Geschlechtergerechte Sprache (oft auch kurz Gendersprache genannt) bezeichnet einen Sprachgebrauch, der in Bezug auf Personenbezeichnungen die Gleichbehandlung von Frauen und Männern und darüber hinaus aller Geschlechter zum Ziel hat und die Gleichstellung der Geschlechter in gesprochener und geschriebener Sprache zum Ausdruck bringen will.

Als Personenbezeichnung werden dabei alle sprachlichen Mittel verstanden, die sich in ihrer inhaltlichen Bedeutung (Semantik) auf einzelne Personen, auf gemischtgeschlechtliche Gruppen oder auf Menschen im Allgemeinen beziehen (Referenz auf Außersprachliches). Um zu verdeutlichen, dass neben weiblichen und männlichen (siehe binäre Geschlechterordnung) auch nichtbinäre Personen einbezogen werden, setzt sich zunehmend die Bezeichnung gendergerechte Sprache durch, auch gendersensible, diskriminierungssensible, genderinklusive oder inklusive Sprache (vergleiche Soziale Inklusion und Diversity Management). Die Anwendung geschlechtergerechter Sprache wird auch kurz als „Gendern“ bezeichnet und nutzt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: einerseits die Sichtbarmachung der Geschlechter durch entsprechende Bezeichnungsformen (sexusbezogen: Lehrerinnen und Lehrer, Lehrer*innen), andererseits die Neutralisierung von Geschlechtlichem (sexusneutral: Lehrkräfte, Lehrende).

Geschichte Auf Basis feministischer Sprachkritik seit der Mitte der 1970er Jahre erschienen im deutschsprachigen Raum 1980 die ersten Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs, zusammengestellt von vier Sprachwissenschaftlerinnen, die zu den Gründerinnen der Feministischen Linguistik gehören. Die Wortwahl „sexistisch“ bezogen sie dabei auch auf ein beobachtetes sprachliches Ungleichgewicht (Asymmetrie): Bei Personenbezeichnungen, die in paariger Form vorliegen (Lehrer/Lehrerin), wird die grammatisch feminine Form ausschließlich für Frauen verwendet, während die maskuline Form einerseits spezifisch für männliche Personen, in anderen Zusammenhängen aber verallgemeinernd für Personen aller Geschlechter (generisches Maskulinum: alle Lehrer) verwendet wird. Diese Sprachgewohnheit wird als Diskriminierung kritisiert, weil bei der Beschreibung gemischtgeschlechtlicher Gruppen nur Maskulinformen erscheinen (aus 99 Lehrerinnen plus 1 Lehrer werden 100 Lehrer). Hierdurch würden Frauen sprachlich „unsichtbar“ bleiben, sie seien beim generischen Maskulinum „nur mitgemeint“; außerdem würden beim generischen Gebrauch von Maskulinformen häufig männliche Bilder assoziiert (mentale Repräsentation). In der Folgezeit wurden zahlreiche Vorschläge für geschlechtergerechte Sprech- und Schreibweisen erarbeitet und in Richtlinien, Leitfäden und Gesetzen festgehalten, mit der erklärten Absicht einer „sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen und Männern“. Insbesondere nach der rechtlichen Anerkennung der Geschlechtskategorie „divers“ im Jahr 2018 in Deutschland und 2019 in Österreich änderte sich die Zielsetzung zur „sprachlichen Gleichbehandlung aller Geschlechter“ (gendergerecht). Seit den Anfängen gibt es kritische Stimmen zu den Konzepten, insbesondere wenn sie in das Sprachsystem oder die Orthographie eingreifen.

In anderen Sprachen werden unterschiedliche Aspekte von sprachlicher Geschlechtergerechtigkeit diskutiert, so steht im Englischen seit 1973 der Aspekt der Genderneutralität im Vordergrund, während in Frankreich erst seit Mai 2021 für Frauen eigene Berufs- und Funktionsbezeichnungen in femininer Form offiziell empfohlen werden.

Deutsche Sprache Grundlagen

Grundbegriffe: Genus und Sexus bei Personenbezeichnungen Das Deutsche gehört zu den Sprachen, die Substantiven (Hauptwörtern, Nomen) ein grammatisches Geschlecht zuweisen (fachsprachlich das Genus, Mehrzahl Genera). Das Genus (von lateinisch genus „Art, Gattung, Geschlecht“, in Anlehnung an altgriechisch γένος génos) ist eine in vielen Sprachen vorkommende Klassifikation von Substantiven. Mit dem Genus muss die Wortform anderer Wörter übereinstimmen, die sich auf das Substantiv beziehen, im Deutschen beispielsweise die Form von Artikeln, Adjektiven und Pronomen. Man bezeichnet diese regelhaften Übereinstimmungen als Kongruenz. Im Deutschen gibt es drei grammatische Geschlechter: das Maskulinum, das Femininum und das Neutrum. Trotz gleichlautender Bezeichnung ist das „grammatische Geschlecht“ nicht gleichzusetzen mit dem „natürlichen“ Geschlecht (in der Linguistik Sexus genannt).

