Die Theosophische Gesellschaft Adyar, englisch The Theosophical Society – Adyar (Adyar-TG bzw. TS Adyar), ist eine theosophische Organisation, die sich aus der Theosophischen Gesellschaft (TG) entwickelte. Der Sitz befindet sich in Adyar in Indien. Sie ist heute die mit Abstand größte TG und in mehr als 60 Ländern der Welt aktiv, darunter auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Neben ihrem klassischen Wirkungsspektrum im Bereich Esoterik und Religion übte sie im Laufe ihrer Geschichte großen Einfluss auf Gesellschaft, Politik, Kunst und Wissenschaft aus. Interne Streitigkeiten wie auch eine Reihe von Skandalen trübten jedoch die Ausstrahlungskraft der Organisation. mini|Siegel der Adyar-TG mit der Maxime Keine Religion ist höher als die Wahrheit
Vorgeschichte mini|links|Das Hauptgebäude der TG in Adyar im Jahr 1890 mini|Helena Petrovna Blavatsky mini|Henry Steel Olcott mini|William Quan Judge Die Gründung der Theosophischen Gesellschaft (TG) erfolgte am 17. November 1875 in New York. Bedeutendste Gründer und Protagonisten der ersten Jahrzehnte waren Helena Blavatsky, Henry Steel Olcott und William Quan Judge, wobei Olcott das Amt des Präsidenten ausübte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte sich die TG etablieren und erste Tochtergesellschaften (Logen) gründen. Eine Verbindung mit dem Arya Samaj führte 1878 zur Theosophical Society of the Arya Samaj und 1879 zur Übersiedlung Blavatskys und Olcotts nach Indien. Nach der Gründung der ersten theosophischen Loge Indiens in Mumbai durch die beiden Theosophen holten sie 1879 das Hauptquartier von New York dorthin und gaben die Monatszeitschrift The Theosophist heraus. Damit verlagerte sich der Schwerpunkt der Aktivitäten auf Südasien. 1882 kauften Blavatsky und Olcott für 600 Pfund ein 27 Acre (etwa elf Hektar) großes Grundstück mit drei kleinen Gebäuden in Adyar, am Ufer des Adyar River, und verlegten im Dezember 1882 das Hauptquartier der TG an diesen Ort. In den folgenden Jahren bürgerte sich in theosophischen Kreisen allmählich Adyar als ein Symbol für die TG schlechthin ein. Das Wachstum der Organisation sowie die damit gleichlaufende Reifung Blavatskys und Olcotts brachte in den 1880er Jahren eine Anpassung der Ziele der Theosophischen Gesellschaft mit sich, welche schließlich ganz wesentlich die Expansion in diesem Jahrzehnt in Indien und Sri Lanka und in den 1890er Jahren in Europa und Amerika förderte.
Laut theosophischer Anschauung war die TG im Auftrag sogenannter Meister der Weisheit gegründet worden; diese sollen auch die Entwicklung der TG geführt und geleitet haben. Diese Meister waren angeblich die Lehrer Blavatskys und Verfasser zahlreicher Meisterbriefe, die eine Reihe von führenden Theosophen, vor allem Alfred Percy Sinnett und Allan Octavian Hume, erhalten haben. Die Meister standen bei den Theosophen in hohem Ansehen, wie auch die Meisterbriefe im Lehrgebäude der TG ihren festen Platz haben. Die Coulomb-Affäre im Jahre 1884 und der daran anschließende Hodgson Report 1885, beide im Zusammenhang mit den Meisterbriefen, hatten verheerende Auswirkungen auf die Reputation der TG und führten zur Abreise Blavatskys nach Europa und zum Verlust ihres Einflusses. 1885 waren Theosophen und die TG an der Gründung des Indischen Nationalkongresses (INC) beteiligt und jahrzehntelang dem indischen Unabhängigkeitskampf verbunden. Um ihren Einfluss wieder auszubauen, gründete Blavatsky 1888 in London die Esoterische Sektion (Esoteric Section oder Esoteric School of Theosophy oder Eastern School of Theosophy – E.S. oder E.S.T.) als eigenständige Körperschaft neben der TG; sie war nominell von dieser unabhängig. Am 27. Mai 1891 übernahmen Judge und Annie Besant die Leitung der E.S.
