Das Kloster Liebenau war ein Dominikanerinnenkloster, das ursprünglich vor den Toren von Worms lag, im heutigen Stadtteil Worms-Neuhausen.
Lage miniatur|Das Kloster Liebenau um 1620, Zeichnung im Stadtarchiv Worms (vermutlich einzige erhaltene Darstellung) miniatur|Das Cyriakusstift Neuhausen (mittig mit "A") und rechts davon Kloster Liebenau ("B") mini|hochkant|Erstes Liebenauer Kreuz im Augustinermuseum in Freiburg miniatur|hochkant|König Ruprecht wuchs bei seiner Großmutter Irmengard von Oettingen im Kloster Liebenau auf Kloster Liebenau befand sich im Westen der Neuhäuser Gemarkung, gegen Hochheim zu, am Pfrimmübergang, im Bereich der heutigen Von-Steuben-Straße. Dort gibt es auch eine Engelmann- und eine Holderbaumstraße, die beide an die Klosterstifter bzw. deren Familien erinnern.
Geschichte Das Kloster Liebenau steht im engen Zusammenhang zum nahegelegenen, ebenfalls untergegangenen St. Cyriakusstift in Worms-Neuhausen.
Das Cyriakusstift Neuhausen hat ein sehr hohes Alter und soll ein fränkischer Königshof gewesen sein, der von König Dagobert I. um 630 in eine Kirche des Hl. Dionysius umgewandelt wurde. Bischof Samuel von Worms (841–856), auch Abt im Reichskloster Lorsch, erwarb aus Rom die Reliquien des Hl. Cyriakus, einem der hochverehrten 14 Nothelfer und verbrachte sie in die Neuhauser Kirche, die schon bald den neuen Heiligen zum Patron erhielt und mit einem Kollegiatstift verbunden wurde. Dadurch avancierte sie zu einem Wallfahrtszentrum.
Kaiser Heinrich V., der das Stift 1111 besuchte, ließ in der Nähe eine Burg erbauen, die 1124 zerstört wurde.Carl Villinger: Beiträge zur Geschichte des St. Cyriakusstiftes zu Neuhausen in Worms. 1955, Seite 14
Diese Burganlage mit polygonaler Schildmauer, befand sich nur wenig westlich des Stiftes Neuhausen, auf einer Halbinsel, gebildet von dem Flüsschen Pfrimm und dem dortigen Mühlbach. Sie führte auch den harmlosen Namen „Taubenhaus“ und wurde 1288, in einer Fehde zwischen Geistlichkeit und Stadt, endgültig zur Ruine. Der Wormser Bürger Konrad Holderbaum erwarb das Areal und über dessen Sohn Johannes Holderbaum gelangte es an seine Verwandten Jacob Engelmann und Lieba geb. Holderbaum. Letztere war vermutlich die Schwester von Johannes Holderbaum.Carl Villinger: Beiträge zur Geschichte des St. Cyriakusstiftes zu Neuhausen in Worms. 1955, Seite 22
Die Eheleute Jacob und Lieba Engelmann stifteten 1299, unter der Bedingung dort beigesetzt zu werden, an diesem Platz ein Nonnenkloster. Der Name „Liebenau“ leitete sich nach Johann Friedrich Schannat, in „Historia episcopatus Wormatiensis“, 1734 (Seite 171), vom Vornamen der Stifterin „Lieba“ ab.Namensherkunft nach Schannat Der Wormser Bischof Eberwin von Cronberg († 1303) legte im Jahre 1300 den Grundstein und sorgte auch für die Fertigstellung nach dem Tod des Gründers.Quelle zur Grundsteinlegung durch Bischof Eberwin Die Pfarrei Einselthum gehörte zu dem Kloster. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte das Kloster Besitzungen in Osthofen, Pfeddersheim, Alsheim, Einselthum, Westhofen, Gundersheim, Blödesheim, Eich, Hochheim, Leiselheim und Pfiffligheim.
