Josef Vallaster (* 5. Februar 1910 in Silbertal, Österreich-Ungarn; † 14. Oktober 1943 im Vernichtungslager Sobibór) war ein österreichischer Nationalsozialist und ab 1940 an den Verbrechen der NS-„Euthanasie“ und des Holocaust beteiligt. Er wurde unter anderem in der NS-Tötungsanstalt Hartheim sowie im Vernichtungslager Sobibór eingesetzt, wo er einen SS-Dienstgrad führte und beim Aufstand von Sobibór von revoltierenden Häftlingen getötet wurde.

Leben Kindheit und Bergbauer in Silbertal mini|Blick auf die Streusiedlung Silbertal in Vorarlberg. (2009)

Josef Vallaster verlor im Alter von sechs Jahren seinen Vater, der 1916 als Soldat des Ersten Weltkrieges in russischer Gefangenschaft starb. Nach der Volksschule arbeitete er zeitweise auf dem Bergbauernhof seines Stiefvaters in Silbertal mit und verdingte sich außerdem als Gelegenheitsarbeiter, wie Holzarbeiter, Senn und Knecht.Wolfgang Weber: Von Silbertal nach Sobibór. Feldkirch 2008, S. 50–56.

Von Zeitzeugen wird er als ein Arbeiter beschrieben, den „man für alles gebrauchen konnte“ und der „unauffällig und harmlos gewesen“ war. Er stand dem nationalsozialistischen Gedankengut nahe und war illegaler Nationalsozialist, wird jedoch in der Personengruppe von festgestellten und abgestraften NS-Aktivisten des Montafons der Jahre 1933/1934 nicht gelistet.

Nachdem die NSDAP am 19. Juni 1933 als Partei verboten wurde, verließ Vallaster am 26. August 1933 Österreich und flüchtete nach Deutschland. Dort wollte er auch seinen bisherigen schlechten finanziellen Verhältnissen entkommen.

Österreichische Legion, Arbeiter in Deutschland In Deutschland wurde Vallaster in die Österreichische Legion aufgenommen und kam von München in das Zentrallager der Legion in Bad Aibling. Am 28. September 1933 wurde ihm „wegen unerlaubten Grenzübertritts nach Deutschland“ vom Bezirk Bludenz seine österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt, wobei der Grund seiner Flucht nicht mit verbotenen nationalsozialistischen Aktivitäten in Verbindung gebracht wurde, sondern als „unbekannt“ galt.Wolfgang Weber: Von Silbertal nach Sobibór. Feldkirch 2008, S. 42–43. Nach dem gescheiterten nationalsozialistischen Putschversuch in Österreich im Juli 1934, dem sogenannten Juliputsch, verlor die Legion ihre Bedeutung, und ihre Mitglieder wurden soweit möglich in Zivilberufen untergebracht. Am 25. August 1935 wurde Vallaster reichsdeutscher Staatsbürger.Wolfgang Weber: Von Silbertal nach Sobibór. Feldkirch 2008, S. 56–57.

Da Vallaster keine Berufsausbildung vorweisen konnte, arbeitete er wieder als Hilfsarbeiter, zunächst 1937 beim Flugplatzbau und im Februar 1938 beim „Baulos 45“ der Reichsautobahn in Kinding in Mittelfranken. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs im März 1938 besuchte er mehrmals Silbertal. Vallaster trat zum 1. Mai 1938 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 6.181.882).Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/23901546 1939 arbeitete er im Wasserwerk Berlin-Friedrichshagen.

„Brenner“ in der Tötungsanstalt Hartheim mini|Das Schloss Hartheim, in dem sich die NS-Tötungsanstalt Hartheim befand. Ebenerdig das von dem Künstler Herbert Friedl gestaltete Symbol für den während der NS-Zeit an diesem Ort befindlichen Holzverschlag. Hier wurden die zur Ermordung vorgesehenen Menschen ins Schloss gebracht bzw. aus den Transportbussen geholt. (2005)

Ab April 1940 wurde Vallaster im Rahmen der Aktion T4 in der NS-Tötungsanstalt Hartheim in Oberösterreich (damals Reichsgau Oberdonau genannt) zunächst als Arbeiter für Umbauarbeiten eingesetzt, wie für den Einbau eines Verbrennungsofens und die Herstellung eines Vergasungsraumes. Ab Mai 1940 war er in der von dem T4-Gutachter Rudolf Lonauer geleiteten Tötungsanstalt an der Vergasung und Verbrennung von behinderten und kranken Menschen beteiligt.Tom Matzek: Das Mordschloss. Auf den Spuren von NS-Verbrechen im Schloss Hartheim. Wien 2002. Zu Vallasters Aufgaben gehörte das Ausbrechen von Goldzähnen.

