mini|Der Anfang des Charmides in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus (Oxford, Bodleian Library, Clarke 39) Der Charmides (altgriechisch Charmídēs) ist ein in Dialogform verfasstes frühes Werk des griechischen Philosophen Platon. Den Inhalt bildet ein fiktives Gespräch von Platons Lehrer Sokrates mit dem Jugendlichen Charmides, nach dem der Dialog benannt ist, und dessen Vetter Kritias.

Bei den beiden Gesprächspartnern des Sokrates handelt es sich um historische Personen. Charmides war der Bruder von Platons Mutter Periktione; auch Kritias war als Periktiones Vetter weitläufig mit Platon verwandt. Beide wurden später bekannte Politiker der oligarchischen Richtung.

Im Dialog wird versucht zu klären, was die Besonnenheit (sōphrosýnē) ausmacht und worin ihr Sinn und Zweck besteht. Die Untersuchung führt zu keinem positiven Ergebnis; als aussichtsreicher Ansatz erscheint immerhin ein Definitionsvorschlag, dem zufolge Besonnenheit ein Wissen über eigenes und fremdes Wissen und Nichtwissen ist, also Selbstkenntnis erfordert. Damit stellen sich die Fragen, ob ein Wissen, das sich selbst zum Gegenstand hat, überhaupt möglich ist und welchen Nutzen es gegebenenfalls hat. Beide Fragen bleiben trotz aller Bemühungen offen, Klarheit lässt sich vorerst nicht gewinnen. Somit endet der Dialog in einer Aporie, einer Lage, in der sich keine Lösung abzeichnet.

In der Forschung wird kontrovers darüber diskutiert, welche Konsequenzen Platon aus den negativen Ergebnissen der Untersuchung im Charmides gezogen hat und wie er die Möglichkeit eines selbstbezüglichen Wissens beurteilt hat.

Ort, Zeit und Teilnehmer

Die philosophische Diskussion findet in Athen, der Heimatstadt der Beteiligten, statt. Eingeleitet wird der Dialog von einer Rahmenhandlung, in der Sokrates im Gespräch mit einem Freund als Erzähler auftritt. Detailliert beschreibt er dem Freund den Verlauf seiner Unterredung mit Charmides und Kritias, wobei er sich nur auf sein Gedächtnis stützt. Diese erzählende Wiedergabe der Haupthandlung als vergangene Begebenheit, die „narrative“ oder „dihegematische“ Form des literarischen Dialogs, ermöglicht es dem Autor, dem Leser zusätzliche Informationen über das Verhalten und die wechselnden Gemütszustände der Diskutierenden zu geben. Darin liegt der Vorteil der narrativen Form gegenüber der „dramatischen“, bei der das Gespräch unmittelbar szenisch dargestellt wird und der Leser nur den bloßen Wortlaut des Gesagten erfährt.Siehe zu den Darstellungsarten Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 71–75. Sokrates geht im Rückblick auf die Geschehnisse, die er seinem Zuhörer schildert, freimütig auf seine damaligen Gefühle ein.

Nach Sokrates’ Worten war der Schauplatz der Diskussion die Palaistra des Taureas, ein Ringplatz, der als beliebter Treffpunkt zu Unterhaltung und Sport diente. Sie befand sich im Süden der Akropolis gegenüber dem Tempel der Persephone.Zum Ort siehe Bernd Witte: Die Wissenschaft vom Guten und Bösen. Interpretationen zu Platons ‚Charmides‘, Berlin 1970, S. 40 f. Den Zeitpunkt der Dialoghandlung gibt Sokrates am Anfang an: Am Vorabend ist er „von dem Heer vor Poteidaia zurückgekommen“.Platon, Charmides 153a. Er berichtet von einem verlustreichen Gefecht, das kurz zuvor stattgefunden hat. In der älteren Forschungsliteratur herrschte die Auffassung, dass die Schlacht von Poteidaia im Herbst 432 v. Chr. gemeint sei, doch nach heutigem Forschungsstand steht fest, dass es sich um die Schlacht von Spartolos im Mai 429 v. Chr. handelt. Der historische Sokrates hat an dem gesamten Feldzug, der von 432 bis Mai 429 v. Chr. dauerte, teilgenommen. Somit lässt Platon das Gespräch im Mai 429 v. Chr. stattfinden.Christopher Planeaux: Socrates, Alcibiades, and Plato’s Τὰ Ποτειδεατικά. Does the Charmides have an Historical Setting? In: Mnemosyne 52, 1999, S. 72–77; Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 311 f.; Laurence Lampert: How Philosophy Became Socratic, Chicago 2010, S. 237–240.

