mini|Wattenheimer Brücke (Blickrichtung flussabwärts) mini|Wattenheimer Brücke (Blickrichtung flussaufwärts)

Die Wattenheimer Brücke ist ein historisches Bauwerk aus dem späten 18. Jahrhundert im Süden des Hessischen Rieds, das bei der Stadt Lorsch über die Weschnitz führt. Der Fluss verlässt an der Brücke eine Niederung längs der Bergstraße, knickt nach Westen ab und durchbricht Flugsandflächen mit Binnendünen.

Der Brückenname bezog sich ursprünglich auf die heutige Wüstung Wattenrod, wurde dann umgedeutet und auf den Ort Wattenheim bezogen, der fast 12 Kilometer weiter westlich liegt.

Geographie Die Weschnitz entspringt im Odenwald, tritt bei Weinheim in die Oberrheinische Tiefebene ein und fließt dann bis Lorsch nach Norden. Der direkte Weg nach Westen zum Rhein wird von einem Flugsandfeld mit Binnendünen versperrt. Zwischen Weinheim und Lorsch verläuft die Weschnitz in einer Niederung, die früher bei höheren Grundwasserständen wesentlich feuchter und teilweise sumpfig war. In der Niederung verlief bis etwa 10.000 v. Chr. der Bergstraßenneckar, ein Unterlauf des Neckars, der vom Neckarschwemmkegel bei Heidelberg längs der Bergstraße nach Norden verlief und erst bei Trebur in den Rhein mündete.

Heute verlässt die Weschnitz an der Wattenheimer Brücke, zwei Kilometer nördlich von Lorsch, die Niederung mit den Altläufen des Neckars, wendet sich nach Westen, durchbricht das Flugsandgebiet mit den Dünen und mündet nordwestlich von Biblis in den Rhein. Im Umfeld der Brücke erheben sich aus der sonst flachen Rheinebene rund 10 Meter hohe Dünen, die zu den auffälligsten Landmarken des südlichen Hessischen Riedes zählen: der Kannengießer Berg, der Feuersteinberg und der Teschenauer Berg. Der Teschenauer Berg reichte früher bis zur Wattenheimer Brücke; Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dort Sand abgebaut.

Wenige Meter unterhalb der Brücke mündet der Neue Graben – ein Abzweig der aus dem Odenwald kommenden Lauter – in die Weschnitz. Er folgt – bei entgegengesetzter Fließrichtung – einem alten Flussbett im Gewann Wolfslache, das von der Brücke nach Nordosten führt.

Die Weschnitz wurde seit der Frühen Neuzeit begradigt und mit Dämmen eingefasst, um Schäden durch die häufigen Hochwasser zu verhindern. Im Bereich der Wattenheimer Brücke ist das Flussbett renaturiert. 1998/1999 wurde oberhalb der Brücke ein neuer Flussarm angelegt. 2007 folgte ein 280 Meter langer Abschnitt unterhalb der Brücke, in dem ein geschwungener Flusslauf mit Nebenarmen gebaut wurde. Aus dem dabei anfallenden Aushubmaterial entstand nördlich der Brücke eine Aussichtsplattform, die Einblicke in den renaturierten Flussabschnitt und die angrenzende Düne Feuersteinberg bietet.

Seit 2014 ist die Wattenheimer Brücke einer der Beweidungsstandorte des Auerrindprojekts, in dem ein Rind gezüchtet werden soll, das dem im 17. Jahrhundert ausgestorbenen Auerochsen ähnlich ist. Beweidet werden Flächen zwischen der Renaturierungsfläche unterhalb der Brücke und der Düne Feuersteinberg sowie östlich daran angrenzende Flächen.

Brücke Die Wattenheimer Brücke, eine Steinbogenbrücke mit drei Rundbögen, wurde laut der im Mauerwerk eingelassenen Steininschrift 1774 errichtet. Die Brücke ersetzte Vorgängerbauten aus Holz. Der Bau der Brücke fällt in die Zeit nach den 1740er Jahren, in der an wichtigen Poststraßen der Region Steinbrücken über Flüsse gebaut wurden. Die Wattenheimer Brücke steht unter Denkmalschutz.

