mini|Lagi Solf, 1927 So'oa'emalelagi „Lagi“ Gräfin von Ballestrem (geborene Solf; * 31. August 1909 in Vailima auf Samoa; † 14. September 1955 in Bonn) gehörte dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus an. Gemeinsam mit ihrer Mutter Hanna Solf war sie maßgeblich am Solf-Kreis beteiligt.
Leben Lagi Solf wurde 1909 als erstes Kind von Hanna und Wilhelm Solf, dem Gouverneur der deutschen Kolonie Deutsch-Samoa, bei Apia auf der samoanischen Insel Upolu geboren. Ihren samoanischen Namen erhielt sie aufgrund der Verbundenheit ihrer Eltern zu dem Ort, der Lagis Geburtsstätte war. Ihr Name So'oa'emalelagi war für viele nicht-Samoaner schwer auszusprechen, deshalb wurde er auf „Lagi“ als Kosename verkürzt. Sie hat zwei jüngere Brüder. Infolge der Ernennung ihres Vaters zum Staatssekretär des Reichskolonialamts zog die Familie 1911 nach Berlin. In Tokio, wo der Vater von 1920 bis 1928 als Botschafter stationiert war, erhielt Lagi Hausunterricht.
Als junge Erwachsene veröffentlichte sie im Berliner Tageblatt Reiseberichte über die Bahamas und Bermuda. Sie heiratete 1932 in Berlin den Diplom-Ingenieur Wolfgang Mohr, mit dem sie anschließend nach Shanghai zog. Dort lebte sie auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Da sie offen mit Juden verkehrte bzw. aus ihrer Heimat ausgewanderten jüdischen Deutschen Quartier bot, wurde sie von der deutschen Gemeinschaft in Shanghai gemieden und fiel bereits als NS-Gegnerin auf. Ihre Ehe mit Wolfgang Mohr zerbrach. Sie unterhielt regen Schriftverkehr mit ihren Eltern, mit Walter Simons und Hans von Seeckt, wozu sie einen Code verwendete, der 1943 der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in die Hände fiel.
Nach ihrer Scheidung kehrte sie 1938 aus China nach Berlin zurück. Sie wurde zu einem längeren Verhör vorgeladen, da die deutschen Beamten über ihre „politischen Umtriebe“ unterrichtet waren. Schon damals hatte sie, besonders in Japan regelmäßig vor den Nationalsozialisten und deren Methoden gewarnt. Sie schloss sich der von ihrer Mutter organisierten oppositionellen Teegesellschaft, dem Solf-Kreis, an. Nachdem man sie wieder hatte gehen lassen, versuchte sie, dem Frauenarzt und Schriftsteller Ferdinand Mainzer sowie seiner Frau zur Flucht nach London zu verhelfen, mit beiden war sie eng befreundet. Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges musste sie sich erneut einem Verhör im Hauptquartier der Gestapo stellen, während dieser Zeit stand sie unter der ständigen Beobachtung der Gestapo. Zu Verhör erschien sie mit zwei gefüllten Markttaschen, um selbst in der Zentrale des nationalsozialistischen Geheimdienstes den Hitlergruß vermeiden zu können.
Am 25. November 1940 heiratete sie in zweiter Ehe den Juristen Hubert Graf von Ballestrem (1910–1995), einen Sohn des schlesischen Montanindustriellen und Zentrums-Politikers Valentin von Ballestrem. Ihr Gatte war seit seiner Studienzeit Gegner des Nationalsozialismus und ein Freund Nikolaus Christoph von Halems. In Berlin versuchte Lagi Gräfin von Ballestrem „zu den damals in irgendeiner kleinen Wohnung verborgenen, armseligen jüdischen Damen zu gehen, um sie zu besuchen und ihnen irgendetwas zu bringen“, so Hanna Solf über ihre Tochter.
Zwei Ehepaare, denen Solf und von Ballestrem die Flucht organisierten, wurden verhaftet und verrieten, wahrscheinlich unter Druck, den Namen von Mutter und Tochter. Nachdem die beiden davon erfahren hatten, fürchteten sie das Eintreffen der Gestapo.
Am 10. September 1943 schleuste die Gestapo den Spitzel Paul Reckzeh in ein Treffen bei Elisabeth von Thadden ein, wodurch der Solf-Kreis aufflog. Solf und von Ballestrem waren bei diesem Treffen nur zufällig nicht anwesend gewesen.
Bei den ersten Bombardierungen aus der Luft wurde von Ballestrem ausgebombt. Aufgrund der harten Arbeit bei den Löscharbeiten, bei denen sie bis zur Erschöpfung arbeitete und die doch erfolglos blieben, musste sie sich einer Operation unterziehen. So bald es ihr möglich war, fuhr sie zu ihrer Mutter nach Partenkirchen.