1327, im Todesjahr ihres Gatten Adolf von der Pfalz zog sich seine Frau, Pfalzgräfin Irmengard von Oettingen mit ihren Kindern in das noch junge Kloster Liebenau zurück. Zunächst wohnte sie nur als Gast im Konvent, um 1344 trat sie dort als Dominikanerin ein und lebte hier als Nonne bis zu ihrem Tode 1389 (diverse Quellen nennen auch das Jahr 1399).Pfalzgräfin Irmengard im Kloster LiebenauWebseite zur Grabinschrift von Pfalzgräfin Irmingard Schon 1344 erwarben die Liebenauer Ordensfrauen „mit dem eingebrachten Vermögen ihrer Mit- und Chorschwester Irmegard, der Witwe des Pfalzgrafen Adolf“, von der Abtei Neuweiler im Elsass Patronatsrecht und Zehnt der Martinskirche zu Einselthum sowie dortselbst den Klosterhof und das sogenannte Steinerne Haus, ebenso Gutsbesitz in Rüssingen.Franz Xaver Glasschröder: Urkunden zur Pfälzischen Kirchengeschichte im Mittelalter, München, 1903, Seiten 245 u. 246, Urkundenregeste Nr. 594 u. 597 In Liebenau stiftete Irmengard am 1. Dezember 1381 eine täglich zu singende Hl. Messe, die sogenannte Konventsmesse.Liebenauer Messstiftung durch Pfalzgräfin Irmengard
Pfalzgräfin Irmengard wurde nach ihrem Tode im Kloster Liebenau beigesetzt. Der Historiker Johann Friedrich Schannat hat in seiner „Historia episcopatus Wormatiensis“ (Seite 172) die inzwischen nicht mehr existente Grabinschrift überliefert. In ihr ist vermerkt, dass die Fürstin 40 Jahre lang als Ordensschwester lebte.Originalscan zur Grabinschrift aus Schannats Historia episcopatus WormatiensisQuelle zum Grab der Pfalzgräfin in Liebenau
Irmengards Bruder Ludwig starb 1346 bei einer Wallfahrt ins Heilige Land. Er verfügte testamentarisch die Schenkung eines prächtigen Reliquienkreuzes an das Kloster Liebenau, das laut Inschrift im Auftrage des Vaters gefertigt wurde.Zur Schenkung des Kreuzes ans Kloster Liebenau Die Goldschmiedearbeit mit transluzidem Email kam auf Umwegen nach Freiburg im Breisgau und gehört zu den Exponaten des dortigen Augustinermuseums (Inv. Nr. 12126).Bebilderte Webseite zum Liebenauer Kreuz in Freiburg Dort befindet sich auch noch ein zweites Kreuz aus Kloster Liebenau, das um 1440 in den südlichen Niederlanden gefertigt wurde (Inv. Nr. 12125).
Hier im Kloster Liebenau hielt sich zeitweise auch Irmengards Schwiegertochter Beatrix von Sizilien-Aragon bei ihr auf. Der Dominikanerchronist Johannes Meyer (1422–1482)Zum Ordenschronisten Johannes Meyer: berichtet, dass Pfalzgräfin Beatrix in Liebenau ihren Sohn Ruprecht gebar und dieser dort bis zum 7. Lebensjahr von der Großmutter Irmengard von Oettingen erzogen wurde.Quelle zur Geburt König Ruprecht I. im Kloster Liebenau, Worms Johann Friedrich Schannat belegt zudem im Kloster Liebenau die Grabstätte dessen 1358 als Kind verstorbenen Bruders Adolf; er dürfte demnach ebenfalls dort gelebt haben.Webseite zur Grabinschrift für Prinz Adolf, im Kloster Liebenau
Seit ca. 1445 lebte als Laienschwester in Liebenau auch Prinzessin Margarete von der Pfalz, eine behinderte Tochter von Kurfürst Ludwig III. Sie starb am 23. November 1466 und soll von großer Frömmigkeit gewesen sein.Zur Nonne Margarete von der PfalzWebseite zur Grabinschrift der Prinzessin Margarete von der Pfalz Ihre Cousinen Barbara von Pfalz-MosbachZur Nonne Barbara von der Pfalz-Mosbach (1444–1486) und Dorothea von Pfalz-MosbachZur Nonne Dorothea von der Pfalz Mosbach (1439–1482), Töchter von Pfalzgraf Otto I., waren ebenfalls Dominikanerinnen in Liebenau, Prinzessin Dorothea amtierte zeitweise sogar als Priorin des Konvents.Webseite zur Grabinschrift für Prinzessin Dorothea, im Kloster Liebenau
Durch den Aufenthalt der Pfalzgräfin Irmengard und ihrer fürstlichen Familienangehörigen in Liebenau erfreute sich das Kloster der ganz besonderen Gunst und Zuneigung des kurpfälzischen Herrscherhauses. Deshalb traten viele adelige Frauen aber auch vornehme Bürgerstöchter der Umgebung dort als Schwestern ein. Neben der Pfalzgräfin waren dies u. a. Gräfin Irmengard von Nassau, geborene Prinzessin von Hohenlohe-Weikersheim. Sie war die Cousine (mütterlicherseits) von Pfalzgräfin Irmengard von Öttingen und Witwe von Graf Gerlach I. (Nassau), dem Cousin des verstorbenen Pfalzgrafen Adolf. Irmengard von Nassau starb zu Liebenau, im Januar 1371; im Ruf der Heiligkeit, wie der Historische Verein für Hessen festhält.Historischer Verein von Hessen: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde, Band 2, Teile 2–3, Seite 447, 1841; Scan aus der Quelle, zum Tod von Gräfin Irmengard von Nassau im Kloster LiebenauWebseite zur Grabinschrift der Gräfin Irmengard von Nassau im Kloster Liebenau Ebenso weilten dort Margarethe von Württemberg († 1479), eine Tochter des Grafen Ulrich V., und Margarethe von Hanau-Münzenberg († 1503),Webseite zur Grabinschrift der Margarethe von Hanau-Münzenberg die ebenfalls von den Pfälzer Wittelsbachern abstammte, da ihre Großmutter Margarethe von Pfalz-Mosbach die Schwester der vorgenannten Liebenauer Nonnen Dorothea von Pfalz-Mosbach und Barbara von Pfalz-Mosbach war.Zur Verbindung der Kurpfalz mit dem Kloster Liebenau Seit 1392 lebte außerdem Else von Stromberg, eine illegitime Tochter von Kurfürst Ruprecht II., als Nonne im Kloster Liebenau.Zur Nonne Else von Stromberg, illegitime Kurfürstentochter
Im Auftrag Kurfürst Ludwig III. erneuerte der Dominikaner Petrus von Gengenbach um 1430 das klösterliche Leben in Liebenau. Er brachte Nonnen aus Colmar mit und führte den Konvent zurück unter die strenge Observanz. Mehrere hochadelige Schwestern verließen daraufhin Liebenau, während andere, meist aus dem Umfeld des pfalzgräflichen Hauses, dort eintraten. Petrus von Gengenbach starb am 16. Januar 1452 und wurde im Kloster Liebenau begraben.Zu Petrus von Gengenbach und der Observantenreform im Kloster Liebenau Auch von ihm überliefert Johann Friedrich Schannat in seiner Historia episcopatus Wormatiensis die Grabinschrift, in der er als „Augsburger Dominikaner und Reformator des Klosters“ bezeichnet wird.Webseite zur Grabinschrift des Petrus von Gengenbach 1479 verstarb hier die Dominikanerin, Prinzessin Margarete von Württemberg, Tochter Herzogs Ulrich V.Webseite zur Grabinschrift von Margarete von Württemberg, im Kloster Liebenau
Liste der Priorinnen Als Priorinnen sind bekannt:Nach Wagner, S. 73f.
Liste der Priorinnen Priorin erwähnt Anmerkung Katharine 1355 Margarethe 1370 Mechte von Bechtoldsheim 1381 Agnes von Schmidtburg 1391 Agnes Scheulern 1393 Schenkin Elisabeth von Erbach 1428 Katharine von Rüdesheim 1428 Dorothee Beyerin von Boppard 1474 Dorothea von Pfalz-Mosbach 1484?Wagner, S. 73 * 1439; † 1482Otto I. (Pfalz-Mosbach) Barbara Golthus 1485 † 1502Schannat: Historia episcopatus Wormatiensis. Seite 173 Noppurga von Bettendorf 1500 Ursula von Westerstetten 1515–1529 † 8. Dezember 1535Schannat: Historia episcopatus Wormatiensis. Seite 174 Anna von Seckendorff Priorin bei der Vertreibung 1565
Aufhebung Im Zuge der Reformation versuchte Pfalzgraf Friedrich III. in den Jahren 1561 bis 1563 dreimal Kloster Liebenau zwangsweise aufzuheben, wogegen die Schwestern stets Widerstand leisteten. Schon 1560 hatten sie sich über die massive Störung ihrer Religionsausübung seitens der Protestanten beim Kaiser beklagt, worauf dieser verfügte, dass wenigstens ein katholischer Beichtvater freien Zugang zu den Nonnen haben müsse und den Pfalzgrafen in einem Schreiben entsprechend anwies.
Nach dem gescheiterten Aufhebungsversuch von 1561Zum Auflösungsversuch von 1561 ließ Pfalzgraf Friedrich III. im Mai 1562 seinen Beamten die Weisung zukommen, sie sollten sich in die Klöster Himmelskron und Liebenau begeben und den Nonnen seine gnädigen Gesinnungen eröffnen, wonach er, als ihr Landesvater, sehnlichst wünsche, dass „sie, als folgsame Kinder, sich seinem Willen fügen und sich in dem reinen göttlichen Worte unterrichten lassen“; die bisherigen Metten, sowie andere lateinische Gesänge, sollten von nun an unterbleiben. Die Gesandten taten wie ihnen befohlen, aber die Priorinnen beider Klöster blieben mit ihren Schwestern standhaft. Sie ließen die Kommissionäre nur bis an das Sprachgitter, von wo sie danach, wie es ausdrücklich heißt, „mit Schimpf“ abziehen mussten.Ausführliche Schilderung des Aufhebungsversuchs von 1562
Beim dritten Auflösungsversuch am 16. März 1563 empfing die Priorin die kurfürstliche Kommission nach Gewaltandrohungen in einer Stube des Klosters, wo alle Konventualen, nämlich 13 Nonnen und 9 Laienschwestern in ihrer Ordenskleidung versammelt waren. Die Staatsdiener fertigten davon folgendes Protokoll: