Publius Petronius (* um 75 v. Chr.; † nach 20 v. Chr.), fälschlich auch Gaius Petronius genannt,Cassius Dio (Römische Geschichte 54,5,4) nennt ihn „Gaius“ Petronius. Die Lesung des Plinius (Naturalis historia 6,181) „Publius“ wird durch einen Papyrus aus dem Jahr 22 v. Chr. bestätigt, der sich in der Lessing J. Rosenwald Collection der Library of Congress befindet („Πόπλιος Πετρών̣[ιος]“, Z. 2). Zum Papyrus siehe Roger S. Bagnall: Publius Petronius, Augustan Prefect of Egypt. In: Naphtali Lewis (Hrsg.): Papyrology (= Yale Classical Studies. Band 28). Cambridge University Press, Cambridge 1985, S. 85–93, hier S. 85–88 (Erstveröffentlichung des Papyrus); außerdem siehe die Informationen zum Papyrus bei der Library of Congress sowie den Eintrag bei papyri.info. war ein römischer Ritter und von etwa 25/24 bis 22/21 v. Chr. Präfekt von Ägypten.Die Chronologie dieser Jahre ist nicht eindeutig bekannt und wird in der Forschung unterschiedlich rekonstruiert; die Angabe hier richtet sich nach

Herkunft und Familie

Publius Petronius war ritterlicher AbstammungPlinius, Naturalis historia 6,181. und begründete den bedeutenden Zweig der Petronii ohne Cognomen,Anders Roger S. Bagnall: Publius Petronius, Augustan Prefect of Egypt. In: Naphtali Lewis (Hrsg.): Papyrology (= Yale Classical Studies. Band 28). Cambridge University Press, Cambridge 1985, S. 86, der meint, das Cognomen sei im einzig erhaltenen Papyrus ausgefallen. wenngleich der Münzmeister Publius Petronius Turpilianus höchstwahrscheinlich als Sohn des ägyptischen Präfekten angesehen werden muss. Möglicherweise war Publius Petronius daher mit einer Turpilia verheiratet.

Die Vorgänger

Nachdem sich im Jahr 30 v. Chr. Kleopatra VII., die letzte Königin des Ptolemäerreichs, in Alexandria den Tod gegeben hatte, wurde Ägypten der persönliche Besitz des siegreichen Octavian, der sich drei Jahre später „Augustus“ nennen ließ. Um diesen wertvollen Besitz nicht unnötig zu gefährden, wählte Octavian/Augustus für die Verwaltung der Provinz keine senatorischen Prokonsuln, sondern loyale Personen aus dem Ritterstand, die er zu Präfekten von Ägypten ernannte.

In Ägypten sah man in dem Präfekten den Nachfolger der Ptolemäer: „Bei einem Tempelbesuch wurde er als König empfangen, warf jährl[ich] E[nde] Mai vor Beginn der Nilschwelle bei der Insel Philae goldene Geschenke in die Fluten des göttlichen Nils und hütete sich, nach Einsetzen der Nilschwelle den Fluß zu befahren.“ Diese gewaltigen Ehren stiegen Gaius Cornelius Gallus, dem ersten Präfekten von Ägypten zu Kopf. Er benahm sich wohl tatsächlich wie ein Pharao, zum Beispiel ließ er wie ein König seine eigenen Leistungen in die Pyramiden einmeißeln. Damit überschritt er die Grenze der Amtsanmaßung. Im Jahr 26 v. Chr. vor dem Senat verklagt, kam Gallus der Verurteilung wegen Verrats mit Selbstmord zuvor.Cassius Dio, Römische Geschichte 53,23,6.

Ihm folgte im Jahre 26 Aelius Gallus,Strabon, Geôgraphiká 17,1,29 (Aelius Gallus mit Chairemon in Heliopolis); Strabon, Geôgraphiká 17,1,46 (Aelius Gallus mit Strabon in Theben) der im Jahr 25 einen tragisch endenden Feldzug bis tief nach Arabien hinein unternahm.Strabon, Geôgraphiká 6,4,22–24 (780–782); 17,1,53 (819) (Verrat durch Sylläus, den Statthalter der Nabatäer); nach Cassius Dio, Römische Geschichte 53,23,6 fand der Feldzug anscheinend im Jahr 25 oder 24 (= Cantabrer-Aufstand) statt. Herodes der Große unterstützte Aelius mit 500 Elite-Kriegern.Strabon, Geôgraphiká 16,4,23 (780); Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 15,9,3.

Seltsamerweise wird Petronius von Strabon und Flavius JosephusStrabon, Geôgraphiká 17,1,53 (819); Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 15,9,2 (zu Petronius); 15,9,3 (zu Aelius Gallus). Im Tatenbericht des Augustus wird jedoch der Arabien-Feldzug kurz vor dem äthiopischen genannt. Ausführliche Diskussion dieser Frage bei Shelagh Jameson: Chronology of the campaigns of Aelius Gallus and C. Petronius. In: The Journal of Roman Studies. Band 58, 1968, S. 71–84. übereinstimmend vor Aelius Gallus genannt, der von ca. 27/26 bis 25/24 Statthalter von Ägypten war. Petronius übernahm also vielleicht bereits während des Arabien-Feldzugs (25 v. Chr.Prosopographia Imperii Romani. 2. Auflage, P 270 mit Verweis auf Shelagh Jameson: Chronology of the campaigns of Aelius Gallus and C. Petronius. In: The Journal of Roman Studies. Band 58, 1968, S. 71–84.) kommissarisch die Amtsgeschäfte des Präfekten.

tribunus militaris unter Crassus?

Es ist nachvollziehbar, dass Augustus seine Provinz keinem militärisch Unerfahrenen überlassen konnte. Wenn auch über die militärische Karriere des jungen Ritters Publius Petronius nichts Sicheres bekannt ist, so ist doch eine Identität mit jenem Petronius möglich, der im Jahr 53 v. Chr. als Militärtribun unter Crassus im Kampf gegen die Parther gedient hatte (wofür ebenfalls eine ritterliche Herkunft notwendig war). Wie beim Präfekten von Ägypten wird auch bei ihm kein Cognomen genannt. Nach Plutarch gehörte dieser Petronius zum engsten Kreis um den Feldherrn und war offenbar einer der wenigen Überlebenden, die vom grausamen Ende des Crassus und seinen letzten Worten berichten konnten: „Octavius und Petronius und ihr anderen anwesenden Offiziere der Römer, ihr seht, wie ich zu diesem Wege gezwungen werde, ihr seid Augenzeugen von der schändlichen und gewaltsamen Behandlung, die ich erleide. Aber wenn ihr entkommt, so sagt jedermann, dass Crassus durch Treulosigkeit der Feinde, nicht durch Meuterei der Bürger um’s Leben gekommen sei.“.Plutarch, Crassus 30. Während Octavius direkt neben Crassus fällt, bleibt Petronius unverletzt: „Petronius hatte keinen Schild bei sich und bekam einen Hieb auf den Harnisch, sprang aber doch unversehrt vom Pferde. Den Crassus selbst tötete ein Parther namens Pomaxaithres. […] Im Ganzen sollen zwanzigtausend Mann umgekommen sein.“Plutarch, Crassus 31.

Der praefectus aegypti

Nach der unbefriedigenden Herrschaft der ersten beiden Präfekten gelangt etwa im Jahr 24 der Ritter Publius Petronius auf den „Thron“ der Kleopatra, und er scheint dem Augustus ein loyaler und vertrauenswürdiger Verwalter gewesen zu sein. Die ihm zugeschriebene Inschrift auf dem damals noch bei Sonnenaufgang tönenden Memnonkoloss dürfte einem späteren Präfekten angehören.Description de l’Égypte. Band 2. Panckoucke, Paris 1821, S. 221 Nr. 18; Johann Caspar von Orelli: Inscriptionum Latinarum selectarum amplissima collectio. Supplementband herausgegeben von Wilhelm Henzen. Orelli, Zürich 1856, S. 43 Nr. 523 (Digitalisat). August Friedrich Pauly (Hrsg.): Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft in alphabetischer Ordnung. Band 5. Metzler, Stuttgart 1848, Spalte 1401: „ein späterer Präfekt des Namens hätte ohne Zweifel seinen Beinamen hinzugefügt“. Nach Corpus Inscriptionum Latinarum. (CIL ) Band 3, S. 44 f. ist genau dies der Fall, denn die entsprechenden Inschriften lauten: M(arcus) Petronius Mamertinus / praef(ectus) Aeg(ypti) audi Memnon(em) / VI Idus Martias / Serviano III et Varo co(n)s(ulibus) / hora(m) dies ante primam; Horam cum primam cumque / horam sole secundam / prolata Oceano luminat / alma dies / vox audita mihi est ter bene / Memnonia / [Aq]uila [epistr]ategus Thebaidos fecit / cum audit Memnonem XI K(alendas) Iun(ias) Serviano III co(n)s(ule) / cum Asidonia Galla uxore

Die erste Schätzung

Schon Cornelius Gallus hatte „wegen der Steuern“ einen in der Thebais ausgebrochenen Aufstand niederzuschlagen.Strabon, Geôgraphiká 17,1,53 (819). Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass in Ägypten der Zensus (also die landesweite Steuerschätzung) alle 14 Jahre vorgenommen wurde, wie es Kaiser Augustus bestimmt hatte. Ein solcher Zensus fand in Ägypten zum Beispiel im Jahre 5 n. Chr. statt. Die entsprechenden Edikte der ägyptischen Präfekten sind von 33/34 bis 257/58 n. Chr. regelmäßig bezeugt. Demnach dürfte die allererste Schätzung in Ägypten nach längerdauernden Vorbereitungen im Jahr 24/23 v. Chr. unter Petronius stattgefunden haben.Zur zeitlichen Vorbereitung und Durchführung einer Schätzung siehe insbesondere Ethelbert Stauffer: Die Dauer des Census Augusti. Neue Beiträge zum lukanischen Schatzungsbericht. In: Kommission für spätantike Religionsgeschichte (Hrsg.): Studien zum Neuen Testament und zur Patristik. Erich Klostermann zum 90. Geburtstag dargebracht. Akademie-Verlag, Berlin 1961, S. 9–34.

