mini|Paul Moder (1933) Paul Josef Moder (* 1. Oktober 1896 in Neheim, Provinz Westfalen; † 8. Februar 1942 bei Maly Kalinez, Oblast Nowgorod) war ein deutscher nationalsozialistischer Politiker, Freikorps- und SS-Führer. Ab 1932 war er Reichstagsabgeordneter, nach der „Machtergreifung“ in der Stadt Altona Magistratsmitglied und führend an der Umsetzung der NS-Herrschaft beteiligt, schließlich während der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg SS- und Polizeiführer in Warschau.

Moder wirkte seit 1922/23 an vorderer Stelle am Aufbau der Altonaer NSDAP-Ortsgruppe, ab 1925 an der Organisation der örtlichen SA und ab 1931 am Ausbau der SS mit. Auch insoweit unterschied sich seine durch einen antibürgerlich-radikalen Aktivismus geprägte Biografie bis zum Januar 1933 von der vieler anderer früher führender Nationalsozialisten in Altona wie Hinrich Lohse und Emil Brix, die bei aller Verbalradikalität eher dem Normalbild des aufstiegsorientierten, kleinbürgerlichen Parteipolitikers entsprachen.Einschätzung der Persönlichkeit Lohses in Danker/Schwabe, S. 42.Ähnlich in SPD Altona, S. 8.

In Kaiserreich und Erstem Weltkrieg Der Sohn eines Hoteliers aus dem westfälischen Neheim verließ vorzeitig das Realgymnasium in Koblenz, um sich im August 1914 als Kriegsfreiwilliger zu melden.Freitag/Engels, S. 338. Er wurde 1916 bei der Schlacht um Verdun verwundet. Im Laufe des Krieges erfolgte die Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse. Er wurde zum Leutnant der Reserve befördert und bis Kriegsende als Fliegerbeobachter verwendet. Nach der Entlassung aus dem Heeresdienst trat er in einen kaufmännischen Beruf über. „Kaufmann“ war damals eine verbreitete Berufsbezeichnung, die auch viele ehemalige Offiziere wählten, um dahinter ihre illegalen militärischen Aktivitäten zu verbergen. Paul Moder soll außerdem auch als Versandleiter, Korrespondent und Journalist gearbeitet haben.Die ersten beiden Berufsangaben zitiert auch Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. Siedler, München 2008, ISBN 978-3-88680-859-5, S. 142. Über sein Äußeres hieß es, er sei „ein schöner Mann, 1,76 m gross und eine gute Erscheinung, sodass er bei Frauen Erfolg hatte“.Ein Foto Moders aus dem Reichstagshandbuch der 6. Wahlperiode (1932) findet sich unter MDZ eins von 1933 unter MDZ

Von der Organisation Roßbach zur NSDAP Die ersten Nachkriegsjahre in Altona Im Frühjahr 1922 kam Moder in die holsteinische Großstadt Altona, wo er sich ehemaligen Freikorpskämpfern um Oberleutnant Gerhard Roßbach anschloss. Roßbach hatte mit seinem Freikorps im Rahmen des Grenzschutzes Ost im Baltikum, 1920 gegen die Rote Ruhrarmee sowie 1920/21 – im Vorfeld der Volksabstimmung über dessen staatliche Zugehörigkeit – in Oberschlesien gekämpft und nach der erzwungenen Auflösung des Korps seine Männer in verschiedenen Tarnorganisationen untergebracht.

