Als Geschichte des Volkes Israel, auch mit Zusätzen wie im Altertum oder in der Antike, wird die Geschichte der Israeliten einschließlich des Judentums von ihren Anfängen (~1200 v. Chr.)Alle Daten dieses Artikels ohne Zusatz beziehen sich auf v. Chr. bis zur Niederlage im Bar-Kochba-Aufstand (136 n. Chr.) bezeichnet. Sie umfasst die Entstehung dieses Volkes aus zusammengewachsenen Stämmen im Bergland Samariens, die Königsdynastien der Kleinstaaten Israel (~1000–722) und Juda (~926–586) in der Levante, die Konsolidierung des Judentums nach dem babylonischen Exil und dem Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels in der persischen Provinz Jehud (539–333), die Hellenisierung des Judentums (ab 332) und die Aufstände der Makkabäer (168–161), in deren Folge die neuen Königsdynastien der Hasmonäer und Herodianer in Judäa entstanden. Das Römische Kaiserreich schlug weitere Aufstände der Zeloten gewaltsam nieder, zerstörte Jerusalem und den zweiten Tempel (70 n. Chr.), versklavte oder vertrieb viele Juden aus Judäa und verbot ihnen strikt das Betreten Jerusalems und die Wiederansiedlung dort (136 n. Chr.). Dies beendete für lange Zeit jede Aussicht der Juden auf ihr eigenes Land und Gemeinwesen.
Quellen Gesamtentwürfe zu Israels antiker Geschichte, etwa von heutigen Alttestamentlern, beruhen auf der Zusammenschau von Ergebnissen vieler Teildisziplinen der Geschichts- und Religionswissenschaft, etwa Judaistik, Altorientalistik und Biblische Archäologie. Sie sind daher nur interdisziplinär möglich.Christian Frevel: Geschichte Israels, Stuttgart 2018, S. 13–15; Angelika Berlejung: Geschichte, in: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament, Göttingen 2019, S. 26 Zur Rekonstruktion der Geschichte Israels ziehen Historiker Funde der Archäologie, Epigraphik, Ikonografie und Numismatik sowie Texte der hebräischen Bibel und der altorientalischen Umwelt heran und unterziehen alle verfügbaren Quellen gleichermaßen einer kritischen Analyse und Bewertung.Christian Frevel: Geschichte Israels, Stuttgart 2018, S. 20
Zu den Primärquellen gehören solche Artefakte und Texte zu Ereignissen, die von Beteiligten oder Zeugen stammen und sich relativ genau datieren lassen. Der archäologische und ikonografische Befund wuchs in den letzten Jahrzehnten stark und erweiterte das Bild von der Entwicklung der Region Palästina, entkräftete oder differenzierte frühere Hypothesen zur Geschichte Israels. Insgesamt erhielt die Archäologie gegenüber literarischen Bibeltextanalysen für die Rekonstruktion ein höheres Gewicht. Doch sind auch die Primärquellen oft nicht genau datierbar und zeigen Urheberabsichten: So beschönigen altorientalische Königsannalen und Reliefs Ereignisse rückblickend aus Sicht der Auftraggeber.Angelika Berlejung: Quellen. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament, Göttingen 2019, S. 23f. Sie überliefern nur Siege, weil der Herrscher als Garant der göttlichen Ordnung gegen die Chaosmächte galt.Bernd Schipper: Geschichte Israels in der Antike, München 2023, S. 8
Die Zuverlässigkeit solcher Quellen kann daher nur durch Vergleichsmaterial näher bestimmt werden, das oft fehlt. Wo es vorhanden ist, hängen Auswahl und Datierung wiederum von den Theorien der Interpreten ab. Historiker geben archäologischen Primärquellen, die sich gegenseitig ergänzen und bestätigen, regulär den Vorzug gegenüber einem aus Bibeltexten gewonnenen Geschichtsbild. Dabei berücksichtigen sie, dass biblische Autoren auch im Blick auf die eigene Geschichte theologische, nicht historisch-deskriptive Aussageabsichten hatten, die mit anderen Quellen weder harmonisiert werden können noch sollen.