Vielleicht ist es daher ebenfalls ein Aufstand gegen die Steuerschätzung, der Petronius in Alexandria in Bedrängnis bringt: „Petronius leistete […] nur mit der bei ihm befindlichen Mannschaft Widerstand, als ein Volkshaufen von vielen zehntausend Alexandriern mit Steinwürfen auf ihn eindrang. Ein Teil von ihnen wurde getötet, die übrigen beruhigt.“Strabon, Geôgraphiká 17,53 (819). Die Datierung dieses Aufstands ist unsicher. Manche meinen, dass er bereits in die Zeit vor dem Amtsantritt des P. Petronius fällt, während der Statthalter Aelius Gallus gerade in Arabien abwesend war.

Vorbildliche Nahrungspolitik

Doch nicht nur militärisch zeichnete sich der Präfekt Publius Petronius aus. Für Strabon ist an der Amtsführung des Petronius besonders hervorhebenswert, dass er sich um die Bewässerung des Landes durch Kanäle und Deiche kümmerte:

Schon angesichts des Schicksals seines Vorgängers Cornelius Gallus dürfte sich Petronius mit öffentlichen Bekundungen seiner Leistungen zurückgehalten haben. Tatsächlich schreibt die Geschichtsschreibung die Leistungen des Petronius dem Augustus zu:

Es war Publius Petronius, dem Augustus und das römische Volk diese Maßnahmen zu danken hatte. Seine vorbildliche Verwaltung machte Ägypten zur Kornkammer Roms und versetzte Petronius in die Lage, auch den umliegenden Ländern mit Getreide auszuhelfen.

Josephus berichtet dies für das 13. Jahr des Herodes, also wohl für das 24 v. Chr.Je nachdem, ob man die Absetzung der Hasmonäer (40 v. Chr.) oder die Krönung zum König (37 v. Chr.) als Startpunkt seiner Regierungsjahre nimmt (Josephus verwendet beide Zählungsweisen), ist das 13. Jahr des Herodes entweder 28/27 oder 25/24 v. Chr. Im Jahr 24/23 war zudem ein Sabbatjahr, in dem in Judäa üblicherweise nicht gesät und geerntet wurde, was nicht selten bis zu einer Hungersnot führte. Wegen des allgemeinen Schuldenerlasses kam es schon im Vorjahr zu einer faktischen Kreditsperre mit erheblichen negativen ökonomischen Folgen. Die von Josephus berichtete Hungersnot dürfte daher in das Jahr 24 zu datieren sein.

Petronius trug also mit seiner Getreidehilfe maßgeblich dazu bei, dass seinem besonderen Freund Herodes der Thron von Judäa gesichert blieb.Herodes der Große ist im Jahr 73 v. Chr. geboren und gehört damit in dieselbe Generation wie Publius Petronius. Die enge Freundschaft zwischen der Familie Petronius und der Familie des Herodes bleibt übrigens über Generationen hinweg bestehen. Noch unter den Enkeln wird sie als Besonderheit hervorgehoben.Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 19,6,3, wo Petronius, der Enkel des Präfekten, den Agrippa, den Enkel des Herodes, seinen „lieben königlichen Freund“ nennt.

Krieg in Aethiopia Der erste Feldzug (25/24 v. Chr.)

Petronius führte zwei Feldzüge in den Nordsudan gegen das meroïtische Reich (lateinisch Aethiopia, griechisch Aithiopia genannt), worüber Strabon in seiner Erdbeschreibung berichtet:

Der Geburtstags-Papyrus

Vom 23. September 22 v. Chr. datiert das Papyrusfragment mit einem Erlass des Publius Petronius zum Geburtstage des Augustus, das sicher auch als ein Dokument der besonderen Loyalität gegenüber dem Kaiser gewertet werden kann. Es handelt sich zugleich um das älteste erhaltene Edikt eines römischen Präfekten in Ägypten. Dieser wird hier ausdrücklich (griech.) Publius Petronius genannt, womit die Lesung Gaius bei Cassius Dio als widerlegt gelten kann.Roger S. Bagnall: Publius Petronius, Augustan Prefect of Egypt. In: Naphtali Lewis (Hrsg.): Papyrology (= Yale Classical Studies. Band 28). Cambridge University Press, Cambridge 1985, S. 85–93.