Als Schlacht am Waterberg wird eine Reihe von Gefechten zwischen den Herero und der deutschen Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika und ihren einheimischen Verbündeten am Waterberg am 11. August 1904 bezeichnet. Die Herero sprechen von der Schlacht von Ohamakari (otjiherero ovita yOhamakari). Nach viereinhalb Monaten des Kolonialkrieges zwischen den Herero und dem Deutschen Reich in Deutsch-Südwestafrika hatten sich die Herero-Stämme, insgesamt über 60.000 Menschen, mit ihren Viehherden am Waterberg versammelt. Der militärische Befehlshaber der Deutschen, Generalleutnant Lothar von Trotha, versuchte, die Herero einzukesseln, um sie in einer Umfassungsschlacht militärisch vernichtend zu schlagen. Dies misslang aufgrund unzureichender Planung und des Versagens einiger Kommandeure. Die Herero unter Samuel Maharero entkamen in das Sandfeld Omaheke nach Südosten, stellten militärisch aber keine Bedrohung mehr dar. Trotha ließ die Omaheke teilweise abriegeln und unterband durch nachsetzende Truppen die Wasserversorgung, so dass große Teile des Hererovolkes verdursteten. Dieses Vorgehen der deutschen Seite unmittelbar nach der Schlacht am Waterberg wird in der Wissenschaft als Völkermord bewertet.Jürgen Zimmerer, Joachim Zeller (Hrsg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen. Links, Berlin 2003, ISBN 3-86153-303-0.Tilman Dedering: The German-Herero War of 1904: Revisionism of Genocide or Imaginary Historiography? In: Journal of Southern African Studies. Band 19, Nr. 1, 1993, S. 80, , .Dominik J. Schaller: «Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss»: Kolonialkrieg und Völkermord in «Deutsch-Südwestafrika» 1904–1907. In: Journal of Genocide Research. Band 6, Nr. 3, 2004, S. 395–430, .Reinhart Kößler, Henning Melber: Völkermord und Gedenken. Der Genozid an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika 1904–1908. In: Irmtrud Wojak, Susanne Meinl (Hrsg.): Völkermord. Genozid und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Campus, Frankfurt am Main 2004 (= Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust 8), S. 37–76 ().Medardus Brehl: »Diese Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient«. Der Völkermord an den Herero 1904 und seine zeitgenössische Legitimation. In: Irmtrud Wojak, Susanne Meinl (Hrsg.): Völkermord. Genozid und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Campus, Frankfurt am Main 2004 (= Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust 8), S. 77–97 ().George Steinmetz: Von der „Eingeborenenpolitik“ zur Vernichtungsstrategie: Deutsch-Südwestafrika, 1904. In: Peripherie: Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt. Band 24, Nr. 97–98, 2005, S. 195–227 (Volltext im Open Access).Jörg Wassink: Auf den Spuren des deutschen Völkermordes in Südwestafrika. Der Herero-/Namaufstand in der deutschen Kolonialliteratur. Eine literarhistorische Analyse. M.Press, 2004, ISBN 3-89975-484-0.Mihran Dabag, Horst Gründer, Uwe-Karsten Ketelsen: Kolonialismus, Kolonialdiskurs und Genozid. Fink, München 2004, ISBN 3-7705-4070-0. Rund 80 Prozent des Hererovolkes verloren im Rahmen dieses Völkermordes ihr Leben.Walter Nuhn: Sturm über Südwest. Verlag Bernard & Graefe, Bonn 2007, ISBN 3-7637-6273-6. Aus damaliger Sicht des Deutschen Reichs galt die Schlacht am Waterberg als entscheidender Sieg. Aus Sicht der Herero steht das Gefecht von Omahakari am Anfang der Zerschlagung der Herero-Gesellschaft.
Vorgeschichte Seit dem Beginn des Aufstands der Herero im Januar 1904 bis zum 11. Juni 1904 wurden die deutschen Truppen von Gouverneur Theodor Leutwein geführt. Nach viereinhalb Monaten Krieg war der Hauptteil des Landes sicher in deutscher Hand. Die Herero hatten sich bis an das Hochplateau des Waterberges im Nordosten der Kolonie zurückgezogen. Leutwein plante eine konzentrische Aktion gegen den Waterberg, um die Herero zur Kapitulation zu zwingen. Im Mai 1904 wurde er als Oberbefehlshaber der Schutztruppe abgelöst, da man in Berlin unzufrieden mit dem langsamen Verlauf des Krieges war und auf eine schnelle militärische Lösung setzte. Leutweins Nachfolger, Generalleutnant Lothar von Trotha, verfolgte ein anderes Kriegsziel, nämlich die vollständige Unterwerfung der Herero.Gesine Krüger: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907. 1. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-35796-6, S. 49 f.
Entsprechend der herrschenden militärischen Doktrin der Deutschen sollte der Angriff am Waterberg eine Entscheidungsschlacht sein, entweder durch einen vernichtenden militärischen Sieg oder indem die Kapitulation der Herero erzwungen werden würde. Um einen Rückzug des Feindes zu verhindern, sollte ein konzentrischer Angriff geführt werden. Dazu wurden die Truppen geteilt und um den Waterberg herum aufgestellt. Diesen Plan hatte Leutwein bereits entworfen. Trotha verzögerte den Angriff aber noch, um seine Truppen weiter zu verstärken. Der Transport von Truppen und Nachschub über 100 Kilometer per Ochsenkarren durch unwegsames Gelände zum Waterberg nahm über zwei Monate in Anspruch.Isabel V. Hull: Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Cornell University Press, Ithaca 2005, ISBN 0-8014-4258-3, S. 33 f.