Die in der Bibel gesammelte Literatur des Judentums geht vom Bekenntnis zum Gott JHWH aus und erzählt Israels Geschichte als die eines erwählten Gottesvolks, eingebettet in die Schöpfung der Welt vor aller Zeit, ihre Neuschöpfung am Ende der Zeit. Bibeltexte sind daher nicht als Berichte über eine historische Ereignisfolge zu verstehen. Sie wählen und gewichten Ereignisse nach theologischen Gesichtspunkten und lassen daher vieles weg, was für damalige Großreiche wichtig war.Angelika Berlejung: Quellen. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament, Göttingen 2019, S. 21f. Viele Bibeltexte wurden in großem Zeitabstand zu den erzählten Ereignissen verfasst, literarisch komplex bearbeitet und sind oft nicht genau datierbar. Daher scheiden sie als Primärquellen weitgehend aus. Sie werden aber als Sekundär- oder Tertiärquellen herangezogen, weil sie Informationen über die Zeit der Erzähler und deren Eigensicht auf ihre Vergangenheit enthalten. Dabei prüft historisch-kritische Bibelexegese im Dialog mit biblischer Archäologie die Plausibilität jedes Einzeltexts.Angelika Berlejung: Quellen. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament, Göttingen 2019, S. 25
Nachexilische biblische Autoren standen den erzählten Ereignissen noch recht nahe. Ab der Zeit des Hellenismus lassen sich viele Ereignisse bis auf Einzeljahre genau datieren, auch mit Hilfe von damals geprägten Münzen.Christian Frevel: Geschichte Israels, Stuttgart 2018, S. 25 Antike jüdische Geschichtsschreiber nahmen das Jahr 312 als Beginn einer „ersten Ära“ und datierten folgende Ereignisse fortlaufend chronologisch, so dass von da an mehr verlässliche Fixdaten verfügbar sind.Knauf/Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum, Berlin 2021, S. 380
Dabei beruhen aktuelle Entwürfe der Geschichte Israels auch bei Benutzung und kritischer Bewertung aller verfügbaren Quellen und Methoden immer auf den verarbeiteten Theorien zum Quellenmaterial, so dass viele Einzelfragen weiterhin stark umstritten sind.Angelika Berlejung: Geschichte, in: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament, Göttingen 2019, S. 68f.
Vorgeschichte in Kanaan Eine Gruppe namens „Israel“ ist erstmals auf der Merenptah-Stele (1208) sicher belegt, eine stabile Königsdynastie in „Israel“ erstmals auf der Mescha-Stele (~840).Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart 2018, S. 29, 54f. und 223 Im Erzählduktus der Tora (1. bis 5. Buch Mose) entstand dieses Volk durch nomadische Zuwanderer aus Mesopotamien (Gen 12,1–3; Dtn 26,5) in einer kontinuierlichen Genealogie ihrer Sippen von Abraham über Isaak zu Jakob, der „Israel“ genannt wurde (Gen 32,29; 35,10). Dessen Nachkommen seien im Alten Ägypten zum Volk der „Kinder Israels“ herangewachsen (Ex 1,7.9), beim Exodus als Ganzes abrupt von dort ausgezogen und durch die Wüste nach Kanaan gewandert, um dieses Land dann kriegerisch zu erobern und in Besitz zu nehmen. Für dieses biblische Narrativ fehlen weitgehend außerbiblische Belege. Die historische Forschung ergab ein ganz anderes Bild: Ein Volk Israel entstand in einem längeren komplexen Prozess in Kanaan selbst. Um diese Entstehung zu verstehen, greifen Historiker mindestens bis auf die Mittlere Bronzezeit (~2000–1150) zurück.Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart 2018, S. 39f.
Mittlere und späte Bronzezeit In der gesamten Levante wurden ab ~2000 oder ab ~1800 neue Städte auf den Ruinen früherer Städte gegründet, von denen die meisten bis ~1200 bestanden. Im Raum Kanaans entstanden vor allem an zentralen Verkehrswegen Stadtstaaten mit je einem Fürsten oder König, einer kleinen Oberschicht aus Priestern und Beamten und einer geschichteten Bevölkerung von Bauern im Umland, Sklaven, Lohnarbeitern, Händlern und Handwerkern. Im Bergland gehörten dazu Sichem und Jerusalem, in der Küstenebene Achsib, Aschdod, Aschkelon, Dor, in der Schefela Afek, Ekron, Gezer, Lachisch und Timna, in der Jesreʿel-Ebene Megiddo und Taanach, im Bet-Schean-Becken Bet Scheʾan und im Ostjordanland Pella und Amman (Rabba). Diese Stadtfürstentümer hatten keine gemeinsame Religion, wohl aber Tempel und ähnliche Götterfamilien mit meist einem Gott oder Götterpaar an der Spitze.Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart 2018, S. 42f.
In der Region Kanaan rangen verschiedene altorientalische Großmächte um die Hegemonie, sodass sich dort kein größerer unabhängiger Staat etablieren und längere Zeit behaupten konnte.Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho, München 2004, S. 31 Nach der Vertreibung der Hyksos um 1550 wurde Ägyptens Neues Reich die dominierende Großmacht in Vorderasien. Um 1458 eroberte Thutmosis III. Kanaan und Syrien gegen eine Koalition dortiger Stadtfürsten und sicherte dieses Gebiet mit Garnisonen gegen die Mittani in Mesopotamien. Unter dem Expansionsdruck der Hethiter und Assyrer schwand Ägyptens Einfluss in Kanaan, bis die Pharaonen Sethos I. und Ramses II. seine Vormacht wiederherstellten. Ramses III. konnte Angriffe der sogenannten Seevölker 1175 im Nildelta nur mühsam abwehren und ließ Ägyptens Garnisonen in Kanaan danach verstärken oder neu aufbauen.Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart 2018, S. 45–48
Weil die Pharaonen der 18. bis 20. Dynastie den örtlichen Stadtfürsten Kanaans ihre Ämter ließen, erkannten diese Ägyptens Oberherrschaft an. Diese umfasste Flottenhäfen, Militärstützpunkte, von ägyptischen Beamten gesteuerte königliche Güter,Manfred Clauss: Geschichte des alten Israel. München 2009, S. 7–9 Paläste und Tempel. Ägyptische Verwaltungssitze in Kanaan waren Gaza, Afek, Aschkelon, Bet Scheʾan, Gat, Gezer, Jafo, Megiddo und Lachisch. Die Stadtstaaten blühten unter Ägyptens Herrschaft auf und glichen ihre Kultur und Religion an die ägyptische an. Sie verstanden sich nicht als zusammengehöriges Volk „Kanaan“, sondern blieben politisch relativ selbständig und kooperierten oder konkurrierten miteinander.Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart 2018, S. 49f.
Außerhalb der Städte lebten die Apiru, eine in Ägypten, Mesopotamien und der südlichen Levante bekannte Bevölkerungsgruppe aus besitzlosen, nichtsesshaften Migranten verschiedener Herkunft. Sie bildeten oft im schwer zugänglichen Bergland neue Verbände und sicherten durch Raubzüge, Plünderungen und Erpressungen ihren Lebensunterhalt. Damalige Texte beschreiben sie als „Fremde“, „Gesetzlose“ und „Räuber“. Kanaans Stadtfürsten sahen sie laut ihren Amarna-Briefen an Pharao Amenophis III. (~1388–1350) als Hauptgefahr.Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart 2018, S. 50f. Eine weitere nichtstädtische Gruppe waren die Schasu, die als Halbnomaden, Hirten und Viehzüchter in Zelten lebten und ihre Herden je nach Jahreszeit in neue Weidegebiete trieben. Sie interagierten meist friedlich mit Kanaans Stadtbewohnern; vereinzelt gab es Kämpfe mit ihnen. Die Ägypter betrachteten sie als potentielle Unruhestifter. Größere Schasu-Gruppen hielten sich zwischen 1300 und 1100 im Nildelta auf.Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart 2018, S. 53f.
Frühe Eisenzeit