mini|Koloniale Darstellung von „Hottentotten“ auf der Jagd (1857)mini|„Hottentotten“ in der Monografie von Peter Kolbens (1745) Hottentotten im engeren Sinn ist eine in der Kolonialzeit von den Buren erstmals verwendete eurozentristisch geprägte Sammelbezeichnung für die im heutigen Südafrika und Namibia lebende Völkerfamilie der Khoikhoi, zu der die Nama, die Korana und Griqua (Orlam und Baster) gehören. Im weiteren Sinne ist es auch eine Bezeichnung für die San, also zusammen für die Khoisan. Kulturwissenschaftler gehen heute davon aus, dass die niederländische Bezeichnung Hottentot seit ihrer Einführung hauptsächlich abwertend rassistisch und diskriminierend verwendet wurde.Susan Arndt, Antje Hornscheidt (Hrsg.): Afrika und die deutsche Sprache. 2004, ISBN 3-89771-424-8. Außerdem wurde das englische Wort auf Menschen mit vermeintlich unterlegener Kultur und Mangel an intellektuellen Fähigkeiten übertragen.Eintrag zu „Hottentots“ im Shorter Oxford Dictionary: „one of inferior culture and intellect.“ (Jemand unterlegener Kultur und Intellekts) ISBN 978-0-19-920687-2Auch das South African Concise Oxford Dictionary bezeichnet das Wort als (d. h. „anstößig, beleidigend, befremdlich, widerwärtig“) ISBN 978-0-19-571804-1

Etymologie Ein Erklärungsversuch geht auf eine Eigenart der Khoisan-Sprachen zurück. Er geht davon aus, dass diese Sprachen von – für europäische Ohren ungewohnten – Klick- und Schnalzlauten, den ingressiven Verschlusslauten, durchsetzt sind. Diese Laute hätten dann die niederländischen Siedler als Gestotter empfunden und die Khoi somit als Stotterer (im nördlichen Dialekt des Afrikaans: hottentots) bezeichnet.Der Neue Herder, Band II, S. 1744, Herder-Druckerei Freiburg im Breisgau, 1950 Der Hinweis auf die eigentümliche Sprache (jedoch ohne Hinweis auf Stottern) für die Namensherkunft findet sich schon in den ersten Beschreibungen ab 1670.Seite 6: [In der Tafelbucht, nördlich des Kap der guten Hoffnung] „Wir verwunderten uns aber über nichts mehr, als über die wilde Menschen, welche am Ufer in grosser Anzahl sich sehen liessen. Diese werden Hottentotten, wegen ihrer klucksender Aussprache, genannt, welche sich dem klucksen der Welschen Hahnen gleichet.“Seite 247: „Noch seltsamer aber war die wilde Lands-art der Inwohner der Cap de bon Esperance [Kap der guten Hoffnung] zu sehen, welche wegen ihrer Unmenschlichkeit, nichts an sich haben, das einen Menschen gleichet: sie sind warlich die elendesten Menschen, die ich jemahls auf der Welt gesehen hab. Sie werden mehrenteils, wegen ihrer seltsamen Sprach, Hottentotten genennet, welche sie nach Art der Welschen Hahnen, gleichsam in der Kehlen formiren; …“Original: S. 8, 182

Nach dem Zedler-Lexikon (Bd. 13, 1735) sollen die Khoi in fröhlicher Stimmung das Wort „Hottentot“ ausgerufen haben, was dann zur Benennung durch die Holländer führte.

Es finden sich auch historische Erklärungen, nach denen das Wort Hottentotte auch nordafrikanischen Ursprunges (Hadendoa) sein könnte.Das Deutsche Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 77 ff, ISBN 3-939102-13-X,

Im Korpus von Google Books ist das niederländische Hottentots erstmals 1665 zu finden. Danach erscheint es in einer zusammengetragenen Reisebeschreibung von Olfert Dapper, die 1670 im gleichen Amsterdamer Verlag in einer deutschen Version herauskam, nun mit Hottentotten. „Das Land Kafrarien, oder, wie es Marmol schreibet, die Quefrerie, wird von den Kaffern also genennet; welche des Landes eingebohrne seynd, und von den Holländern Hottentotten oder Hottentosen, ihrer anstossenden und ungeschickten Sprache wegen, gemeiniglich benahmet werden.“

Geschichte des deutschsprachigen Wortgebrauchs mini|Kolorierte Postkarte (1904): „Gruppe kriegsgefangener Hottentotten – Deutsch-Süd-West-Afrika“ Im Rahmen der deutschen Koloniegründung im heutigen Namibia übernahmen die deutschen Siedler Sichtweisen und Wörter ihrer burischen Nachbarn. Eine Auseinandersetzung mit dem Wort Hottentotten findet sich im Deutschen Kolonial-Lexikon 1920: „Die H. nennen sich selbst Koikoin, was so viel wie Menschen bedeutet. Als Naman fasst man dagegen jetzt am besten alle H.-Stämme von Deutsch-Südwestafrika zusammen, obwohl diese Bezeichnung ursprünglich wohl nur für die vor 1800 dort vorhandenen Hottentotten galt. Das sonderbare Wort ‚Hottentott‘ hat man meist als einen holländischen Spottnamen bezeichnen wollen, …“Das Deutsche Kolonial-Lexikon. Band II. 1920, ISBN 3-939102-13-X, S. 77ff. ().

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Begriff – bereits seit der Epoche der Aufklärung – in etlichen deutschsprachigen literarischen Werken manifestiert. Bis heute haben sich in Deutschland Redewendungen wie „Hier geht es zu wie bei den Hottentotten!“ oder „Hottentottenmusik“ erhalten. Die Wendungen sollen einen Mangel an räumlicher beziehungsweise musikalischer Ordnung zum Ausdruck bringen.

Der Ausdruck findet sich auch in verschiedenen Wortzusammensetzungen (Komposita).

Mit „Hottentotten“ gebildete Komposita Fauna und Flora Hottentotta ist eine Skorpionsgattung. Dazu gehört zum Beispiel der Hottentotta tamulus die Hottentottenente (Spatula hottentota), heute Pünktchenente, ist in weiten Teilen Afrikas beheimatet „Hottentottenfeige“ steht für Carpobrotus, eine Pflanzengattung der Mittagsblumengewächse der „Hottentottfisch“ ist eine Pachymetopon blochii genannte MeerbrassenartGrowth, sexual maturity and reproduction in the hottentot Pachymetopon blochii (Val.) die Hottentottenfliege ist ein Wollschweber Hottentotten-Goldmull (Amblysomus hottentotus) heißt eine Art der Kupfergoldmulle aus dem südöstlichen Südafrika

Biologistischer Bezug Hottentottenschürze steht für vergrößerte Schamlippen „Hottentottensteiß“ verweist auf ein ausladendes menschliches Gesäß (Steatopygie)

Beide Begriffe entstammen dem 19. Jahrhundert, der Blütezeit der Rassentheorien, die unter anderem biologistisch begründet wurden. Mit der Zuordnung solcher körperlicher Merkmale zu einem afrikanischen Volk verbanden viele damalige europäische Zeitgenossen ein besonderes Maß an Wollust und Laszivität. Sarah Baartman wurde in Großbritannien als Hottentot Venus und in Frankreich als Vénus hottentote ausgestellt. Heute ist bekannt, dass die genannten anatomischen Phänomene auch bei anderen genetisch ähnlichen Phänotypen vorkommen.Marion A. Hulverscheidt: Weibliche Genitalverstümmelung und die „Hottentottenschürze“. Ein medizinhistorischer Diskurs des 19. Jahrhunderts. In: Journal Ethnologie. 2007. Hrsg. Museum der Weltkulturen, Frankfurt.

Sozio-kultureller Bezug „Hottentottendeutsch“ (auch Küchendeutsch genannt) ist eine veraltete, meist abfällig wertende Bezeichnung für einen stark fehlerhaften Gebrauch der deutschen Sprache.Claudia Law: Sprachratgeber und Stillehren in Deutschland (1923-1967). Reihe: Studia Linguistica Germanica, Verlag De Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-018363-4, S. 95Ernst Wasserzieher: Schlechtes Deutsch. Der Kampf gegen das Falsche, Schwerfällige, Geschmacklose und Undeutsche. 9. Auflage, besorgt von Dr. Eugen Flad, Ferdinand Dümmlers Verlag, Bonn 1961 (Erstauflage 1920), S. 73Emil Kuh: Adalbert Stifter. Tendler & Comp., Wien 1868, S. 74 Als „Hottentottenwahlen“ ging die Reichstagswahl 1907 in die Geschichte ein. Sie fand unter dem Eindruck des sogenannten „Hottentotten- und Hereroaufstands“ (1904–1908) statt und des von der deutschen Schutztruppe verübten Völkermords an ihren Gegnern.

Literatur Die Kämpfe der deutschen Truppen in Südwestafrika. Auf Grund amtlichen Materials bearbeitet von der Kriegsgeschichtlichen Abteilung I des Großen Generalstabes, Band 2: Der Hottentottenkrieg. Mit 47 Abbildungen und 28 Skizzen, Ernst Mittler & Sohn, Königliche Hofbuchhandlung Berlin 1907; Digitalisat vom Center for Research Libraries (CRL)

Weblinks

Susan Arndt: Kolonialismus, Rassismus und Sprache. Kritische Betrachtungen der deutschen Afrikaterminologie auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung

Einzelnachweise

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