mini|Kaiserin Elisabeth I. von Russland, Gemälde von Charles André van Loo, 1760.Elisabeths Unterschrift: rahmenlos|zentriert|160px|klasse=skin-invert-image notpageimage
Jelisaweta Petrowna Romanowa (, wiss. Transliteration: Elizaveta Petrovna Romanova; * in Kolomenskoje bei Moskau; † in Sankt Petersburg) war von 1741 bis 1762 KaiserinIm zeitgenössischen Sprachgebrauch als auch im Ausland blieb es bis 1917 üblich, weiter vom Zaren zu sprechen, und hat sich im Bewusstsein der Nachwelt erhalten. Was man damit traf, war nicht der geltende Würdeanspruch des Kaiserreichs, sondern die Fortlebung der spezifisch russischen Wirklichkeit, in Form des Moskauer Zarenreiches, das als Grundlage des neuen Imperiums diente. Dies führte im 19. Jahrhundert zu einer nicht quellengerechten Begriffssprache in der Literatur und zu einem überkommenen Begriffsapparat in der deutschen Literatur. Siehe: Hans-Joachim Torke: Die russischen Zaren, 1547–1917. S. 8; Ders.: Die staatsbedingte Gesellschaft im Moskauer Reich. Leiden 1974, S. 2; Reinhard Wittram: Das russische Imperium und sein Gestaltwandel. In: Historische Zeitschrift 187, H. 3 (Juni 1959), S. 568–593, 569. von Russland. Unter Elisabeths Herrschaft wurde die Todesstrafe faktisch ausgesetzt. Sie förderte die Barockkünste und die Wissenschaft, betrieb aber auch Günstlingswirtschaft. Während ihrer Herrschaft kämpfte Russland erfolgreich im Siebenjährigen Krieg gegen Preußen. Ihr unerwarteter Tod und die außenpolitische Kehrtwende durch ihren Nachfolger Peter III. war wesentlicher Faktor zur Rettung Preußens vor der Niederlage in diesem Krieg. Mit Elisabeth starb die ursprüngliche Dynastie der Romanows aus.
Leben als Großfürstin mini|Elisabeth als Kind, Gemälde von Ivan Nikitin, um 1712
Jugend Elisabeth wurde 1709 als uneheliches Kind Peters des Großen und Marta Skowrońskas, der späteren Katharina I., in Kolomenskoje geboren. Erst zwei Jahre später, 1711, wurde sie durch die Heirat ihrer Eltern legitimiert und zur Großfürstin erhoben. Die Kindheit verbrachte Elisabeth zunächst in Kolomenskoje. Da die Eltern meist abwesend waren, kümmerten sich russische und finnische Kindermädchen um ihre Erziehung, später gab man sie zusammen mit ihrer älteren Schwester Anna Petrowna und ihrer jüngeren Schwester Natalja Petrowna in die Obhut ihrer Tante Praskowja Fjodorowna Saltykowa, die zumeist in Ismailowo unweit von Moskau residierte. Unter den Fittichen der Tante entwickelte sich Elisabeth zu einer von starken religiösen Gefühlen durchdrungenen Person: strenges Fasten, ständiges Gebet und Wallfahrten gehörten bald zum Tagesablauf. Erst mit acht Jahren erhielt die Großfürstin regelmäßig Schulunterricht. Obwohl Peter der Große mehrere Lehrer zur Ausbildung seiner Kinder anstellte, erlernte Elisabeth hauptsächlich Fremdsprachen von den ausländischen Lehrern (Franzosen, Italienern, Deutschen), um auf ein Leben an einem fremden Hof vorbereitet zu sein, blieb ansonsten aber höchst ungebildet. 1721 wurde Elisabeth für volljährig erklärt – sie war damals 12 Jahre alt. Ausländische Gesandte berichten von der außergewöhnlichen Schönheit der Großfürstin, auch bemerkten sie ihr musikalisches Talent.
