mini|Theaterruine St. Pauli im Hechtviertel Das Hechtviertel ist ein Stadtviertel im Nordosten des Dresdner Stadtteils Leipziger Vorstadt. Es schließt als geschlossen bebautes Gebiet an die nordwestliche Grenze der Äußeren Neustadt an. Das Straßenbild ist wesentlich durch Blockrandbebauung geprägt, die zum großen Teil während der Gründerzeit entstand. Es finden sich aber auch andere Bauweisen und -stile im regelmäßigen Muster eines planmäßigen Straßengrundrisses. Vereinzelt sind kleine Häuser in Hinterhöfen zu finden, die das allgemeine Stadtteilbild nicht sonderlich prägen. Es wird überdurchschnittlich von jungen Menschen bewohnt. Es ist ruhiger als die Äußere Neustadt und gilt daher als familienfreundlicher. Das Hechtviertel erfuhr durch das Hechtfest eine große Bekanntheit und Beliebtheit im gesamten Stadtgebiet.

In der Umgebung des Hechtviertels sind einige Grünflächen fußläufig erreichbar (Hellerberge, Alaunplatz, Innerer Neustädter Friedhof, Kleingartenanlagen und Hechtpark). Die Dresdner Heide und die Elbwiesen sind ebenfalls nicht weit entfernt.

Lage mini|Luftbild des Hechtviertels (ca. 2010, Bildmitte) Das Hechtviertel liegt nördlich des Dresdner Stadtzentrums und ca. 1,6 km von der Elbe entfernt vor dem südlichen Hang der Hellerterrasse und ist Bestadtteil des Dresdner Vorstadtgürtels. Politisch-administrativ gehört es zum Stadtbezirk Neustadt, Stadtteil Leipziger Vorstadt. Es wird begrenzt durch die Buchenstraße (beidseits) und ab etwa Rudolf-Leonhard-Straße der Stauffenbergallee im Norden, im Osten nach verschiedenen Sichtweisen durch die Bahnstrecke Görlitz–Dresden oder der Königsbrücker Straße, Bischofsweg, Bischofsplatz und Bahnstrecke Leipzig-Dresden im Süden und die Johann-Meyer-Straße (beidseits) im Westen. Benachbart sind die Stadtteile Albertstadt im Nordosten und Äußere Neustadt im Südosten. Im Süden grenzt das ebenfalls zur Leipziger Vorstadt gehörige Scheunenhofviertel an. Westlich der Johann-Meyer-Straße erstrecken sich ausgedehnte Kleingartensparten. Es erstreckt sich auf einer Fläche von ca. 40 ha und hatte 2020 ungefähr 6.000 Einwohner mit Hauptwohnsitz.Geschätzt: Summe der Statistischen Bezirke 144–145, aufgerundet um Teile von 146 u. 118 aus: Statistische Mitteilungen. Bevölkerung und Haushalte 2020. Tabellenteil. Landeshauptstadt Dresden, 2020. S. 78.

Kritische Betrachtung der Dreiteiligkeit Seit etwa 2008 wird behauptet, dass sich das Hechtviertel aus den drei Teilen „Oberer Hecht“, „Unterer Hecht“ und „Südlicher Hecht“ zusammensetze. Zu jener Zeit habe durch zahlreiche Umzüge aus der Äußeren Neustadt in das Hechtviertel eine Gentrifizierung begonnen, es sei zu Sanierungen und Lückenneubebauungen gekommen. Durch das Hechtfest habe das Viertel im gesamten Stadtgebiet zunehmend an Bekanntheit und Beliebtheit gewonnen, wodurch die Quadratmeterpreise rasant anstiegen. Diese Behauptungen finden sich in Publikationen der Stadtentwicklung und -marketing, der Immobilienwirtschaft sowie des Tourismus und hielten Einzug in diesen Artikel, darüber verbreiteten sie sich weiter. Sie stellen eine Ausweitung des Hechtviertels auf benachbarte Viertel dar und sind nicht belegt. Des Weiteren widersprechen sie dem Verständnis eines Viertels.