In den Jahren 1894 und 1895 kam es zur Judge Case, einer Reihe von Missverständnissen, Einflussnahmen und Machtkämpfen zwischen Judge einerseits und Olcott und Besant andererseits, die schließlich am 28. April 1895 mit der Spaltung der TG in zwei konkurrierende Organisationen endete, einerseits die Theosophische Gesellschaft in Amerika (TGinA) unter der hierarchischen Führung Judges und andererseits die demokratischere Theosophische Gesellschaft Adyar (Adyar-TG) unter Olcott. Dieses Schisma war nur der Auftakt für eine Reihe weiterer Spaltungen, die zu einer Vielzahl von unterschiedlichen TGs führte.
Geschichte der Adyar-TG Unter Henry Steel Olcott Wie bereits erwähnt, hatte sich in theosophischen Kreisen Adyar als Synonym für die TG etabliert. Durch das Schisma vom 28. April 1895 waren nun zwei TGs entstanden und die Bezeichnung Adyar-TG zur Unterscheidung notwendig geworden. Dies wurde umso wichtiger, als in den folgenden Jahrzehnten durch neuerliche Spaltungen eine Reihe weiterer TGs entstanden, wovon mehrere sich ebenfalls Theosophische Gesellschaft nannten. Der 28. April kann somit als Entstehungstag der Adyar-TG betrachtet werden, heute nennt sich die Adyar-TG selbst The Theosophical Society – Adyar. Da sich das Hauptquartier der TG seit 1882 in Adyar befand und durch Olcott die Führung kontinuierlich blieb, wurde und wird die nunmehrige Adyar-TG häufig mit der TG von 1875 gleichgesetzt. Alle Verdienste, aber auch die Skandale der Zeit von 1875 bis 1895 werden üblicherweise der Adyar-TG zugerechnet. Diesen Standpunkt, rechtmäßiger Nachfolger der ursprünglichen TG zu sein, nahm viele Jahrzehnte lang auch die Adyar-TG für sich selbst in Anspruch. Diese Auffassung wich in der Adyar-TG nach und nach differenzierteren Betrachtungsweisen. Kritisiert und bestritten wird dieses Recht allerdings von anderen TGs, die ihrerseits nach wie vor behaupten, jeweils alleinige Erbin der „wahren“ und „echten“ Theosophie zu sein.
Knapp ein Jahr nach dem Schisma, im März 1896, starb Judge. Damit war Olcott der letzte lebende der „drei Gründer“ (Blavatsky, Olcott, Judge). Durch seine umfangreiche, weltweite Tätigkeit beim Aufbau der Theosophischen Gesellschaft war seine Person für den größten Teil der Theosophen eine wichtige Integrationsfigur. Die weltweite Verbreitung der TG Adyar, ihre Offenheit den asiatischen und europäischen Religionen und Philosophien gegenüber sowie ihr Festhalten an demokratischer Organisationsstruktur führte zu einer besonderen Attraktivität der Adyar-TG gegenüber der TGinA und damit zu stärkerem Mitgliederzuwachs. Dazu kamen Streitigkeiten bei der TGinA wegen Judges Nachfolge und der Neuorientierung zu sozialem Engagement unter Katherine Tingley. Eine Reihe von Logen wandte sich deshalb in den folgenden Jahren von der TGinA ab und schloss sich der Adyar-TG an. So überrundete die Adyar-TG die TGinA in den USA bereits Anfang 1900 sowohl an Mitglieder- als auch Logenzahl. Erst am 3. April 1905 ließ Olcott die Adyar-TG in Chennai als Körperschaft eintragen, bis zu diesem Zeitpunkt war aus rechtlicher Sicht New York Sitz der Organisation gewesen.
Olcott förderte während seiner Präsidentschaft vor allem den Buddhismus. Bei seinem Tod 1907 hatte die Adyar-TG weltweit rund 650 Logen und Zentren in Betrieb.
Unter Annie Besant mini|Annie Besant mini|Charles Webster Leadbeater Nach dem Tod Olcotts am 17. Februar 1907 bewarben sich Bertram Keightley und Annie Besant um das Präsidentenamt. Keightley verzichtete schließlich auf seine Kandidatur, Besant war damit die einzige, die zur Wahl stand, und entschied diese mangels Alternative klar für sich. Als enge Vertraute Blavatskys während deren letzten zwei Lebensjahre hatte sie beträchtlichen Einfluss gewonnen und durch ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre blendende Rednergabe in den folgenden Jahren ihre Autorität noch weiter ausgebaut. Schon vor ihrer Zeit als Mitglied der Theosophischen Gesellschaft hatte Besant starke Sympathien für den Hinduismus und Reformsozialismus entwickelt, welche sie in die Gesellschaft über Vorträge und Bücher einbrachte. Um die Jahrhundertwende überwand sie die in der TG seit Blavatsky vorherrschenden negativen Einstellungen gegenüber dem esoterischen Christentum.