Vallaster gehörte zu einer Arbeitsgruppe, die als „Brenner“ oder „Heizer“ bezeichnet wurde. Nach späterer Aussage des „Brenners“ Vinzenz Nohel erhielten die Arbeiter eine überdurchschnittliche Entlohnung: Jeden Monat 170 Reichsmark (RM) Nettolohn, dazu 50 RM Trennungszulage bei freier Unterkunft und Verpflegung, 35 RM Erschwernis-Zulage als „Heizer“ und 35 RM Zulage als Schweigeprämie. Zusätzlich gab es eine tägliche Schnapsration von einem Viertel Liter.

Als im Juli 1940 nach einer Vergasungsaktion noch einige Menschen lebten, gab es einen Konflikt mit Vallaster als verantwortlichem „Brenner“. In Abwesenheit des „Euthanasie“-Arztes Georg Renno hatte er den Gashahn zu kurz geöffnet und die Todeswirkung des Giftgases nicht vor Öffnen des Vergasungsraumes (mittels eines Schauloches) überprüft. Die technische Anlage wurde danach geändert, und ein Zähler maß fortan die notwendige Menge des eingesetzten Giftgases Kohlenmonoxid.Walter Kohl: Ich fühle mich nicht schuldig. Georg Renno. Euthanasiearzt. Wien 2000.

Vallaster heiratete im September 1940 Elisabeth Gust, eine Krankenpflegerin des Tötungspersonals. Diese wurde laut späteren Berichten ihres gemeinsamen Sohnes hauptsächlich bei der Transportbegleitung der Opfer in die Tötungsanstalt und beim Ausziehen der Opfer vor der Vergasung eingesetzt. Die Tötungsanstalt hatte ein eigenes Sonderstandesamt, um die große Anzahl von Todesfällen im Ort zu verheimlichen und um den Angehörigen der Opfer den Zugang zu Informationen zu erschweren. Die Trauung von Josef und Elisabeth Vallaster erfolgte im regulären Standesamt der Gemeinde Alkoven, fand jedoch unter Ausschluss sämtlicher Verwandten statt. Die beiden Trauzeugen waren Gertrud Blanke, Oberschwester in der Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart in Linz und gleichzeitig Oberschwester in der NS-Tötungsanstalt Hartheim, und Christian Wirth, Büroleiter der NS-Tötungsanstalt Hartheim. Elisabeth Gust stammte aus Brandenburg und war zuvor als Stationsschwester in der Klinik in Wittstock tätig gewesen, wo sie die gebürtige Wittstockerin Blanke kennengelernt hatte.Wolfgang Weber: Von Silbertal nach Sobibór. Feldkirch 2008.

Als Elisabeth Vallaster 1941 schwanger wurde, beendete sie ihren Dienst in der Tötungsanstalt Hartheim und kehrte in ihre brandenburgische Heimat zurück. 1942 gebar sie dort den Sohn Klaus.

Aufseher und Tod im Vernichtungslager Sobibór Ab 1942 wurde Vallaster wie andere deutsche Beteiligte und Arbeitskräfte aus dem „Euthanasie“-Programm im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ im Generalgouvernement (Polen) eingesetzt, wo er zunächst für kurze Zeit eine Einschulung im zeitlich ersten Vernichtungslager Belzec erhielt. Vallaster trug fortan SS-Uniform und führte einen SS-Dienstgrad, wobei über das Datum seines Eintritts in die SS, seinen anfänglichen Dienstgrad und die SS-Einheiten, denen er angehörte, nichts bekannt ist. In dem nach Kriegsende eingerichteten Berlin Document Center, das inzwischen vom deutschen Bundesarchiv übernommen wurde und das über etwa 60 Prozent der ehemaligen Personalakten der SS verfügt, gibt es keine Unterlagen über Vallaster.Wolfgang Weber: Von Silbertal nach Sobibór. Feldkirch 2008, S. 55. Er war bei der „Aktion Reinhardt“ als SS-Scharführer tätig, wobei nicht auszuschließen ist, dass Vallaster wie andere aus dem T4-Personal bei ihrem Einsatz in den Vernichtungslagern „irgendeine Uniform – hier im Wirkungsbereich der SS naturgemäß eine SS-Uniform – tragen mußte“ und „demnach nur einen Nenn-Dienstgrad der SS“ führte.Adalbert Rückerl (Hrsg.): Nationalsozialistische Vernichtungslager im Spiegel deutscher Strafprozesse: Belzec, Sobibór, Treblinka, Chelmno. 2. Auflage, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1977, , S. 123ff.

mini|Rangierbahnhof von Sobibór, an dem die Häftlingstransporte ankamen. (Foto von 2007)

Die Einschulung in Belzec umfasste das Tragen der SS-Uniform, das richtige Annehmen und Geben von Befehlen, das Tragen und den Gebrauch von Waffen und damit im Zusammenhang den Umgang mit den Trawniki-Männern.

Danach war Vallaster im Vernichtungslager Sobibór als Aufseher tätig und am Massenmord an hauptsächlich jüdischen Menschen aus ganz Europa beteiligt. Kommandant des in der Nähe des Dorfes Sobibór gelegenen Vernichtungslagers war seit September 1942 der SS-Hauptsturmführer Franz Reichleitner, der vorher als Stellvertretender Büroleiter in der Tötungsanstalt Hartheim tätig war und dem Vallaster somit bereits bekannt war. Vallaster beaufsichtigte in Sobibór im Lager III die Vergasung der Opfer und ihre Verbrennung; die Tätigkeit des Verbrennens oblag hier den Arbeitshäftlingen. Insgesamt wird die Zahl der Ermordeten im Lager Sobibór auf 150.000 bis 250.000 Menschen geschätzt.Zahlenangaben unterschiedlich bei: (1) Jules Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. Münster 2003, S. 11. (2) Barbara Distel: Sobibór. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 8: Riga, Warschau, Vaivara, Kaunas, Płaszów, Kulmhof/Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka. C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1, S. 375.

Aus Geheimhaltungsgründen war das Lager III von den anderen Lagerbereichen strikt getrennt und nur über eine Lorenbahn mit dem Lager I verbunden. Vallaster bediente unter anderem als „Maschinist“ eine Schmalspurbahn-Lokomotive und war für diejenigen Loren-Transporte zuständig, mit denen sofort nach Ankunft der Transportzüge im Lager die Toten sowie Gebrechlichen und Alten zu den Verbrennungsöfen transportiert wurden.

Das SS-Lagerpersonal, das überwiegend aus der Aktion T4 stammte, sah die Juden als eine minderwertige Rasse an und betrieb deren „fabrikmäßige“ Ermordung „als tägliche Arbeit“.Vgl. Georg Bönisch u. a.: Der dunkle Kontinent. In: Der Spiegel. Nr. 21/2009, 18. Mai 2009, S. 82ff. Der überlebende KZ-Häftling Yehuda Lerner (der bei der Häftlingsrevolte 1943 den SS-Mann Siegfried Graetschus tötete) berichtete nach dem Krieg, dass die SS-Männer sich Gänse hielten und diese aufscheuchten, wann immer Juden ermordet wurden, um deren Schreie durch das Geschnatter der Gänse zu übertönen.

Am 14. Oktober 1943 fand im Vernichtungslager eine Revolte und Massenflucht von hauptsächlich Kriegsgefangenen jüdischer Herkunft aus Weißrussland unter Führung des kriegsgefangenen sowjetischen Leutnants Alexander Petscherski und von Leon Feldhendler statt.Thomas Blatt: Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór. Berlin 2000. Bei diesem Aufstand von Sobibór wurde Vallaster, wie auch andere SS-Männer, zu einem von den revoltierenden Häftlingen vorher verabredeten Zeitpunkt getötet. Er wurde um 16:00 Uhr mit dem Vorwand von der Lorenbahn weggeholt, er möge in der Schusterwerkstatt seine neuen Stiefel anprobieren. Dort wurde er von den jüdischen Lagerhäftlingen Itzhak Lichtman und dem Schuster Scholem Fleischacker mit einer Axt erschlagen.Jules Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. Münster 2003, S. 32, Anm. 477. Die Tötung erfolgte während der Anprobe und Übergabe der Stiefel an Vallaster, wobei die Häftlinge laut in sein Ohr „brüllen“ mussten, weil Vallaster schwerhörig war. Vallaster bestellte vor seiner Tötung noch Pantoffeln für seine Frau.Richard Rashke: Flucht aus Sobibór. Gerlingen 1998, S. 317. (Gemäß Zeugenaussage, wobei Vallaster als „SS-Scharführer Fallaster“ bezeichnet wurde. Der Name wird in Vorarlberg wie mit „F“ ausgesprochen.)

Von der SS wurden nahezu alle verbliebenen Häftlinge ermordet. Das Lager wurde infolge der Massenflucht bis Ende 1943 aufgegeben. Vallaster wurde am 17. Oktober 1943 auf dem Soldatenfriedhof in Chełm mit militärischen Ehren beerdigt.Jules Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. Münster 2003.

Nachkriegszeit und Aufarbeitung mini|Das ehemalige Kriegerdenkmal in Silbertal, das von der Gemeinde im Juni 2009 entfernt wurde. mini|Steintafel zur Umgestaltung des Kriegerdenkmals (2010) mit Nennung Josef Vallaster