mini|Open-Educational-Resources-Logo der UNESCO von 2012
Als Open Educational Resources (, kurz OER) werden freie Lern- und Lehrmaterialien bezeichnet, die unter einer offenen Lizenz wie etwa Creative Commons oder GNU General Public License (in Anlehnung an den englischen Begriff für Freie Inhalte (open content)) veröffentlicht und damit für alle Interessierte zur Nachnutzung bereitgestellt werden. Freie Lehrmaterialien sind wichtige Grundlage für Open Education und als solche Bestandteil von Open Science.
Zentrale Grundlage von Open Educational Resources sind die sogenannten 5R-Freiheiten, die beschreiben, welche Nutzungsrechte OER gewähren. Diese umfassen das Recht, Materialien zu behalten (retain), zu verwenden (reuse), zu verändern (revise), zu vermischen (remix) sowie weiterzuverbreiten (redistribute). Erst durch diese umfassenden Nutzungsrechte unterscheiden sich OER von lediglich frei zugänglichen, aber rechtlich eingeschränkten Bildungsinhalten.
Das Konzept von OER kann als eine neue Art der Informationserstellung und -(ver-)teilung im Bildungsbereich verstanden werden. Es ist eine verstärkte Integration von OER im Bereich der internetbasierten Wissensvermittlung sowie in der Fern- und Hochschullehre zu beobachten.unesdoc.unesco.org UNESCO (2011), abgerufen am 13. Juli 2013 Insbesondere im Bereich der Social Media ist eine zunehmende Verbreitung von OER zu erkennen. Auf diese Weise erhoffen sich Autoren von OER einen stärkeren Verbreitungsgrad ihrer Inhalte sowie eine damit einhergehende steigende Reputation.
Die Motivation der Befürworter reicht von der Zähmung des monopolistisch geprägten Buchmarktes bis zur Vision der Schaffung einer Bildungswelt, in der jeder Mensch auf der Welt Zugang zum global aggregierten Wissen hat. Eine große Hoffnung im Zuge der Verbreitung von OER ist der Ausgleich der globalen Unterschiede hinsichtlich des Zugangs zu digitalen Medien und Bildung. Insbesondere wenig entwickelte Länder sollen von dem Zugang und der Nutzung der OER profitieren.
Trotz der zahlreichen Vorteile von Open Educational Resources werden Herausforderungen und Kritikpunkte diskutiert. Dazu zählen unter anderem Fragen der Qualitätssicherung, der Nachhaltigkeit von OER-Projekten sowie der fehlenden institutionellen Anerkennung für Autorinnen und Autoren. Zudem erschweren unterschiedliche Lizenzmodelle und mangelnde rechtliche Kenntnisse teilweise die Nachnutzung und Weiterverarbeitung von OER.
Überschneidungen gibt es zu Open Access, das den freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen meint, nicht immer sind OER und Open Access klar voneinander zu trennen.
Begriff Der Begriff wurde erstmals vom UNESCO 2002 Forum on the Impact of Open Courseware for Higher Education in Developing CountriesUNESCO: Forum on the Impact of Open Courseware for Higher Education in Developing Countries – Final Report, Paris, 2002, S. 24 verwendet. Als OER können sowohl freie Lernmaterialien als auch freie Software begriffen und verstanden werden.
Die unterschiedlichen Definitionen und Verständnisse von OER beinhalten nach Geser (2007) folgende Merkmale: „dass der Zugang zu freien Inhalten (einschließlich der Metadaten) für Bildungsinstitute, so genannte ‚Content Services‘ sowie Endverbraucher wie Lehrer, Schüler und Studenten und lebenslang Lernende kostenlos ist; dass Inhalte weniger restriktiv für die Weiterverbreitung zu Bildungszwecken lizenziert werden, so dass sie nach Möglichkeit verändert, kombiniert und in anderem Zusammenhang wiederverwendet werden können; folglich, dass Inhalte idealerweise unter Verwendung von offenen Standards und Formaten so gestaltet werden, dass sie einfach wiederzuverwenden sind; dass für Lernsysteme/-werkzeuge eine Software benutzt wird, deren Quellcode zugänglich ist (also eine Open-Source-Software) und dass offene Schnittstellen (open APIs) und Genehmigungen für die Weiterverbreitung von webbasierten Diensten sowie Inhalten vorhanden sind.“Guntram Geser: Open Educational Practices and Resources: OLCOS Roadmap 2012. Open eLearning Content Observatory Services (OLCOS). Salzburg Research, EduMedia Group, Salzburg Januar 2007, S. 20.
Die „William and Flora Hewlett Foundation“ definiert OER wie folgt: OER sind frei zugängliche Lehr-, Lern- und Forschungsressourcen, die gemeinfrei sind oder auf Basis freier Lizenzen die Verwendung und Veränderung erlauben. Open Educational Resources umfassen vollständige Kurse, Kursmaterialien oder -aufgaben, Lehrbücher, Videos oder Anwendungsprogramme sowie andere Werkzeuge, Materialien oder Techniken, die genutzt werden, um den Wissenserwerb zu unterstützen.
OER können aus unterschiedlichsten digitalen Inhalten und Formaten bestehen. Lerninhalte können z. B. Onlinekurse, Kursmaterialien, Open Textbooks, Aufgabensammlungen oder Zeitschriften etc. sein.
Geschichte Der Begriff der Open Educational Resources ist vor dem Hintergrund der sozialen Bewegung des Open Source entstanden, die seit den 1960er und dann verstärkt seit den 1970er Jahren die Offenlegung, die Weitergabe und das Studium der Quelltexte von Software forderte. Die Hacker-Kultur, die unter den Programmierern am Massachusetts Institute of Technology gediehen war, führte zur Gründung des GNU-Projekts und schließlich Anfang der 1990er Jahre zur Veröffentlichung des freien Betriebssystems Linux. In den 1990er Jahren entstand zudem die Open-Access-Bewegung, die sich für den offenen Zugang zu wissenschaftlicher Literatur einsetzte, insbesondere wenn diese Ergebnisse aus Forschungsprojekten enthalte, welche aus öffentlichen Mitteln finanziert worden waren.Katja Mruck, Günter Mey, Peter Purgathofer, Sandra Schön, Nicolas Apostolopoulos: Offener Zugang. Open Access, Open Educational Resources und Urheberrecht. Seite 3. In: Martin Ebner, Sandra Schön (Hrsg.): L3T – Lehrbuch für Lehren und Lernen mit Technologien. Epubli. Berlin. 2011. ISBN 978-3-8442-0437-7 Der nächste Schritt in dieser Richtung war die bildungspolitische Forderung nach Open Education, wonach Bildung als solche frei verfügbar zu machen sei. Im Jahr 2001 startete die Wikipedia zur gemeinschaftlichen Erstellung einer Online-Enzyklopädie.
Vorreiter bei freien Inhalten im akademischen Bereich war das MIT-OpenCourseWare-Projekt, in dessen Rahmen seit 2002 Lehr- und Lerninhalte aus der Hochschullehre vom Massachusetts Institute of Technology unter einer freien Lizenz online veröffentlicht werden.Eine Chronologie der Entwicklung von OER findet man etwa bei: Mirjam Bretschneider, Jöran Muuß-Merholz, Felix Schaumburg: Open Educational Resources für Schulen in Deutschland. Whitepaper zu Grundlagen, Akteuren und Entwicklungsstand im März 2012. Erstellt im Auftrag des Internet & Gesellschaft Co:llaboratory. Anhang 2. Seite 29 ff. (abgerufen am 6. Juni 2013).
Als visualisierte Darstellung der OER-Entwicklung im deutschen Kontext kann zudem die Timeline des SynLLOER-Projekts der Universität Hamburg dienen, die unter https://synlloer.blogs.uni-hamburg.de/timeline-development-of-oer-in-germany/ abrufbar ist. Dieses Angebot ließ die UNESCO insbesondere mit Blick auf die Bedürfnisse von Entwicklungsländern bewerten. Der abschließende Bericht des Forum on the impact of open courseware for higher education in developing countries führte seinerzeit den Begriff der Open Educational Resources ein. Als alternative Bezeichnungen wurden die Begriffe open courseware, open learning resources und open learning/teaching resources empfohlen.UNESCO (Hrsg.): Forum on the Impact of Open Courseware for Higher Education in Developing Countries: Final report. Paris, 1-3 July 2002, S. 24 (abgerufen am 13. Mai 2013). Der Bericht zählte vier Merkmale auf, die OER auszeichnen:
Die allgemeine Vision, freien Zugang zu dem Lernmittel zu gewähren mit der Möglichkeit, es zu bearbeiten. Die Methode der Verteilung über Informations-/Kommunikationstechnologie. Die Zielgruppe: Eine divers zusammengesetzte Gruppe von Benutzern. Der Zweck: Die Bereitstellung einer didaktischen, nichtkommerziellen Ressource.