In den ersten Jahren nach der Gründung der TG im Jahre 1875 stand die Erforschung des Okkultismus im Vordergrund, doch seit etwa 1878 propagierte Olcott vor allem den Buddhismus in der TG. Durch das Ausscheiden Judges infolge der Judge Case gewann Besant weiter an Gewicht und ihre Hinwendung zum Hinduismus wirkte sich seit etwa 1894 zusehends stärker in Form einer Richtungsänderung in der nun mehrigen Adyar-TG aus. Nach der Entdeckung Jiddu Krishnamurtis durch Charles Webster Leadbeater und der Gründung des Order of the Star in the East für den neuen „Weltenlehrer“ kam es unter Besant zu einem neuerlichen Kurswechsel der Adyar-TG. Seit etwa 1911 stand nun das Kommen eines „neuen Christus“ (Maitreya) im Vordergrund.
Unter der autokratischen Leitung Katherine Tingleys wurden von ihrer TGinA viele Angriffe gegen die TG Adyar geführt. Insbesondere Leadbeater und Besant wurden des Verrats an der reinen Lehre der Blavatsky-Theosophie und der Meister der Weisheit beschuldigt, von der niemand abweichen dürfe. Leadbeater hatte jungen Theosophen, die ihn auf Vortragsreisen begleiteten und von erotischen Phantasien geplagt wurden, Masturbation als Hilfsmittel empfohlen, um die Phantasien beherrschbar zu machen. Dies wurde von Leadbeater nie bestritten. Nach Bekanntwerden solcher Empfehlungen Anfang 1906 wurde Leadbeater beschuldigt, homosexuelle Beziehungen zu seinen Schülern gehabt zu haben, was seinen „freiwilligen“ Austritt infolge eines Ehrengerichtsverfahrens aus der Adyar-TG zur Folge hatte, um Schaden von dieser abzuwenden. Dieses Gerichtsverfahren und ein zweites endeten mit dem Freispruch Leadbeaters. Später stellte sich heraus, dass die Verbreitung der Anschuldigungen wie auch das Gerichtsverfahren der Vormundschaftsklage gegen Annie Besant von Katherine Tingley bezahlt worden waren. Bereits 1907 entschuldigte sich H.S.Olcott bei Leadbeater. Besant setzte dann gegen den Widerstand zahlreicher Theosophen im Januar 1909 die Wiederaufnahme Leadbeaters durch. Dies führte zum Ausscheiden von George Robert Stow Mead und der Abspaltung der Quest Society. Der Kult um Krishnamurti und den Order of the Star in the East war wiederum eine der Begründungen für die endgültige Abspaltung der Anthroposophischen Gesellschaft unter Rudolf Steiner 1912/13. Weitere Spaltungen finden sich im Kapitel Spaltungen/Trennungen von der Adyar-TG.Peter Michel, Charles W. Leadbeater, Aquamarinverlag 1998
Besant erweiterte durch Zukäufe den von Blavatsky erworbenen Grundbesitz der Adyar-TG in Adyar von 27 Acres auf 270 Acres (109,27 Hektar 1,09 km²). Sie gründete im Jahr 1908 die Druckerei Vasanta Press und 1913 den Verlag Theosophical Publishing House, die bis heute bestehen und theosophische Literatur publizieren. Die spirituellen Zentren Krotona in Ojai, Manor in Sydney, und St. Michael’s in Naarden, die ebenfalls heute noch aktiv sind, wurden unter Besants Präsidentschaft ins Leben gerufen. Pädagogische Kinder- und Jugendarbeit, Erziehung und schulische Ausbildung sowie soziales Engagement erhielten unter Besant für die Adyar-TG großen Stellenwert. Eine Reihe von Schulen, Colleges und Universitäten, Kinder-, Jugend- und Hilfsorganisationen wie auch Frauenrechts- und -hilfegruppen sowie caritative Einrichtungen wurden ins Leben gerufen. Diese waren zum Teil autonom, standen und stehen aber meist unter indirektem Einfluss der Adyar-TG. Insbesondere die Reformpädagogik und Frauenbewegung erhielten wichtige Impulse und Hilfe aus dem theosophischen Bereich. Anders als in der Waldorfschulen-Bewegung wurde auf die von den Adyar-Theosophen geförderte Montessori-Schulen-Bewegung keinerlei weltanschaulicher Einfluss genommen. Eine Übersicht findet sich im Kapitel Vorfeld- und Nebenorganisationen.