Heiratspläne Als Peter der Große sich 1717 in Paris aufhielt, kam zum ersten Mal der Gedanke einer russisch-französischen Heirat auf. 1721 wurden die Pläne konkreter und es begannen sehr komplexe Verhandlungen, die jedoch wegen religiöser Fragen und der unehelichen Herkunft Elisabeths ohne Ergebnis blieben. Als Ersatzkandidaten für Ludwig XV. schlug man von französischer Seite Ludwig von Chartres vor. Der Zar sollte dessen Kandidatur um die polnische Königskrone unterstützen. Die Verhandlungen gestalteten sich wieder außerordentlich schwierig: von französischer Seite beharrte man darauf, die Eheschließung erst zu vollziehen, wenn der Herzog von Chartres zum König von Polen gewählt worden sei. Damit erklärte sich Peter der Große nicht einverstanden – der damalige König von Polen, August der Starke lebte immerhin noch. 1725 starb Peter der Große und Elisabeths Mutter trat als Katharina I. seine Nachfolge an. Katharina I. verlobte Elisabeth mit dem Lübecker Fürstbischof Karl August von Schleswig-Holstein-Gottorf (1706–1727), zu dem die Großfürstin eine aufrichtige Zuneigung fasste. Der geplante Hochzeitstermin musste wegen einer Erkrankung der Mutter jedoch verschoben werden. Katharina I. starb 1727, und 13 Tage später starb der Bräutigam der Großfürstin an den Pocken. Elisabeth beschloss, unverheiratet zu bleiben.
Erbstreitigkeiten Katharina I. hatte den russischen Thron in ihrem Testament Peter II. vermacht. Peter war der Sohn Alexeis (1690–1718), des legitimen Sohns Peters des Großen aus dessen erster Ehe. Da er damals 12 Jahre alt war, leitete Alexander Danilowitsch Menschikow die Regierungsgeschäfte. Würde Peter II. ohne Erben sterben, sollte der Thron nach dem Testament Katharinas I. zunächst an Anna Petrowna und deren Nachkommen, dann an Elisabeth Petrowna und deren Nachkommen fallen. Für die vorläufige Abtretung ihrer Thronrechte an Peter II. sollten die beiden Töchter Peters des Großen reich entschädigt werden. Menschikow konnte die Auszahlung dieser Entschädigung jedoch verhindern. Anna Petrowna verließ daraufhin mit ihrem Gemahl Russland, Elisabeth blieb in sehr bescheidenen Verhältnissen zurück. Um Elisabeth 'unschädlich' zu machen, versuchte Menschikow, sie zu verheiraten, doch setzte sich Elisabeth dagegen zur Wehr und blieb unverheiratet, unterhielt allerdings ein intimes Verhältnis zu Alexander Borissowitsch Buturlin. Als Peter II. von dem Verhältnis erfuhr, verbannte er Buturlin nach Sibirien. Das war ein herber Schicksalsschlag für Elisabeth, das Verhältnis zu Peter II. war fortan gestört. Elisabeth zog sich nach Ismailowo in der Nähe Moskaus zurück und führte dort das einfache Leben einer Gutsherrin. In dieser Zeit schloss sie mit einigen Leuten Freundschaft, die später, als sie Kaiserin geworden war, zu Bedeutung gelangten: Michael Larionowitsch Woronzow (später Vize-, dann Großkanzler), Peter Iwanowitsch Schuwalow (später Senatspräsident), Alexander Iwanowitsch Schuwalow (später Chef der Geheimpolizei) und Armand L’Estocq (ihr Leibarzt). Auch hatte Elisabeth, ähnlich wie ihr Vater, keine Scheu, sich unter das einfache Volk zu mischen – besondere Freude empfand sie dabei, Kinder niederer Herkunft bei der Taufe zu halten. Das blieb auch später so, sie war eine der volkstümlichsten Herrscherinnen Russlands.