Während die grammatische Kategorie Genus als „Sortierungsverfahren“Gisela Zifonun: Das Deutsche als europäische Sprache. Berlin 2021, S. 153 (Kapitel: Sortierung und Diskriminierung: Genus, Sexus und Gender). für die Beziehung von Wörtern im Satz steht, erfassen Begriffe wie Sexus und Gender das natürliche bzw. soziale Geschlecht von Menschen. Es stehen verschiedene sprachliche Möglichkeiten bereit, auf das Geschlecht von Personen zu verweisen. Ein solches Bedeutungselement kann beispielsweise fest im einzelnen Wort, also lexikalisch verankert sein: So bezeichnet das Wort „Bruder“ eine Person in einem geschwisterlichen Verwandtschaftsverhältnis, die männlich ist; das Wort „Schwester“ eine Person, die weiblich ist. In der Bedeutungslehre (Semantik) spricht man von Semen: „Bruder“ hat die Seme [Geschwister] und [männlich], „Schwester“ die Seme [Geschwister] und [weiblich], bei dem Oberbegriff „Geschwister“ fehlt das sexusbezogene Sem. Es gibt also sexusspezifische und sexusneutrale (sexusindifferente) Wörter. Anders ausgedrückt: Es gibt Wörter, die auf das Geschlecht einer Person verweisen und Wörter, bei denen dies nicht der Fall ist. Sexus kann im Deutschen auch durch die Wortendung markiert werden: Eine „Lehrerin“ (movierte Form von Lehrer) ist eine weibliche Lehrkraft. Durch das Suffix -in erhält das Wort das Sem [weiblich].Siehe etwa den Eintrag „-in“ im DWDS (dwds.de).

Ein innerhalb der Linguistik kontrovers diskutiertes Thema ist die Beziehung zwischen Genus und Sexus und die Frage, wie eng diese Kategorien miteinander verknüpft sind. Einigkeit besteht in der Einschätzung, dass es sich hierbei grundsätzlich um zwei getrennte Kategorien handelt. Dennoch lassen sich zahlreiche Genus-Sexus-Kongruenzen etwa im Bereich der oben aufgeführten Verwandtschaftsbeziehungen (Bruder/Schwester, Vater/Mutter, Onkel/Tante etc.) beobachten.

Vom Sexus ausgehend (Sexus-Genus-Relation) gibt es „bei Bezeichnungen für erwachsene Personen“ laut Gisela Zifonun bis auf wenige Ausnahmen „eine klare Korrelation“: Weibliche Personen werden meist durch Feminina bezeichnet, männliche durch Maskulina.Gisela Zifonun: Das Deutsche als europäische Sprache. Berlin 2021, S. 154

Bei der vom Genus ausgehenden Genus-Sexus-Relation hingegen ist die Sachlage deutlich komplexer: Keine Beziehungen zwischen Genus und Sexus gibt es etwa bei Wörtern wie „der Mensch“, „die Person“ und „das Opfer“. Diese werden Epikoina genannt und sind geschlechtsunspezifische Nomina, die nur ein Genus aufweisen und nicht movierbar sind. Diese Maskulina, Feminina und Neutra können auf alle Geschlechter referieren. Bei dieser Art von Nomen gibt es keine Genus-Sexus-Kongruenz.

+ Beispiele Genus Sexusspezifische Wörter mit Genus-Sexus-Kongruenz Epikoina (sexusindifferent) feminin (die) Schwester, Mutter, Frau, Tante, Tochter Person, Wache, Waise, Geisel, Koryphäe, Fachkraft maskulin (der) Bruder, Vater, Mann, Onkel, Sohn Mensch, Fan, Star, Champion, Profi, Flüchtling, Prüfling neutral (das) Kind, Mitglied, Opfer, Genie, Individuum

Auch bei vielen maskulinen Personenbezeichnungen ist eine geschlechtsneutrale Verwendung zu beobachten. Es handelt sich meist um Wörter, für die es eine feminine Ableitung gibt; diese wird durch Movierung aus dem Maskulinum gebildet (Lehrer → Lehrer-in). Diese movierbaren Maskulina werden je nach Kontext sexusspezifisch oder sexusneutral genutzt, weshalb sie auch als polysem (mehrdeutig) bezeichnet werden. Im Fall der sexusneutralen Nutzung spricht man vom generischen Maskulinum, bei dem keine Genus-Sexus-Kongruenz vorliegt. Auch Pronomen wie jeder, keiner, niemand werden oft generisch verwendet.

