Margarete Heymann, eigentlich Margaretha, verwitwete Loebenstein, verheiratete Marks (geboren am 10. August 1899 in Köln; gestorben am 11. November 1990 in London) war eine deutsche Keramikerin und Bauhausschülerin jüdischer Abstammung, die in den 1920er Jahren durch ihre schlichte moderne, avantgardistische Gebrauchskeramik international bekannt wurde. Sie gründete 1923 mit ihrem ersten Ehemann Gustav Loebenstein in Marwitz (Brandenburg) die Haël-Werkstätten für Künstlerische Keramik, die sie 1933 aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten schließen und infolge zunehmender politischer Ausgrenzung und Denunziation nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Ende April 1934 an Heinrich Schild unter Wert verkaufen musste. Margarete Heymann-Loebenstein emigrierte im Dezember 1936 nach England und arbeitete zunächst in der Keramikfabrik Milton. 1938 gründete sie gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann Harold Marks die Firma Greta-Pottery. Kriegsbedingt konnte die Firma nicht mehr an die Erfolge der späten 1920er Jahre anknüpfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg widmete sich Greta Marks zunehmend der Malerei.
Leben und Werk Ausbildung und Lehrjahre Margarete Heymann wuchs als eines von drei Kindern von Emma und Max Heymann in Köln auf. Der Vater war Mitinhaber der Firma Schneiderbedarfsgroßhandlung Betzinger & Heymann, mütterlicherseits war sie verwandt mit Heinrich Heine. Ihre Cousine Marianne Ahlfeld-Heymann wurde als Holzbildhauerin, Kostümdesignerin, Bühnenbildnerin, Maskenschnitzerin und Marionettenbauerin bekannt.
Die künstlerische Begabung Margarete Heymanns fiel früh auf. Sie studierte zwischen 1916 und 1918/19 Malerei an der Kunstgewerbeschule Köln (spätere Kölner Werkschulen) und anschließend ein Jahr der Kunstakademie Düsseldorf.Ursula Hudson-Wiedenmann: Von den Haël-Werkstätten zur Greta Pottery. Grete Heymann-Marks (1998). In: Britta Jürgs (Hrsg.): Vom Salzstreuer bis zum Automobil – Designerinnen. AvivA, Berlin 2002, ISBN 3-932338-16-2, S. 72–86. Darüber hinaus absolvierte sie in Köln kunsthistorische Kurse am Museum für Ostasiatische Kunst. Nach zwei Absagen erhielt Heymann im November 1920 einen Studienplatz am Bauhaus Weimar und absolvierte den obligatorischen Vorkurs bei Johannes Itten. Im März 1921 wurde ihr von Walter Gropius mitgeteilt, dass eine Aufnahme von Frauen in die Töpferei-Werkstätte nicht möglich sei. Nach ihrem Protest erhielt sie im April 1921 die Zulassung für ein Probesemester bei Gerhard Marcks in der Keramischen Werkstatt am Bauhaus in Dornburg/Saale. Während ihrer Zeit am Bauhaus besuchte sie Kurse bei Paul Klee, Georg Muche und Gertrud Grunow. Sie verließ das Bauhaus im Streit am 2. November 1921. Ungeklärt sind die Gründe für ihren Weggang: zum einen wurde sie vom Meisterrat mehrfach hingehalten, ob sie endgültig in die Keramikklasse aufgenommen werden sollte, zum anderen sind Auseinandersetzungen mit Gerhard Marcks und Walter Gropius überliefert. Max Krehan und Gerhard Marcks hielten sie im Oktober 1921 für „begabt, aber nicht für die Werkstatt geeignet.“ Aus der Zeit am Bauhaus ist lediglich das Töpferzeichen von Grete Heymann bekannt. Im März 1922 wurde sie endgültig aus der Liste der eingeschriebenen Studenten des Bauhauses gestrichen.
Ende 1921 arbeitete sie in einer Keramikwerkstatt in Frechen und leitete einen Töpferkurs für Kinder an der Kunstgewerbeschule Köln. 1922 nahm sie eine Anstellung als künstlerische Mitarbeiterin in den Steingutfabriken Velten-Vordamm unter der Leitung von Hermann Harkort an.Torsten Bröhan, Thomas Berg: Design Classics 1880–1930. Biografie. Taschen, Köln 2001, ISBN 3-8228-6876-0, S. 163.
Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik
Aufbaujahre Am 4. August 1923 heiratete sie den promovierten Kaufmann Gustav Loebenstein und gründete im gleichen Jahr zusammen mit ihm und dessen Bruder Daniel Loebenstein die Haël-Werkstätten für Künstlerische Keramik in Marwitz (Brandenburg) nördlich von Berlin. Sie pachteten zunächst das Gelände und die Anlagen der ehemaligen Kachelofenfabrik in Nachfolge der eingegangenen Gartenkeramik Petry. Margarete Heymann übte die künstlerische Leitung der Werkstätten aus.
Der Firmenname Haël setzte sich aus den Familiennamen der Inhaber (H–L) zusammen. Die Haël-Werkstätten wurden 1925 Mitglied im Deutschen Werkbund. In den Werkstätten ließen auch andere Künstler, wie Ewald Mataré ihre Entwürfe ausführen. Margarete Heymann-Loebenstein präsentierte im Juli und September 1925 ihre Entwürfe in der avantgardistischen Sturm-Galerie in Berlin. Im Jahr 1926 kauften die Pächter die Firma.
Das Programm der Werkstätten zeichnete sich durch eine große Formen- und Stilvielfalt mit einem Schwerpunkt auf avantgardistischen Entwürfen aus und reichte von schlichten Liniendekoren bis zu abstrakten und asymmetrischen Kompositionen. Als besonders charakteristisch für das Werk von Margarete Heymann-Loebenstein galten die Matt- und Lüsterglasuren mit intensiver Farbgebung und der Einfluss ostasiatischer Formgebung. Sie entwarf hochwertige Gebrauchskeramik, wie Kaffee-, Mokka- und Teeservices, Vasen, Schalen, Teller und Rauchersets. Heymann-Loebenstein brachte häufig gedoppelte Scheibengriffe an Tassen und Kannen an. Ihre Entwürfe wurden zum Teil auch in anderen Materialien, wie Silber, Alpacca, Elfenbein, Ebenholz und Kunststoff ausgeführt.
Der mittelständische Betrieb expandierte und wurde im In- und Ausland für seine künstlerisch hochwertigen Produkte bekannt und exportierte bis Anfang der 1930er-Jahre nach Großbritannien, Belgien, Frankreich und in die Schweiz. Insbesondere ausgefallene, geometrische Formen im Art-déco-Stil gingen als Luxusprodukte nach Australien, Südamerika und in die USA. Der Betrieb beschäftigte 1927 insgesamt 62 Mitarbeiter. In diesem Jahre wurde ein neues Wohn- und Bürogebäude neben den Werkstätten errichtet.
Weltwirtschaftskrise Auf dem Weg zur Leipziger Herbstmesse verunglückten Gustav und Daniel Loebenstein am 24. August 1928. Grete Heymann-Loebenstein, inzwischen Mutter von zwei kleinen Kindern, Michael (geb. 1924) und Stephan (geb. 1927), führte den Betrieb nach dem Unfalltod von Ehemann und Schwager alleine weiter. Sie stellte die Produkte der Werkstätten auf zahlreichen Messen, unter anderem 1929 auf der Breslauer Werkbund-Ausstellung Wohnung und Werkraum sowie seit 1924 auf der Leipziger Grassi-Messe vor. mini|Teekanne mit Scheibengriffen, um 1930 1930 florierte das Unternehmen und 90 Mitarbeitern arbeiteten in den Werkstätten.Karl H. Bröhan, Dieter Högermann: Gemälde, Skulpturen, Kunsthandwerk, Industriedesign. Sammlung Stiftung Bröhan, West-Berlin 1985, S. 201Adressbuch der Keramischen Industrie 1927, S. 300Adressbuch der Keramischen Industrie 1930, S. 292 Im gleichen Jahr konnte noch ein neuer Brennofen in Betrieb genommen werden. Infolge der Weltwirtschaftskrise hatten die Haël-Werkstätten wie die gesamte Porzellan- und Keramikindustrie allerdings starke Umsatzeinbußen und Verluste zu verbuchen, wie die erhaltenen Firmen-Bilanzen der Jahre 1927/28–1932 belegen. Der Haël-Jahresumsatz aus Warenverkäufen fiel von 696.950 RM im Jahr 1928 auf 112.095 RM im Jahr 1932; der Bilanzgewinn belief sich 1928 auf 38.717 RM, 1930 war die Bilanz noch ausgeglichen, 1931 schlug ein Verlust von 24.177 RM, 1932 von 22.283 RM zu Buche. Während die benachbarten Steingutfabriken Velten-Vordamm 1931 Insolvenz anmelden mussten, führte Margarete Heymann-Loebenstein die Geschäfte weiter. Anfang 1932 mussten die Haël-Werkstätten ihre Preise um 15 % senken und das Sortiment wurde verschlankt und auf Gebrauchskeramik umgestellt.Die Schaulade vereinigt mit Kunst und Kunstgewerbe, Jg. 8/1932, Heft 1, S. 42. Ein komplettes Service Norma wurde vorgestellt. Im Herbst 1932 waren Haël-Werkstätten letztmals auf der Leipziger Messe vertreten. Ende 1932 sah sich Margarete Heymann-Loebenstein gezwungen, aus Kostengründen auch den Geschäftsführer zu entlassen, der seit dem Unfalltod von Gustav Loebenstein im Unternehmen tätig war.
