mini|Tag der Opfer des Faschismus im Berliner Lustgarten 1948

Ausschüsse für die Opfer des Faschismus (OdF) wurden nach dem Ende des NS-Regimes in allen vier Besatzungszonen Deutschlands an vielen Orten auf Anordnung der Alliierten gegründet. Überlebende der vom NS-Regime verfolgten politischen, ethnischen, sozialen und religiösen Minderheiten gründeten im Sommer 1945 den Hauptausschuss der Opfer des Faschismus in Berlin. Im September begingen sie erstmals den „Tag der Opfer des Faschismus“. Faschismus war damals ein allgemein akzeptierter Begriff, unter den auch der Nationalsozialismus gerechnet wurde. Im Kontext dieser Aktivitäten entstand 1947 die bis heute bestehende Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN).

Das Gedenken an die Opfer des NS-Regimes erfolgte in etwa den ersten drei Jahren weitgehend überparteilich und konfessionsübergreifend. Mit dem Beginn des Kalten Krieges aber setzte eine politisch motivierte Teilung des Gedenkens in West und Ost ein. Ab Mitte der 1950er Jahre war es in der Bundesrepublik und in West-Berlin auf ein Gedenken an alle Kriegsopfer („Volkstrauertag“) übergegangen. Der Versuch, den antifaschistischen Gedenktag in der Bundesrepublik zu verbieten, scheiterte zwar zusammen mit dem Verbotsprozess gegen die VVN, aber Begriff und Gedenktag schwanden aus dem öffentlichen Diskurs. In der DDR hingegen wurde der OdF-Tag staatlicher Gedenktag.

Tag der Opfer des Faschismus Der Tag der Opfer des Faschismus wurde in der DDR am 14. September begangen.Birgit Wolf: Sprache in der DDR. Ein Wörterbuch. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2000, ISBN 978-3-11-080592-5, S. 221 (abgerufen über De Gruyter Online). Das Anliegen des Tages war es, der Opfer des Naziterrors zu gedenken und ein freies Deutschland aufzubauen. Er verband „Gedenken und Trauer mit Information und Aufklärung und dem Appell an die Lebenden: ‚Nie wieder Krieg und Faschismus‘. Im Gedenken und in ihrer Trauer fanden Angehörige, Freunde und Kampfgefährten zusammen.“Der zweite Sonntag im September Gedenken und Erinnern an die Opfer des Faschismus: Zur Geschichte des OdF-Tages, Broschüre der VVN-BdA, 2011, S. 12. Im Zentrum der Ehrung standen die ermordeten Widerstandskämpfer. Der Opfer des Holocaust wurde erst in zweiter Linie oder gar nicht gedacht.Juliane Reil: Erinnern und Gedenken im Umgang mit dem Holocaust – Entwurf einer historischen Gedächtnistheorie. transcript, Bielefeld 2018, ISBN 978-3-8394-4225-8, S. 134 f. (abgerufen über De Gruyter Online).

Noch vor der deutschen Teilung kamen am 9. September 1945 in zahlreichen Städten Sachsens, in Brandenburg, Weimar, Neumünster, Stuttgart und Berlin Tausende zusammen, um die Opfer des Faschismus zu ehren. Im noch zerstörten Berlin waren es rund 100.000 Menschen. 15.000 davon waren selbst Überlebende der Konzentrationslager und größtenteils aus dem Ausland zurückgekehrte Widerstandskämpfer.Der zweite Sonntag im September. Gedenken und Erinnern an die Opfer des Faschismus: Zur Geschichte des OdF-Tages, Broschüre der VVN-BdA, 2011, S. 16. Der Gedenktag wurde im folgenden Jahr am selben Termin wiederholt und wird seitdem bis heute jeweils am zweiten Sonntag im September begangen. Auf Beschluss des Berliner Magistrats gab es seit 1945 an jedem zweiten Sonntag im September einen Gedenktag für die Opfer des Faschismus, der im Volksmund als OdF-Tag abgekürzt wurde.

In den Nachkriegsjahren war der Tag getragen von Aktivisten aus dem Widerstand. So sprachen im September 1946 in Berlin Werner Haberthür (christlicher Widerstand), Ruthild Hahne (Rote Kapelle), Marion Gräfin Yorck von Wartenburg (Kreisauer Kreis), Erich Ziegler (Heinz-Kapelle-Gruppe), Erich Wichmann (Beppo-Römer-Gruppe), Robert Havemann (Europäische Union), Änne Saefkow (Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation).Der zweite Sonntag im September Gedenken und Erinnern an die Opfer des Faschismus: Zur Geschichte des OdF-Tages, Broschüre der VVN-BdA, 2011, S. 18.

Seit der Wiedervereinigung 1990 wird der Gedenktag als Tag der Erinnerung und Mahnung begangen.Tag der Mahnung

In einer Reihe von Orten gibt es heute noch eine „Straße der Opfer des Faschismus“ oder einen „Platz der Opfer des Faschismus“, so in Halberstadt, Halle, Nürnberg, Schwerin und Suhl und beim KZ Mittelbau-Dora.

Geheime Komitees in den Konzentrationslagern vor der Befreiung Die ersten Komitees gründeten sich aus den Konzentrationslagern, in denen es organisierten Widerstand gegeben hatte. Insbesondere in Buchenwald, Sachsenhausen und in der V-Waffen-Produktion im Außenlager Dora im Ostharz gab es organisierten Widerstand, dessen Kämpfer auch in großer Zahl überlebt hatten.Elke Reuter, Detlef Hansel: Das kurze Leben der VVN von 1947 bis 1953: Die Geschichte der Verfolgten des Nazi-Regimes in der SBZ und DDR. edition ost, Berlin 1997, ISBN 3-929161-97-4, S. 395. In osteuropäischen Vernichtungslagern wie Sobibor war fast niemand übriggeblieben, oder die Überlebenden hatten sich in den Kriegswirren zerstreut.Thomas Willms: Auschwitz als Steinbruch, Papyrossa Verlag, Köln 2016, ISBN 978-3-89438-622-1.

1947 konstituierten sich ehemalige Häftlinge des KZ Buchenwald als Lagerkomitee, ein Jahr später folgten ihrem Beispiel ehemalige Häftlinge aus weiteren Lagern, sowie aus den Strafeinheiten der Wehrmacht (Einheiten „555“ und „999“). Auch ehemalige Spanienkämpfer der Interbrigaden bildeten ein Komitee.Elke Reuter, Detlef Hansel: Das kurze Leben der VVN von 1947 bis 1953: Die Geschichte der Verfolgten des Nazi-Regimes in der SBZ und DDR. Berlin 1997, ISBN 3-929161-97-4, S. 392f. Die Komitees waren von der VVN unabhängig, arbeiteten jedoch eng mit dieser zusammen, manche traten ihr auch bei. Zu ihren Aufgaben zählten die Rekonstruktion der Geschichte der Lager und Rekonstruktion des „SS-Bestandes und der Häftlingsfunktionskräfte“, die „Rekonstruktion der Geschichte des Widerstandes“ sowie die Pflege der internationalen Solidarität und Zusammenarbeit. Aus den Komitees, die noch in der Zeit des Nationalsozialismus in den Lagern bestanden, formten sich nach Kriegsende die Ausschüsse der Opfer des Faschismus.

Ausschüsse und Komitees der Opfer des Faschismus ab 1945 Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus im Mai 1945 versuchten Tausende Häftlinge in ihre Heimatorte oder Wirkungsstätten zurückzukehren. Schon in den ersten April- und Maitagen bildeten sich in vielen Städten spontan Hilfsausschüsse, um die überlebenden Verfolgten mit Nahrung, Kleidung, Schuhwerk, gesundheitlicher Betreuung und Unterkünften zu versorgen. Teils trugen diese den Namen Ausschüsse der Opfer des Faschismus. Ihr Anliegen und ihre Arbeitsweise waren jedoch ähnlich.Elke Reuter, Detlef Hansel: Das kurze Leben der VVN von 1947 bis 1953: Die Geschichte der Verfolgten des Nazi-Regimes in der SBZ und DDR. Berlin 1997, ISBN 3-929161-97-4, S. 71. Neben der Versorgung der KZ-Überlebenden gründeten sich in manchen Orten wie Leipzig auch Anti-Nazi-Beratungskomitees zur Verfolgung der Täter.Klaus Mammach: Widerstand 1939–1945. Geschichte der deutschen antifaschistischen Widerstandsbewegung im Inland und in der Emigration. Akademie-Verlag, Ost-Berlin 1987, S. 370.

Die Ausschüsse wurden von Nazigegnern und befreiten Häftlingen in allen vier Besatzungszonen gebildet. Anfangs wurden sie von den Militärkommandanturen aller vier Besatzungsmächte anerkannt. In der sowjetischen Besatzungszone bereiteten die Ausschüsse die Gründung der späteren Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) vor, die aus ihnen hervorgehen sollte. In der Nachkriegssituation leisteten die Komitees wichtige Hilfen durch die Bereitstellung von knappen Gütern wie Nahrung, Kleidung und Wohnungen für ihre Mitglieder. Ihnen oblag auch die Überprüfungen der Rechtmäßigkeit der Ansprüche, welche sich oft schwierig gestaltet, da die allermeisten ehemaligen Häftlinge keine offiziellen Papiere erhalten hatten.Elke Reuter, Detlef Hansel: Das kurze Leben der VVN von 1947 bis 1953: Die Geschichte der Verfolgten des Nazi-Regimes in der SBZ und DDR. Berlin 1997, ISBN 3-929161-97-4, S. 76.

