Der Kornmarkt und sein seit der frühen Neuzeit als Buchgasse bezeichneter südlicher Abschnitt sind ein Straßenzug in der Altstadt von Frankfurt am Main. Während die Straße im mittelalterlichen Frankfurt eine der drei wichtigsten Nord-Süd-Hauptstraßen war, die zwei Stadttore und zwei große Kirchen miteinander verband, führt sie heute ein unscheinbares Dasein. Ihr städtebaulicher Zusammenhang ist weitgehend verloren gegangen – durch Straßendurchbrüche und Kriegszerstörung im Bombenkrieg, vor allem aber den Wiederaufbau der 1950er Jahre, der keine Rücksicht auf das historische Stadtbild nahm.
Die heute recht geringe Bekanntheit der Straße steht in Widerspruch zu ihrer historischen Bedeutung, die ihr als Ursprungsort der Frankfurter Buchmesse, kurzzeitigem Tagungsort der Frankfurter Nationalversammlung und jahrhundertelangem Wohnsitz von Frankfurter Patrizierfamilien zukommt.
Entstehung, Lage, Bedeutung mini|links|Verlauf des Kornmarkts in der Frankfurter Altstadt (um 1350)
Der Kornmarkt entstand nach der Stadterweiterung des 12. Jahrhunderts. Seine erste Erwähnung findet sich in einer Urkunde des Stauferkönigs Friedrich II. vom 15. August 1219. Darin schenkte er den Bürgern von Frankfurt auf ihre Bitte – ad supplicationem fidelium nostrorum universorum de Frankinfort – eine dem Reich gehörende, am Kornmarkt gelegene Hofstätte, – aream seu curtem iacentem iuxta forum frumenti – für den Bau der Leonhardskirche.
Nach dem Bau der Staufenmauer wurde die sich vor allem am Main entlang erstreckende Stadt nach Norden, also landeinwärts, erweitert und verdoppelte dadurch ihre ummauerte Fläche. Zu den bisherigen in Ost-West-Richtung verlaufenden Hauptstraßen wie der Alten Mainzer Gasse, der Saalgasse oder dem Markt traten nun drei neue Hauptstraßen, die die neuen Stadtteile mit den bisherigen verbanden. Eine weitere Funktion war die Aufnahme des Verkehrs zwischen den beiden neuen landseitigen Stadttoren und den bestehenden, zum Hafen am Mainufer führenden Toren:
Als östliche der drei parallelen Hauptstraßen führte die Fahrgasse von der Bornheimer Pforte (in der Nähe der heutigen Konstablerwache) zur Mainbrücke, die durch einen Brückenturm gesichert war. Die Fahrgasse wurde aufgrund ihrer überregionalen Verkehrsbedeutung (einziger Mainübergang zwischen Mainz und Aschaffenburg) zur wichtigsten Hauptverkehrsstraße Frankfurts. Die mittlere Verbindung, die Neue Kräme, nahm keinen Durchgangsverkehr auf, weil sie im Norden nicht in ein Stadttor mündete. Sie verband allerdings die beiden wichtigsten Plätze der Altstadt, den Liebfrauenberg und den Römerberg, miteinander. An den Letzteren schloss sich im Süden das zum Mainhafen führende Fahrtor an. An beiden Enden des Straßenzugs lagen wichtige Kirchen, im Norden die Liebfrauenkirche, im Süden die Nikolaikirche. Der westliche der drei Straßenzüge war der Kornmarkt. Er führte vom nordwestlichen Stadttor, der Bockenheimer Pforte (später Katharinenpforte) an der heutigen Hauptwache zum Leonhardstor am Mainhafen. Auch an diesen beiden Toren lagen wichtige Kirchen, die Katharinenkapelle und die Leonhardskirche.
Straßennamen Der gesamte Straßenzug zwischen Katharinen- und Leonhardspforte trug im Mittelalter den einheitlichen Namen Kornmarkt. Später unterschied man drei Abschnitte: der nördliche bis zur Kreuzung der Weißadlergasse und Großen Sandgasse hieß Kleiner Kornmarkt, der mittlere bis zur Kreuzung mit der Schüppen- und Paulsgasse Großer Kornmarkt. Der südliche Abschnitt von der Münzgasse bis zur Leonhardskirche erhielt im 17. Jahrhundert den Namen Buchgasse. Heute gibt es zwei Straßenbezeichnungen, der Abschnitt nördlich der Bethmannstraße heißt Kornmarkt, der südlich davon liegende Buchgasse.
