Ursprüngliche Akkumulationoftmals sogenannte urspr. Akkumulation, selten vorhergegangne oder vorgängige Akkumulation, urspr. Expropriation; engl.: oder Der Begriff „ursprünglich“ wurde von englischsprachigen Übersetzern von Marx oftmals als (dt.: einfach, primitiv, urwüchsig, niedrig stehend) wiedergegeben, während „ursprünglich“ im wörtlichen Sinne im Englischen eher oder bedeutet. ist ein Begriff der klassischen Nationalökonomie, der insbesondere aufgrund der Verwendung durch Karl Marx in seinem Werk Das Kapital Gegenstand wissenschaftlicher Debatten wurde. Im 24. Kapitel des Kapitals mit dem Titel „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ kritisiert Marx in teils ironischer Form zeitgenössische Konzepte einer Akkumulation, die der kapitalistischen Produktionsweise vorangegangen sei. Da diese das Vorhandensein zweier Gruppen von Warenbesitzern voraussetzt (einerseits Eigentümer von Geld, Produktions- und Lebensmitteln, die diese durch Ankauf fremder Arbeitskraft verwerten; andererseits lohnabhängige Arbeiter, die ihre Arbeitskraft an Erstere veräußern), bedurfte es auch einer Erklärung über die Entstehung dieser zwei Gruppen. In der klassischen Ökonomie wurde dies unter dem Begriff der ursprünglichen Akkumulation diskutiert, einer auf eigener Arbeit und Sparsamkeit beruhenden Aneignung von Geld und Produktionsmitteln. Diese sei laut dem entsprechenden Kapitel im Kapital jedoch nichts anderes „als der Scheidungsprozess des Arbeiters vom Eigentum an seinen Arbeitsbedingungen, ein Prozeß, der einerseits die gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsmittel in Kapital verwandelt, andrerseits die unmittelbaren Produzenten in Lohnarbeiter. Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation ist also nichts als der historische Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel. Er erscheint als „ursprünglich“, weil er die Vorgeschichte des Kapitals und der ihm entsprechenden Produktionsweise bildet.“Marx, Das Kapital, MEW 23: 742. Dieser Prozess gründe auf einer mit politischen und ökonomischen Mitteln durchgesetzten gewaltsamen Enteignung der „unmittelbaren Produzenten“.

Rezeptionsgeschichtlich fällt die Auseinandersetzung mit dem Ansatz unterschiedlich aus. In marxistischen Diskussionen wurde oftmals die Frage diskutiert, ob die ursprüngliche Akkumulation eine historische Phase oder ein kontinuierlicher Prozess sei, ebenso wurden Auseinandersetzungen hinsichtlich der Entwicklung Russlands geführt und methodisch-theoretische Fragestellungen diskutiert. Beispielsweise hat Joseph Schumpeter kritisiert, dass Marx’ Ansatz nicht erklären könne, wie bestimmte Gruppen dazu befähigt waren, Enteignungsprozesse durchzuführen. Ebenfalls verkenne Marx die Rolle von überdurchschnittlicher Energie und Intelligenz zur Begründung von wirtschaftlichem Erfolg.

Neben Marx’ Ansatz der historischen Werdung des Kapitalismus übten insbesondere die Theorien Max Webers und Werner Sombarts einen prägenden Einfluss auf entsprechende Überlegungen aus.

Ursprüngliche Akkumulation bei Marx Rezeption der vorhergehenden Akkumulation Smiths in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ mini|Karl Marx (1818–1883) Wie Marx im Kapital festhielt, besteht eine Verbindung zwischen seinem Konzept der ursprünglichen Akkumulation und der bei Smith. In den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844 zitierte Marx über mehrere Seiten Vertreter der klassischen politischen Ökonomie, darunter auch Aussagen Smiths zum Verhältnis von Kapitalakkumulation und Arbeitsteilung. Smiths Annahme war, dass „die Akkumulation eines Kapitals ein notwendiger Vorläufer der Teilung der Arbeit ist,“ und die Arbeitsteilung nur nach dem Verhältnis fortschreite, „in welchem sich die Kapitalien nach und nach aufgehäuft haben.“ Ebenso vermehre sich die Zahl der Arbeiter im Verhältnis zur vermehrten Teilung der Arbeit.Vgl. Smith, An Inquiry into the Nature And Causes of the Wealth of Nations, Book Two, Of the Nature, Accumulation, and Employment of Stock, 1776, S. 193f.; zitiert nach: Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband, 1: 495 Eine Vermehrung der Arbeitsteilung und der Kapitale finde nach Smith statt, da der Kapitalist eine „größtmöglichste Quantität Machwerk“ produzieren will und deshalb danach strebt „unter seinen Arbeitern die schicklichste Arbeitsteilung einzuführen und mit den möglichst besten Maschinen sie zu versehn“.Vgl. Smith, An Inquiry into the Nature And Causes of the Wealth of Nations, Book Two, Of the Nature, Accumulation, and Employment of Stock, 1776, S. 194f.; zitiert nach: Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband, 1: 496 Nicht nur die Quantität von Industrie vermehre sich mittels des Wachstums des Kapitals, infolge dieses Wachstums produziere dieselbe Quantität von Industrie eine viel größere Quantität Machwerk.