Am Waterberg hatten sich die vereinigten Stämme der Herero unter zunehmend prekären Bedingungen versammelt, insgesamt über 60.000 Menschen mit Viehherden. Es ist nicht bekannt, warum sie nicht nach Ovamboland oder Britisch-Betschuanaland flohen oder sich auflösten.Isabel V. Hull: Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Cornell University Press, Ithaca 2005, S. 34. Die Zahl der Herero-Krieger wird auf 6000 geschätzt. Die Deutschen führten 4000 Mann mit 36 Geschützen und 14 Maschinengewehren ins Feld.Gesine Krüger: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, S. 50.
Ausgangslage mini|Stellung der Deutschen und der Herero am Tage vor dem Gefecht am Waterberg mini|Blick auf den Waterberg von der unteren Station aus, vor 1910
Da man auf deutscher Seite einen Ausbruchsversuch der Herero nach Westen in das Gebiet der Kolonie erwartete, stärkte Trotha vor allem den westlichen Flügel unter dem Kommando von Berthold Deimling. Die zweitstärkste Abteilung führte Ludwig von Estorff im Osten, während die schwächeren Einheiten im Norden und Nordosten sich das Gelände zu Nutze machen sollten, um dort den Weg zu versperren. Die schwächsten Truppen führte Hermann von der Heyde im Südosten zwar mit acht Geschützen, aber ohne Maschinengewehre. Trotha hatte sein Hauptquartier bei den Truppen im Süden unter Oberstleutnant Karl Max Müller.Isabel V. Hull: Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Cornell University Press, Ithaca 2005, ISBN 0-8014-4258-3, S. 35 f. Horst Drechsler sieht hinter dieser Aufstellung den Plan Trothas, die Herero in die Omaheke zu treiben, damit sie in der Wüste umkommen sollten.Horst Drechsler: Aufstände in Südwestafrika. Der Kampf der Herero und Nama 1904 bis 1907 gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Dietz, Berlin 1984, S. 78. Isabel Hull hält dagegen, dass sich hier militärische Inkompetenz der Deutschen manifestiere. Trotha habe gehofft, am Waterberg die entscheidende Schlacht zu schlagen, einen Ausbruchsversuch nach Westen antizipiert und deshalb die Kräfte im Südosten geschwächt, weil hier ein Ausbruchsversuch am unwahrscheinlichsten erschien. Die Erschöpfung seiner Truppen und die Fehler zweier Kommandeure hätten einen vernichtenden Sieg verhindert.Isabel V. Hull: Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Cornell University Press, Ithaca 2005, ISBN 0-8014-4258-3, S. 37–39. Matthias Häussler kritisiert die Neigung Drechslers, die Ereignisse intentionalistisch und deterministisch zu schildern. Dadurch stilisiere er die Herero zum bloßen Spielball der deutschen Kriegsmaschinerie, ohne sie als Gegner ernst zu nehmen, und reproduziere damit das Selbstbild der Kolonisatoren.Matthias Häussler: Der Genozid an den Herero. Krieg, Emotion und extreme Gewalt in »Deutsch-Südwestafrika«. Velbrück, Weilerswist 2018, ISBN 978-3-95832-164-9, S. 165 f.
Kampfgeschehen Die Schlacht begann am Morgen um 06:30 Uhr des 11. August 1904, als die Truppen Deimlings von Westen und die Truppen Estorffs von Osten her am Waterberg vorrückten. Laut Plan sollten sie erst am zweiten Tag weiter nach Süden vorstoßen. Während die Einheiten im Norden und Nordwesten nur eingreifen sollten, wenn die Herero bei ihnen durchzubrechen versuchten, hatten Truppen unter Müller im Süden und unter Heyde im Südosten den Auftrag, die Wasserstelle Hamakari konzentrisch anzugreifen. Dadurch sollten die Herero gegenüber Deimlings und Estorffs Truppen eingekreist werden. Als Heyde Artilleriefeuer hörte, rückte er jedoch in die falsche Richtung vor. Als er umkehren wollte, wurde er durch heftiges Feuer der Herero gestoppt. Er nahm auch keinen Kontakt mit dem Hauptquartier auf. So gelang es ihm nicht, die Wasserstelle Hamakari zu erreichen.Isabel V. Hull: Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Cornell University Press, Ithaca 2005, ISBN 0-8014-4258-3, S. 39–41.
Zu Kämpfen kam es vor allem im Süden und Südosten sowie bei der Abteilung Heyde. Die Abteilung Müller wurde während eines mehrstündigen Feuergefechts zeitweise umzingelt und verlor 12 Soldaten durch Tod und 33 durch Verwundung. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des deutschen Artillerieeinsatzes, der Opfer unter den 50.000 Männern, Frauen und Kindern und den Viehherden forderte, befahl Samuel Maherero den Ausbruch nach Südosten, wo am wenigsten Widerstand zu erwarten war.Jon M. Bridgman: The Revolt of the Hereros. Univ. of California Pr, Berkeley, CA 1981, ISBN 0-520-04113-5, S. 124. Zudem hatte Deimling nicht an der Station Waterberg innegehalten, sondern war weiter vorgerückt. Damit trieb er die Herero vor sich her und durch die Lücke, die Heyde gelassen hatte. Die Herero entkamen in das Sandfeld Omaheke.Isabel V. Hull: Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Cornell University Press, Ithaca 2005, ISBN 0-8014-4258-3, S. 41. Auf deutscher Seite wurden 26 Tote und 60 Verwundete gezählt. Die Zahl der Opfer unter den Herero, die ihre Gefallenen nach Möglichkeit mitnahmen, ist unbekannt. Alle Männer, welche die Schutztruppler gefangen nahmen, wurden sofort erschossen. Frauen waren zwar zu verschonen. Dennoch sind zahlreiche Erschießungen dokumentiert.Gesine Krüger: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907. 1. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, S. 51.