Die Trichinellose (auch Trichinose) oder Trichinenkrankheit ist eine durch die Trichinen (eine Gattung der Fadenwürmer) hervorgerufene parasitäre Infektionskrankheit (Parasitose). Sie wird vor allem durch Trichinella spiralis und den Verzehr von rohem Fleisch (meist Schweinefleisch) übertragen. Die Trichinellose unterliegt in der Europäischen Union der Meldepflicht. Sie zeigt sich zumeist unspezifisch in Schwäche, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Später treten Fieber, Muskelschmerzen und Ödeme im Augenbereich auf. In Einzelfällen kann der Herzmuskel befallen werden und die Erkrankung damit tödlich enden.

Verbreitung Die Trichinen sind durch mehrere Arten weltweit verbreitet. Zur Infektion von Menschen kann es nur durch den Verzehr von nicht durcherhitztem Fleisch kommen, das mit Trichinen, vor allem Trichinella spiralis, belastet ist. Vor Einführung des „Reichsfleischbeschaugesetzes“ unter der Federführung des Politikers, Pathologen und TrichinenexpertenRudolf Virchow: Darstellung der Lehre von den Trichinen. Berlin 1864; 2. Auflage unter dem Titel Die Lehre von den Trichinen, ebenda 1866. Rudolf Virchow um 1900 gab es in Deutschland nach Schätzungen etwa 15.000 Erkrankungen jährlich. Durch die Trichinenuntersuchung sank diese Zahl in 50 Jahren auf unter 5 gemeldete Erkrankungsfälle pro Jahr (2016 vier Fälle, 2017 zwei, 2018 kein Fall, 2019 vier, 2020 ein Fall, 2021 zwei und 2022 wurde kein Fall gemeldet, 2023 waren es drei Fälle, ebenso 2024, 2025 wurden zwei Fälle nachgewiesen). Bei den zwischen 2000 und 2009 in Deutschland durchgeführten Trichinenuntersuchungen bei Schweinen wurden lediglich in 4 von etwa 453 Millionen Hausschweinen Trichinen gefunden sowie in 92 von etwa 3,4 Millionen Wildschweinen.Dt. TÄBl., 59, 2011, S. 451.Epidemiologisches Bulletin des Robert Koch-Instituts, 18. Januar 2018; Nr. 3 (PDF; 238 kB).Epidemiologisches Bulletin des Robert Koch-Instituts, 16. Januar 2020; Nr. 3 (PDF; 2,5 MB).

Infektionen in Deutschland können theoretisch nur nach Rohverzehr von Frischfleisch auftreten, das keiner amtlichen Untersuchung unterzogen worden war. Allerdings ist es im Frühjahr 2006 auch nach dem Verzehr von Schweinen im Landkreis Uecker-Randow zu einer Erkrankung von zwei Personen trotz der inzwischen europaweit vorgeschriebenen Untersuchungsmethode gekommen.

Krankheitsentstehung mini|Trichinella spiralis Muskelzysten Aufgenommene Muskelzysten (Trichinenkapseln im Muskelgewebe) werden im Dünndarm aufgelöst und so die darin enthaltenen Larven (Muskeltrichinen, erstmals genau beschrieben von Richard Owen 1835Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 37.) freigesetzt. Die Larven bohren sich in das Dünndarmepithel ein und entwickeln sich innerhalb von 30 Stunden zu adulten Tieren (Darmtrichinen), danach findet die Paarung statt. Im Dünndarm bringen die Weibchen lebendgebärend bis zu 1500 Larven zur Welt. Die Larven bohren sich anschließend durch den Dünndarm und erreichen so die Lymphe oder den Blutstrom. Sie treiben durch den Körper und lassen sich vor allem im quergestreiften gut durchbluteten Muskelgewebe nieder. Befallen werden auch Zwerchfell, Augen und Zunge. Wo sich eine Larve niederlässt, beginnt die Bildung eines Ammenzellnährkomplexes, der infektiös bleibt, solange der Parasit lebt. Ab dem fünften Monat findet im menschlichen Gewebe eine Verkalkung statt, wobei die encystierten Muskeltrichinen vermutlich noch 5 bis 10 Jahre lebensfähig bleiben. Klinische Erscheinungen

Die Inkubationszeit beträgt zwischen fünf und vierzehn Tagen, in Ausnahmefällen bis zu 45 Tage. Die Infektion erfolgt nur durch Verzehr von erregerhaltigem Fleisch. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch kommt nicht vor.RKI-Ratgeber: Trichinellose; Stand vom 3. April 2013; zuletzt abgerufen am 22. März 2025

Der Schweregrad der Erkrankung ist sowohl von der Anzahl der aufgenommenen Parasitenlarven als auch der Unterart der Parasiten und den Abwehrkräften des Wirts abhängig. Die Krankheit kann eine Vielzahl von Krankheitszeichen auslösen und zeigt oft einen sehr unterschiedlichen Schweregrad und unterschiedliche Befallsmuster verschiedener Organe.

Bei stärkerem Befall kann es wenige Tage nach der Erregeraufnahme zu Durchfall und Beschwerden im Bauchraum kommen. Nach etwa einer Woche treten hohes Fieber, Schüttelfrost, starke Muskelschmerzen oder auch Flüssigkeitseinlagerung um die Augenhöhle auf. Diese Symptome zeigen die Wanderung der Parasiten im Körper an. Daneben können auch Hautausschläge, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, trockener Husten, schmerzhafte Bewegungsstörungen der Augen sowie Petechien auftreten.

Lebensgefährliche Krankheitsverläufe können durch eine Entzündung des Herzmuskels mit nachfolgenden Herzrhythmusstörungen, Blutvergiftung, Lungenentzündung, Zerstörung des Nebennierengewebes oder einer Gehirnentzündung auftreten. Der Befall des zentralen Nervensystems kann sich als Psychose, Koma, Krampfanfall oder fokal-neurologisches Defizit zeigen. Untersuchungsmethoden

Der Nachweis der Infektion kann über den Nachweis von Antikörpern aus einer Blutprobe erfolgen. Diese werden meist frühzeitig im Verlauf der Infektion positiv, können aber in seltenen Fällen erst drei bis vier Wochen nach Erkrankungsbeginn nachweisbar sein. Ebenso möglich ist eine Biopsie aus der Brust-, Oberarm- oder Schultermuskulatur. Hierbei können die Parasiten unter dem Lichtmikroskop nachgewiesen werden.

Hinweisend kann eine Vermehrung eosinophiler Granulozyten im Blutbild sein, welche bei vielen Parasitenerkrankungen vorkommt. Diese ist in rund der Hälfte der Fälle nachweisbar. Bei Befall des Herzmuskels lassen sich EKG-Veränderungen feststellen. Beim Befall des Gehirns lassen sich kleine hypodense Areale in der weißen Substanz und der Hirnrinde in der Computertomographie nachweisen.

Meldepflicht In Deutschland ist der Nachweis des Erregers Trichinella spiralis nach Absatz 1 Infektionsschutzgesetz (IfSG) namentlich zu melden, soweit der Nachweis auf eine akute Infektion hinweist. Meldepflichtig sind hierbei die Leitungen der Labore usw. ( IfSG). Nach dem Recht Sachsens§ 1 Abs. 1 Nr. 22 besteht eine namentliche Meldepflicht bezüglich Erkrankung und Tod an Trichinose.

In Österreich ist Trichinose eine anzeigepflichtige Krankheit gemäß Abs. 1 Nr. 2 Epidemiegesetz 1950. Meldepflichtig sind Erkrankungs- und Todesfälle. Zur Anzeige verpflichtet sind unter anderem Ärzte und Labore ( Epidemiegesetz).

In der Schweiz besteht Meldepflicht für Trichinellose in Bezug auf einen positiven laboranalytischen Befund durch Ärzte, Spitäler und andere öffentliche und private Institutionen des Gesundheitswesens. Zudem bei positivem Befund für den Erreger Trichinella spiralis durch Laboratorien. Dies ergibt sich aus dem Epidemiengesetz (EpG) in Verbindung mit der Epidemienverordnung und bzw. der Verordnung des EDI über die Meldung von Beobachtungen übertragbarer Krankheiten des Menschen.

Vorbeugung mini|hochkant|Trichinöses Fleisch In der EU sind für Schweine, Schwarzwild und Pferde die Untersuchung des Fleisches nach der Schlachtung auf die Parasiten gesetzlich vorgeschrieben. Bei Hausschweinen aus Betrieben bei denen aufgrund der Haltungsform Trichinenbefall ausgeschlossen werden kann, kann darauf verzichtet werden. Die Parasiten werden unter dem Mikroskop nachgewiesen. Dabei können durch die Verdauungsmethode bis zu 100 Fleischproben in einem Untersuchungsansatz untersucht werden. Das Fleisch positiver Tiere wird nicht zum Verzehr zugelassen.Trichinenuntersuchung, Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Stand vom 31. Juli 2019; zuletzt abgerufen am 21. März 2025