Im Vordergrund standen damals also insbesondere die Vorteile für ärmere Länder, die sich daraus ergeben, dass Lernmittel in Form von digitalen Medien mit vergleichsweise niedrigen Kosten verfügbar geworden waren. Man stellte sich enthusiastischSusan D’Antoni: Open Educational Resources: reviewing initiatives and issues. In: Open Learning: The Journal of Open and Distance Learning. 24, 2009, S. 3–10, doi:10.1080/02680510802625443 eine „weltweite Gemeinschaft von Lehrern“ vor, die gemeinsam Lernmittel entwickeln und untereinander austauschen, und die eine wertvolle Ressource erstellen und pflegen, ähnlich wie das UNESCO-Welterbe.UNESCO (Hrsg.): Forum on the Impact of Open Courseware for Higher Education in Developing Countries: Final report. Paris, 1-3 July 2002, S. 28 (abgerufen am 13. Mai 2013).
Dieser Ansatz traf seinerzeit auf zwei Trends: Zum einen nahm die Bedeutung digitaler Medien für den Fernunterricht immer mehr zu. E-Learning, Blended Learning bzw. bimediales Lernen entstanden. Zum anderen nahm das Interesse am Einsatz digitaler Medien auch im Unterricht an Schulen und Hochschulen stetig zu. Das ZUM-Wiki wurde 2004 gegründet; 2006 folgte das ZUM-Grundschulwiki. In diesem Jahr wurden auch die Projekte Wikiversity und WikiEducator ins Leben gerufen.
Im Jahr 2007 stellte die OECD, die sich eher am Rande mit Open Educational Resources beschäftigt, fest, das Interesse an OER sei im Wachsen begriffen, und gab Empfehlungen für die weitere Verbreitung von OER auf nationaler und internationaler Ebene. Die Untersuchung hob den Nutzen von OER für eine Reihe von Nutznießern hervor, darunter die Ersparnis öffentlicher Mittel und die Förderung lebenslangen Lernens.OECD (Hrsg.): Giving Knowledge for Free: The Emergence of Open Educational Resources. 2007. S. 118–125, 118 (abgerufen am 13. Mai 2013).
Die entstehende „OER-Bewegung“ fand ihre politische Form in der Cape Town Declaration, die im Jahr 2008 bei einem Treffen von Aktivisten verabschiedet wurde: Lehrer und Lernende wurden dazu aufgerufen, sich der OER-Bewegung anzuschließen, Regierungen und Bildungseinrichtungen sollten auf freie Lernmittel setzen.Cape Town Open Education Declaration: Unlocking the promise of open educational resources. 2008 (abgerufen am 19. Mai 2013; die Konferenz fand am 14./15. September 2007 statt). Zu den Unterzeichnern zählen viele zivilgesellschaftliche Akteure, darunter auch die Wikimedia Foundation, Wikimedia Deutschland,Michail Jungierek: Wikimedia Deutschland unterzeichnet Cape Town Open Education Declaration. In: Wikimedia Deutschland. Blog. 25. Januar 2008 (abgerufen am 19. Mai 2013). Wikimedia France, Wikimedia Polska und Wikimedia UK. Die Ziele der Cape Town Declaration wurden 2012 auf dem ersten UNESCO-WeltkongressDeutsche UNESCO-Kommission: UNESCO-Weltkongress verabschiedet Erklärung zu Open Educational Resources, Juli 2012, abgerufen am 21. Februar 2018. zu Open Educational Resources in der Pariser Erklärung aufgegriffen und weiter ausgeführt.2012 Paris OER Declaration. 2012 World Open Educational Resources (OER) Congress. UNESCO, Paris, 20.–22. Juni 2012 (abgerufen am 19. Mai 2013). Im September 2017 veranstaltete die UNESCO gemeinsam mit der slowenischen Regierung einen zweiten OER-Weltkongress,2nd World Open Educational Resources (OER) Congress, abgerufen am 21. Februar 2018. auf dem der OER-Aktionsplan von Ljubljanahttps://www.unesco.de/fileadmin/medien/Dokumente/Bildung/OER-Aktionsplan_von_Ljubljana_DUK_%C3%9Cbersetzung_final.pdf OER Aktionsplan von Ljubljana (deutsche Übersetzung) (abgerufen am 21. Februar 2018). beschlossen wurde. Er fordert in 41 Handlungsempfehlungen eine breitere Verankerung von OER in der Bildungspolitik und -praxis.