Über die Wattenheimer Brücke verlief eine Altstraße von Worms zur Bergstraße bei Bensheim. Diese Wegstrecke war im südlichen Hessischen Ried die beste Verbindung in Ost-West-Richtung, da keine größeren Gewässer oder Sümpfe im Bereich der alten Neckarläufe überquert werden mussten. Andere Wege hätten den Bau von längeren Brücken oder Dämmen erfordert oder wären bei Hochwasser kaum passierbar gewesen. Bis 1839 wurde die Altstraße durch eine direkter trassierte Chaussee ersetzt. Für die Bewohner von Lorsch bot die Brücke einen Zugang zum nördlichsten Teil der Gemarkung, dem Gewann Großer Acker nordöstlich der Brücke.

Archäologie Archäologische Funde im Umfeld der Wattenheimer Brücke belegen die Nutzung des Ortes von der Steinzeit über die Römischen Kaiserzeit bis in das Frühmittelalter. Bekannt ist ein Lagerplatz aus der Mittelsteinzeit, andere Funde wurden in die Altsteinzeit datiert. Funde aus der Römerzeit konzentrieren sich an der Brücke, allerdings ist nicht erkennbar, wie der Ort damals genutzt wurde. Aus Luftbildauswertungen sind weitere, bislang nicht untersuchte bauliche Anlagen bekannt. Zu den Funden gehören Gefäßfragmente und Steinklingen aus der Linearbandkeramischen Kultur (5500–4900 v. Chr.) oder zwei Messer aus der späten Bronzezeit (1200–800 v. Chr.). Zudem wurden Gräber aus der Urnenfelderkultur und der Latènezeit sowie zwei römische Brandgräber gefunden. Im Bereich der Brücke konnte auch eine Münze des Kaisers Nerva (97. n. Chr.) geborgen werden.

Flussgeschichte Ob der Durchbruch der Weschnitz durch den Dünengürtel an der Wattenheimer Brücke auf natürlichem Wege entstand oder von Menschen künstlich geschaffen wurde, wurde lange kontrovers diskutiert. Nach heutigem Forschungsstand fließt die Weschnitz seit mindestens 5000 Jahren durch die Dünenlandschaft zum Rhein, was eine natürliche Entstehung des Durchbruchs wahrscheinlich macht.

Der Schifffahrtshistoriker Martin Eckoldt hielt es hingegen 1985 für sehr naheliegend, dass die Römer die Weschnitz umgeleitet hatten. Eckoldt verwies auf die Granitsäulen der Trierer Basilika, des unter Kaiser Konstantin gebauten Vorgängerbaus des Trierer Doms. Diese, bis zu 30 Tonnen schweren Säulen wurden zwischen 328 und 337 n. Chr. im Felsenmeer im Odenwald gebrochen. Ein Großteil der Wegstrecke vom Felsenmeer nach Trier konnte mit Schiffen auf Rhein und Mosel zurückgelegt werden. Eckoldt argumentierte, dass die Wattenheimer Brücke an der kürzesten Verbindung vom Felsenmeer zum Rhein liegt und eine künstliche Ableitung der Weschnitz es den Römern ermöglichte, auch auf der größeren Hälfte dieser Strecke Schiffe zu nutzen.

mini|Renaturierte Weschnitz unterhalb der Wattenheimer Brücke, rechts die Düne Feuersteinberg (2009) Bei der Renaturierung der Weschnitz, die 1998/1999 und 2007 durchgeführt wurde, wurden Holzpfähle freigelegt, von denen 84 unter widrigen Bedingungen geborgen werden konnten. Ein Teil der Pfähle konnte dendrochronologisch datiert werden, andere über die Radiokarbonmethode. Der älteste, 120 Meter westlich der Wattenheimer Brücke geborgene Pfahl wurde um oder nach 3578 v. Chr. gefällt; die anderen Datierungen decken den Zeitraum bis zum Frühmittelalter ab, wobei Datierungen aus der Römerzeit fehlen. Die Befunde widerlegen die These einer Ableitung der Weschnitz in der Römerzeit. Zugleich wird deutlich, dass an der Wattenheimer Brücke über einen langen Zeitraum Konstruktionen bestanden, auf denen die Weschnitz überquert werden konnte.