Schließung und erzwungener Verkauf Am 6. März 1933 verstarb ihr jüngster Sohn Stephan nach einem häuslichen Unfall. Sie wurde beschuldigt, die Aufsichtspflicht verletzt zu haben und wurde kurzzeitig inhaftiert. Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verschlechterten sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Margarete Heymann-Loebenstein zur Weiterführung ihres Unternehmens.
Am 1. Juli 1933 legte Margarete Heymann-Loebenstein den Betrieb still und setzte den Berliner Wirtschaftsprüfer Max Silberberg als Liquidator ein. Mitte Juli wurde sie von zwei ehemaligen Arbeitern angezeigt und einer „staatsfeindlichen Gesinnung“ sowie „schlechter, teilweise geradezu menschenunwürdige Behandlung“ bezichtigt. Um ihrer Inhaftierung zu entgehen, flüchtete sie mit ihrem Sohn nach Bornholm. Am 1. August 1933 veranlasste der Landrat in Nauen die Beschlagnahme des Warenlagers der Haël-Werkstätten. Im September 1933 meldete der ehemalige Direktor des Vordammer Werks der Steingutfabriken Velten-Vordamm, Adolf Kruckau, Interesse an Übernahme bzw. an einer Beteiligung an dem Unternehmen an. Doch dann brach Margarete Heymann-Loebenstein die Verhandlungen ab und versuchte im Oktober 1933 persönlich in Jerusalem den Neubeginn.Eva Samuel und Ulrike Thomas: Mut zu einem Neubeginn: Leben in Palästina von 1932 bis 1948, Berlin 2010, S. 61, Brief vom 24. Oktober 1933.
Von der Kölner Keramikerin Nora Herz, die mit Margarete Heymanns Bruder Fritz befreundet war, hatte Bollhagen von der Stilllegung des Werkes in Marwitz erfahren. Am 18. Januar 1934 wurde die Liquidation der Haël-Werkstätten beantragt. Die jüdische Herkunft von Margarete Heymann-Loebenstein war neben der wirtschaftlich schwierigen Situation Anfang der 1930er Jahre der entscheidende Grund dafür, dass der funktionsfähige Betrieb geschlossen werden musste und nicht wieder von ihr geöffnet werden konnte. Sie war gezwungen, den Betrieb unter Wert zu verkaufen, um wenigstens noch einen Teil des Unternehmenswerts zu realisieren. Max Silberberg wollte jetzt eine Kaufsumme von 60.000 RM erzielen. Am 26. April 1934 wurde der Kaufvertrag zwischen dem Generalsekretär des Reichsstandes des deutschen Handwerks Heinrich Schild, der im April 1933 gemeinsam mit Karl Zeleny die Richtlinien für die Gleichschaltung der Innungen des deutschen Handwerks herausgab, und Margarete Heymann-Loebenstein abgeschlossen. Schild erwarb die Grundstücke der Haël-Werkstätten mit den Gebäuden, die Betriebsmittel und das Warenlager für einen Kaufpreis von 45.000 RM. Ein gesonderter Vertrag wurde über die Verwertung des erfolgreichen Geschirrservices Norma abgeschlossen. Schild übernahm die Geschäftsführung unentgeltlich und setzte Hedwig Bollhagen als angestellte künstlerische Leiterin der dann am 1. Mai 1934 gegründeten HB-Werkstätten für Keramik ein.