mini|Büste des Sokrates (1. Jahrhundert, Louvre, Paris) Beteiligt sind Sokrates, Charmides, Kritias und der Philosoph Chairephon, ein Freund und Schüler des Sokrates. Charmides ist ein Jugendlicher (meirákion),Platon, Charmides 154b. er ist etwa 14 bis 17 Jahre alt. Kritias ist rund dreißigjährig, Sokrates vierzigjährig. Sokrates und Chairephon sind ungefähr gleichaltrig und seit ihrer Jugendzeit befreundet. Wie in den meisten Dialogen Platons ist Sokrates die Hauptfigur. Er tritt wie üblich bescheiden auf und gibt sich unwissend. Dennoch lenkt er stets das Gespräch in die von ihm gewünschte Richtung und führt die anderen zur Einsicht in die Unzulänglichkeit ihrer Vorstellungen. Charmides wird anfangs von Kritias als besonnen gerühmt; sein Verhalten lässt dann seine gute charakterliche Veranlagung erkennen, doch ist er nicht wirklich besonnen im Sinne eines anspruchsvollen Verständnisses dieses Begriffs. Kritias ist der Vormund des Charmides, dessen Vater bereits ums Leben gekommen ist. Er ist weit entfernt von „Besonnenheit“ im Sinne von Mäßigung, Umsicht und Selbstbeherrschung; die Eigenschaft, die das Thema der Diskussion ist, geht ihm ab. Seine aristokratische Gesinnung und seine Verachtung des einfachen, arbeitenden Volkes treten deutlich hervor; gewerbliche Tätigkeit als Handwerker oder Händler hält er für eine Schande.Platon, Charmides 163b–c. In der Diskussion ist er nicht geneigt, auftauchenden Problemen auf den Grund zu gehen; wenn er auf einen Einwand stößt, weicht er der Schwierigkeit mit einem neuen Ansatz aus. Chairephon ergreift nur anfangs das Wort, an der Auseinandersetzung mit dem philosophischen Problem beteiligt er sich nicht.Zum Charakter der einzelnen Dialogfiguren und zu den historischen Personen Kritias und Charmides siehe Walter Thomas Schmid: Plato’s Charmides and the Socratic Ideal of Rationality, Albany 1998, S. 10–14; Thomas M. Tuozzo: Plato’s Charmides, Cambridge 2011, S. 52–90; Young-Sik Sue: Selbsterkenntnis im Charmides, Würzburg 2006, S. 27–44; Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 90–94, 108–113; Voula Tsouna: Socrates’ Attack on Intellectualism in the Charmides. In: Mark L. McPherran (Hrsg.): Wisdom, Ignorance and Virtue (= Apeiron 30/4), Edmonton 1997, S. 63–78, hier: 63–72; Gerasimos Santas: Socrates at Work on Virtue and Knowledge in Plato’s Charmides. In: Edward N. Lee u. a. (Hrsg.): Exegesis and Argument, Assen 1973, S. 105–132, hier: 105–108.

Die Handlung zerfällt in zwei klar getrennte Teile: In der ersten Phase der Diskussion ist Charmides der Partner des Sokrates, in der zweiten übernimmt Kritias seine Rolle.

Inhalt Die Rahmenhandlung

Sokrates berichtet als Erzähler, dass er nach seiner Rückkehr vom Feldzug in der Palaistra viele Bekannte angetroffen hat, darunter Kritias und Chairephon. Bei ihnen erkundigte er sich, welche von den Jugendlichen, die seit seinem Aufbruch vor drei Jahren herangewachsen waren, sich durch besondere geistige oder körperliche Vorzüge auszeichneten. Beide lobten Charmides als den schönsten, und als Sokrates nach seelischen Qualitäten fragte, wies Kritias auf die nachdenkliche Art seines Vetters hin. Charmides, dessen Schönheit in dem homoerotischen Milieu einen starken Eindruck machte, wurde herbeigerufen. Auch Sokrates war vom Anblick des Jugendlichen fasziniert, sein eigentliches Ziel war aber die geistige Begegnung mit Charmides.Platon, Charmides 153a–155b. Vgl. den Kommentar von Laurence Lampert: How Philosophy Became Socratic, Chicago 2010, S. 147–162.

Auf die Beschreibung dieser Ausgangssituation folgt Sokrates’ Bericht über den Verlauf der Diskussion.