Man kann eine Abtötung der Larven mit Kochen erreichen, dabei muss das Fleisch auf mindestens 65 °C erhitzt werden. Des Weiteren gilt das Gefrieren als Abtötungsmaßnahme. Jedoch kann die im hohen Norden verbreitete Art T. nativa selbst tiefen Temperaturen lange widerstehen. Räuchern, Pökeln, Salzen und Trocknen sind laut Angaben des Robert Koch-Instituts keine ausreichend wirksamen Maßnahmen zur Larvenabtötung. Vorsicht ist bei Import von Fleisch aus dem Nicht-EU-Ausland geboten, da in manchen Ländern bei Wild, Haus- und Einzelschlachtungen keine obligatorische Fleischbeschau stattfindet. Gegebenenfalls ist eine Beschau durch das Veterinäramt bei der jeweiligen Verwaltungsbehörde nachzuholen und auch zu empfehlen.

2006 ist bei Wildschweinen jedoch eine weitere Form von Trichinen (Trichinella pseudospiralis) aufgetaucht. Sie ist durch reine Trichinoskopie ohne Vorverdauung nicht zu erkennen, da sie im Gegensatz zu den gewöhnlichen Trichinen im Larvenstadium nicht eingekapselt ist.Bundesinstitut für Risikobewertung.

Behandlung Eine möglichst frühe Behandlung steigert die Erfolgschancen. Eingesetzt werden Mebendazol, Albendazol und Tiabendazol. Die Behandlung erfolgt regelhaft für zwei Wochen. Bei schweren Verlaufsformen sind zudem Kortikosteroide in hoher Dosierung indiziert.Heinz Mehlhorn: Die Parasiten des Menschen - Erkrankungen erkennen, bekämpfen und vorbeugen. 8. Auflage, Berlin, 2022, S. 211–215

Forschungsgeschichte mini|hochkant|Joseph Leidy (1823–1891) Die frühesten Berichte, in denen Trichinen beschrieben wurden, stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1821 bemerkte der Heidelberger Anatom und Physiologe Friedrich Tiedemann (1781–1861) bei der Sektion einer Leiche „… in den meisten Muskeln, vorzüglich an den Extremitäten, weiße, steinige Konkremente. Sie lagen zwischen den Faserbündeln im Zellgewebe; häufig auch an den Wänden der Arterien, waren zwei bis vier Liniens. Alte Masseinheiten (Daniel Stieger); Also etwa: 4 bis 9 mm Länge. lang und rundlich …“Notiz von Tiedemann über seinen Befund. In: Notizen aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde, August 1821, Nr. 4, Sp. 64 (Mißcellen). Tiedemann beließ es allerdings bei dieser äußeren Beschreibung und ordnete den Befund auch keiner Krankheit zu.S. Suerbaum, H. Hahn, G. D. Burchard, S.H.E. Kaufmann, T.F. Schulz: Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie. 7. Auflage. 1991, S. 676.The Discovery of Trichina Spiralis. In: American Journal of Public Health, 21, no. 2 (Febr., 1,1931), S. 180f.Allerdings wurde später von Rudolf Leuckart und auch von Jacob Henle, wegen der von Tiedemann angegebenen Größe der Befunde, angezweifelt, ob es sich bei diesen Konkrementen tatsächlich um Trichinenkapseln gehandelt hat. Auch, da diese zwischen den Muskelbündeln und an den Arterienwänden aufgefunden worden waren. A.C. Gerlach: Die Trichinen. Hannover 1866, S. 3 Fußnote; . R. Owen: Ein microscopischer Binnenwurm in den menschlichen Muskeln. (PDF) In: Archiv für Anatomie, Physiologie und Wissenschaftliche Medicin, Jg. 1835, S. 526–528; (der Bericht Owens übersetzt/beschrieben von Jacob Henle) Bemerkung Henles in der Fußnote hierzus. dazu auch die Bemerkungen von T. S. Cobbold in Entozoa – Supplement to the Introduction to the Study of Helminthology. London 1869, S. 3 f.;

1828 entdeckte der britische Kardiologe Thomas Bevill Peacock (1812–1882) bei der Sektion einer menschlichen Leiche „kleine knöcherne Punkte“ („bony points“) in der Kehlkopfmuskulatur. Aber auch Peacock schenkte diesen Befunden keine größere Beachtung, und so wurden die von ihm beschriebenen „bony points“ erst Jahre später als eingekapselte Muskeltrichinen identifiziert.William C. Campbell: Historical Introduction. In: William C. Campbell (Hrsg.): Trichinella and Trichinosis. N.Y. 1983; S. 1–30. Hier: S. 6.J. Blancou: History of Trichinellosis Surveillance. In: Parasite, Vol. 8, Juni 2001, S. 516–519; parasite-journal.org (PDF; 3,1 MB).