Leingarten ist eine Stadt im Landkreis Heilbronn (Baden-Württemberg), die im Zuge der Gebietsreform am 1. Januar 1970 aus dem Zusammenschluss der Gemeinden Großgartach und Schluchtern entstand und zum 1. Januar 2020 zur Stadt erhoben wurde.
Geographie
Leingarten mit den praktisch nahtlos zusammengewachsenen Teilorten Großgartach und Schluchtern (zu Schluchtern gehört noch der Ortsteil Riedhöfe)Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band IV: Regierungsbezirk Stuttgart, Regionalverbände Franken und Ostwürttemberg. Kohlhammer, Stuttgart 1980, ISBN 3-17-005708-1. S. 104–106 sowie Nachtrag in Bd. VIII, Stuttgart 1983, ISBN 3-17-008113-6, S. 661 liegt im Leintal, im westlichen Teil des Landkreises Heilbronn. Nachbarstädte und -gemeinden sind Nordheim und Schwaigern sowie der Stadtkreis Heilbronn mit den Stadtteilen Kirchhausen, Frankenbach, Böckingen und Klingenberg. Das Stadtgebiet liegt beiderseits der Lein und zieht sich im Südwesten teilweise auf die nordöstlichen Ausläufer des Heuchelbergs. Im Osten beginnen die absteigenden Schotterterrassen des Neckars. Beide Teilorte liegen auf etwa mit 315,2 m bei der Heuchelberger Warte und 164,4 m am östlichen Leinbach. Das Leintal gehört naturräumlich zum Kraichgau und zur Großlandschaft der Neckar- und Tauber-Gäuplatten. Die Keuperflächen sind überwiegend von Löss bedeckt, der an einigen Stellen von Mergelinseln durchbrochen wird, stellenweise besetzt mit Reben. Die Keupermergelböden sind zäh und tonig, die Bodenflächen manchmal wechselfeucht oder sumpfig. Das Wuchsklima ist warm und begünstigt Acker-, Obst- und Weinbau.Heike Drechsler: Leingarten. Vielfalt der alten Ordnung. In: Der Landkreis Heilbronn. Band 2. Thorbecke, 2010, ISBN 978-3-7995-6188-4, S. 119–123.
mini|Das Ortszentrum von Leingarten
Flächenaufteilung
Nach Daten des Statistischen Landesamtes, Stand 2014.Statistisches Landesamt, Fläche seit 1988 nach tatsächlicher Nutzung für Leingarten.
Geschichte mini|Großgartach 1807
Schon im Altneolithikum vor mehr als 7000 Jahren siedelten Menschen in der heutigen Leingartener Gemarkung. Der Heilbronner Arzt Alfred Schliz (1849–1915) entdeckte die steinzeitliche Siedlung von Großgartach mit zahlreichen Funden aus Stein, Knochen und Ton. Wegen der charakteristisch verzierten Keramik prägte er den Begriff Großgartacher Kultur. Auf der Hochfläche des Heuchelbergs untersuchte er Grabhügel der Schnurkeramiker und in den Lanzenäckern und im Holzgrund legte er bronzezeitliche Wohnstätten frei. Der Fund einer Gussform für Bronzestifte und zuletzt die Ausgrabungen 2009 im Neubaugebiet Kappmannsgrund weisen ebenfalls auf eine Besiedlung in der Bronze- und Eisenzeit hin. Die fast eingeebnete spätkeltische Viereckschanze Röthe am südwestlichen Ortsrand im Ortsteil Schluchtern lieferte Fundstücke aus dem 2. und 1. vorchristlichen Jahrhundert. Eine Römerstraße liegt unterhalb der heutigen Hauptstraße im Ortsteil Großgartach, und unterhalb der Frankenschanze fand man Hinweise auf einen römischen Siedelplatz. Innerhalb des Dorfes befand sich offenbar auch eine villa rustica.Heimatbuch Leingarten (s. Literatur), S. 31. Die Leingartener Teilorte Großgartach und Schluchtern sind im Lorscher Codex zum ersten Mal schriftlich bezeugt. „Im 15. Jahr des Königs Pippin“, was den Jahren 766 und 767 entspricht, erscheinen sie als Gardaha und Sluhtra in Schenkungsurkunden des Klosters Lorsch.Heimatbuch Leingarten, S. 34. Im Zuge der baden-württembergischen Gebietsreform vereinigten sich die beiden Dörfer am 1. Januar 1970 zur neuen Gemeinde Leingarten. Auf Antrag der Gemeinde Leingarten hat das Innenministerium Baden-Württemberg am 5. November 2019 beschlossen, der Gemeinde ab Januar 2020 das Stadtrecht zu verleihen. Die Gemeinde darf sich somit „Stadt Leingarten“ nennen.
