Die Wachtendonckschen Psalmen sind eine Psalmensammlung in altniederländischer Sprache.

Name Die Psalmen sind benannt nach einem der Besitzer der Psalmen, Arnold Wachtendonck (Arnoldus Wachtendonckius). Der Name stammt also nicht von dem niederrheinischen Ort Wachtendonk, der zufälligerweise im möglichen Entstehungsgebiet liegt.

Herkunft Der humanistische Gelehrte Justus Lipsius schrieb 1598 in einem Brief, dass er bei dem gelehrten Kanoniker Arnold Wachtendonck aus Lüttich einen alten Psalter gesehen hatte, der auf Latein verfasst war und zwischen den Zeilen, über jedem Wort, eine Übersetzung in der Volkssprache hatte (also eine Interlinearübersetzung). Lipsius fertigte eine Abschrift an, aber der Psalter ist heute verschollen.

Überlieferung Heute liegen uns die folgenden Texte vor: 822 Wörter in der Abschrift von Lipsius ca. 500 Wörter in einer Liste, die 1602 gedruckt wurde eine Handschrift, die die Psalmen 1 bis 3 und 5 enthält ein Druck von Psalm 18, gedruckt 1612 von Abraham van der Myle eine Handschrift, die die Psalmen 53,7 bis 73,9 enthält (Diez-Handschrift)

Lokalisierung und Datierung Der ursprüngliche Psalmentext ist aus dem 9. oder 10. Jahrhundert.

Die Sprache des Textes ist altniederländisch, aber die Psalmen 1 bis 3 haben einen deutlichen mittelfränkischen Einschlag.Arend Quak, Joop van der Horst: Inleiding Oudnederlands. Universitaire Pers Leuven, Leuven 2002, ISBN 90-5867-207-7. Allgemein wird die Auffassung vertreten, dass der überlieferte Text die altniederfränkische Bearbeitung einer mittelfränkischen Vorlage ist.Arend Quak: Die altmittel- und altniederfränkischen Psalmen und Glossen. Rodopi, Amsterdam 1981.

Ungeklärt ist die Frage, wo der ursprüngliche Text entstanden ist. Willy Sanders nimmt auf Grund von sprachlichen Eigenschaften ein Gebiet am Niederrhein an, zwischen Roermond, Venlo, Straelen, Duisburg, Kaiserswerth und Düsseldorf. So steht im Text überwiegend mi und thi („mir/mich“, „dir/dich“), sodass ein Gebiet, in dem man mich sagte, wohl ausgeschlossen werden kann.Herman Vekeman, Andreas Ecke: Geschichte der niederländischen Sprache (= Langs Germanistische Lehrbuchsammlung, Band 83). Peter Lang, Bern 1993, ISBN 3-906-750-37-X. H.K.J. Cowan nimmt hingegen einen Ort in der niederländischen Provinz Limburg oder in der belgischen Provinz Limburg an.H.K.J. Cowan: Localisering van het Oudnederfrankisch der psalmfragmenten. In: Leuvensche bijdragen op het gebied van de Germaansche philologie en in 't bijzonder van de Nederlandsche dialectkunde, Jg. 48 (1959), S. 1–47; H.K.J. Cowan: Nogmaals de localisering van de oudnederfrankische psalmenfragmenten. In: Leuvensche bijdragen op het gebied van de Germaansche philologie en in 't bijzonder van de Nederlandsche dialectkunde, Jg. 58 (1969), S. 114–130.

Textbeispiel Das Textbeispiel ist Psalm 54, Vers 2 bis 4, nach der Ausgabe von Arend Quak. Nach heutiger Zählung ist das Psalm 55, siehe .

Der lateinische Text des Psalters, der die Vorlage für den altniederländischen Text war, ist nicht überliefert, sondern wurde anhand des altniederländischen Textes aus verschiedenen lateinischen Psalmenübersetzungen und Psalmenkommentaren rekonstruiert.

Es gehört zum Wesen einer Interlinearübersetzung, dass über jedem Wort der Ausgangssprache ein übersetztes Wort steht. Der Satzbau der Wachtendonckschen Psalmen ist also im Wesentlichen vom Lateinischen bestimmt. Manchmal weicht der Übersetzer von dieser Regel ab und übersetzt ein lateinisches Wort mit zwei altniederländischen, z. B. in Vers 3 mihi – te mi („an mich“).

Unter dem lateinischen Text und der altniederländischen Übersetzung steht eine moderne, ziemlich wörtliche Übersetzung anhand des Glossars von Arend Quak.

Vers 2 Gehori got gebet min Exaudi Deus orationem meam Erhöre, Gott, mein Gebet

in ne faruuirp beda mina et ne despexeris deprecationem meam und verwirf nicht mein Gebet

Vers 3 thenke te mi in gehori mi intende mihi et exaudi me denke an mich und erhöre mich

Gidruouit bin an tilongon minro contristatus sum in exercitatione mea betrübt bin ich in meinem Eifer

Vers 4 in mistrost bin fan stimmon fiundes et conturbatus sum a voce inimici und verwirrt bin ich von der Stimme des Feindes

in fan arbeide sundiges et a tribulatione peccatoris und von der Belästigung des Sünders

Uuande geneigedon an mi unreht quoniam declinaverunt in me iniquitatem denn sie neigten Unrecht über mich

in an abulge unsuoti uuaron mi et in ira molesti erant mihi und im Zorn waren sie mir zuwider

Literatur H.K.J. Cowan: De Oudnederlandse (Oudnederfrankische) Psalmenfragmenten met inleiding en Frankisch-Latijnse woordenlijst. Brill, Leiden 1957. Arend Quak: Die altmittel- und altniederfränkischen Psalmen und Glossen (= Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur, Band 47). Rodopi, Amsterdam 1981.

Weblink Altniederfränkischer Psalm 1: Text und sprachliche Erläuterungen

Quellen Altniederfränkische (Wachtendoncksche) Psalmen / Old Low Franconian Psalms

Kategorie:Niederländische Sprache Kategorie:Psalter Kategorie:Bibelübersetzung Kategorie:Literatur (Niederländisch) Kategorie:Literatur (16. Jahrhundert)