesen Schichten hielten sich Mohrenkinder und ließen sich auf Gemälden mit diesen abbilden. Sie dienten ihnen hierbei als Symbol für Sexualität und Fruchtbarkeit.
Vor allem versinnbildlichte der Kammerdiener aber die weltweiten Macht- und Fernhandelsbeziehungen seines Eigentümers. Die Schriftstellerin Sophie von La Roche berichtet von einem Kammermohren, den sie bei einem Besuch bei Friederike Juliane von Reventlow kennen lernte: Dieser berichtete, dass der Vater seiner Herrin Heinrich Carl von Schimmelmann ihn von seinen Plantagen in Dänisch-Westindien nach Kopenhagen habe bringen lassen, wo er Lesen, Schreiben und Chirurgie lernen sollte. Mit diesen Kenntnissen sollte er sich anschließend auf den Plantagen nützlich machen, doch da ihn die „Chirurgie nicht freute“, schenkte Schimmelmann ihn seiner Tochter.Dietmar Pieper: Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche. Wie hanseatische Kaufleute Deutschland zur Kolonialherrschaft trieben. Piper, München 2021, ISBN 978-3-492-07167-3, S. 47 f.
Offiziell kannte das Heilige Römische Reich den Rechtsstatus des Sklaven nicht, weshalb der Historiker Michael Zeuske die Kammermohren als „Sklaven ohne Sklaverei“ bezeichnet.Michael Zeuske: Handbuch Geschichte der Sklaverei. Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis heute. De Gruyter, New York/Berlin 2019, ISBN 978-3-11-055884-5, S. 860 .
Andererseits wies Kuhlmann-Smirnov auf Lohnverträge mit am Hof dienenden schwarzen Menschen hin.
Beispiele Neben der optischen Ausstattung legte ein Teil der Herrscher beim Hauspersonal großen Wert auf höhere Bildung. So hatte beispielsweise Anton Wilhelm Amo Latein gelernt und Philosophie studiert. Angelo Soliman war so gut ausgebildet, dass er nicht nur als Gesellschafter fungierte, sondern vom kaiserlichen Feldmarschall Joseph Wenzel (Liechtenstein) auch als Privatlehrer des Prinzen Alois I. (Liechtenstein) eingesetzt wurde. Abraham Petrowitsch Hannibal war dagegen nicht nur Page am Hofe des Zaren Peter der Große, sondern auch sein Patenkind und brachte es selbst bis zum Generalmajor.
Bekannte Kammermohren waren unter anderem: Name Lebensdaten Dienstherr bzw. DienstherrinAbraham Petrowitsch Hannibal ca. 1696–1781 Peter der GroßeFriedrich de Coussy (oder Cussi)ca. 1675 – nach 1710Dorothea Sophie Kurfürstin von BrandenburgAnton Wilhelm Amo ca. 1703 – ca. 1760 Anton Ulrich (Braunschweig-Wolfenbüttel) und August Wilhelm (Braunschweig-Wolfenbüttel)Angelo Soliman 1721–1796 Joseph Wenzel (Liechtenstein)Ignatius Fortuna um 1730–1781 Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach und Maria Kunigunde von SachsenGustav Badin ca. 1750–1820 Luise Ulrike von Preußen und Sophie Albertine von SchwedenFranz Wilhelm Yonga ca. 1751–1798 Franz Christian von BorriesKendah oder Heinrich Carl Albrecht Kerallah auch als „Herr Achmed“ bekanntca. 1810 – nach 1828Heinrich Menu von Minutoli später Carl von PreußenAlexander Anastasius Achmet Feryallah (Frighalla / Feryalla), auch als „Herr Achmed“ bekanntca. 1825 – 1843'Herrn Schropp', vermutlich zeitweise Carl von PreußenAugust Albrecht Sabac El Cherca. 1836 – 1885Albrecht von PreußenHenry Charles Wilson1854 – 1939Carl von Preußen, Friedrich Karl von Preußen und Carl Alexander (Sachsen-Weimar-Eisenach)Rudolph Rustimo ca. 1861–1892 Marie Valerie von Österreich
In Kunst und Kultur Malerei Neben den typischen künstlerischen Darstellungen von Kammermohren in ihrer Rolle als Diener, wie in den Darstellungen von Johann Jakob Schmitz, Giovanni Maria delle Piane und Stefano Torelli, gibt es auch eine Reihe von Gemälde, die weniger hierarchisch aufgebaut sind. Gerade bei einigen Bildern mit Damen ist der Kammermohr in unmittelbarer Nähe zu seiner Herrin zu sehen, wie beispielsweise auf den Gemälden von François de Troy und Pierre Mignard.
Im Jahr 1775 malte der schwedische Künstler Gustaf Lundberg ein Porträt des ehemaligen Sklaven Adolf Ludvig Gustav Albert Couschi, genannt Badin, auf dem er seine prächtigen, aus Indien stammenden Gewänder trägt.Adolf Ludvig Gustav Albert Couschi, called Badin Schwedisches Nationalmuseum, aufgerufen am 19. Mai 2022.
Literatur mini|Angelo Soliman, ca. 1750 gilt als Vorbild für den Mohr Monostatos in Mozarts Zauberflöte Nicht nur auf Gemälden wurden Kammermohre künstlerisch dargestellt. Der schwedische Schriftsteller Magnus Jacob Crusenstolpe basierte in seinem Werk Morianen einen Charakter auf Gustav Badin, der nicht nur der Diener, sondern auch der Ziehsohn der schwedischen Königin Luise Ulrike von Preußen war.Badin – ett experiment i fri uppfostran (auf Schwedisch) Populär Historia, aufgerufen am 19. Mai 2022. Der russische Schriftsteller Alexander Sergejewitsch Puschkin ließ sich in seinem unvollendeten Werk Der Mohr Peters des Großen von der Lebensgeschichte seines Urgroßvaters Abraham Hannibal inspirieren.
Theater Da schwarze Hausdiener oft an Herrscherhäusern zu finden waren, bauten auch Dramaturgen erstmals schwarze Rollen in Theaterstücke und Opern mit ein. Die Rollen wurde dabei in der Regel von geschminkten, hellhäutigen Darstellern übernommen und waren aus heutiger Sicht in vielen Fällen stereotypisch oder rassistisch geprägt.Dagmar Penzlin: Forschung zu Rassismus in Opern. Dem Toxischen auf der Spur vom 21. Januar 2021 BR-Klassik, aufgerufen am 19. Mai 2022.Monostatos, Jonny & Zauberflöte Forschung beleuchtet rassistische Facetten in Opernwerken vom 30. März 2021 MDR Klassik, aufgerufen am 19. Mai 2022.
Zwei besonders berühmte Beispiele sind: Monostatos in Die Zauberflöte, Wolfgang Amadeus Mozart, 1791 Otello, von Giuseppe Verdi, 1887 nach dem Drama Othello, der Mohr von Venedig von Shakespeare
Siehe auch Mohr Hofzwerg Kammertürke
Literatur Friedrich Christoph Förster: Friedrich Wilhelm I., König von Preussen. S. 55. Lieferliste aus dem Februar 1697 mit Wein für den Kammermohren
Film Markus Schleinzer, Alexander Brom: Angelo. 2018.
Weblinks
Vom Kindersklaven zum ausgestopften „Hofmohr“ von Wien. In: Der Standard. 28. September 2011, abgerufen am 2. Mai 2013
Einzelnachweise
Kategorie:Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit Kategorie:Historischer Beruf Kategorie:Hoftitel