mini|Signet der Neuen Künstlervereinigung München (N.K.V.M.). Holzschnitt. Entwurf: Wassily Kandinsky Die Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) war eine expressionistische Künstlergruppe, die in München ihren Sitz hatte.
Geschichte der Vereinigung Die Idee zur N.K.V.M. Der Vorläufer zur N.K.V.M. war die „Brüderschaft von Sankt Lukas“, die die russische Malerin Marianne von Werefkin 1897 in ihrer Wahlheimat München im Stadtteil Schwabing in ihrem „rosafarbenen Salon“Valentine Macardé: Le renouveau de l’art picturale russe 1863–1914, Lausanne 1971, S. 135 f. um sich geschart hatte. Die Mitglieder verstanden sich in der Tradition der Lukasgilden stehend. Schon damals plante man „Manifestationen, d. h. Ausstellungen“.Gustav Pauli: Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten, Tübingen 1936, S. 264 ff.
Die Idee zur N.K.V.M. wurde ebenfalls im Salon der Werefkin geboren (vor Weihnachten 1908). Außer Werefkin waren Alexej Jawlensky, Adolf Erbslöh und der Tonkünstler Oscar Wittenstein beteiligt, „die neue Künstlervereinigung“Annegret Hoberg: Titia Hoffmeister, Karl-Heinz Meißner: Anthologie. In: Annegret Hoberg, Helmut Friedel (Hrsg.): Der Blaue Reiter und das Neue Bild. Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“. Ausstellungskatalog, Städtische Galerie im Lenbachhaus, Prestel, München 1999, ISBN 3-7913-2065-3, S. 29 zu gründen. Gabriele Münter und Wassily Kandinsky wurden in das Vorhaben zunächst nicht eingeweiht. Darüber ärgerte sich Kandinsky noch Jahre später,Klaus Lankheit (Hrsg.): Wassily Kandinsky, Franz Marc. Briefwechsel. München 1983, S. 29 was zu einem gewissen Grad sein zögerliches Verhalten erklärt, als man ihm im Januar 1909 anbot, den Vorsitz der N.K.V.M. zu übernehmen.
Gründung, Mitglieder und Ziele mini|Wassily Kandinsky: Holzschnitt Felsen (Mitgliedskarte der N.K.V.M.)
Am 22. Januar 1909 wurde die Gründungsurkunde verfasst. Mitglieder waren zunächst: Wladimir von Bechtejeff, Th. E. Buttler, Adolf Erbslöh, Leonhard Frank, Gustav Freytag, Thomas von Hartmann, Jawlensky, Kandinsky, Alexander Kanoldt, Marga Kanoldt-Zerener, Johanna Kanoldt, Alfred Kubin, Münter, Charles Palmié, Hugo Schimmel, Kunsthistoriker Heinrich Schnabel, von Werefkin und Wittenstein. Noch im gleichen Jahr traten Paul Baum, Erma Bossi, Pierre-Paul Girieud, Karl Hofer, Moissey Kogan und der Tänzer Alexander Sacharoff der Vereinigung bei. Davon schieden im Laufe des Jahres wieder aus: Baum, Buttler, Frank, Kanoldt-Zerener, Palmié und Schimmel.Annegret Hoberg, Helmut Friedel (Hrsg.): Der Blaue Reiter und das Neue Bild. Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“. Ausstellungskatalog, Städtische Galerie im Lenbachhaus, Prestel, München 1999, S. 30.
In den Vorstand wurden gewählt: Wassily Kandinsky als erster Vorsitzender, Jawlensky als zweiter, als Stellvertreter Johanna Kanoldt, als erster Sekretär Wittenstein, als Schatzmeister Johanna Kanoldt. Am 10. Mai erfolgte der Eintrag der N.K.V.M. ins städtische Vereinsregister von München.
In einem mit dem Signet der Künstlervereinigung versehenen Rundbrief an einflussreiche Persönlichkeiten machte die Künstlergruppe u. a. auf ihre Ziele aufmerksam:
Kandinsky hatte in die Satzung der N.K.V.M. einen Paragraphen – die „Vierquadratmeterklausel“ – eingebracht, die ihm 1911 die Handhabe bieten sollte, den Verein zu verlassen:
1910 wurde Adolf Erbslöh zum Sekretär der N.K.V.M. ernannt. Als es bei den konservativen Kräften in der N.K.V.M. immer häufiger zu Unstimmigkeiten gekommen war, die sich an Kandinskys zusehends abstrakter werdenden Malerei entzündeten – man forderte von ihm „möglichst verständliche Werke“ – legte er im Januar 1911 den Vorsitz nieder. Erbslöh wurde sein Nachfolger. Ebenfalls im Januar wurde Franz Marc Mitglied und dritter Vorsitzender der N.K.V.M. Auf der Generalversammlung am 4. Februar wählten die Mitglieder der Künstlervereinigung Wittenstein als zweiten Vorsitzenden, Alexander Kanoldt als ersten Schriftführer, Schnabel als zweiten Schriftführer und Johanna Kanoldt als Kassiererin.