Bereits seit 1919 hatten sich auch im „roten Altona“Der Terminus hebt zum einen auf die traditionell guten Wahlergebnisse der SPD und später auch der KPD in Altona, aber auch auf die soziale Zusammensetzung der Arbeiterstadt ab, in deren dicht besiedelter, elb- und St. Pauli-naher Altstadt auch eine nennenswerte Zahl randständiger, sozial deklassierter Bewohner („Lumpenproletariat“) lebte und die vom Chef der Hamburger Ordnungspolizei, Lothar Danner, als „Abruzzenviertel“ bezeichnet wurde; vgl. McElligott 1983, S. 493. verschiedene paramilitärische Gruppen gebildet, um die Ergebnisse der Revolution rückgängig zu machen und „Ruhe und Ordnung“ herzustellen. Sie rekrutierten sich aus heimgekehrten, demobilisierten Soldaten, ehemaligen Freikorpsangehörigen und zum Teil aus Angehörigen der Altona-Bahrenfelder Polizeiausbildungsschule in der Theodorstraße. Teile von ihnen hatten schon an der Niederschlagung des Spartakistenaufstandes von Bahrenfeld (5. bis 7. Februar 1919) und der „Hungerunruhen“ (24. Juni bis 1. Juli 1919, ausgelöst durch den „Hamburger Sülzeaufstand“) mitgewirkt, bei denen unter anderem das Polizeigefängnis und das Landgericht gestürmt worden waren und es zu Gefangenenbefreiungen gekommen war.Hoffmann, Band 1, S. 8; McElligott 1983, S. 499. Zu den paramilitärischen Gruppen zählte beispielsweise eine Bürgerwehr (Deckname: „Die Wolke“, später „Freiwillige Wachabteilung Bahrenfeld“), die auf Initiative des Hamburger Überseekaufmanns Richard C. Krogmann aus Offizieren und Feldwebeln, aber auch Schülern und Studenten wie dem erst 17-jährigen, späteren SS-General Bruno StreckenbachMichael Wildt: Der Hamburger Gestapo-Chef Bruno Streckenbach. Eine nationalsozialistische Karriere. In: Frank Bajohr, Joachim Szodrzynski (Hrsg.): Hamburg in der NS-Zeit. Ergebnisse neuerer Forschungen. Ergebnisse, Hamburg 1995, ISBN 3-87916-030-9, S. 96/97. gegründet worden und für deren Organisation Gustav Noskes vormaliger Adjutant Edouard Becker verantwortlich war. Dieser gut bewaffnete Wehrverband, der von Hamburger Bürgerfamilien finanzielle Zuwendungen erhielt,Wildt, S. 97, nennt auch zwei Söhne Hamburger Senatoren, die bei den Bahrenfeldern ihren Dienst verrichteten. fand bald darauf mit Unterstützung der dortigen Kommandantur in dem Kasernenkomplex an der Luruper Chaussee in Bahrenfeld seinen festen Stützpunkt.Krause, S. 51/52. Ihre Führer fassten diese Gruppen zu militärisch organisierten Kampfverbänden zusammen, die Übungen in Altonas Umland veranstalteten und Putschpläne für Norddeutschland entwickelten. Im März 1920, während des Kapp-Lüttwitz-Putsches, waren einige von ihnen an der Seite von Reichswehrangehörigen zum Altonaer Rathaus gezogen und hatten die Übergabe der politischen Macht gefordert, wurden jedoch von Mitgliedern des SPD-DDP-Magistrats mit Unterstützung republikanischer Heimwehrverbände abgewiesen.Axel Schildt: Max Brauer. Ellert & Richter, Hamburg 2002, ISBN 3-8319-0093-0, S. 24.

Viele dieser Gruppen standen in Verbindung zur NSDAP, die 1920 in München gegründet worden war und sich bald über das ganze Reich ausbreitete; auch der Roßbach-Bund war bereits 1922 Kollektivmitglied der Partei.Vgl. Emil Julius Gumbel: Verschwörer. Beiträge zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde 1918–1924. Malik, Wien 1924; hier der Neudruck bei Fischer, Frankfurt/M. 1984, ISBN 3-596-24338-6, S. 127. Traumatisiert von den Erfahrungen und enttäuscht über den Ausgang des Krieges, den aus ihrer Sicht „unwürdigen Abgang“ des Kaisers und die Erfolglosigkeit der Freikorpsunternehmen, ohne soldatische Zukunft und berufliche Aussichten,Detlev J. K. Peukert spricht von den „besonders schlechten Perspektiven der geradezu überflüssigen Generation der Geburtsjahrgänge um 1900“ (ders.: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1987, ISBN 3-518-11282-1, S. 20). hatten sich viele von ihnen vom nationalen Konservatismus ab- und einem aktionistischen, revolutionären Nationalismus zugewandt, in dem häufig auch völkische und antisemitische Motive Platz fanden.Vgl. zu diesem Themenkomplex bspw. Martin Sabrow: Die verdrängte Verschwörung. Der Rathenau-Mord und die deutsche Gegenrevolution. Fischer, Frankfurt/M. 1999, ISBN 3-596-14302-0. Im benachbarten Hamburg existierte bereits im Frühjahr 1921 eine kleine NSDAP-Ortsgruppe, die in der Folgezeit mit den Altonaer Kampfverbänden zusammenarbeitete. Moder trat im Sommer 1922 der Partei auch als Einzelperson bei und gründete 1923 die Altonaer Ortsgruppe mit, als deren Leiter bald Hinrich Lohse fungierte.

