Die Leopoldus Primus war im späten 17. Jahrhundert das erste Konvoischiff der Freien Reichsstadt Hamburg. Sie wurde für den Einsatz gegen die Piraterie auf den Handelsrouten nach Spanien, Portugal und Westafrika und zur Begleitung von Walfängern nach Grönland gebaut und war nach dem römisch-deutschen Kaiser Leopold I. benannt. Sie wurde 1668 in Dienst gestellt und nach 34 großen Fahrten 1705 abgewrackt. Sie war wahrscheinlich baugleich mit der bekannteren Wapen von Hamburg, die kurze Zeit später in Dienst gestellt wurde.

Vorgeschichte mini|links|Stadtansicht von Hamburg mit der Wapen von Hamburg I (erste von links) und der Leopoldus Primus (zweite von links) auf einem Gemälde von Elias Galli etwa aus dem Jahre 1680. Die beiden Schiffe liegen vor Anker und schießen Salut für die Ausfahrt des Privatkonvoischiffes König Salomons Gericht (Mitte) des hamburgischen Reeders Geerd Harmsen Baker. mini|links|Schau-Platz barbarischer Sclaverey, Stich 1694. Durch eine besonders detaillierte Darstellung glaubte der Hamburger Zeitungsverleger Johann Frisch die vermeintlichen Grausamkeiten der meist als Barbaren bezeichneten Barbaresken seinem Publikum vor Augen führen zu müssen. Offenbar verband sich mit solchen Veröffentlichungen der Leiden der Hamburger Seeleute die Hoffnung, ein besonders lukratives Geschäft machen zu können. Hamburg gewann durch den Niedergang der Hanse im Verlauf des 16. Jahrhunderts gegenüber der in der Hanse führenden Stadt Lübeck zunehmend an Bedeutung. Die Schwerpunkte der Handelsbeziehungen Hamburgs verschoben sich außerdem aus dem Nord- und Ostseeraum, des während des Mittelalters wichtigsten Handelsraums Hamburgs und der Hanse, zum Atlantik und in den Mittelmeerraum. Dies wurde verstärkt durch den Zuzug von sephardischen Juden aus Portugal sowie protestantischen und jüdischen Flüchtlingen aus den Niederlanden, die wichtige Kontakte in ihre Heimatländer mitbrachten. Es entwickelte sich ein erfolgreicher Handel unter anderem mit Kakao, Rosinen, Tabak, Stoffen und Gewürzen. Über den Handel mit der iberischen Halbinsel gelangten auch erstmals Rohstoffe wie Rohrzucker aus der Neuen Welt nach Hamburg.

Während des Dreißigjährigen Krieges verhielt sich Hamburg strikt neutral und war auch durch seine kurz vor dem Kriegsbeginn errichteten Festungsanlagen gegen Angriffe gut geschützt. Da zudem alle Kriegsparteien recht schnell erkannten, dass ihnen ein unversehrtes Hamburg am meisten nutzte, verlief der Krieg für die Stadt ohne große Beeinträchtigungen. So gelang es Hamburg Mitte des 17. Jahrhunderts, zu einer der wichtigsten Handelsmetropolen Europas nach London und Amsterdam aufzusteigen. Hamburg besaß Handelsbeziehungen, die von Archangelsk in Russland bis zu den Mittelmeerhäfen im Süden reichten.

Die Fahrten versprachen allerdings nicht nur hohe Gewinne, sondern brachten auch eine Vielzahl von Gefahren mit sich. Insbesondere im Mittelmeerraum war die Handelsschifffahrt durch Piraten bedroht. Hier agierten vornehmlich die Korsaren der unter osmanischer Oberherrschaft stehenden Barbareskenstaaten Algier, Tripolis und Tunis. Die Barbaresken erbeuteten viele Handelsschiffe samt Ladung und nahmen die Besatzung als Sklaven, die sie auf den Märkten des westlichen Mittelmeerraumes verkauften. Die Korsaren dehnten ihre Raubzüge in wenigen Einzelfällen sogar bis zur Elbmündung aus. Schiffe aus Hamburg waren besonders gefährdet, da die Hamburger – anders als die großen Seemächte – über keinen ausreichenden militärischen Schutz verfügten. Um die aus Hamburg stammenden und in Sklaverei geratenen Seeleute freikaufen zu können, wurde 1622 die erste private Sklavenkasse in Hamburg gegründet. Sie bot den Seeleuten eine Art Versicherung, um aus der Gefangenschaft freigekauft werden zu können.