Exiljahre Nach dem plötzlichen Tod Peters II. 1730 war Elisabeth nach dem Testament ihrer Mutter Katharina I. die rechtmäßige Thronerbin. Die Großfürstin hätte ihr Leben in Ismailowo aufgeben und nach Moskau, wo sich zu der damaligen Zeit der Hof aufhielt, fahren müssen, um ihre Thronrechte geltend zu machen. Aber sie unternahm nichts, obwohl ihre Freunde und vor allem ihr Leibarzt L’Estocq sie drängten. So konnte es geschehen, dass der Oberste Geheime Rat, der ebenfalls von Katharina I. ins Leben gerufen worden war, ihre Halbcousine Anna Iwanowna, die Herzogin von Kurland, zur russischen Kaiserin erwählte. Die Historiker rätseln, warum Elisabeth sich damals nicht auf den Thron gesetzt hat. Sie selbst äußerte dazu: „Ich bin froh, es nicht getan zu haben, ich war zu jung und mein Volk hätte mich nicht akzeptiert.“ mini|Alexei Rasumowski Während der Herrschaft Anna Iwanownas lebte Elisabeth weiterhin meist fern vom Hof in Ismailowo oder in Saarskaja Mysa, dem späteren Zarskoje Selo. Sie beschäftigte sich dort hauptsächlich mit der Jagd, für die sie eine außerordentliche Leidenschaft hegte, oder mit der Aufführung von Theaterstücken. Die Theaterstücke karikierten oft das Leben am Hof Anna Iwanownas. Das forderte den Argwohn der Kaiserin heraus, die die Großfürstin mit einem Netz von Spitzeln umgeben und einige Personen aus der Umgebung der Großfürstin entfernen ließ. Immer wieder musste Elisabeth demütige Bittgesuche an Anna Iwanowna richten und um Gnade für ihre Untergebenen bitten. Zu offiziellen Anlässen erschien Elisabeth jedoch demonstrativ bei Hofe und stellte durch ihre Schönheit und ihren Witz Anna Leopoldowna in den Schatten, die Nichte der Kaiserin, die von ihr zur Thronfolgerin ernannt worden war. Besonders demütigend für Elisabeth war, dass Anna Iwanowna ihren Liebhaber Alexej Schubin, einen einfachen Soldaten, nach Sibirien deportieren ließ und dass ihr wiederholt gedroht wurde, man werde sie „wegen schlechten Betragens“ in ein Kloster sperren, wenn sie nicht bald heiraten würde. Elisabeth blieb aber standhaft und heiratete nicht.
1735 lernte Elisabeth den Mann kennen, der sie fortan ihr ganzes Leben lang begleiten sollte: Alexei Grigorjewitsch Rasumowski, ein Ukrainer einfacher Herkunft, Sänger in der Hofkapelle. Als sie Kaiserin geworden war, hat Elisabeth Rasumowski wahrscheinlich geheiratet. Dies lässt sich aber nicht beweisen, einziges Indiz ist ein kleines Doppelporträt mit der Aufschrift: „Das Geheimnis ist gesegnet.“
Nach dem Tode Anna Iwanownas gelangte nicht ihre Nichte Anna Leopoldowna auf den Thron, sondern deren Sohn Iwan VI. Anna Leopoldowna setzte allerdings schon nach wenigen Wochen Biron, den Anna Iwanowna zum Regenten ernannt hatte, ab und übernahm selbst die Regierungsgeschäfte. Als Biron im November 1740 verhaftet wurde, tauchte im einfachen Volk das Gerücht auf, man handle im Namen von Elisabeth, die nun beschlossen hätte, sich auf den Thron zu setzen, und es kam zu einer spontanen Bewegung zugunsten der Großfürstin. Fortan hatte Anna Leopoldowna regelrecht Angst vor Elisabeth. Während die Regentin, eine Tochter eines deutschen Fürsten, oft wochenlang für die Öffentlichkeit unsichtbar blieb, zeigte sich die Großfürstin überall in der Hauptstadt.
Staatsstreich mini|links|Elisabeth Petrowna, Gemälde von Virgilius Eriksen
Das Volk war unzufrieden mit dem neuen Kaiser Iwan VI. Elisabeth konnte die Opposition um sich sammeln. Besonders die Garderegimenter waren ihr treu ergeben. Sie stilisierte sich zur Tochter Peters des Großen, die gekommen sei, Russland von der „Fremdherrschaft“ zu befreien. Auch ausländische Mächte waren an einer Thronbesteigung Elisabeths interessiert, allen voran Frankreich und Schweden. Würde man Elisabeths Thronansprüche unterstützen, so hoffte man, sie zur Rückgabe der von Peter dem Großen eroberten Gebiete in Osteuropa bewegen zu können – Russland sollte wieder in seine alten Grenzen zurückgedrängt werden. Die Verhandlungen, welche die ausländischen Mächte mit Elisabeth führten, gingen vor allem über Jacques Joachim Trotti de la Chétardie, den französischen Gesandten in Russland. Auf Drängen Chétardies und L’Estocqs hatte sich Elisabeth zwar mündlich zu weitgehenden Zugeständnissen gegenüber Schweden bereiterklärt, doch zur selben Zeit äußerte Elisabeth im intimen Kreis: „Bevor ich meine Krone um diesen Preis kaufe, verzichte ich lieber darauf, zu regieren.“ Die Großfürstin beschloss, den Staatsstreich ohne ausländische Hilfe durchzuführen. Um Frankreich und Schweden zu täuschen, führte sie die Verhandlungen mit Chétardie jedoch weiter fort.