mini|Gebäude der ehemaligen Schwesternschule der Universität Heidelberg (USH, Hollyschule), am 21. November 2009.
Die Schwesternschule der Universität Heidelberg (USH) war eine Modelleinrichtung zur Weiterentwicklung der Krankenpflegeausbildung in Deutschland. Sie wurde insbesondere auch unter ihrem Spitznamen „Hollyschule“ weit über die Grenzen Heidelbergs und Deutschlands zum Begriff.
Entstehung Die Schwesternschule der Universität Heidelberg entstand 1953 auf Initiative und mit Unterstützung der US-Regierung und der amerikanischen Rockefeller-Socrates Litsios: The Rockefeller Foundation's Struggle to Correlate Its Existing Medical Program with Public Health Work in China, in: Iris Borowy (Hrsg.): Uneasy Encounters. The Politics of Medicine and Health in China 1900–1937, Peter Lang Ffm 2009, ISBN 978-3-631-57803-2, S. 177–205 zur Public Health Politik der Rockefeller Foundation in Europa (Paris) und China. Uneasy Encounters und McCloy-Stiftungen. Die Initiative geht auf die späten 1940er Jahre zurück. Die genannten Einrichtungen hatten es sich zur Aufgabe gemacht, Krankenpflege in Europa aufzuwerten und Studienmöglichkeiten auf Hochschulebene einzurichten.Dagmar Ellerbrock: Healing Democracy – Demokratie als Heilmittel. Gesundheit, Krankheit und Politik in der amerikanischen Besatzungszone 1945–1949, Veröffentlichungen d. Inst. f. Sozialgeschichte Braunschweig-Bonn, Verlag J. H. W. Dietz Nachf., 1. Aufl. 2004, S. 186–188, ISBN 978-3-8012-4139-1. Online Ressource Uni Bielefeld Healing Democracy In Heidelberg fiel diese Absicht auf fruchtbaren Boden. Olga Freiin von Lersner, zu der Zeit Oberin der Ludolf-Krehl-Klinik und Leiterin der dortigen Krankenpflegeschule, und Karl Heinrich Bauer, Rektor der Universität Heidelberg, begannen mit der Planung einer entsprechenden Einrichtung.Heinrich Krebs und Heinrich Schipperges: Heidelberger Chirurgie 1818–1968. Eine Gedenkschrift zum 150jährigen Bestehen der Chirurgischen Universitätsklinik, Springer Berlin, Heidelberg, New York 1968, zu Karl Heinrich Bauer und der „höchst lebendigen Universitäts-Schwesternschule“ S. 103.Heinrich Schipperges: Ärzte in Heidelberg. Vom „Homo Heidelbergensis“ zur „Medizin in Bewegung“, hier: Zum Wiederaufbau der Heidelberger Medizin unter Karl Heinrich Bauer, Edition Braus Heidelberg 1995, Engagement für Schwesternschule S. 194 li Spalte. Heinrich Schipperges publizierte zur USH in der Zeitschrift „die Agnes Karll Schwester“. Die Agnes Karll Schwester Die Unterstützung durch die Rockefeller-Stiftung mit deren europäischem Sitz in Paris, Rue de la Baume, war an verschiedene Bedingungen geknüpft. So sollte unter anderem die Schule der medizinischen Fakultät angegliedert sein die Schülerinnen sollten gegenüber dem Klinikum nicht zur Arbeitsleistung verpflichtet sein die Ausbildung sollte drei Jahre dauern theoretischer Unterricht und Praxiseinsätze sollten von der Schule geplant und überwacht werden Krankenpflege und öffentliche Gesundheitsfürsorge sollten von einer ausreichenden Zahl von entsprechend ausgebildeten Lehrern vermittelt werden auch die Lehrer-Weiterbildung sollte an der Schwesternschule durchgeführt werden.
