mini|Illustration von George Cruikshank, 1876 mini|Illustration von Walter Crane, 1886 mini|Illustration von Henry Justice Ford, um 1889

Rumpelstilzchen ist ein Märchen (ATU 500). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 55 (KHM 55).

Handlung Ein Müller behauptet von seiner schönen Tochter, sie könne Stroh zu Gold spinnen, und will sie an den König verheiraten. Der König lässt die Tochter kommen und stellt ihr die Aufgabe, über Nacht eine Kammer voll Stroh zu Gold zu spinnen, ansonsten müsse sie sterben. Die Müllerstochter ist verzweifelt, bis ein kleines Männchen auftaucht, ihr gegen ihr Halsband Hilfe anbietet und für sie das Stroh zu Gold spinnt. In der zweiten Nacht wiederholt sich das Gleiche, diesmal um den Preis eines Ringes. Darauf verspricht der König dem Mädchen die Ehe, falls es noch einmal eine Kammer voll Stroh zu Gold spinnen kann. Diesmal verlangt das Männchen von der Müllerstochter ihr erstes Kind, worauf sie schließlich ebenfalls eingeht.

Nach der Hochzeit und der Geburt des ersten Kindes fordert das Männchen den versprochenen Lohn. Die Müllerstochter bietet ihm alle Reichtümer des Reiches an, aber das Männchen verlangt ihr Kind. Durch ihre Tränen erweicht, gibt es ihr aber drei Tage Zeit, um seinen Namen zu erraten. Kennt sie ihn in der dritten Nacht, dann soll sie das Kind behalten dürfen. In der ersten Nacht probiert es die Königin mit allen Namen, die sie kennt; doch ohne Erfolg. In der zweiten Nacht versucht sie es erfolglos mit Namen, die sie von ihren Untertanen erfragt hat. Am Tag darauf erfährt sie von einem Boten, dass ganz entfernt ein Männchen in einem kleinen Haus wohnt, das nachts um ein Feuer tanzt und singt:

Die Königin fragt zunächst, ob Rumpelstilzchen „Kunz“ oder „Heinz“ heiße, und nennt dann erst den korrekt überlieferten Namen. So hat sie das Rätsel gelöst. Rumpelstilzchen wird sehr zornig und zerreißt sich vor Wut selbst mit den folgenden Worten:

Frühere Auflagen mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Jacob Grimm schickte das Märchen schon 1808 zusammen mit anderen an Savigny für dessen Tochter. Wilhelm Grimms handschriftliche Urfassung Rumpenstünzchen von 1810 entspricht noch weitgehend dieser frühesten erhaltenen Fassung der Grimm-Brüder.Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen – Sprichwort – Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart und Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 88. Jacob notierte handschriftlich zum Titel: „Fischarts Spiel Verzeichnis n° 363. « Rumpele stilt, oder der Poppart. »“Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Fondation Martin Bodmer, Cologny (Genf) 1975, S. 238., ein Zitat aus Fischarts Geschichtsklitterung (Kapitel 25), wo Spiele aufgezählt werden; gemeint ist wohl der „starke Poppe“ im Klopfgang. Die Brüder Grimm hatten die Ausgabe von 1594.Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. De Gruyter, Berlin 2008, S. 135. ISBN 978-3-11-019441-8.

Klang Rumpenstünzchen nach einem kleinen Kerl, scheint nun Rumpelstilzchen einer zu sein, der Geräusche macht, indem er an Stelzen (vermutlich sind damit Dinge wie Tischbeine gemeint) rüttelt oder rumpelt. Der Erstdruck von 1812 beruhte inhaltlich auf Familie Hassenpflug und Dortchen Wild, wie Wilhelm Grimm in sein Handexemplar notierte: „Dortchen 10 März 1811. Hassenpflugs“.Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Fondation Martin Bodmer, Cologny (Genf) 1975, S. 241. Seine Ergänzung, wie sich das Männchen zum Schluss zerreißt („Lisette“), statt nur fortzulaufen, und Jacob Grimms Namensvorschläge „Cunz oder Hinz“, wurden in die 2. Auflage von 1819 übernommen. Deren lebendige Dialoge prägen auch erst die bekannte Wendung vom „Stroh zu Gold spinnen“. Die Namenssuche passt jetzt zur Dreigliederung der Handlung, indem erst ein Bote ausgeschickt, dann herumgefragt wird, schließlich der Bote (nicht der König) das Männchen beobachtet. Die ab der 2. Auflage gebrauchte Wendung „wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen“ ist literarisch vielfältig belegt. Zur 6. bzw. 7. Auflage wird die Geldgier des Königs noch unterstrichen, indem er schon bei Sonnenaufgang nach dem zu Gold gesponnenen Stroh schaut und sie dann nimmt, „wenns auch eine Müllerstochter ist“.Wikisource: Rumpelstilzchen, verschiedene Auflagen bei Grimm.Siehe auch

