Aufklärung und Judenfrage ist ein Artikel der politischen Philosophin Hannah Arendt aus dem Jahr 1932. Er erschien erstmals in der Zeitschrift Geschichte der Juden in DeutschlandJg. 4, Nr. 2/3, Berlin 1932 und wurde 1976 postum in den Essayband Die verborgene Tradition aufgenommen.Die verborgene Tradition. Acht Essays (1932–1948). Frankfurt a. M. 1976, S. 108–126. In englischer Übersetzung kam die frühe Arbeit erst 2007 heraus.In: Jewish Writings. Hg. Jerome Kohn & Ron Feldman, New York 2007
Kurz vor der Zeit des Nationalsozialismus legte Arendt damit einen Text vor, der nicht nur auf philosophischen und geschichtsphilosophischen, sondern auch auf theologischen Gedankengängen beruht und die Eigenständigkeit der Juden in Geschichte und Gegenwart teilweise mit Argumenten des Zionismus betont.
Nach ihrer erfolgreichen Promotion Der Liebesbegriff bei Augustin (1929)Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation. Berlin 1929, Neuausgabe Philo Verlagsgesellschaft, Berlin und Wien 2003, ISBN 3-865-72343-8. in Philosophie bei Karl Jaspers beschäftigte sich die junge Denkerin mit der Vorbereitung ihrer Habilitationsschrift über Rahel Varnhagen. Dieses Werk konnte erst nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Titel Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik erscheinen. Der Aufsatz Aufklärung und Judenfrage gehört in den Zusammenhang dieses Forschungsprojektes.
Arendt schrieb den Artikel in der Heideggerschen Diktion der Existenzphilosophie und verwendete Begriffe der Lebensphilosophie, zeigte aber schon zu dieser frühen Zeit Ansätze ihres späteren Denkens über die Eigenständigkeit des Jude-Seins und die Existenz einer jüdischen Nation. Es handelt sich um eine textbezogene Auseinandersetzung, vor allem mit dem philosophischen Gleichheitsideal Lessings und Mendelssohns als unterschiedlich radikale Vertreter der Aufklärung auf der einen Seite und mit Herders Betonung individueller und nationaler Unterschiede auf der anderen Seite.
Die Autorin datiert die „moderne Judenfrage“ aus der Aufklärung und führt aus: „d.h. die nichtjüdische Welt hat sie gestellt“, deren Antworten hätten das Verhalten der Juden geprägt.
Anders als die Protagonisten der Aufklärung bestreitet Arendt, dass sich die Gleichheit aller Menschen und die gegenseitige Toleranz allein aus der Vernunft ableiten lassen. Über die Vernunft hinaus sei ein Wahrheitsbegriff erforderlich, der geschichtsphilosophische und theologische Überlegungen umfassen müsse.
Auseinandersetzung mit Vertretern der Aufklärung
Die Argumente bezüglich der allen gemeinsamen Vernunft wurden, referiert Arendt, erstmals von Moses Mendelssohn, später von Christian Dohm vorgetragen und fanden schließlich in Gotthold Ephraim Lessing ihren Hauptvertreter, der Menschlichkeit und Toleranz als Verbindung zwischen den Menschen ansah, trotz unterschiedlicher dogmatischer Ausrichtung, Sitten und Gebräuche. Eine absolute Wahrheit, ein objektives Heilsgut wurde von den Aufklärern nicht mehr anerkannt. Der Mensch als Suchender erhielt einen eigenständigen Sinn. Kritisch merkt sie an: „die Allherrschaft der Vernunft ist gleichzeitig die Allherrschaft des Menschlichen, des Humanen. … Schließlich (sind) alle Konfessionen für den Toleranten, und das heißt für den wahrhaft Menschlichen, nur verschiedene Benennungen desselben Menschen.“ Für die Aufklärung sind nur „Vernunftwahrheiten“ „notwendig“. „Geschichtswahrheiten“ sind dagegen „zufällig“ und nur dann wahr bzw. „überzeugend“ und „allgemein verbindlich“, wenn sie die Vernunftwahrheiten bestätigen.Hannah Arendt: Aufklärung und Judenfrage. In: Die verborgene Tradition. Acht Essays. Frankfurt a. M. 1976, S. 109.
Die Geschichte habe der Erziehung der Menschen zu dienen, fasst Arendt Lessings Gedanken zusammen, könne aber nur das hervorbringen, was bereits im Menschen vorhanden ist. Während Lessing die Religion mit der Religiosität gleichsetzte und für älter und bedeutender als die „Offenbarung“ (Bibel) hielt, vertritt Arendt die These, dieser Versuch einer Rettung der Religion sei vergeblich, weil die zuvor „sichere“ Wahrheit durch die „Überhöhung des Menschen“ zerstört und durch die „Innerlichkeit“ ersetzt worden sei.