Der gelegentliche Verweis auf statistische Bezirke führt nicht zum Beweis. Es existieren 144 Leipziger Vorstadt (Unterer Hecht), 145 Leipziger Vorstadt (Mittlerer Hecht) und 146 Leipziger Vorstadt (Oberer Hecht), aber kein „Südlicher Hecht“. 146 Oberer Hecht beinhaltet einen verschwindend kleinen Anteil von Wohnbebauung als nördlichen Rand des Hechtviertels und besteht wesentlich aus Kleingartenanlagen und einem Friedhof, was naturgemäß keine Wohnviertel sind. Der ebenfalls beinhaltete angebliche „Obere Hecht“ liegt in einigem Abstand nordöstlich und topografisch tiefer als wesentliche Teile des Hechviertels. Er erweist sich in allen Charakteristika (z. B. Entfernung, Errichtungszeit, Bebauung, Straßennamen …) als eigenständiges benachbartes Viertel. Strittig ist die Bezeichnung Oberer Hecht, laut Überlieferung wurde es noch um 2010 von den verbliebenen, sehr alteingesessenen Bewohnern Bärwalder Viertel genannt. Dies folgt auch der Tatsache, dass die Bevölkerung Wohnviertel sehr oft nach zentral hindurchlaufenden Straßen benennt.

145 Mittlerer Hecht und 146 Oberer Hecht verlaufen nahezu nebeneinander. Vielmehr gibt es Vermutungen, dass das Hechtviertel in früheren Zeiten von der Bewohnerschaft nochmals in einen unteren und oberen Teil mit der Grenze Fichtenstraße/Tannenstraße unterschieden wurde. Dies ist topografisch wie geografisch sowie bei der ehemals enormen Einwohnerzahl nachvollziehbar. Der zumindest historisch zugehörige Teil östlich der Bahnstrecke Görlitz wird gar nicht beachtet. Der angebliche „Südliche Hecht“ ist historisch wie baulich Teil des Scheunenhofviertels, was sich auch an den Straßennamen erkennen lässt.

Geschichte mini|Plan von Trachau, Pieschen und Neudorf von 1802. Darüber in der Mitte Hechts Weinberg Bis ins 18. Jahrhundert hinein gab im Gebiet um das heutige Hechtviertel nur einzelne Häuschen und Weingärten. Von 1783 bis 1833 nutzte die Königlich Sächsischen Armee diesen Bereich als Artillerie-Exerzierplatz. 1836 sowie 1841 kaufte der Dresdner Amtshauptmann und Direktor der städtischen Polizei Hans Ludwig von Oppell (1800–1876) hier ein insgesamt 91 Scheffel großes Sandfeld. Dieses ungefähr 23 Hektar große Areal war begrenzt im Norden von einem Fußweg (nahezu heutige Buchenstraße) entlang eines bewaldeten Hanges, dem Rand der Dresdner Heide, im Osten der Königsbrücker Straße und im Süden dem Bischofsweg. Am westlichen Rand verlief ein Wirtschaftsweg (nahezu im Verlauf der heutigen Hechtstraße), der zum Gasthaus „Zum Blauen Hecht“, welches ehemals dem Neudorfer Revierförster Johann August Hecht (gest. 1743) gehörte, sowie den nach ihm benannten Weinbergen führte. Daher wurde er von den Bewohnern des Scheunenhofviertels „Hechtweg“ genannt. (Das Gasthaus lag am Fuß des Anstiegs der Radeburger Straße an der Kreuzung zur Hechtstraße und musste später dem Ausbau der Hansastraße/Radeburger Straße zum Autobahnzubringer weichen.) Westlich des Hechtwegs lagen die Scheffel’schen Felder.

mini|hochkant|Haus Rudolf-Leonhard-Straße 40 mit der damaligen Kneipe Oppell 40 (2009, heute Drägg’scher Löffel) Mit Erteilung der Bebauungsgenehmigung 1842 verkaufte von Oppell beginnend von Königsbrücker Straße/Bischofsweg größere Parzellen des Landes, auf denen sich Gärtnereien, eine Zündholzfabrik und weiteres Gewerbe mit Wohnhaus und Garten der Besitzer ansiedelten. Genehmigt war die Bebauung, abgesehen von genehmigten Ausnahmen, mit von der Straße zurückgesetzten zweieinhalbstöckigen Wohnhäusern in offener Bauweise und zugehörigen Wirtschaftsgebäuden. Die Besiedelung des Gebietes entwickelte sich nur sehr schleppend. Gründe waren die mangelhafte Anbindung des Gebietes, ein behördlich verhängter Baustopp von 1844 bis 1846 zur Errichtung Bahnstrecke Görlitz-Dresden, sowie wirtschaftlich gelähmte Zeiten als Nachwirkung der Revolution 1848/49. Mit der Aufhebung des Baustopps wurde für den Bereich westlich der Bahnstrecke die 3,5-geschossige offene Blockrandbebauung erlaubt. Auch diese Bebauung kann man noch heute an wenigen Beispielen entdecken. In Zusammenhang mit der dichteren Bebauung wurden zu den bestehenden Längsstraßen Querstraßen angelegt. Bis Mitte der 1850er Jahre diente der Königsbrücker Platz als Fäkaliensammelplatz. 1855 erhielt die Siedlung die amtliche Bezeichnung „Neuer Anbau auf den von Oppellschen Feldern“, wurde aber von der Bevölkerung (weiterhin) Oppellvorstadt genannt. Zu jener Zeit nahm die Entwicklung des Viertels merklich an Fahrt auf.