Grimms Anmerkung mini|Illustration von 1916 Grimms Anmerkung vermerkt „Nach vier im Ganzen übereinstimmenden, im Einzelnen sich ergänzenden Erzählungen aus Hessen“, in einer davon ist es der König, der auf der Jagd das Männlein belauscht (wie in der ersten Auflage). Sie stammen teils von Familie Hassenpflug, teils von Dortchen Wild, das Zerreißen des Männchens (ab der 2. Auflage) von Lisette Wild. In einer fünften Fassung (sie entspricht der handschriftlichen Urfassung von 1810) soll ein kleines Mädchen Garn spinnen, doch es wird immer Gold und es ist traurig, sitzt auf dem Dach und spinnt. Da kommt das Männlein, das ihm einen Königssohn verspricht und das Kind fordert. Die Magd belauscht es, wie es auf einem Kochlöffel ums Feuer reitet. Als es verraten ist, fliegt es zum Fenster hinaus. In einer sechsten steigt eine Frau in einen Garten wegen schöner Kirschen, ein schwarzer Mann kommt aus der Erde, fordert das Kind, kommt dann auch trotz aller Wachen des Ehemannes und lässt es ihr nur, wenn sie seinen Namen weiß. Der Mann belauscht ihn in seiner Höhle, die von Kochlöffeln umhängt ist.

Die Brüder Grimm zählen weiter auf: Karoline Stahl, S. 85 das Stäbchen; Müllenhoff, Nr. 8 Fru Rumpentrumpen; Kletkes Märchensaal, Nr. 3 Hopfenhütel (bzw. Hopf'nhüatl) Siehe auch ; Zingerle, Nr. 36 Purzinigele Siehe auch 2.Zistel im Körbel, S. 3–14 (zeno.org) und S. 278 Kugerl Siehe auch ; Pröhle, Nr. 23 Jungfer Schön; Bechstein, Nr. 20; Colshorn, S. 83 Zwerg Holzrührlein Bonneführlein; schwedisch bei Cavallius, S. 210; Fischarts Gargantua, Kap. 25, Nr. 363; Müllenhoffs Sagen, S. 306 Knirrficker CDXVII Gebhart (Nr. 417, bei Neuausgaben Nr. 486), S. 307 f. (digitale-sammlung.de) und CDXIX Ekke Nekkepenn (Nr. 419, bei Neuausgaben Nr. 488), S. 309 (digitale-sammlung.de). Vgl. auch CDXVIII Tepentiren (Nr. 418, bei Neuausgaben Nr. 487), S. 308 f. (digitale-sammlungen.de/), S. 578 Hans Donnerstag; Aulnoy, Nr. 19; Villandons Ricdin Ricdon in La Tour ténébreuse, dänisch weiterbearbeitet in Ryerup Morstabsläsning, S. 173. Fenia und Menia konnten alles mahlen, so dass der König sie Frieden und Gold mahlen ließ. Die kummervolle Arbeit der Golddrahtfertigung kam oft armen Jungfrauen zu, wozu die Grimm-Brüder ein altdänisches Lied aus Kämpe Viser (S. 165, B. 24) zitieren (vgl. Wolfdietrich Str. 89; Iwein 6186–6198): „nu er min Sorg saa mangesold, / som Jongfruer de spinde Guld“. Zum Erraten des Namens vergleichen sie: Eine dänische Sage bei Thiele 1, 45, wo einer einem Troll Herz und Augen schuldet und belauscht, wie die Trollfrau zu ihrem Kind vom Vater spricht; Turandot in Tausendundein Tag; eine schwedische Volkssage von St. Olav in Gräters Zeitschrift Idunna und Hermode (3, 60. 61). Das Abfordern des Kindes greife in sehr viele Mythen ein.

Vergleichende Märchenforschung mini|Postkarte, um 1928 Rumpelstilzchen geht, wie auch die älteste literarische Fassung, die im moralischen Sinn bearbeitete Märchennovelle Ricdin Ricdon aus La Tour ténébreuse von Marie-Jeanne Lhéritier de Villandon (1705), zweifellos auf ältere Volksmärchen zurück. Der schwedische Folklorist Waldemar Liungman schätzte den zeitlichen Ursprung auf die Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Geschichte ist in unterschiedlicher Form in weiten Teilen Europas bekannt.Du alter Riesenhupf. Schwedische Märchen. (Übersetzung und Herausgabe: Hans-Jürgen Hube), Reclam Verlag, Leipzig 1989, ISBN 3-379-00417-0, S. 236.