Großgartach mini|Ehemaliges Rathaus an der Heilbronner Straße in Leingarten (abgerissen 2009) mini|Heutiges Rathaus an der Stelle des Vorgängerbaus Der neben der Lorenzkirche gelegene ehemalige Fron- oder Herrenhof ist der Kern der späteren Gemeinde. Das beim Abriss der alten Lorenzkirche 1912 geborgene Grab einer mit zwei Goldohrringen bestatteten Frau aus der Zeit um 700 n. Chr.Wallanlagen im Stadt- und Landkreis Heilbronn (s. Literatur), S. 76. macht die Anwesenheit einer herrschaftlichen Familie im Fronhof wahrscheinlich.
Im Jahr 766 wird die Siedlung erstmals urkundlich erwähnt: Urolf und Massim schenkten dem Kloster Lorsch vier Morgen Land in der Gemarkung Gardaha und einen Leibeigenen. Zwischen 766 und 882 sind für Großgartach 28 Schenkungen und zwei Tauschverträge im Lorscher Codex verzeichnet.Ortsliste zum Lorscher Codex, Großgartach, Archivum Laureshamense – digital, Universitätsbibliothek Heidelberg. Eine Ringwallanlage, die sogenannte Frankenschanze, entsteht um das Jahr 1000.
Zu Beginn des 12. Jahrhunderts gehörten fast drei Viertel der Grundrechte von Großgartach in die Herrschaft der Grafen von Lauffen, die 1122 ihre Rechte auf das von ihnen gegründete Kloster Odenheim, das sich damals noch auf dem Wigoldesberg befand, übertrugen. 1219 erhielt das Kloster das Kirchenpatronat. Der Bischof von Worms hatte 1107 drei Höfe in Großgartach dem Stift Wimpfen überlassen, das später dort noch weitere Güter erwarb, unter anderem 1290 den Fronhof.
Die Grafen von Württemberg hatten seit 1367 Grundbesitz in Großgartach. 1376http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-33201 und 1379http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-33200http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-33198 kamen Liegenschaften aus bürgerlichem Besitz hinzu und außerdem als Erbe der Grafen von Calw ein Viertel der Vogtei.
Durch den Vertrag von 1428 wurde der seit 1265 bezeugte Schultheiß nach den Anteilen an der Vogtei im Wechsel bestellt, für drei Jahre vom Kloster Odenheim und für ein Jahr von den Württembergern, die außerdem die hohe Obrigkeit (Landeshoheit) und die hohe Gerichtsbarkeit erhielten. 1483 erbauten sie die Heuchelberger Warte als Beobachtungsposten und Eckpfeiler des Landgrabens. Auch die Herren von Magenheim werden als Grundherren erwähnt. Der verbleibende Grundbesitz war stark zersplittert. Neben den Klöstern Hirsau, Maulbronn und Schöntal sowie der Präsenz der Kilianskirche in Heilbronn mit eher kleindimensioniertem Grundbesitz werden im 14. und 15. Jahrhundert Grundherrn aus der Ritterschaft genannt: die Hochhausen, Venningen, Mentzingen, Weinsberg, Massenbach und Gemmingen. (Den Grundbesitz der Herren von Massenbach erwarb 1429 das Kloster Odenheim.) Nach dem Niedergang des Klosters Odenheim erreichte der letzte Abt 1494 die Umwandlung der Benediktinerabtei in ein weltliches Ritterstift, das 1507 mit allen Rechten nach Bruchsal umzog, auch mit den Grundrechten und dem Patronatsrecht in Großgartach.
1534 diente das Großgartacher Rathaus Herzog Ulrich von Württemberg als Hauptquartier vor der Schlacht bei Lauffen. 1598 lebten etwa 820 Menschen in Großgartach (182 besaßen das Bürgerrecht), 1684 waren es nur noch 567. 1626, im Dreißigjährigen Krieg, waren 371 Einwohner an der Pest gestorben.Landkreis Heilbronn, Band 2, S. 123. 1675 zerstörte ein großer Brand im Dorf auch das Rathaus mit allen Urkunden.
Der Besitz des Ritterstifts Bruchsal kam mit der Säkularisation 1802/03 an das Großherzogtum Baden, das ihn nach kurzer Zeit als Kondominat 1806 gegen andere Rechte mit Württemberg tauschte. Nach der Gründung des Königreichs Württemberg 1806 wurde Großgartach zunächst dem neuen Oberamt Kirchhausen zugeordnet, das aber nur kurze Zeit existierte. Von 1808 bis 1811 war das Oberamt Brackenheim die zuständige übergeordnete Verwaltungseinheit und seit 1811 das Oberamt Heilbronn, aus dem 1938 der Landkreis Heilbronn hervorging. 1939 wurden in Großgartach 2752 Einwohner gezählt, Ende 1945 waren es 2994. Da der Ort nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Amerikanischen Besatzungszone geworden war, gehörte er somit seit 1945 zum neu gegründeten Land Württemberg-Baden, das 1952 im jetzigen Bundesland Baden-Württemberg aufging. Seit 1970 ist Großgartach ein Teilort der neuen Gemeinde Leingarten.