Kritik der klassischen politischen Ökonomie Marx stellt dem Begriff ursprüngliche Akkumulation das Wort „sogenannte“ voran, da er seine Vorstellung von der Rolle und Form der ursprünglichen Akkumulation in der Entstehung des Kapitalismus der Darstellung der klassischen politischen Ökonomie (klassische Nationalökonomie) gegenüberstellen will. Die Ansicht der klassischen politischen Ökonomie über den Verlauf der ursprünglichen Akkumulation vergleicht Marx mit dem Sündenfall in der Bibel: „In einer längst verfloßnen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der andren faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen. Die Legende vom theologischen Sündenfall erzählt uns allerdings, wie der Mensch dazu verdammt worden sei, sein Brot im Schweiß seines Angesichts zu essen; die Historie vom ökonomischen Sündenfall aber enthüllt uns, wieso es Leute gibt, die das keineswegs nötig haben. Einerlei. So kam es, daß die ersten Reichtum akkumulierten und die letztren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut.“Marx, Das Kapital, MEW 23: 741 In der politischen Ökonomie hätte seit jeher eine „Idylle“ geherrscht, in der Recht und Arbeit die einzigen Bereicherungsmittel waren. Marx hingegen betont die Gewaltsamkeit, „Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt“, seien die treibende Kraft der ursprünglichen Akkumulation.Vgl. Marx, Das Kapital, MEW 23: 742 Er wirft den „bürgerlichen Geschichtsschreibern“ vor, dass sie die Auflösung der feudalen Produktionsweise unter der Befreiung des Arbeiters darstellen, ohne den Übergang der feudalen in die kapitalistische Ausbeutungsweise darzustellen, der Klassencharakter, die „Knechtschaft des Arbeiters“, erfuhr nur einen Formwechsel.Vgl. Marx, Das Kapital, MEW 23: 742f. Wie Marx in der Schrift „Lohn, Preis und Profit“ festhält, sollte man, „was die Ökonomen als ‚vorgängige oder ursprüngliche Akkumulation‘ bezeichnen“, seiner Ansicht nach vielmehr als „ursprüngliche Expropriation“ [Enteignung] fassen.Marx, Lohn, Preis und Profit, MEW 16: 131

Marx drängt sich in den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie die „einfache Bemerkung auf“, dass „eine der Arbeit vorhergegangne und nicht aus ihr entsproßne Akkumulation […] auf seiten des Kapitalisten vorgegangen sein muss, die ihn befähigt den Arbeiter ans Werk zu setzen und […] als lebendiges Arbeitsvermögen zu erhalten.“ Diese von der Arbeit unabhängige Tat des Kapitals werde nach Marx nun aus der Geschichte seiner Entstehung in die Gegenwart verlegt.Vgl. Marx, Grundrisse, MEW 42: 411f. „Es wird daraus dann endlich abgeleitet das ewige Recht des Kapitals auf die Früchte fremder Arbeit, oder vielmehr seine Erwerbsweise wird aus den einfachen und »gerechten« Gesetzen des Austauschs von Äquivalenten entwickelt.“Marx, Grundrisse, MEW 42: 412 Diese Vorstellung kritisiert Marx.