Die ehemaligen Verfolgten wurden, sofern möglich, in die Arbeit der Ausschüsse einbezogen und konnten sich so auch wieder politisch organisieren. Hierbei handelte es sich vor allem um politische Häftlinge oder solche, die in den illegalen Lager-Komitees im Untergrund bereits politisch organisiert waren, und ihre politische Arbeit nach Kriegsende wieder öffentlich und legal ausüben konnten.Klaus Mammach: Widerstand 1939-1945. Geschichte der deutschen antifaschistischen Widerstandsbewegung im Inland und in der Emigration, Berlin 1987 S. 364–393.

Selbstverständnis der Ausschüsse In ihrem Selbstverständnis waren sich die Ausschüsse einig, dass ihnen eine gesetzlich geregelte Wiedergutmachung zustand, weil das deutsche Volk „tatenlos zugesehen habe, wie Millionen und Abermillionen in die KZ, in die Zuchthäuser, in die Gefängnisse geworfen und durch die Krematorien gejagt wurden“.Elke Reuter, Detlef Hansel: Das kurze Leben der VVN von 1947 bis 1953: Die Geschichte der Verfolgten des Nazi-Regimes in der SBZ und DDR. Berlin 1997, ISBN 3-929161-97-4, S. 74. Zudem forderten die „politische[n] Kämpfer gegenüber den anderen Deutschen als Täter oder Mitläufer“ eine „gesellschaftliche Anerkennung“ als solche.

Hilfeleistungen an Überlebende Die ersten einheitlichen Regelungen auf Landesebene wurden in Sachsen am 9. und in Thüringen am 14. September 1945 erlassen.Elke Reuter, Detlef Hansel: Das kurze Leben der VVN von 1947 bis 1953: Die Geschichte der Verfolgten des Nazi-Regimes in der SBZ und DDR. Berlin 1997, ISBN 3-929161-97-4, S. 161. Bis zum Herbst des Jahres 1945 wurden in jeder Stadt und Region unterschiedliche Regelungen erlassen, wer Zugang zu welchen Hilfen der Komitees hatte. In Leipzig beispielsweise erhielt jeder „politische Häftling oder Rasseverfolgte“ eine Geldzahlung von 150 beziehungsweise 75 Reichsmark sowie zahlreiche Sachleistungen. Jeder, der zwei Jahre in Haft verbracht und 1945 befreit worden war, erhielt zudem die Lebensmittelkarte für Schwerarbeiter.Jahresbericht 1945/1946 der Kommunalabteilung OdF-Leipzig, Leipzig 1946, In: Klaus Mammach: Widerstand 1939-1945. Geschichte der deutschen antifaschistischen Widerstandsbewegung im Inland und in der Emigration, Berlin 1987 S. 72.

In Berlin erhielten anfangs nur die „aktiven politischen Kämpfer“, die bis zuletzt in Haft waren und hohe Strafen erhalten hatten, den Status Opfer des Faschismus (OdF) und eine Geldzahlung von 450 Reichsmark sowie weitere Hilfen.Landesarchiv Berlin, Rep. (STA) 118, Nr. 1054 In: Reuter/Hansel S. 76f. In Halle waren die Zahlungen nach der Länge der Haftzeit gestaffelt, für sechs Jahre Haft 400 RM, für bis zu 10 Jahre 800 RM, über 10 Jahre 1000 RM. Elke Reuter, Detlef Hansel: Das kurze Leben der VVN von 1947 bis 1953: Die Geschichte der Verfolgten des Nazi-Regimes in der SBZ und DDR. Berlin 1997, ISBN 3-929161-97-4, S. 77.

Suchdienste zur Verfolgung von NS-Verbrechern Direkt nach Kriegsende richteten die OdF-Ausschüsse Suchdienste ein. Darin wurden zum einen verschollene Verwandte und Freunde der OdF gesucht. Es wurde aber auch von Beginn an nach ehemaligen KZ-Wärtern, SS-Leuten, Denunzianten, Zuchthauspersonal und Justizangestellten gesucht. In den Zeitungen Die Tat und Unser Appell gab es dafür die Rubriken „Wir suchen“ und „Wer kennt…“.Elke Reuter, Detlef Hansel: Das kurze Leben der VVN von 1947 bis 1953: Die Geschichte der Verfolgten des Nazi-Regimes in der SBZ und DDR. Berlin 1997, ISBN 3-929161-97-4, S. 380.