Schluchtern Im Jahr 767 wird Schluchtern in einer Schenkungsurkunde des Klosters Lorsch als Sluhtra zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Witroz und seine Gemahlin Cremhilt schenken ihren Besitz in Böckingen, Frankenbach, Sluhtra und Biberach dem Kloster Lorsch. Von 766 bis 882 sind fünf Schenkungen aus Schluchtern im Lorscher Codex verzeichnet.Ortsliste zum Lorscher Codex, Schluchtern, Archivum Laureshamense – digital, Universitätsbibliothek Heidelberg. Bis ins hohe Mittelalter war Schluchtern ein Ort auf Großgartacher Gemarkung,Heimatbuch Leingarten, S. 96. dann verselbständigte es sich mit etwa einem Drittel des Gebiets. Beide Dörfer haben eine gemeinsame Wurzel und nutzten Teile ihrer Gemarkung gemeinsam, beispielsweise im „Dritteiligen“ und im „Talwald“, der früher Teilwald hieß. Die wahrscheinlich im 10. Jahrhundert entstandene sogenannte Harchenburg, eine mehrgliedrige Befestigungsanlage am Heuchelbergs, diente der Bevölkerung als Fliehburg.
Im 13. Jahrhundert hatten die Herren von Neipperg ausgedehnten Besitz in Schluchtern. Sie waren sicher auch die Erbauer der alten Pankratiuskirche, denn bis 1305 besaßen sie das Patronatsrecht, und im Schluchterner WeistumEin kurpfälzisches Dorf (s. Literatur), S. 61–88. sind sie als collatores der Kurpfalz bezeugt, sie hatten das Vorschlagsrecht für die Besetzung der Pfarrstelle. 1338 und 1434 ist mit den Herren von Schluchtern ein Schluchterner Ortsadel nachgewiesen.Heimatbuch Leingarten, S. 43. Neben den Herren von Neipperg besaßen die Herren von Massenbach ihre Schluchterner Güter vom späten Mittelalter bis zum Ende des Alten Reichs (1806). (Die Herren von Neipperg hatten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Eigentumsrechte an 20 Höfen.) mini|Gerhard Kiesow, Schluchtern, kurpfälzisches Dorf im 16. Jahrhundert Bis 1431 gehörte der Ort zur Herrschaft der Herren von Weinsberg, die 1430 ihr Eigentum an die Pfälzer Seitenlinie Pfalz-Mosbach verpfändeten und ein Jahr später für 1000 Gulden verkauften. Pfalzgraf Otto (1435–1499) gab das Dorf 1472 den von Gemmingen-Guttenberg als Pfand, die noch 1519 die Vogtei und andere Rechte beanspruchten. 1499 kam Schluchtern im Erbgang von Pfalz-Mosbach an die Kurpfalz.
Außer der Pfalz, den Neipperg, den Massenbach und den Gemmingen hatten die von Niefern Besitzrechte in Schluchtern, neben kirchlichen und städtischen Institutionen in Heilbronn und einzelnen Bürgern. In Schluchtern gab es einen Schultheiß und zwei Bürgermeister, einen im Rat und Gericht, der auf die Einhaltung der Gesetze und Verordnungen achtete und einen in der Gemeinde, der für Sicherheit und Ordnung verantwortlich war, erfährt man aus einer Abschrift des Schluchterner Dorfbuchs.Ein kurpfälzisches Dorf, S. 89–101. Seit 1572 galt die erneuerte Dorfordnung (Dorfrecht).Ein kurpfälzisches Dorf, S. 102–137. Der Vogt saß jetzt im pfälzischen Oberamt Mosbach und nicht mehr, wie noch 1569, im Oberamt Richen. Die zuständige Kellerei war die Kellerei Hilsbach.
Um 1577 lebten rund 400 Einwohner im Dorf, nach dem Dreißigjährigen Krieg waren es nur noch 16 Familien, etwa 70 Personen.Landkreis Heilbronn, Band 2, S. 123. Vom calvinistischen Kurfürsten Karl-Ludwig (1617–1680) angeworben und steuerlich begünstigt, kamen 1651 die ersten Schweizer Neusiedler ins Dorf. In den Kirchenbüchern der reformierten Gemeinde sind 150 Einwanderer nachweisbar.Heimatbuch Leingarten, S. 61. 1683 lebten wieder 57 Familien im Ort.Landkreis Heilbronn, Band 2, S. 123. Der Pfälzische Erbfolgekrieg und die nachfolgenden Kriege brachten neues Elend. 1722 ist die erste jüdische Familie der Jüdischen Gemeinde Schluchtern nachweisbar. 1774 gab es zwei Kirchen, drei Schulen und 77 Häuser im Dorf. 1803 hatte Schluchtern 717 Einwohner, 91 Häuser, 230 Rinder und 41 Pferde.Landkreis Heilbronn Band 2, S. 123.