Mittelalterliche Patrizierpaläste 85px 102px 108px 1628 1862 heute
Wie der Name verrät, fanden in dieser Straße bis ins 18. Jahrhundert die Frucht- und Getreidemärkte Frankfurts statt. Darüber hinaus war der Kornmarkt ein begehrter Standort für großbürgerliche Stadtpaläste, die meist nach ihren Besitzern benannt waren. Beispiele hierfür sind die Häuser Zum Frosch oder Zum Großen Goldstein. Das bekannteste bürgerliche Wohnhaus der Straße war die Große Stalburg, die 1496 vom damals reichsten Bürger der Stadt und mehrfachen Bürgermeister Claus Stalburg (1469–1525) errichtet wurde. Der wehrhafte gotische Steinbau mit Treppengiebel und Türmchen war ein stadtbekannter spätmittelalterlicher Prachtbau, ähnlich dem bis heute erhaltenen Steinernen Haus am Alten Markt.
Der Geburtsort der Frankfurter Buchmesse Der südliche Teil der Straße war im Mittelalter das Quartier der Waffen- und Rüstungsschmiede. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts siedelten sich hier die ersten Drucker und Buchhändler an und verdrängten das vorher ansässige Handwerk. Nach den neuen Bewohnern erhielt der südliche Teil des Kornmarkts seinen heutigen Namen: Buchgasse. Die Händler hielten hier ab 1480Messe Frankfurt: , abgerufen am 12. Juni 2007 zweimal jährlich eine Buchmesse ab, die bald zur wichtigsten Europas wurde. Durch die liberalen Bestimmungen der Freien Reichsstadt konnten hier zu Beginn der Reformation sogar die Schriften Martin Luthers gehandelt werden, die anderswo wegen Ketzerei verboten waren., Website der Frankfurter Buchmesse, abgerufen am 15. Juni 2007. Bei der Messe 1520 verkaufte ein Frankfurter Buchhändler über 1400 Exemplare seiner Schriften. Luther stieg auf seiner Reise zum Wormser Reichstag am Sonntag, dem 14. April 1521 und auch bei seiner Rückkehr am Samstag, dem 27. April 1521 im Gasthof Zum Strauß ab.Ernst Nebhut, Ferry Ahrlé: Frankfurter Straßen und Plätze. Erstausg., Societäts-Verl., Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-7973-0261-4, Seite 20.Achim Mittler (frankfurt-nordend.de): Martin-Luther-Straße Der Gasthof zum Strauß lag an der Ecke Schüppengasse/Buchgasse; er wurde 1896 beim Durchbruch der Bethmannstraße abgebrochen.
Während sein Gegner Johannes Cochläus – zu jener Zeit Dechant des Liebfrauenstiftes – gegen ihn predigte, bereiteten ihm die Frankfurter Patrizier Philipp Fürstenberger, Arnold von Glauburg und Hamman von Holzhausen einen begeisterten Empfang. Bis in die späte Nacht diskutierten sie mit dem prominenten Gast, dessen Schriften ihnen bereits vertraut waren.
Des anderen Tags besichtigte Luther zunächst die gegenüber seinem Gasthof, im Haus Goldstein, gelegene Städtische Lateinschule, die 1519 zur Ausbildung der Patriziersöhne gegründet worden war. Der Gründer, Bürgermeister Hamman von Holzhausen, berief den Humanisten Wilhelm Nesen zum ersten Rektor. Bei seinem Besuch lernte Luther auch Nesen kennen, der ihm 1523 nach Wittenberg folgte. Ein Brief, den Luther aus Frankfurt an seinen Freund Spalatin schrieb, blieb erhalten. Darin beschreibt er die körperlichen Beschwernisse seiner Reise und fährt fort: „Aber Christus lebt! und wir wollen nach Worms kommen allen Pforten der Hölle und Fürsten der Luft zu Trutz...Andere Briefe habe ich weiter nicht schreiben wollen, bis ich erst selbst gegenwärtig sehe was zu tun: daß wir den Satan nicht etwa aufblähen, den wir vielmehr zu schrecken und zu verachten willens sind.“Wilhelm Bornemann, Luther in Frankfurt 1521, in: Frankfurter Kirchenkalender 1921, S. 14ff.
mini|links|Gasthof zum Strauß, Zeichnung um 1850
Auch auf der Rückreise von Worms kehrte Luther für eine Nacht im Strauß ein. Sein Besuch wurde erneut zum öffentlichen Ereignis. Am anderen Morgen schrieb Luther einen Brief an Lucas Cranach, in dem er seine Klausur auf der Wartburg andeutete: „Ich lasse mich eintun und verbergen, weiß selbst noch nicht, wo...Es muß eine kleine Zeit geschwiegen und gelitten sein: Ein wenig sehet ihr mich nicht, und aber ein wenig, so sehet ihr mich, spricht Christus.“ Um 10 Uhr reiste er nach Friedberg ab.
Im Jahr 1530 ließ sich der Buchdrucker Christian Egenolff aus Hadamar in Frankfurt nieder und eröffnete sein Geschäft auf dem Großen Kornmarkt in der Nähe der Buchgasse. Aus seiner Druckerei ging 1535 die erste in Frankfurt gedruckte deutsche Bibel hervor, auch den Faberschen Belagerungsplan von 1552 hat er gedruckt.