Schon 1948 stimmte die Universität Heidelberg diesen Bedingungen zu. Wenn auch eine Integration in den Forschungs- und Lehrbetrieb der Universität in der Folge an zahlreichen Widerständen (nicht zuletzt aus der eigenen Berufsgruppe) scheiterte, konnte doch die Schwesternschule im Mai 1953 den Lehrbetrieb aufnehmen als experimentelle Schule mit einer dreijährigen Grundausbildung in Krankenpflege und öffentlicher Gesundheitsfürsorge. 1952 wurde der Pädiater Hans Opitz ärztlicher federführender Präsident des neuen Kuratoriums der Schule.Wolfgang U. Eckart: Lange Schatten aus Königsberg – Philipp Bamberger (1898–1983) und die Heidelberger Kinderklinik in schwerer Nachkriegszeit, zu Hans Opitz und der Schwesternschule S. 123, in: Georg F. Hoffmann, Wolfgang U. Eckart und Philipp Osten (Hrsg.): Entwicklungen und Perspektiven in der Kinder- und Jugendmedizin (1918–2000), 150 Jahre Pädiatrie in Heidelberg, Universitätsklinikum Heidelberg, Kirchheim Verlag Mainz 2010, ISBN 978-3-87409-489-4. Online Ressource Bei der Eröffnungsrede im Jahr 1953 blickte der Dekan der Medizinischen Fakultät, Horst Habs, auf die akademischen Traditionen für Pflege und Hebammenwesen an der Ruprecht-Karls-Universität seit Franz Anton Mai zurück und stellte die USH in diese Tradition.Christine R. Auer: Antje Grauhan und Wolfgang Rapp (Abtl. Paul Christian): Die Erweiterung der bipersonalen hin zu einer tripersonalen Situation stellte uns vor neuartige Herausforderungen. Für Sabine Bartholomeyczik zum Bundesverdienstkreuz 2015, Eigenverlag Heidelberg, S. 60, ISBN 978-3-00-050734-2. Die Ausbildung war orientiert an internationalen Ansprüchen und sollte den Berufsstand für interessierte junge Frauen attraktiver machen sowie neue Konzepte in Kliniken vorbereiten.Simone Moses: Die Akademisierung der Pflege in Deutschland. Schriftenreihe der Robert Bosch Stiftung, Huber Verlag Bern, S. 20–21, ISBN 978-3-456-85510-3. Die Rockefeller-Foundation forderte zudem einen Ausbau der Konzepte für die „Geisteskrankenpflege.“
Mitte der 1950er Jahre entstand das zweite Standbein der Schule: die Weiterbildung zur Unterrichtsschwester.Kreutzer, Susanne: Vom »Liebesdienst« zum modernen Frauenberuf. Die Reform der Krankenpflege nach 1945. Frankfurt/Main: Campus 2005. ISBN 978-3-593-37741-4.Anna-Paula Kruse: Pflege in der Aus- und Weiterbildung. In: Schwesternschule der Universität Heidelberg (Hrsg.) (1988). Fortbildungstagung zum 35-jährigen Jubiläum. 29. April 1988. Universitätsarchiv Heidelberg (UAH) Acc 61/15 (2), S. 32–39. Die ebenfalls geplante Weiterbildung zur Stationsschwester kam leider nicht zustande, bzw. beschränkte sich auf wenige Fortbildungskurse für Stationsschwestern.Oberin Lisa Schleiermacher (Hauptschriftleitung Deutsche Schwestern Zeitung): 16.–22. Oktober 1958 Fortbildungskurs für Stationsschwestern an der Schwesternschule der Universität Heidelberg, in: Deutsche Schwestern Zeitung. Zeitschrift für die Kranken- und Kinderkrankenpflege, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 11. Jg., Heft 8, 10. August 1958, S. 319, (Leitartikel der Ausgabe: Dietrich Berg, Gotthard Schettler: Fettproblem und Ernährung.)Judith Clift, Universität Graz: Was bringt Pflegewissenschaft für das leitende Pflegepersonal?, in: USH Fortbildungstagung anläßlich des Ausscheidens von Frau Antje Grauhan aus dem aktiven Berufsleben. Akademisierung der Pflege, Freitag, 20. April 1990, Eigenverlag Schwesternschule der Universität Heidelberg, S. 33–34, Typoskript vorhanden Universitätsarchiv Heidelberg, Acc 43/08, sowie Hilde Steppe Dokumentationsstelle, Bibliothek Fachhochschule Frankfurt/M.
Als am 1. April 1953 der erste Grundkurs mit der Krankenpflegeausbildung begann, wies das Curriculum viele innovative Elemente auf, die nach und nach in die jeweilige Novellierung des Krankenpflegegesetzes integriert wurden; die Schwesternschule war somit Schrittmacher in der Ausbildung der Krankenpflege in der Bundesrepublik Deutschland. So wurde z. B. bereits 1953 ein drittes Ausbildungsjahr konzipiert, welches noch bis 1957 freiwillig war. Erst im Krankenpflegegesetz vom 15. Juli 1957 mit Neuregelung am 20. September 1965 wurde unter Mitwirkung des Präsidenten der Bundesärztekammer, Hans Neuffer (1892–1968), das Examen am Ende der drei Jahre dauernden Ausbildung festgeschrieben.Volker Klimpel: Hans Neuffer. In: Hubert Kolling (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte – Who was Who in Nursing History. Band acht, Hpsmedia, Nidda 2018, S. 212 f.