1859 wurde der Teil östlich der Görlitzer Bahnstrecke amtlich der Antonstadt zugeordnet, der westliche Teil dem Verwaltungsgebiet „Der Antonstadt zugehörig“ und die vorhandenen Straßen erhielten Namen. Bis etwa 1864 gab es keine Straßen- und Gehwegsbefestigungen, keine Straßenentwässerung/Schleusen und keine Straßenbeleuchtung. Nach 15-jährigen erfolglosen Bemühungen des Hoffaktors Scheffel um Bebauungsgenehmigung seines Landes begann erst 1874 die Erbauung einer weiteren Längsstraße bei Verlängerung der Querstraßen. Vornehmlich die Querstraßen wurden nach Bäumen benannt (Ahorn bis Tanne). Die Längsstraße wurde nach dem Großkaufmann und Ehrenbürger der Stadt Johann Meyer (1800–1887) benannt, der 1872 100.000 Mark zum Bau von Arbeiterwohnhäusern gestiftet hatte. 15 dieser Häuser wurden auf der nach ihm benannten Straße errichtet (ehemals Nr. 40–54) sowie im selben Eck auf der Buchenstraße (heute Nr. 24–27) und Hechtstraße (heute Nr. 75–77a). 1875 wurde der Teil westlich der Görlitzer Bahnstrecke dem neu gebildeten Stadtteil Leipziger Vorstadt zugehörig. Ebenso in diesem Jahr wurde nun die Errichtung von hohen Mietshäusern in 4,5-geschossiger geschlossener Blockrandbebauung gestattet, die bis heute wesentlich das Viertelbild prägen. Zu dieser Zeit erhielten alle Straßen eine Beschleusung, Anschluss an die Wasserversorgung und die Petroleum-Laternen zur Straßenbeleuchtung wurden durch moderne Gaslaternen ersetzt. In den Hinterhöfen arbeiteten Betriebe des Handwerks und Handels, ebenso gab es nach wie vor Gärtnereien sowie unzählige Kneipen. Das Viertel hatte sich zu einem Arbeiterviertel entwickelt, begünstigt durch während der Industrialisierung entstandene Firmenansiedlungen zwischen Scheunenhofviertel und Neustädter Hafen sowie der nahegelegenen Albertstadt. 1881 nahm die die Gelbe Pferdestraßenbahn mit Oberwagen auf der Königsbrücker Straße ihren Dienst auf, verlängert ab dem Bischofsweg zum Arsenal (heutiges Industriegelände).

mini|Schanzenstraße (2009) Bis zum Jahr 1890 stieg die Einwohnerzahl aufgrund der fortschreitenden Bebauung auf 13.200, es entstand das Viertel mit der höchsten Wohndichte in Dresden (für 1910: 672 Personen je ha). Zu jener Zeit dürfte sich die Bezeichnung Hechtviertel durchgesetzt haben. 1891 wurde der Bau der St. Pauli-Kirche vollendet – eine dreischiffige Hallenkirche aus rotem Backstein mit ca. 1000 Sitzplätzen und einer Turmhöhe von 78 Metern, wofür zuvor 2 Wohnhäuser abgerissen werden mussten. Die Kosten von 285.000 Mark trug die Stadt bei Zuschuss gestifteter Gelder in Höhe von 100.000 Mark. Im selben Jahr eröffnete die St. Pauli-Apotheke. Etwa 1898 begann der Bau des Bahndammes Leipzig-Dresden als geänderte Streckenführung zur Inbetriebnahme des neuen Neustädter Bahnhofes (1901). Ab 1900 (bis 1945) verkehrte die elektrische Straßenbahn auf der Hechtstraße als Verlängerung vom Alaunplatz bis zur Buchenstraße (ab 1926 dann bis zum St. Pauli-Friedhof/Südtor). Eine weitere Erweiterung des Viertels erfolgte nicht mehr, da die Stadt einen großen Bedarf an Kleingärten sah. Es hatte seine für ein Jahrhundert bestehende größte Ausdehnung erreicht. 1902 gründete der Hechtviertel-Bewohner Erich Rudolph den Kleingartenverein „Rudolphia e. V.“ und im selben Jahr gründete sich der „Gartenfreunde Fortschritt I e. V.“.