Die Buchhändler und Verleger in der Buchgasse besaßen 20 Kellergewölbe, in denen Bücher, Stiche und Messekataloge verkauft wurden. Zu den Verkäuferinnen gehörten Dürers Frau Agnes und Maria Sibylla Merian.Es begann in Holzbuden auf dem Römerberg, Frankfurter Rundschau vom 14. März 2003 Im Jahre 1682 überschwemmte ein Mainhochwasser die Gewölbe der Buchhändler und richtete großen Schaden an den dort gelagerten Waren an.
Der englische Weltreisende Thomas Coryat besuchte 1608 die Frankfurter Messe. Er schrieb:
Nach dem Dreißigjährigen Krieg verschob sich das geistige Zentrum Deutschlands aus den Reichsstädten am Rhein in die absolutistischen Staaten im Norden und Osten, der Buchhandel wanderte nach und nach dorthin ab, vor allem nach Leipzig. Die dortige Buchmesse übernahm Frankfurts führende Rolle, bis die Frankfurter Buchmesse nach 1750 ganz erlosch.
Der Kornmarkt im klassizistischen Frankfurt mini|Deutsch-reformierte Kirche am Kornmarkt (1793–1944)
Auch nach dem Ende des internationalen Buchhandels und der Verlagerung des Stadtzentrums aus der Alt- in die Neustadt blieb die Straße ein Wohngebiet der Oberschicht. Das im 18. Jahrhundert errichtete Haus Zum Großen Korb galt als eines der schönsten Bauten der Straße. Die Große Stalburg wurde 1788 an die Deutsch-reformierte Gemeinde verkauft, die sie im folgenden Jahr abreißen und das Grundstück durch Georg Friedrich Mack und Salins de Montfort mit ihrer neuen Gemeindekirche bebauen ließ.
Das Nachbarhaus Liebeneck (Großer Kornmarkt 15) bewohnte die Bankiersfamilie Schönemann, deren Tochter Lili 1775 mit dem wenige Gassen weiter aufgewachsenen Johann Wolfgang Goethe ein kurzlebiges Verlöbnis einging. In der vom Kornmarkt abzweigenden Großen Sandgasse stand das Haus Zum Goldenen Kopf, seit 1777 Wohnsitz der Familie Brentano, Geburtshaus Bettinas und Sterbehaus ihrer Mutter Maximiliane. Im Nachbarhaus befand sich die Naumann’sche Druckerei, die die Briefmarken der thurn- und taxischen Post herstellte.Ernst Nebhut, Ferry Ahrlé: Frankfurter Straßen und Plätze. Societäts-Verl., Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-7973-0261-4, Seite 22.
Im 19. Jahrhundert errichtete die Bankiersfamilie Bethmann, neben den ebenfalls aus Frankfurt stammenden Rothschilds eine der wichtigsten Bankiersdynastien ihrer Zeit, an der Ecke Schöppengasse/Buchgasse das repräsentative Hauptgebäude ihres Bankhauses.
Zwischen dem 6. November 1848 und dem 9. Januar 1849 nahm die Frankfurter Nationalversammlung ihren Sitz in der deutsch-reformierten Kirche, da ihr eigentliches Quartier, die Paulskirche, wegen Umbauarbeiten nicht genutzt werden konnte. Der Kornmarkt wurde so zum Schauplatz von 40 Sitzungen des ersten frei gewählten deutschen Parlaments.
In der freistädtischen Zeit war das gegenüber der reformierten Kirche gelegene Gebäude Großer Kornmarkt 12 Sitz des Appellationsgerichts des Stadtstaats.
Gründerzeitliche Umgestaltung mini|Bau des Straßendurchbruchs Bethmann-/Braubachstraße, 1904 mini|Umgestaltung des Bereichs Kornmarkt/Paulsplatz durch die Rathausneubauten ab 1898.
Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Stadtentwicklung Frankfurts erheblich zu. Trotz der erst spät ermöglichten Industrialisierung stiegen die Einwohnerzahlen stark an, die bebaute Stadtfläche wuchs über die jahrhundertelang eingehaltene Grenze der Wallanlagen hinaus und bedeckte in kurzer Zeit das bisher von Ausfallstraßen, Gärten und Landhäusern geprägte Weichbild der alten Stadt. Große Infrastrukturprojekte wurden erforderlich, um die schnell wachsende Stadt an die neue Zeit anzupassen. An der Altstadt lief diese Entwicklung jedoch weitgehend vorbei. Das enge, für den neuzeitlichen Verkehr unzugängliche Gassengewirr war von der stadtstrukturellen Entwicklung weitgehend abgehängt und führte zunehmend ein Eigenleben. Der Fortzug wohlhabender Bürger in zeitgemäßere Stadtteile ließ Befürchtungen aufkommen, dass die Altstadt zu einem Elendsviertel herabsinken könnte.