Geschichte sei für Lessing das ewige Suchen nach der Wahrheit, die erst mit der „Mündigkeit“ des Menschen beginnt, d. h. erklärt die Autorin, der Mensch fängt auf dieser Basis ganz von vorn an und begründet eine neue Geschichte. Diese Vorstellung wird sie in ihren späteren Werken bezogen auf jede neue Generation unter dem Begriff „Gebürtlichkeit“ (Natalität) wieder aufgreifen und auch in ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Lessingpreises vertreten.Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten, Rede am 28. September 1959 bei der Entgegennahme des Lessing-Preises der Freien und Hansestadt Hamburg, EVA, Hamburg 1999, ISBN 3-434-50127-4
Mendelssohn erkannte die „ewigen Wahrheiten“ der jüdischen Religion noch an, ging aber wie Lessing vom Selbst-Denken des Individuums aus und sah wie dieser Bildung als Grundlage der Vernunft an, die Geschichte langfristig überflüssig mache und die „Besten der Juden und der Christen“ zusammenführen werde. Daher beschäftigte sich Mendelssohn nicht mit der „tatsächlichen Stellung der Juden in der Welt“ als Gebildete oder Unterdrückte in den Ghettos, bemängelt Arendt.Hannah Arendt: Aufklärung und Judenfrage. In: Die verborgene Tradition. Acht Essays. Frankfurt a. M. 1976, S. 114
Wenig später sei Dohm in Deutschland der erste Schriftsteller gewesen, der sich systematisch mit den Juden befasst habe. Als Verfechter der Aufklärung betrachtete er Juden nicht als „Volk Gottes“, sondern als Menschen wie alle anderen, mit denselben Rechten. Geschichte sieht er Arendt zufolge als „schlechte Vergangenheit“, während er bei den Zeitgenossen „Vorurteile“ gegen die Juden konstatiert. Arendt stellt die These auf, dass auch Juden im Zeitalter der Aufklärung eine solche Erklärung für ihre „kulturelle Minderwertigkeit“, für ihre „Ungebildetheit“, für ihre „soziale Schädlichkeit“ und „Unproduktivität“ akzeptiert hätten. „Die Gegenwart von der Last und den Folgen dieser Geschichte zu befreien, wird zum Werk der Einbürgerung und Befreiung der Juden.“Hannah Arendt: Aufklärung und Judenfrage. In: Die verborgene Tradition. Acht Essays. Frankfurt a. M. 1976, S. 115 Dies sei die einfache Position der ersten Vertreter der Assimilation gewesen: Mendelssohn, Dohm und Mirabeau.
Die zweite jüdische „Assimilationsgeneration“, nicht mehr religiös gebunden wie Mendelssohn, sei der „Blindheit der Aufklärung“ verfallen, weil sie die Juden nur als Unterdrückte ohne eigene Geschichte sah. Alles Eigene wird danach als „Hindernis“ auf dem Weg zur „Einbürgerung“ und zur „Menschwerdung“ betrachtet. Vertreter dieser Auffassung sei David Friedländer, der – selbst areligiös – die Bedeutung der Vernunft gegenüber der Geschichte „blasphemisch“ begründet habe, indem er den Einwand zurückwies, die menschliche Vernunft könne sich mit der göttlichen nicht messen. Diese Argumentation gegen die Überhöhung des Menschen entwickelte Arendt in ihrer Arbeit Was ist Existenzphilosophie? 1948 weiter, jedoch ohne theologische Begründung.Was ist Existenzphilosophie? (1948). Verlag Anton Hain, Frankfurt a. M. 1990, ISBN 3-445-06011-8.
Während Mendelssohn die Juden noch aufforderte, sich zwar den Sitten und Verfassungen des jeweiligen Landes anzupassen, die religiösen Gesetze aber einzuhalten, sei Friedländer 1799 weiter gegangen, indem er die Juden dazu aufrief, sich taufen zu lassen, um „öffentlich“Hier gebraucht Arendt den Ausdruck „öffentlich“ so, wie sie ihn später im Sinne politischer Öffentlichkeit verwenden wird. in der auf der gemeinsamen Vernunft und Moral beruhenden Gesellschaft aufzugehen.