+ Beispiele Generische Maskulina (sexusindifferent) Sexusspezifische movierbare Maskulina „Ich muss dringend zum Arzt.“ „Der Kunde ist König.“„Kein Lehrer lässt so etwas durchgehen.“ „Ich lade alle meine Freunde ein.“ „Die Franzosen haben gewählt.“ „Wieviel Einwohner hat Bremen?“ „Es melden sich immer weniger Schüler bei uns an.“ „Man weiß das als Segler.“ „Frau Meyer und Herr Müller sind Lehrer.“ „Frauen sind die besseren Autofahrer.“„Unsere beiden Experten für solche Fälle sind Lydia und Sven.“„Anton ist Pilot, Maria auch.“Komposita: Bürgersteig, Wählerverzeichnis, Lehrerzimmer, Meisterprüfung, FührerscheinPronomen: keiner, jeder, niemand, man Suffigierungen: meisterhaft, aufklärerisch, bürgerlich „Ich kann dir meinen Augenarzt empfehlen.“„Diesen Bericht hat unser Korrespondent in New York verfasst.“„Herr Weber ist schon lange Kunde bei uns.“ „Der Verkäufer blickte mich erwartungsvoll an.“ „Der Polizist schwenkte eine gelbe Fahne.“ „Einer meiner Freunde feiert seinen Junggesellenabend.“ „Diesjähriger Preisträger ist der Franzose Jacques Poirot.“ „In der 6. Klasse gibt es oft Reibereien zwischen Schülern und Schülerinnen.“„Noch immer verdienen Ärzte mehr als Ärztinnen.“ „Alice ist die beliebteste Lehrerin. Bob ist der beliebteste Lehrer.“ „Wir haben viel mehr Lehrerinnen als Lehrer an unserer Schule.“

Feministische Sprachkritik Der geschlechtsübergreifende Gebrauch von männlichen bzw. maskulinen Personenbezeichnungen und Pronomen wurde zunächst ab 1973 in der englischen Sprache kritisch untersucht (siehe unten). Mitte der 1970er-Jahre begannen Sprachwissenschaftlerinnen auch die deutsche Sprache in Bezug auf Elemente zu untersuchen, die in androzentrischer Weise den Mann und das Männliche sprachlich als Norm erscheinen lassen. Das Thema „Sprache und Geschlecht“ fand Eingang in Veranstaltungen an deutschsprachigen Hochschulen.

Im Jahre 1978 erschien der Band einer sprachwissenschaftlichen Zeitschrift zu diesem Thema sowie der Artikel Linguistik und Frauensprache von Senta Trömel-Plötz mit der Kritik an einer männlich geprägten Sprache („Männersprache“), die bis in die grammatischen Strukturen hinein die Sichtbarkeit von Frauen einschränke und sie immer nur "mitmeine".Senta Trömel-Plötz: Linguistik und Frauensprache. In: Linguistische Berichte. Band 57, Braunschweig 1978, S. 49–68; Nachdruck in: Heinz Sieburg (Hrsg.): Sprache – Genus/Sexus. Lang, Frankfurt/M. u. a. 1997, ISBN 3-631-32494-4, S. 235–257. Der geschlechterübergreifende Gebrauch von Maskulinformen wurde als sprachliche Asymmetrie kritisiert; bald kamen gesellschaftspolitische Forderungen nach einer sprachlichen Gleichbehandlung beider Geschlechter auf. Aus dieser feministischen Sprachkritik gingen Vorschläge für eine Modifikation des Sprachgebrauchs hervor, aus denen das Konzept einer „geschlechtergerechten Sprache“ entstanden ist.

Im Jahre 1979 wurde die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau beschlossen; im selben Jahr hielt Trömel-Plötz ihre Antrittsvorlesung an der Universität Konstanz über die Feministische Linguistik als Forschungsbereich zu „Sprache und Geschlecht“. Im Jahre 1980 erschienen die Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs, die von ihr zusammen mit den Sprachwissenschaftlerinnen Marlis Hellinger, Ingrid Guentherodt und Luise F. Pusch verfasst wurden. Die Wortwahl „sexistisch“ war im Sinne von „diskriminierend“ gemeint und bezog sich auf verschiedene sprachliche Ungleichbehandlungen. 1987 veröffentlichte die UNESCO unter dem Titel Guide to Non-Sexist Language eigene Leitlinien zur geschlechtsneutralen Sprache.

Streitpunkt Generisches Maskulinum

Das Handbuch geschlechtergerechte Sprache der Sprachwissenschaftlerinnen Gabriele Diewald und Anja Steinhauer bezeichnet im April 2020 das generische Maskulinum als eine weiterhin bestehende „Sollbruchstelle“ der gendergerechten Sprache: