mini|300px| Westgotische Könige:Chindaswinth, Rekkeswinth und EgicaAbbildung aus dem Codex Vigilanus (976)

Das Westgotenreich war das von 418 bis 711 (bzw. 725) bestehende Reich der Westgoten, das seinen Schwerpunkt zunächst in Südwestgallien und später auf der Iberischen Halbinsel hatte.

Für die Zeit von 418 bis 507 spricht man vom Tolosanischen Reich oder Reich von Toulouse, mit der Hauptstadt Tolosa (dem heutigen Toulouse). Nach dem Verlust des größten Teils der südgallischen Gebiete einschließlich der Hauptstadt Tolosa durch die Niederlage gegen die Franken in der Schlacht von Vouillé (507) verlagerte sich der Schwerpunkt des Westgotenreiches auf die Iberische Halbinsel. Damit begann die zweite Phase, die nach der neuen Hauptstadt Toledo als Toledanisches Reich bezeichnet wird.

Nach der Niederlage der Westgoten unter Roderich gegen ein muslimisches Invasionsheer unter Tāriq ibn Ziyād im Jahre 711 war der Untergang des Westgotenreiches besiegelt. Einzelne Regionen leisteten länger Widerstand (in der nordöstlichen Tarraconensis bis 719, im südgallischen Reichsteil Septimanien bis 725). In Asturien leistete der westgotische Adlige Pelagius erfolgreich Widerstand, was oft als Beginn der Reconquista angesehen wird.

Das aus einem föderierten Kriegerverband hervorgegangene Westgotenreich stellt in vielerlei Hinsicht eine Brücke zwischen Antike und Mittelalter dar, da hier einerseits länger als in vielen anderen Regionen des römischen Westens spätantike Strukturen fortbestanden und andererseits in einigen Bereichen mittelalterliche Lebens- und Rechtsformen prototypisch und in Ansätzen entwickelt wurden.

Vorgeschichte

Tolosanisches Reich 418–507

Politische Geschichte

Etablierung des Reiches Nach einem gescheiterten Versuch, über die Meerenge von Gibraltar nach Africa zu gelangen, musste der zuvor von Alarich und Athaulf geführte gotische Kriegerverband auf der Iberischen Halbinsel unter seinem rex Wallia im Frühjahr 416 ein Bündnis mit der weströmischen Regierung schließen, das die Goten verpflichtete, als Foederaten gegen die germanischen Gruppen zu kämpfen, die 409 in Hispanien eingefallen waren. Dieser Feldzug dauerte bis zum Sommer 418, dann kehrten die Goten auf römischen Befehl nach Gallien zurück und erhielten von den Römern ein Gebiet in Aquitanien zugewiesen, von dem aus sie versorgt werden sollten. Dies geschah weitgehend in Kooperation mit der gallorömischen Oberschicht. Das Weströmische Reich versprach sich davon die Abwehr der Vandalen und anderer germanischer Gruppen, die 406/407 über den Rhein nach Gallien eingedrungen waren. Offenbar erschien der römischen Regierung in Ravenna die Duldung der westgotischen Ansiedlung, deren Umstände und Bedingungen in der Forschung sehr umstritten sind, als das kleinere Übel. Tatsächlich zogen die Westgoten 422 mit den kaiserlichen Truppen gegen die Vandalen in den Kampf, doch ging es ihnen wohl vor allem um einen Zugang zum Mittelmeer. Das Streben der föderierten Westgoten nach gesicherten Einkünften und Handlungsspielräumen gegenüber der weströmischen Regierung sollte für Jahrzehnte prägend bleiben.

Die wechselnden römischen Machthaber versuchten, die kampfstarken Goten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, deren Stellung angesichts der instabilen kaiserlichen Regierung gefährdet blieb. Die Westgoten übten daher ihrerseits früh und immer wieder militärischen Druck aus, um den Abschluss günstigerer foedera zu erzwingen. Der römische Heermeister Aëtius, der 434 nach einem Bürgerkrieg an die Macht gekommen war, konnte zwei westgotische Angriffe auf Arelate (heute Arles) abwehren. Ein Angriff der Westgoten auf Narbo Martius (heute Narbonne) 436 führte zu einem mehrjährigen wechselvollen Krieg mit den Römern, die auch hunnische Söldner einsetzten, aber schließlich eine schwere Niederlage erlitten. Die verlustreichen Kämpfe endeten schließlich 439 mit einem neuen Vertrag. Dieses foedus räumte den Goten deutlich mehr Rechte ein. In der Folgezeit bemühte sich der westgotische rex Theoderich I. um ein Bündnis mit den Vandalen gegen Aëtius, das jedoch scheiterte, da der Vandale Geiserich 442 die Front wechselte und eine Tochter Theoderichs verstümmeln ließ.