Die ursprüngliche Akkumulation in der Schrift „Lohn, Preis und Profit“ Marx wirft in einem auf Sitzungen des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation gehaltenen Vortrag im Juni 1865, der später von Marx’ Tochter Eleanor unter dem Titel „Lohn, Preis und Profit“ veröffentlicht wurde, nebenbei die Frage auf, woher die sonderbare Erscheinung komme, „daß wir auf dem Markt eine Gruppe Käufer finden, die Besitzer von Boden, Maschinerie, Rohstoff und Lebensmitteln sind, die alle, abgesehn von Boden in seinem rohen Zustand, Produkte der Arbeit sind, und auf der andern Seite eine Gruppe Verkäufer, die nichts zu verkaufen haben außer ihre Arbeitskraft, ihre werktätigen Arme und Hirne. Daß die eine Gruppe ständig kauft, um Profit zu machen und sich zu bereichern, während die andre ständig verkauft, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen?“Marx, Lohn, Preis und Profit, MEW 16: 130f. Dem Ursprung dieses Phänomens nachzugehen wäre eine Untersuchung des Sachverhaltes, der von den Ökonomen als ursprüngliche Akkumulation bezeichnet wurde. Nach Marx ist diese „sogenannte ursprüngliche Akkumulation nichts andres […] als eine Reihe historischer Prozesse, die in einer Auflösung der ursprünglichen Einheit zwischen dem Arbeitenden und seinen Arbeitsmitteln resultieren.“ Abschließend hält Marx noch fest: „Sobald einmal die Trennung zwischen dem Mann der Arbeit und den Mitteln der Arbeit vollzogen, wird sich dieser Zustand erhalten und auf ständig wachsender Stufenleiter reproduzieren, bis eine neue und gründliche Umwälzung der Produktionsweise ihn wieder umstürzt und die ursprüngliche Einheit in neuer historischer Form wiederherstellt.“

Die Untersuchung einer Reihe „historischer Prozesse, die in einer Auflösung der ursprünglichen Einheit zwischen dem Arbeitenden und seinen Arbeitsmitteln resultieren“, lag, wie Marx festhielt, außerhalb des thematischen Rahmens, den Versuch einer Darstellung unternahm er im „Kapital“.

„Grundrisse“ „Wenn freie Arbeit und Austausch dieser freien Arbeit gegen Geld […] Voraussetzung der Lohnarbeit und eine der historischen Bedingungen des Kapitals ist, so ist die Trennung der freien Arbeit von den objektiven Bedingungen ihrer Verwirklichung – von dem Arbeitsmittel und dem Arbeitsmaterial – eine andre Voraussetzung.“Marx, Grundrisse, MEW 42: 383

Einige Jahre vor der Rede, die später unter dem Titel „Lohn, Preis und Profit“ veröffentlicht wurde, setzte sich Marx 1858 in einem Manuskript mit der Überschrift „Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehn (Über den Prozess, der der Bildung des Kapitalverhältnisses oder der ursprünglichen Akkumulation vorhergeht)“, das 1939 unter dem Titel „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ veröffentlicht wurde, auch mit der Frage nach der Scheidung des unmittelbaren Produzenten von seinen Produktionsmitteln auseinander. Dies sei zuerst die Loslösung „des Arbeiters von der Erde, […] daher Auflösung des kleinen freien Grundeigentums sowohl wie des gemeinschaftlichen […] Grundeigentums.“ „In beiden Formen verhalten sich die Individuen nicht als Arbeiter, sondern als Eigentümer – und Mitglieder eines Gemeinwesens, die zugleich arbeiten. Der Zweck dieser Arbeit ist nicht Wertschöpfung – obgleich sie Surplusarbeit tun mögen, um sich fremde, i.e. Surplusprodukte, auszutauschen -; sondern ihr Zweck ist Erhaltung des Einzelnen Eigentümers und seiner Familie, wie des Gesamtgemeindewesens. Die Setzung des Individuums als eines Arbeiters, in dieser Nacktheit, ist selbst historisches Produkt.“Marx, Grundrisse, MEW 42: 384

Nach Marx entsprächen diese Formen notwendig einer limitierten Entwicklung der Produktivkräfte, die sich auflösen, wenn sie „zu eng geworden [sind] für die Entfaltung des progressiven Menschenpacks.“Vgl. Marx, Grundrisse, MEW 42: 404 Das Verhältnis von Arbeit und Kapital setzt nun nach Marx einen historischen Prozess voraus, „der die verschiednen Formen auflöst, in denen der Arbeiter Eigentümer ist oder der Eigentümer arbeitet.“Marx, Grundrisse, MEW 42: 405 Die historischen Voraussetzungen, damit „der Arbeiter als freier Arbeiter“ den „objektiven Bedingungen der Produktion […] als fremdem Eigentum, als Kapital gegenüber gefunden wird“,Marx, Grundrisse, MEW 42: 406 wären nach Marx:Vgl. Marx, Grundrisse, MEW 42: 405f.