Änderungen Krankenpflegegesetz 1985 Mit Inkrafttreten des Krankenpflegegesetzes 1985 (KrPflG vom 4. Juni 1985) wurde eine Ausbildungsvergütung zwingend vorgeschrieben. Die Schülerinnen der Schwesternschule hatten bis dato Schulgeld bezahlt und wurden auf den Stellenplan in den jeweiligen Praxisstellen nicht angerechnet. Mit dem neuen Gesetz erhielten die Schwesternschülerinnen 50 % der tariflichen Vergütung ab dem ersten Ausbildungsjahr. Sie wurden nun mit einem Schlüssel von 1:10 auf die jeweiligen Stellenpläne angerechnet. Schüler und Schülerinnen anderer Schulen hingegen wurden mit einem Schlüssel von 1:5 angerechnet. Es entstanden Diskussionen darüber, inwieweit es angesichts dieser neuen Regelungen hinsichtlich der Ausbildungsvergütung, nicht sinnvoll sei, die Schwesternschule mit der weiteren Krankenpflegeschule des Universitätsklinikums Heidelberg zusammen zu legen.Landtag von Baden-Württemberg, Drucksache 9/4264, 20. März 1987 Antwort Landtag Ba-Wü, Punkte 4+5 die Schwesternschule betreffend, abgerufen am 3. September 2026
Internationale Ausrichtung in Theorie und Praxis In der Ära Grauhan (1962 bis 1971) wurden Unterrichtssequenzen in englischer Sprache gehalten. So diente das Fachenglisch auch als Vorbereitung auf den Wahleinsatz im dritten Ausbildungsjahr, der Schülerinnen seit Mitte der siebziger Jahre in die ganze Welt zieht.
Alternativ zum Wahleinsatz konnten die Schüler von 1995 bis 2005 am dreimonatigen Socrates-Erasmus-Austauschprogramm für Studenten der EU teilnehmen. Im Mai 1995 erhielt die Schwesternschule die offizielle Anerkennung als 5. Mitglied im Netzwerk von Partnerinstitutionen (Athen, Lyon, Oxford, Stockholm). Im Jahre 2003 hatte die Krankenpflegeschule am Inselspital in Bern (Schweiz) in Anlehnung an dieses Programm Verträge mit der Schwesternschule abgeschlossen. Je Institution standen zwei Plätze für die „outgoing students“ und zwei Plätze für die „incoming students“ bereit, die rege genutzt wurden. Der Austausch beinhaltete sowohl praktische Einsätze in den Kliniken als auch Teilnahme an Vorlesungen und Seminaren. Ebenso erfolgten einwöchige Hospitationen der beteiligten Lehrer.
Pflegetheorie In den 1950er Jahren unter der Schulleitung von Antje Grauhan wurde die Auseinandersetzung mit Pflegetheorien, größtenteils aus dem angloamerikanischen Sprachraum, begonnen. Zunächst orientierte sich das Curriculum vor allem an Faye Glenn Abdellah (enabling approach), Virginia Henderson und Ernestine Wiedenbach. Bald kamen Erweiterungen und Ergänzungen durch andere Theorien, insbesondere von Nancy Roper gemeinsam mit Winifred Logan und Alison Tierney, Dorothea Orem, Madeleine Leininger und Hildegard Peplau. Heute ist die Auseinandersetzung mit Pflegetheorie und -forschung aus den Lehrplänen der Gesundheits- und Krankenpflegeschulen nicht mehr wegzudenken.
Schülermitbestimmung Mitverantwortung und Mitbestimmung der Schülerinnen war von Anfang an ein wichtiges Anliegen der Schwesternschule. Institutionalisiert waren der sogenannte „Gemeinsame Ausschuss“, in dem Schüler und Lehrer in regelmäßigen Sitzungen Fragen diskutierten und klärten. Bedarfsabhängig wurde mehrmals jährlich ein Plenum mit allen Schülern, Weiterbildungsteilnehmern und Lehrern abgehalten. In Einzel-Reflexionsgesprächen und in regelmäßigen Kursauswertungen wurden die Kritikpunkte und Anregungen der Schüler zur Ausbildung erfragt. Ferner nahmen die Schüler des zweiten Ausbildungsjahres an den Bewerbungsgesprächen teil. Als „Vorkursassistenten“ konnten immer wieder jeweils zwei Schüler des dritten Jahres im Lehrerkollegium an der Vorbereitung und Durchführung des neuen Kurses teilnehmen.
Lehr- und Lernmethoden Regelmäßige Studienzeiten, Hausarbeiten, Projekte und andere Mittel förderten das selbständige und eigenverantwortliche Lernen der Schüler. Durch die enge Verzahnung mit der Lehrerweiterbildung wurden die jeweils aktuellen Unterrichtskonzepte und -methoden einbezogen. Hierzu zählten unter anderem der handlungsorientierte Unterricht, das problembasierte Lernen und der erfahrungsbezogene Unterricht.
Ausblick