Das „Jüngste Gericht“ am 2. Dezember 1911 mini|Das Jüngste Gericht/Komposition V, 1911 Verärgert über die Geringschätzung ihrer Malerei, arbeiteten Kandinsky und Marc an einer Abspaltung von der N.K.V.M.Bernd Fäthke: Dreck am Stecken, Spannende Fakten zur Entstehungsgeschichte des Blauen Reiters. Handelsblatt, 7./8. April 2000 August Macke war Mitwisser.Bernd Fäthke: Der Blaue Reiter, Ausstellung der Kunsthalle Bremen. Weltkunst, 70. Jg., Nr. 5, Mai 2000, S. 905 Kandinsky malte insgeheim und auf Konfrontation gezielt an einem über fünf Quadratmeter großen abstrakten Gemälde, Das Jüngste Gericht/Komposition V. Die genauen Maße des Ölgemäldes auf Leinwand betragen 190 × 275 cm.Hans Konrad Roethel, Jean K. Benjamin: Kandinsky, Werkverzeichnis der Ölgemälde 1900–1915, Bd. I, London 1982, Nr. 400, S. 385 Er reichte es, wohl wissend um die Statuten der N.K.V.M., der Jury zur bevorstehenden Winterausstellung als Provokation ein. Kandinskys und Marcs Planung ging auf. Man erinnerte sich an die von Kandinsky selbst eingeführte „Vierquadratmeterklausel“.
Es gab den erhofften „Krach“ am 2. Dezember 1911. Die Mehrheit lehnte Kandinskys Bild satzungsgemäß ab.Maria Marc, Brief an August Macke, 3. Dezember 1911, vgl.: Wolfgang Macke (Hrsg.): August Macke/Franz Marc. Briefwechsel. Köln 1964, S. 84 f. Zusammen mit Münter und Marc verließ Kandinsky daraufhin – „Protest“Annegret Hoberg: Franz und Maria Marc. München 2004, S. 72 vortäuschend – die N.K.V.M., um am 18. Dezember 1911 die seit Monaten heimlich vorbereitete erste Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter eröffnen zu können.
Nach mehr als 20 Jahren verriet Kandinsky erstmals seinen und Franz Marcs Plan: „Da wir beide den ‚Krach’ schon früher witterten, hatten wir eine andere Ausstellung vorbereitet.“Wassily Kandinsky: Unsere Freundschaft. Erinnerungen an Franz Marc. In: Klaus Lankheit: Franz Marc im Urteil seiner Zeit, Texte und Perspektiven, Köln 1960, S. 48 Mit Häme dachte Kandinsky an den Coup zurück.Bernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. München 2004, S. 158 An Galka Scheyer, Vertreterin der Die Blaue Vier in Amerika, schrieb er:
Auch ließ Kandinsky Galka Scheyer wissen: „Die Rache war süss!“Kandinsky an Scheyer, 22. November 1938. In: Bernd Fäthke: Alexej Jawlensky, Köpfe radiert und gemalt. Die Wiesbadener Jahre. Galerie Draheim, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-00-037815-7, S. 56 ff., Abb. 54 und 55 des Weiteren: „Werefkin und Jawlensky haben nie erfahren, dass sie getäuscht worden waren.“Bernd Fäthke: Werefkin und Jawlensky mit Sohn Andreas in der „Murnauer Zeit“. In: 1908–2008, Vor 100 Jahren, Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau. Ausstellungskatalog. Murnau 2008, S. 60
Die Ausstellungen der N.K.V.M. Die 1. Ausstellung 1909 mini|Ausstellungsplakat zur 1. Ausstellung in der Galerie Thannhauser miniatur|Das Arco-Palais, Theatinerstraße 7, München Die erste Ausstellung fand vom 1. bis zum 15. Dezember 1909 in der Modernen Galerie Heinrich Thannhauser im Arco-Palais, Theatinerstraße 7, in München statt und zeigte 128 Werke von 16 Künstlern, Mitgliedern und Gästen der N.K.V.M., nämlich Baum, Bechtejeff, Bossi, Emmi Dresler (1880–1962), Robert Eckert (1874 – vor 1923), Erbslöh, Girieud, Karl Hofer, Jawlensky, Kandinsky, Kanoldt, Kogan, Kubin, Münter, Carla Pohle (1883–1962), Werefkin.Rosel Gollek: Der Blaue Reiter im Lenbachhaus München, München 1974, S. 262 f. Diese Ausstellung erhielt hauptsächlich negative Kritiken der zeitgenössischen lokalen Presse. So schrieb die Zeitung Münchner Neueste Nachrichten: „Entweder ist die Mehrheit der Mitglieder dieser Vereinigung unheilbar geisteskrank, oder wir haben es mit einer Gruppe von skrupellosen Hochstaplern zu tun, die bestens um die Schwäche unserer Zeitgenossen für Sensationen wissen und versuchen, diese große Nachfrage zu nutzen.“
Die 2. Ausstellung 1910 Im Frühjahr 1910 entwickelten die Künstler der N.K.V.M. frische Aktivitäten zur Vorbereitung ihrer nächsten Ausstellung. Es scheint fast so, dass man nach dem Skandal, den man im letzten Jahr entfacht hatte, die konservative Münchner Kunstwelt noch einmal herausfordern wollte. Dazu war Erbslöh – Intimus der Werefkin und Sekretär des Vereins – im Mai eigens nach Frankreich gereist, um in Paris Verstärkung, unter anderem Künstler des Fauvismus, zu mobilisieren. Girieud, Jawlenskys und Werefkins enger Freund, war Erbslöh Führer für seine Recherchen. Erbslöhs und Girieuds Mission war erfolgreich, wie die Ausstellerliste zeigt.