Nachdem am 22. Juni 1662 acht voll beladene Schiffe mit Ladung im Wert von geschätzten anderthalb Millionen hamburgischer Courantmark auf der Höhe von Lissabon an die Piraten verloren gegangen waren, sahen sich der Rat und die Bürgerschaft von Hamburg endgültig gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen. Sie beschlossen, bewaffnete Schiffe – sogenannte „Konvoischiffe“ – durch das Admiralitätskollegium auszurüsten und die Handelsschiffe im Verband fahren und durch diese Konvoischiffe bewachen zu lassen. Durch Verträge mit den führenden Seemächten sollte darüber hinaus der Schutz und die Sicherheit der eigenen Schiffe in fremden Häfen erhöht werden.

Planungen und Bau mini|Das Deichtor im Jahre 1700. In der Nähe dieses Tores befand sich der Bauplatz der Leopoldus Primus.

Die Planungen für den Bau der Leopoldus Primus und der wahrscheinlich weitgehend baugleichen Wapen von Hamburg I begannen im Jahre 1663. Eine erste Erwähnung dieser Planungen findet sich im Protokoll der Sitzung der Admiralität vom 4. Juni 1663. Der Kaufmann Dietrich Vasmer schlug im Namen der gesamten Kaufmannschaft vor, dass

Anstelle der bisherigen umgerüsteten Kaufmannschiffe sollten nun also vollwertige Kriegsschiffe für den Schutz der hamburgischen Frachtschiffe sorgen. Bereits am 23. September schlug der Rat der Bürgerschaft vor, zwei Fregatten bauen zu lassen. Zur Finanzierung sollte das Grabengeld, die Abgabe für den Bau, die Befestigung und die Bewachung der Wälle und Gräben der Stadt, verdoppelt werden. Die Bürgerschaft stimmte kurze Zeit später den Plänen zu.

Über den Bau der Leopoldus Primus sind nur wenige Informationen verfügbar. Der Baubeginn verzögerte sich aus unbekannten Gründen sehr stark. Fast schien es, dass die Pläne in Vergessenheit geraten waren. Im Februar 1665 mahnte die kurz zuvor gegründete Commerzdeputation, eine von sieben „ehrbaren Kaufleuten“ gegründete Vertretung der Hamburger Kaufmannschaft, den Bau an. Am 27. Juni 1666 erinnerte die Deputation wiederum an die Planungen, da der Bau immer noch nicht begonnen hatte. Am 31. Oktober bewilligte die Bürgerschaft erneut den Bau von zwei Schiffen, genehmigte das Grabengeld diesmal aber nur unter der Maßgabe, dass es erst bezahlt werden solle, wenn der Bau begonnen hätte.

Nachdem die Commerzdeputation im November 1666 und im Januar 1667 abermals den Bau anmahnte, brach ein Streit aus, wer denn nun die Kosten für den Bau der Schiffe übernehmen sollte. Inmitten einer Fülle von Schriftstücken, die zwischen der Admiralität und der Commerzdeputation hin- und hergewechselt wurden, Beratungen und Konferenzen über die Verteilung der Kosten machte der Bau allerdings weiterhin keine Fortschritte.

Die Kiellegung fand schließlich im Jahre 1667 statt. Nun wurde ein Schiff von der Kämmerei der Stadt und das andere durch die Commerzdeputation bezahlt und unter Aufsicht des jeweiligen Geldgebers gebaut. Der Bau beider Schiffe stand unter der Leitung eines unbekannten niederländischen Schiffbaumeisters und fand nach niederländischem Vorbild rein handwerklich, also ohne Bauzeichnungen, statt. Alle Baumeister der Zeit waren Inhaber von jeweils streng gehüteten Familiengeheimnissen, die nicht schriftlich niedergelegt oder weitergegeben wurden. Als Bauplatz diente ein Platz in der Nähe des Deich-Tores. Für die Bildhauerarbeiten, darunter die Heckfigur mit der Darstellung Leopolds I., war der hamburgische Bildhauer Christian Precht zuständig. Diese Figur wird heute im Museum für hamburgische Geschichte ausgestellt.

Noch im Jahr der Kiellegung waren die Holzarbeiten beendet, und im Februar 1668 begann man mit der Ausrüstung des Schiffes. Im September 1668 war die Leopoldus Primus einsatzfähig, was auch dem Rat mitgeteilt wurde. Allerdings scheint sie bereits im April fertig gewesen zu sein, da in einer Notiz der Commerzdeputation bereits zu diesem Zeitpunkt von einem neugebauwte Convoye-Schiff die Rede ist, das in diesem Sommer einsatzfähig sein werde. Unter ihrem ersten Kapitän M. Dreyer ging die Leopoldus Primus auf Jungfernfahrt. mini|Leopold I. als Heckfigur der Leopoldus Primus. Der Legende nach sollen sich von dem prägnanten vorgeschobenen habsburgischen Kinn sogar Seeräuber bedroht gefühlt haben. Die Figur ist eine Arbeit des Hamburger Bildhauers Christian Precht, der auch Werke für Hamburger Kirchen schuf. Die Namensgebung eines so wichtigen Schiffes nach einem streng katholischen Kaiser im fernen Wien war für Hamburg als Stadt, die sich eher weniger um Reichsangelegenheiten kümmerte, recht ungewöhnlich. Ein Motiv hierfür wird in einem handschriftlichen Gedicht genannt, das das Problem der Namenswahl thematisiert:

Die hamburgische Fregatte. Ihr Edle, haltet Rath! wie wollet Ihr benennen Das neuerbaute Schiff? wobey soll man es kennen, Wann andrer Orten kombt? Solls der Neptunus sein? Warumb ein Heiden-Gott? Ein heller Sternenschein, Wie Amphora, wär guth, Aquarius von gleichen, Allein die Argo wird ja schwerlich diesem weichen. Die führte fünfzig vier, so edell allzumahl So rittermäßig all. Dis Schiff an gleicher Zahl Führt auch soviel Geschütz, die müsste man beachten, Dis hat so etwas Grund, doch kan man weiter trachten, Zu finden einen Nahmen, der herrlich allen sey, Der aller Völker Furcht, der dan diss Schiff befrey Von Unlust, von Verdruss, so wirds dann heissen müssen, Der Kayser Leopoldus, dem ich leg zum Füssen J.V.S. PhilolingiusHandschriftliches Gedicht aus dem Sammelband Schriften die Admiralität betreffend (Commerzbibliothek Hamburg), hier zitiert nach Baasch, S. 136, Anmerkung 1

Offenbar bezog sich der Autor auf den Sieg der Reichstruppen bei Mogersdorf unter Leopold I. gegen die Türken im Jahre 1664, womit der Vormarsch der Osmanen in Europa aufgehalten wurde. Diesen Kaiser als Schutzpatron gegen die muslimischen Piraten zu haben, war also eine naheliegende Idee. Hinzu kommt, dass die Handelspolitik Leopolds nach Norden orientiert war und er Hamburg als Exporthafen für Kupfer und Umschlagplatz für den Überseehandel benötigte. Diese Pläne waren den Hamburgern willkommen, da sie damit auch einen starken Verbündeten gegen den Herzog von Holstein besaßen, der noch lange den Status Hamburgs als Freie Reichsstadt bestritt.

Die freundlichen Beziehungen zwischen dem Kaiser und Hamburg stammten aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in dem sich Hamburg strikt neutral verhalten hatte.

Konstruktion, Ausrüstung und Mannschaft mini|links|Blick auf das Kampanje- und Poopdeck mini|Rekonstruierter Querschnitt durch die Leopoldus Primus an Spant 8. Gut erkennbar der Knick im unteren Bereich des Rumpfes. mini|Der kunstvoll verzierte Heckspiegel der Leopoldus Primus mit zahlreichen allegorischen Figuren sowie dem Abbild von Kaiser Leopold I.

Über die Größe und das Aussehen, genauso wie über ihr Schwesterschiff, die Wapen von Hamburg, liegen nur sehr wenige und wenig ergiebige Unterlagen vor. Die Abmessungen sind nicht überliefert. Über ein Modell, wie es zu dieser Zeit üblich war, ist nichts bekannt. Deshalb kann das Aussehen des Schiffes nur über die wenigen authentischen Abbildungen und den erhalten gebliebenen Bauzerter, das heißt den Baukontrakt der Wapen von Hamburg aus dem Jahre 1685 rekonstruiert werden.

Nach dieser Rekonstruktion handelt es sich bei der Leopoldus Primus um einen zweideckigen vollgetakelten Rahsegler mit Spiegelheck. Als sicher gilt, dass für die beiden Schiffe, wie im übrigen Europa auch, die führende niederländische Bauform nachgeahmt wurde. Quinger vermutet, dass die Leopoldus Primus und die Wapen von Hamburg ein mehr oder minder ähnlicher Nachbau des niederländischen Admiralsschiffes Aemilia waren. Demnach hatte die Leopoldus Primus eine Länge von knapp 40 m und eine Breite von fast 11 m. Um über die Untiefen in der Elbe nach Hamburg zu gelangen, war der Rumpf der Leopoldus Primus wohl nach der sogenannten „Rotterdamer Form“ gebaut. Das heißt, dass der Rumpf im unteren Teil einen Knick aufwies, der dafür sorgte, dass das Schiff bei gleichbleibender Verdrängung und gleich guten Stabilitätseigenschaften einen wesentlich geringeren Tiefgang aufwies als Schiffe mit einem gleichmäßig gerundeten Rumpf.