Die erste Gesprächsphase

Charmides fragt Sokrates nach einem Mittel für seinen Kopfschmerz. Sokrates nimmt dies zum Anlass, ihm das Konzept einer ganzheitlichen Medizin zu erklären: Man könne den Kopf nicht für sich allein heilen, sondern müsse dessen Zusammenhang mit dem übrigen Körper beachten. Gute Ärzte seien sich der Notwendigkeit bewusst, den Körper als Ganzes zu behandeln, wenn man einen Teil heilen wolle. Diese Erkenntnis griechischer Ärzte sei aber nur eine Teilwahrheit. Über sie hinaus führe eine Einsicht, die er, Sokrates, thrakischen Ärzten verdanke, welche sich auf den Gott Zalmoxis beriefen. Nach deren tieferem Gesundheitsverständnis müsse der Körper zusammen mit der Seele geheilt werden, denn alles Gute und Schlechte in ihm habe seinen Ursprung in der Seele. Die Heilung der Seele bestehe darin, ihr Besonnenheit zu verschaffen. Daher solle Charmides zuerst seine Seele untersuchen lassen.Platon, Charmides 155e–157c. Vgl. den Kommentar von Laurence Lampert: How Philosophy Became Socratic, Chicago 2010, S. 162–169. Zur thrakischen Medizin und zu Zalmoxis siehe die einschlägigen Beiträge in Thomas M. Robinson, Luc Brisson (Hrsg.): Plato: Euthydemus, Lysis, Charmides, Sankt Augustin 2000, S. 278–295 sowie Zoe Petre: „Zalmoxis, roi et dieu“. Autour du Charmide. In: Dacia 51, 2007, S. 47–72; Francis P. Coolidge: The Relation of Philosophy to Σωφροσύνη: Zalmoxian Medicine in Plato’s Charmides. In: Ancient Philosophy 13, 1993, S. 23–36. Vgl. Mark L. McPherran: Socrates and Zalmoxis on Drugs, Charms, and Purification. In: Apeiron 37, 2004, S. 11–33.

Sokrates beginnt die Untersuchung mit der Frage an Charmides, ob er tatsächlich so besonnen sei, wie Kritias behauptet hat, oder ob ihm in dieser Hinsicht noch etwas fehle. Damit bringt er Charmides, der weder ein anstößiges Selbstlob vorbringen noch sich selbst tadeln und Kritias widersprechen will, in Verlegenheit. Die beiden beschließen, die Frage gemeinsam zu untersuchen.Platon, Charmides 157c–158e. Vgl. Laurence Lampert: How Philosophy Became Socratic, Chicago 2010, S. 169 f.

Zunächst legt Sokrates dar, dass man von einem Besonnenen erwarten könne, dass er sich seiner Besonnenheit bewusst sei und somit auch angeben könne, worin sie bestehe. Charmides meint, Besonnenheit äußere sich darin, dass man alles auf geordnete und bedächtige, ruhige Weise ausführe. Dagegen wendet Sokrates ein, in vielen Bereichen sei ein schnelles, behändes Vorgehen einem langsamen überlegen, sowohl bei Leibesübungen als auch bei geistigen Betätigungen. Die Besonnenheit müsse aber unter allen Umständen etwas Schönes und Erstrebenswertes sein; daher dürfe man sie nicht mit etwas gleichsetzen, das in manchen Fällen schlechter sei als sein Gegenteil. Charmides sieht dies ein und muss nun einen neuen Ansatz finden. Ihm fällt ein, dass Besonnenheit als Eigenschaft gilt, die den Menschen bescheiden macht. Diese Überlegung bringt ihn zu seinem zweiten Definitionsvorschlag: Er setzt nun Besonnenheit mit „Schamgefühl“ (aidṓs) – bescheidener Zurückhaltung – gleich. Doch auch dieser Versuch scheitert. Sokrates erinnert daran, dass bereits Einvernehmen darüber erzielt wurde, dass die Besonnenheit etwas Vorzügliches ist. Demnach ist sie eine schlechthin gute Eigenschaft, die ihren Träger notwendigerweise stets gut macht. Das trifft aber, wie Sokrates darlegt, auf das Schamgefühl nicht zu, denn es gibt auch Situationen, in denen bescheidene Zurückhaltung unangebracht und somit schlecht ist. Die Bescheidenheit oder Schamhaftigkeit ist ebenso wie die Bedächtigkeit keine Tugend, sondern erweist sich als wertneutral.Platon, Charmides 158e–161b. Vgl. Laurence Lampert: How Philosophy Became Socratic, Chicago 2010, S. 170–173; Michael Erler: Der Sinn der Aporien in den Dialogen Platons, Berlin 1987, S. 171–177.