Der „Kampfbund Roland“ Paul Moder wurde bereits kurz nach seiner Ankunft in Altona zum Kommandeur der dortigen Organisation Roßbachs ernannt.Rietzler, S. 202 Noch im Frühjahr 1922 schloss sich eine Gruppe von zunächst 24 Angehörigen der örtlichen Polizei, die während ihrer Ausbildung unter dem Tarnnamen „Vereinigung zur Wahrung der Interessen deutscher Grenzmärker“ zusammengefunden hatten, den Roßbachern an. Neben Moder waren zwei weitere ehemalige Freikorpskämpfer, Alf Krüger und Rittmeister a. D. August Raben, für Organisation und Training der Gruppe zuständig; anfangs stellte sie auch den Saalschutz für Zusammenkünfte der Hamburger NSDAP, bevor sich diese 1923 eine eigene Sturmabteilung (SA) schuf. Dieser Veranstaltungsschutz bestand häufig – wie es dann später auch die von Moder befehligte Altonaer SA praktizieren sollte – im gewalttätigen Vorgehen gegen jegliche Kritiker, die aus dem Saal geprügelt und nicht selten krankenhausreif geschlagen wurden.

Im September 1922, nach der Ermordung Walther Rathenaus, reorganisierten Krüger und Moder ihre auf 103 Mitglieder angewachsene Truppe in drei militärischen Zügen, von denen der „Zug Bahrenfeld“ über 30 Polizeianwärter und sechs Angehörige der Polizeikaserne in der Viktoria-, heute Eggerstedtstraße, umfasste. Den Polizisten, die sich zu diesem Zeitpunkt „Turnerschaftlicher Kameradschaftsbund ‚Roland‘“ nannten, war es gelungen, ihre Zugehörigkeit zur Roßbach-Gruppe zu verbergen, so dass sie im November 1922, im Unterschied zu anderen antirepublikanischen Geheimbünden,Freitag/Engels (S. 339) erwähnen bspw. einen Bericht des sozialdemokratischen Hamburger Echo vom Dezember 1922 über die Enttarnung des Vereins „Schwarz-Weiß-Rot“, der in einer Schokoladenfabrik in der Ottensener Lager-(heute Gauß-)straße – der Hanseatischen Kakaofabrik Fehleisen & Rickel, später Holsatia Schokolade-Fabrik – ein Waffenlager unterhielt und dem insbesondere Mittelständler (Fabrikanten, ehemalige Offiziere, Bankbeamte und Staatsbedienstete) angehörten. beim Verbot der NSDAP und verwandter Gruppierungen infolge des Republikschutzgesetzes nicht erwähnt wurden und somit von der Polizeiführung unter Senator Walther Lamp’l (SPD) unbehelligt blieben.Krause, S. 52f.; die geringe Effizienz der Altonaer Ordnungspolizei führte dazu, dass sie am 22. Januar 1923 auf Beschluss des preußischen Innenministeriums mit der Polizei der östlich an Hamburg angrenzenden Stadt Wandsbek organisatorisch zusammengelegt wurde (vgl. Hoffmann, Band 1, S. 361–363). Zu den Treffpunkten der Gruppe gehörten mehrere Lokale im Stadtgebiet wie der „Schützenhof“, das „Alte Gasthaus“ und der Wartesaal des Altonaer Hauptbahnhofs.Freitag/Engels, S. 339.

Infolge der galoppierenden Inflation und des Beginns der Ruhrbesetzung gewann die Organisation um den Jahreswechsel 1922/23 zahlreiche neue Mitglieder in Altona und wurde unter der Bezeichnung „Kampfbund Roland“ analog der SA in mehrere Hundertschaften gegliedert; Ende Januar 1923 nahmen Moder, Krüger und andere Angehörige dieser Gruppe am ersten NSDAP-Reichsparteitag in München teil. Ermutigt durch den Aufruf der Reichsregierung unter Wilhelm Cuno zum passiven Widerstand gegen die Ruhrbesetzung, schloss sich der Kampfbund mit anderen Wehrverbänden aus den benachbarten Städten Hamburg und Altona zur „Arbeitsgemeinschaft der vaterländischen Kampfverbände“ zusammen, die ihre Zentrale in Altona hatte und der Verbindungen zur Reichswehrführung nachgesagt wurden. Zu den geheimen Depots, die diese Arbeitsgemeinschaft anlegte, trug der Kampfbund Roland mit aus Polizeibeständen „abgezweigten“ Waffen erheblich bei. Es existierten auch detaillierte Putschpläne, die nach einer Razzia bei dem Altonaer Hauptmann a. D. August Fleck gefunden wurden und am 27. Juni 1923 Gegenstand einer Debatte in der Hamburgischen Bürgerschaft waren.Ausführliches Protokoll der Bürgerschaftsdebatte (unter dem Tagesordnungspunkt „Die Verbindung der Reichswehrstellen mit nationalistischen Organisationen“) im Hamburger Echo vom 28. Juni 1923, abgedruckt in Barrikade, Nr. 5, vom Mai 2011, S. 40–42

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