Der Märchentyp heißt Übernatürliche Helfer (AaTh 500), wobei ein fließender Übergang zu Volkssagen, oft zu dämonologischen oder Teufelssagen, besteht. Dazu passt der Teufelspakt um das Kind, die Verschleierung durch einen lächerlich machenden (aber sagentypisch individuellen) Namen, aber auch Rumpelstilzchens letzte Worte: „Das hat dir der Teufel gesagt!“, ohne dass zuvor auf den Teufel Bezug genommen wurde.Lutz Röhrich: Name des Unholds. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 9. Berlin, New York 1999, S. 1164–1175. Versponnenes Stroh wirkt übrigens wirklich, etwa auf Messgewändern, wie Gold.Lutz Röhrich: Name des Unholds. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 9. Berlin und New York 1999, S. 1168. Man versuchte eine Altersbestimmung des Märchens anhand barocker Bortenstickerei oder der Erfindung des Tretrockens.Lutz Röhrich: Märchen und Wirklichkeit. Steiner, Wiesbaden 1956, S. 102. Röhrich weist auch auf die Ähnlichkeit mit einer lokalisierten Tiroler Teufelssage aus dem Kaisergebirge, die in der Sammlung von Ignaz Vinzenz Zingerle publiziert wurde,Ignaz V. Zingerle: Sagen aus Tirol. 2. Aufl. Innsbruck 1891, S. 381 f. und einer ähnlichen, ebenfalls lokalisierten Sage aus dem Salzkammergut hin.Lutz Röhrich: Rumpelstilzchen. Vom Methodenpluralismus in der Erzählforschung. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 68/69(1972/73), S. 567–596. Vgl. in Ulrich Jahns Volksmärchen aus Pommern und Rügen Nr. 1 Das Goldspinnen, Nr. 41 Duurn’nroesken.

Verschiedene Motive treten auch in anderen Märchen der Brüder Grimm auf, so: der Teufelspakt ums Kind: KHM 3 Marienkind, KHM 12 Rapunzel, KHM 31 Das Mädchen ohne Hände, KHM 88 Das singende springende Löweneckerchen, KHM 92 Der König vom goldenen Berg, KHM 108 Hans mein Igel, KHM 181 Die Nixe im Teich; magische Spinnhelfer: KHM 14 Die drei Spinnerinnen, ferner KHM 181 Die Nixe im Teich, KHM 188 Spindel, Weberschiffchen und Nadel; die Verbindung von Dämon und Gold: KHM 1 Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, KHM 24 Frau Holle, KHM 57 Der goldene Vogel, KHM 85 Die Goldkinder, KHM 100 Des Teufels rußiger Bruder, KHM 161 Schneeweißchen und Rosenrot, KHM 182 Die Geschenke des kleinen Volkes.

Einem inhaltlich ähnlichen Konzept folgt auch das aus Österreich stammende und von Theodor Vernaleken publizierte Märchen Winterkölbl.Märchen der Völker. Österreich, Weltbild Verlag, Augsburg 1987, ISBN 978-3-88400-283-4, S. 379 ff.

In Schweden existiert eine ähnliche, jedoch kürzere Fassung, in der das zauberkundige Männchen Titteliture heißt. Erstmals wurde diese Version 1847 gedruckt. Die weibliche Hauptfigur muss sich hier auf Geheiß der Mutter mit dem Spinnrad auf das Hausdach setzen, damit alle sehen, wie faul sie ist. Als ein vorbeireisender Prinz nach den Umständen dieser Pose fragt, behauptet die Mutter sarkastisch, dass die Tochter aus Schüttenstroh und Lehm Gold spinnen könne. Der Edelmann nimmt diese aber ernst und bringt sie auf sein Schloss. Dank magischer Handschuhe, die ihr Titteliture leiht, schafft sie das Kunststück wirklich, muss ihn jedoch heiraten, wenn sie innerhalb eines Tages seinen Namen nicht errät. Da der Prinz auf der Jagd aber zufällig den Zwerg belauscht, besteht die junge Frau die Probe.Du alter Riesenhupf. Schwedische Märchen. (Übersetzung und Herausgabe: Hans-Jürgen Hube), Reclam Verlag, Leipzig 1989, ISBN 3-379-00417-0, S. 220 ff.

Interpretation mini|Bild von Anne Anderson mini|Illustration von Paul Hey, 1939

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