Nachfolgende geowissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass die Weschnitz um 3000 v. Chr. das Flussbett verließ, das von der Wattenheimer Brücke nach Nordosten führt. Untersucht wurde ein Querprofil im Gewann Wolfslache wenige hundert Meter von der Brücke entfernt. Dabei wurde innerhalb einer größeren Rinne, die dem Bergstraßenneckar zuzuordnen ist, eine kleinere Rinne gefunden, die von der Weschnitz stammt. Die Sedimente beider Flüsse unterscheiden sich, da in den Einzugsgebieten unterschiedliche Gesteine anstehen. Die sich um mehrere hundert Jahre unterscheidenden Datierungen der Sedimente und des ältesten Pfahls an der Wattenheimer Brücke werden dadurch erklärt, dass bei den ersten Baumaßnahmen an der Wattenheimer Brücke altes Holz verwandt wurde.

Literatur Claus Kropp, Lars Großgott: Untersuchungsgebiet. In: Claus Kropp (Hrsg.): Zehn Jahre Monitoring an der Wattenheimer Brücke (Lorsch, Kreis Bergstraße): Ergebnisse und Trends. (=Laureshamensia. Forschungsberichte des Freilichtlabors Lauresham. Sonderausgabe, Band 2) Propylaeum, Heidelberg 2025, S. 4–9 doi:10.11588/propylaeum.1683.c24432.

Weblinks

Einzelnachweise Jörg Riecke, Herbert Schmidt, Gerd Richter (Bearb.): Südhessisches Flurnamenbuch. (=Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission, N.F. 23), Hessische Historische Kommission, Darmstadt 2002, ISBN 978-3-88443-045-3, S. 961 f.

Elena Appel, Thomas Becker, Dennis Wilken, Peter Fischer, Timo Willershäuser, Lea Obrocki, Henrik Schäfer, Markus Scholz, Olaf Bubenzer, Bertil Mächtle, Andreas Vött: The Holocene evolution of the fluvial system of the southern Hessische Ried (Upper Rhine Graben, Germany) and its role for the use of the river Landgraben as a waterway during Roman times. In: E&G Quaternary Science Journal. 73(2024), S. 179–202 doi:10.5194/egqsj-73-179-2024.

Martin Eckoldt: Schiffahrt auf kleinen Flüssen. Teil 2, Gewässer im Bereich des »Odenwaldneckars« im ersten Jahrtausend n. Chr. In: Deutsches Schiffahrtsarchiv 8(1985), S. 101–116 .

Herbert Hartnagel, Markus Helfert, Britta Ramminger, Thorsten Westphal: Vor- und frühgeschichtliche Pfahlsetzungen und Hölzer an der „Wattenheimer Brücke“ bei Lorsch, Kr. Bergstraße. In: Fundberichte aus Hessen. 51/52(2014), S. 55–78.

Markus Helfert: Die Weschnitz und die ecclesia sancti Petri. Zur Gründung des Klosters in Lorsch im frühen Mittelalter und zur topographischen Lage des sogenannten Altenmünsters. In: Fleur Kemmers, Thomas Maurer, Britta Rabe (Hrsg.): Lege Artis. Festschrift für Hans-Markus von Kaenel. (=Frankfurter Archäologische Schriften, 25) Dr. Rudolf Habelt, Bonn 2014, ISBN 978-3-7749-3911-0, S. 99–117 (Download).

Eintrag bei Kulturdenkmäler in Hessen (Abgerufen am 15. Juli 2026).

Stadt Lorsch (Hrsg.): Aussichtspunkt Wattenheimer Brücke. Topographie und archäologische Fundlandschaft. Informationstafel am Aussichtspunkt nördlich der Wattenheimer Brücke, Stand 5. Oktober 2022.

Claus Kropp, Lars Großgott: Untersuchungsgebiet. In: Claus Kropp (Hrsg.): Zehn Jahre Monitoring an der Wattenheimer Brücke (Lorsch, Kreis Bergstraße): Ergebnisse und Trends. (=Laureshamensia. Forschungsberichte des Freilichtlabors Lauresham. Sonderausgabe, Band 2) Propylaeum, Heidelberg 2025, S. 4–9 doi:10.11588/propylaeum.1683.c24432.

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