In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (451) kämpften die Westgoten auf Seiten von Aëtius gegen die Hunnen Attilas und andere Völkerschaften, darunter auch andere Goten. Sie bildeten anscheinend gemeinsam mit den westischen Einheiten den größten und kampfkräftigsten Teil der Allianz gegen die Hunnen. Offenbar hatte Theoderich I. befürchtet, dass ein weiteres Vordringen der Hunnen auch seine Herrschaft gefährden würde; vor allem aber scheint der Umstand, dass Attila sich mit seinem Todfeind Geiserich verbündet hatte, dazu geführt zu haben, dass er sich nach längerem Schwanken entschied, seinen einstigen Gegner Aëtius zu unterstützen. Die Westgoten waren anschließend maßgeblich am Sieg auf den Katalaunischen Feldern beteiligt, doch fiel Theoderich I. im Kampf. Sein Sohn und Nachfolger Thorismund war ein Feind des Aëtius, den er nicht weiter unterstützen wollte, und zog mit seinen Truppen ab.

Erneutes Föderatenverhältnis zu Rom 453 kam bei den Westgoten Theoderich II. durch einen Mord an seinem Bruder Thorismund an die Macht. Er erneuerte das Foederatenverhältnis zu den Römern und das Bündnis mit Aëtius, da er innerhalb des Weströmischen Reichs eine maßgebliche Machtstellung zu erringen hoffte. Als Aëtius 454 erschlagen wurde und neue Wirren in Italien ausbrachen, wollte Theoderich die Umstände nutzen, um seinen Einfluss zu vergrößern. Diesem Ziel diente die Erhebung des gallorömischen Senators Avitus zum Kaiser, die auf Theoderichs Drängen 455 in Arles erfolgte.Henning Börm: Westrom. Stuttgart 2013, S. 99ff. Avitus, einst ein Anhänger des Aëtius, zog mit westgotischen Truppen nach Italien, konnte sich aber nicht lange in Rom behaupten, weil die westgotischen Krieger 456 Italien wieder verließen, um in Hispanien gegen das regnum der Sueben zu kämpfen. Zwar blieben sie dabei siegreich, doch fehlte ihre Kampfkraft Avitus, der daher von seinen innerrömischen Feinden beseitigt wurde. Das Scheitern des Avitus wurde von der gallorömischen Oberschicht als Niederlage empfunden und führte wohl zu einer Entfremdung zwischen den Gallorömern und der weströmischen Regierung in Ravenna, was die Westgoten begünstigte. Theoderich II. wollte diese Lage zur Eroberung von Arles nutzen, scheiterte aber an dem Heermeister Aegidius. Dieser schlug die Westgoten 458 im Auftrag des neuen Kaisers Majorian vor Arles, worauf das Föderatenverhältnis ein weiteres Mal erneuert wurde. Hinter Majorian stand der neue Heermeister Ricimer, der mit dem westgotischen Herrscherhaus verwandt war. Als Aegidius nach dem Sturz Majorians, der 461 von Ricimer fallengelassen und getötet wurde, gegen die neuen Machthaber Roms rebellierte und sie von seinem nordgallischen Machtbereich aus bekämpfte, verbündete sich Theoderich II. mit Ricimer und dem neuen Kaiser Libius Severus gegen ihn und besetzte Narbonne. Erneut hatten sich die Westgoten also die Bürgerkriege der Römer gegeneinander zunutze gemacht. 463 erlitten sie in der Schlacht bei Orléans allerdings eine schwere Niederlage.