Die zweite Ausstellung fand vom 1. bis zum 14. September 1910 ebenfalls in der Galerie Thannhauser statt. Dieses Mal präsentierte sie 115 Werke von 31 Künstlern, nämlich Bechtejeff, Bossi, Georges Braque, Dawid Dawidowitsch Burljuk, Wladimir Burljuk, Wassily Denissoff (1862–1921/1942), André Derain, Kees van Dongen, Francisco Durio, Erbslöh, Henri Le Fauconnier, Girieud, Hermann Haller, Bernhard Hoetger, Jawlensky, Eugen von Kahler, Kandinsky, Kanoldt, Kogan, Kubin, Alexander Mogilewskij (1885–1980), Münter, Adolf Nieder (1873–19??), Pablo Picasso, Georges Rouault, Edwin Scharff, Seraphim Soudbinine (1870–1944), Maurice de Vlaminck, Werefkin.Rosel Gollek: Der Blaue Reiter im Lenbachhaus München, München 1982, S. 393 ff.
Ungeklärt ist bis heute, warum ausgerechnet Werke des angeblichen Freundes von Jawlensky, Matisse, fehlten. Nachweislich eingeplant war interessanterweise Henri Rousseau, den Erbslöh zusammen mit Girieud in seinem Atelier aufsuchte. Dieser musste jedoch seine Teilnahme für München absagen, weil er alle seine Bilder verkauft hatte.Véronique Serrano: Expérience moderne et conviction classique. In: Pierre Girieud et l’expérience de la modernité, 1900–1912. Ausstellungskatalog, Musée Cantini. Marseille 1996, S. 121. Die Autorin weist darauf hin, dass sich Girieud in der Benennung des Jahres irrte.
Als die Ausstellung der N.K.V.M. eröffnet worden war, wurde sie von der Presse wiederum verhöhnt. Man sprach von einer „absurden Ausstellung“, von „Stuß“ und von „konzentriertem Unsinn […] von kannibalischsten Naturvölkern an bis herauf zu den Neupariser Decadents.“ Man schimpfte, „dass die Mehrzahl der Mitglieder und Gäste der Vereinigung unheilbar irrsinnig ist, oder aber, daß man es mit schamlosen Bluffern zu tun hat.“
Die 3. Ausstellung 1911 Nach dem „Krach“ vom 2. Dezember auf acht Teilnehmer zusammengeschrumpft, wurde die dritte und letzte gemeinsame Ausstellung der N.K.V.M. vom 18. Dezember 1911 bis zum 1. Januar 1912 erneut in der Galerie Thannhauser abgehalten. Dem Verein waren treu geblieben: Bechtejeff, die nunmehr verheiratete Erma Barrera-Bossi, Erbslöh, Girieud, Jawlensky, Kanoldt, Kogan und Werefkin. Sie zeigten insgesamt 58 Werke.
Unter dem Namen Der Blaue Reiter hatten Kandinsky und Marc frühzeitig parallel eine eigene Ausstellung mit insgesamt 14 Künstlern in derselben Galerie organisiert. Diese zeigten insgesamt 43 Werke. Zur Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter waren konvertiert die Brüder Burljuk, Kahler und Münter. Ausgestellt wurden außerdem Werke von Albert Bloch, Heinrich Campendonk, Robert Delaunay, Elisabeth Iwanowna Epstein, August Macke, Franz Marc, Jean-Bloé Niestlé, Rousseau und Arnold Schönberg.Annegret Hoberg, Helmut Friedel (Hrsg.): Der Blaue Reiter und das Neue Bild. Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“. Ausstellungskatalog, Städtische Galerie im Lenbachhaus, Prestel, München 1999, ISBN 3-7913-2065-3, S. 364 f.
Die Publikation „Das Neue Bild“ und das vorläufige Ende der N.K.V.M.