Reaktion der christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft
Sein Plädoyer kam jedoch, so Arendt, 20 bis 30 Jahre zu spät und wurde von Seiten der Mehrheitsgesellschaft verworfen. Sowohl der angesprochene Kirchenvertreter wie auch der Philosoph Friedrich Schleiermacher betonten vielmehr das Eigentümliche des Christentums jenseits des Vernunftgedankens der Aufklärung, das durch solche „Proselyten“ nur verwässert werde. Die Religion sollte, resümiert Arendt, die Gemeinschaft gerade gegen das „Fremde“ schützen. Zwar sollte die Vernunft Grundlage des Staates sein, d. h. Juden sollten als „Staatsbürger“, schnell eingebürgert werden. Schleiermacher lehnte den Hauptgedanken der Aufklärung von der ursprünglichen Gleichheit aller Menschen ab und vertrat die Auffassung, dass es eine vollständige Assimilation nur geben könne, wenn die Juden ihre „messianische Hoffnung“ aufgäben. Während frühe Aufklärer noch dazu bereit waren, alle Religionen einschließlich des Christentums nach der Sokratischen Methode zu überprüfen, erschien dies nunmehr dem „gebildeten“ Deutschland absurd.
Aufnahme von Herders geschichtsphilosophischen Überlegungen
Johann Gottfried Herder war 1774 der erste, der das Zeitalter der Aufklärung als Zeitgenosse kritisierte, ohne damit Einfluss auf die „ältere Generation“ der Aufklärer zu gewinnen, allerdings umso mehr auf die „kommende Romantik“.Hannah Arendt: Aufklärung und Judenfrage. In: Die verborgene Tradition. Acht Essays. Frankfurt a. M. 1976, S. 117 Diese wandte sich Arendt zufolge gegen die „Allherrschaft“ des Menschen in Form der Vernunft und ihrer „platten Nützlichkeitslehre“. Andererseits führen Herder und nach ihm die Romantik die schon bei Lessing angelegte „Entdeckung der Geschichte“ fort.
Im zweiten Teil ihrer Abhandlung befasst sich Arendt eingehend mit Herders von Lessing abweichenden Auffassungen. Zunächst lehne Herder die These ab, dass der Mensch durch Erziehung nur das empfange, was schon in ihm steckt. Seines Erachtens lebt jeder Mensch in einer <Kette von Individuen> und wird von der „Tradition“ geformt. Nur insofern könne man von einer Geschichte des „Menschengeschlechts“ und nicht nur des einzelnen Menschen sprechen. Zustimmend fasst sie Herders Überlegungen zusammen: Die „reine“ Vernunft gibt es, anders als bei den Denkern der Aufklärung für Herder nicht. Durch die Geschichte wird sie verwandelt, verändert und <verteilt in tausend Gestalten>, abhängig von Faktoren, über die der Mensch keine Macht besitzt (<Zeit, Klima, Bedürfnis, Welt, Schicksal>) Entscheidend ist nicht – wie für die Aufklärer – die „Möglichkeit“, sondern die „Wirklichkeit“ des jeweiligen menschlichen Seins. „Die wirkliche Unterschiedenheit des Menschen ist wichtiger als die eigentliche Gleichheit.“Hannah Arendt: Aufklärung und Judenfrage. In: Die verborgene Tradition. Acht Essays. Frankfurt a. M. 1976, S. 118 Vernunft ist demnach das Ergebnis der gesamten Erfahrungen der Menschheit. Eine so definierte Vernunft kann niemals abgeschlossen sein, sondern verändert sich fortwährend.
Lessing, die anderen Aufklärer und Herder verneinten gemeinsam die Existenz einer „absoluten Wahrheit“, hält Arendt fest. Während Lessing dieses Postulat durch die These von der ewigen Suche nach der Wahrheit auf der Grundlage der dem Menschen innewohnenden Vernunft ersetzte, wandte sich Herder sowohl gegen die „eine Wahrheit“ wie auch gegen die „eine Vernunft“ und betonte, die Vernunft sei der Geschichte unterworfen, der menschliche Geist kein reiner Vernunftgeist.Hannah Arendt: Aufklärung und Judenfrage. In: Die verborgene Tradition. Acht Essays. Frankfurt a. M. 1976, S. 118 Der Mensch könne die Geschichte nicht durchschauen, sie werde zum „Außermenschlichen, Unpersönlichen“ aber nicht zu „Gott“. Herders Auffassung verneint die „Transzendenz“ des Göttlichen, Religion soll allein „Zwecke für Menschen durch Menschen“ bewirken. Dieses Auffassung lehnt Arendt ab.