Vier Gestapobeamte und zwei Kriminalbeamtinnen aus Berlin kamen am Morgen des 12. Januar 1944 aus Berlin. Sie durchsuchten stundenlang die kleine Wohnung und nahmen anschließend Solf und von Ballestrem mit nach München ins Gestapohauptquartier. Während ihre Mutter kurz darauf nach Berlin gebracht wurde, blieb von Ballestrem zwei Monate im Gestapogefängnis.
Am 15. März 1944 brachte man sie von München in das KZ Ravensbrück. Bei ihrem kurzen Hofgang am nächsten Tag, hörte sie die Rufe ihrer Mutter, sie waren also im selben Gebäude interniert. Ab und an war es ihnen möglich einige wenige Worte zu wechseln. Von Ballestrem wurde wie die anderen in den nächsten drei Wochen immer wieder verhört, oft in der Nacht und unter wilden Drohungen.
Die Anklageschrift gegen die Mitglieder des Solf-Kreises auf Hochverrat, Wehrkraftzersetzung, „Feindbegünstigung“ und Defätismus. Alle Mitglieder wurden zwei Wochen vor dem Beginn der Verhandlungen nach Berlin gebracht. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 verschärfte sich die Situation erneut. Mitte August bekam von Ballestrem nur noch „Hungerkost“, ein Beamter bekam Mitleid mit ihr und erreichte, dass sie nach einer Woche wieder die normale Ration erhielt. Zwei Wochen wurde sie in eine Kellerzelle gesperrt, anschließend wieder nach oben. Sie wurde im Schmuckdepot eingeteilt und musste es neu organisieren. Während der Haftzeit erhielt sie Unterstützung durch ihre Familie. Ihre Schwägerinnen Anna und Angela Ballestrem und Sabine Solf waren im Briefkontakt mit ihr und sendeten Pakete mit Lebensmitteln, Medikamenten und Dingen des täglichen Bedarfs in das Konzentrationslager Ravensbrück. Sie berichtet davon in erhaltenen Briefen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück, die heute im Familienarchiv aufbewahrt werden.
Am 18. Oktober 1944 wurde sie ins Untersuchungsgefängnis Justizvollzugsanstalt Moabit verbracht. In den nächsten sechs Monaten litt sie unter ständigem Hunger und unter den Bombenangriffen, bei denen die Gefangengen in ihren Zellen bleiben mussten. Sie wartete auf ihre Gerichtsverhandlung, die jedoch wegen eines schweren Bombenangriffs auf Berlin nie stattfand. Ihr Mann, der von der Ostfront im Dezember 1944 zu Weihnachten auf Heimaturlaub geschickt worden war, konnte sie lediglich 15 Minuten besuchen. Schließlich wurde Lagi Gräfin von Ballestrem durch den Einsatz von Ernst Ludwig Heuss am 23. April 1945 aus der Haft entlassen, durch Hungerödeme entstellt und psychisch schwer geschädigt. Sie hatte schwere gesundheitliche Probleme, hatte kein Geld und keine Wohnung. Ihr Mann Hubert Graf von Ballestrem wurde erst im Herbst 1945 aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Er wirkte ab 1946 als Gefängnisfürsorger für die Berliner Caritas.
Gemeinsam mit ihrer Mutter nahm sie 1947 als Zeugin an den Nürnberger Prozessen teil. Hubert Graf von Ballestrem war in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR von 1949 bis 1954 wegen angeblicher Spionage für den Vatikan inhaftiert.
Lagi von Ballestrem starb kinderlos mit 46 Jahren am 14. September 1955 in Bonn, nur ein Jahr nach ihrer Mutter. Ihre Grabstätte auf dem Bonner Südfriedhof wurde eingeebnet. Die Grabplatte befindet sich jetzt auf dem Familiengrab der Grafen v. Ballestrem in Straubing auf dem Waldfriedhof.https://www.ballestrem.de/familie-und-orte/einzelpersonen/lagi/ Ihr Lebensabend war geprägt von Wehmut:
Literatur Tricia Jenkins: Ballestrem-Solf, Countess Lagi (ca. 1919–1955). In: Bernard A. Cook (Hrsg.): Women and War. A Historical Encyclopedia from Antiquity to the Present. ABC-CLIO, Santa Barbara (u. a.) 2006, ISBN 1-85109-770-8, S. 52. Martha Schad: Frauen gegen Hitler. Vergessene Widerstandskämpferinnen im Nationalsozialismus. Herbig, München 2010, ISBN 978-3-7766-2648-3. Erich H. Boehm: We Survived. Fourteen Histories of the Hidden und Hunted in Nazi Germany. Yale University Press, New Haven 1949/Westview Press, Boulder 2003, ISBN 0-8133-4058-6, S. 131–150.
Weblinks Biografie im Ballestremsches Firmen- und Familienarchiv auf ballestrem.de
Einzelnachweise
Kategorie:Person des Solf-Kreises Kategorie:Häftling im KZ Ravensbrück ⚭Lagi Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1909 Kategorie:Gestorben 1955 Kategorie:Frau