Expansion an die Loire und nach Hispanien mini|Entwicklung des Westgotenreiches; rotorange: Ansiedlung der Westgoten in Aquitanien ab 418; orange und hellorange: Ausbreitung des Westgotenreiches bis 507; orange: Westgotenreich (mit Septimanien) zwischen 507 und 552; grün: Suebenreich, das ab 585 zum Westgotenreich gehörte. Der Tod des Aegidius, der 464/465 starb, verschaffte den Westgoten Gelegenheit zur Expansion im Loireraum. 466 wurde Theoderich II. von seinem jüngeren Bruder Eurich (II.) beseitigt. Nach seiner Machtergreifung begann Eurich, ein bedeutender Herrscher, mit diplomatischen Vorbereitungen zu einer großen Offensive gegen die Römer. 468 erlitten diese eine katastrophale Niederlage gegen Geiserich, und nun nutzte Eurich die Schwäche der kaiserlichen Regierung aus und löste das Föderatenverhältnis endgültig auf. Er dehnte seinen Machtbereich bis zur Loire, in die Auvergne und im Süden bis weit nach Hispanien hinein aus. Ein Vorstoß auf Rom scheiterte zwar, doch im Jahr 475 schloss er Frieden mit Kaiser Julius Nepos, der den Westgoten die von ihnen eroberten Gebiete überließ und ihre Unabhängigkeit anerkannte. Nach der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus im folgenden Jahr besetzten Eurichs Truppen auch das bis zuletzt römisch gebliebene Gebiet um Arles. Auf eine weitere Expansion in Gebiete östlich der Rhône und nördlich der Loire verzichtete Eurich.

Die Westgoten besetzten in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts etappenweise auch große Teile der Iberischen Halbinsel. Sie beschränkten sich zunächst auf wichtige Stützpunkte wie Mérida. Erst in den neunziger Jahren des 5. Jahrhunderts kam es zu mehreren größeren Ansiedlungswellen. Den Anlass dazu bot wohl der fränkische Druck auf die Loiregrenze.

Unter Eurich erreichte das Westgotenreich den ersten Höhepunkt seiner Macht. Als er 484 starb, war es nach Ausdehnung und Einwohnerzahl der bedeutendste der Nachfolgestaaten des Weströmischen Reichs. Die Ausdehnung betrug rund 750 000 Quadratkilometer, die Einwohnerzahl wird auf 10 Millionen geschätzt.Karl Friedrich Stroheker: Eurich, Stuttgart 1937, S. 88; Dietrich Claude: Geschichte der Westgoten, Stuttgart 1970, S. 33f.; Klaus Herbers: Geschichte Spaniens im Mittelalter, Stuttgart 2006, S. 35.

Gebietsverluste an die Franken Ab dem späten 5. Jahrhundert erstarkten die Franken. Unter dem Merowinger Chlodwig I., der mehrere fränkische Verbände vereinigen konnte, vernichteten sie 486/487 das Reich des römischen Machthabers Syagrius nördlich der Loire. Syagrius floh zu den Westgoten, die ihn auf fränkischen Druck an Chlodwig auslieferten. Die Loire bildete nun die fränkisch-westgotische Grenze. 507 ging Chlodwig zum Angriff über; in der Schlacht von Vouillé besiegte er Alarich II., den Sohn und Nachfolger Eurichs. Alarich fiel in der Schlacht. Die Franken eroberten die westgotische Hauptstadt Tolosa, wo sie einen Teil des Königsschatzes erbeuteten. So ging der gallische Teil des Reichs bis auf Septimanien, einen Küstenstreifen am Mittelmeer um Narbonne, verloren. Nur das Eingreifen des Ostgotenkönigs Theoderich, der ab 511 für einige Jahre die Regierung des Westgotenreichs übernahm, ermöglichte den Westgoten die Bewahrung Septimaniens. Damit endete das Tolosanische Reich.

Kultur- und Sozialgeschichte

Rechtswesen In seiner rund neunzigjährigen Geschichte wurde das Tolosanische Reich auf verschiedenen Gebieten zum Vorbild für andere regna Galliens und Hispaniens. Im Rechtswesen war der wohl um 475 eingeführte Codex Euricianus, ein nach seinem Urheber, König Eurich, benanntes Gesetzbuch, die erste Rechtskodifikation eines poströmischen Herrschers.Die Pionierrolle Eurichs betont Isidor von Sevilla, Historia Gothorum 35. Ob schon Eurichs Vorgänger gesetzgeberisch tätig waren oder vor Eurich nur Gewohnheitsrecht galt, ist strittig. Indem Eurich das eigentlich nur dem Kaiser zurstehende Recht der Gesetzgebung usurpierte, demonstrierte er seine Unabhängigkeit. Der Codex wurde zur Basis für die spätere Gesetzgebung westgotischer Herrscher und auch zum Muster für fremde Volksrechte wie das alamannische und bayrische Recht.