C. N. Annadurai (Conjeevaram Natarajan Annadurai;Der Name des Geburtsorts, Conjeevaram (= Kanchipuram), und das Patronym Natarajan werden, wie in Südindien üblich, dem Namen abgekürzt vorangestellt, Annadurai ist der Rufname. Familiennamen sind in Südindien nicht üblich. Tamil: []; * 15. September 1909 in Kanchipuram; † 3. Februar 1969 in Tamil Nadu) war ein Politiker und Autor für Bühne (Dramatiker) und Film (Drehbuch) aus dem indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Er gehörte zu den zentralen Figuren der Dravidischen Bewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Tamil Nadu entstand und eine eigenständige Identität der Tamilen als „Draviden“ im Gegensatz zu den „Ariern“ Nordindiens postulierte. Annadurai gründete 1949 die Partei Dravida Munnetra Kazhagam (DMK) und führte sie 1967 im Bundesstaat Madras (später Tamil Nadu) an die Macht. Bis zu seinem Tod 1969 bekleidete er das Amt des Chief Ministers (Regierungschefs) des Bundesstaates. Von seinen Anhängern wird C. N. Annadurai kurz Anna ( []) genannt und mit dem Ehrentitel Arignar ( [] „Weiser“) bedacht.
Leben Jugendjahre und Studium mini|Mit seiner Ehefrau C. N. Annadurai wurde am 15. September 1909 in der Stadt Kanchipuram im Norden des heutigen Bundesstaates Tamil Nadu als Sohn des Schreibers Natarajan und dessen Ehefrau Bangaru Ammal geboren. Aufgezogen wurde er von seiner Tante Rajamani. Die Familie gehörte der Weberkaste der Sengunthar Mudaliar an und lebte in einfachen Verhältnissen. Neben der Arbeit von Annadurais Vater trugen der Ertrag einer kleinen Landparzelle und Weberei zum Lebensunterhalt der Familie bei.R. Kannan: Anna. The Life and Times of C. N. Annadurai, New Delhi 2010, S. 5–6. Der junge C. N. Annadurai ging in Kanchipuram zur Schule. 1928 setzte er seine Ausbildung am Pachaiyappa’s College in Madras (Chennai) fort.Kannan 2010, S. 7–9. In Madras heiratete Annadurai im Alter von einundzwanzig Jahren seine Ehefrau Rani.Kannan 2010, S. 13. Die Ehe blieb kinderlos, doch adoptierte das Paar später die Enkelkinder von Annadurais Cousine.Kannan 2010, S. 5. Nachdem Annadurai in seinem Studium die Zwischenprüfung mit gutem Erfolg bestanden hatte, verschaffte ihm der Rektor des College ein Stipendium, das es ihm ermöglichte, trotz seiner angespannten finanziellen Situation 1931 ein BA-Honours-Programm zu beginnen, das er 1934 abschloss. Anschließend machte er am selben College einen MA-Abschluss in Wirtschaft und Politik.Kannan 2010, S. 11–12.
Als Student entdeckte C. N. Annadurai sein Talent als Autor und Redner. Sein erster Essay erschien 1932 im Magazin Tamil Arasu.Kannan 2010, S. 13. Am College studierte Annadurai auch die Werke der alttamilischen Sangam-Dichtung und entwickelte eine Begeisterung für die Klassiker der tamilischen Literatur. Zudem kam Annadurai während seiner Studienzeit mit der Politik in Berührung.Kannan 2010, S. 10–11.
Aufstieg in Selbstachtungsbewegung und Justice Party mini|C. N. Annadurai mit E. V. Ramasami Mitte der 1930er Jahre wurde C. N. Annadurai Mitglied von E. V. Ramasamis Selbstachtungsbewegung und der Justice Party. E. V. Ramasami (genannt Periyar) war zu jener Zeit der wichtigste Führer der Dravidischen Bewegung, die eine separate Identität der Tamilen als „Draviden“ gegenüber den „Ariern“ Nordindiens postulierte. Zugleich wandten sich die Selbstachtungsbewegung und die Justice Party gegen die angenommene gesellschaftliche Übermacht der Brahmanen und das Kastensystem als Ganzes.
Während der politische Diskurs zu jener Zeit größtenteils in englischer Sprache stattfand, gehörte Annadurai zu den wenigen Mitgliedern der Justice Party, die sowohl Tamil als auch Englisch in Wort und Schrift beherrschten. Daher wurde er beauftragt, die Reden von Führern der Justice Party ins Tamil zu übersetzen. Er kandidierte auch für die Justice Party bei den Kommunalwahlen Madras, blieb aber erfolglos.Kannan 2010, S. 34–37. Die erste Begegnung zwischen C. N. Annadurai und E. V. Ramasami fand im Jahr 1935 statt.Kannan 2010, S. 37–38. Nach seinem Studienabschluss beschloss Annadurai, sich ganz der Politik zu widmen und wurde zu einem Schützling Ramasamis. Ab 1937 arbeitete er als stellvertretender Herausgeber von Ramasamis Zeitschriften Kudi Arasu und Viduthalai.Kannan 2010, S. 44. Durch seine Bildung und vor allem sein rhetorisches Talent stieg Annadurai bald zu einer wichtigen Figur in der Selbstachtungsbewegung auf.Kannan 2010, S. 44–46.
1937/38 beteiligte sich Annadurai an den Protesten, die auf die Entscheidung der Kongress-Regierung von Madras folgten, die nordindische Sprache Hindi zu einem Pflichtfach in den Schulen des Bundesstaates zu machen, und wurde wegen einer aufrührerischen Rede inhaftiert.Kannan 2010, S. 53. In der Folge der Anti-Hindi-Proteste formulierte E. V. Ramasami erstmals die Forderung nach einem unabhängigen Staat Dravida Nadu, die auch von C. N. Annadurai übernommen wurde.Marguerite Ross Barnett: The Politics of Cultural Nationalism in South India, Princeton 1976, S. 53. Als Annadurai 1942 eine eigene Zeitschrift gründete, wählte er den programmatischen Titel Dravida Nadu. Die Zeitschrift, in der er unter verschiedenen Pseudonymen zahlreiche Artikel und Kurzgeschichten veröffentlichte, wurde zu Annadurais wichtigstem Sprachrohr.Kannan 2010, S. 72–76.
Karriere als Drehbuchschreiber mini|Szene aus Nallathambi (1949) Ursprünglich um die unprofitable Zeitschrift Dravida Nadu zu finanzieren, begann C. N. Annadurai eine Tätigkeit als Dramatiker und gründete eine Schauspieltruppe, in der er auch selbst mitspielte. Sein erstes Theaterstück, Chandrodayam, wurde 1943 uraufgeführt. Annadurai erkannte bald den Wert des Theaters als Propagandamittel und schrieb in den Folgejahren weitere Stücke, die allesamt die sozialreformerische und anti-brahmanische Ideologie der Dravidischen Bewegung verbreiteten.Kannan 2010, S. 76–80. 1948 schrieb Annadurai das Drehbuch für den Film Nallathambi. Damit brachte er seine politische Botschaft erstmals auf die Leinwand und begründete die enge Verbindung zwischen der Dravidischen Bewegung und der tamilischen Filmindustrie. In den 1950er Jahren schrieb Annadurai weitere Filmdrehbücher und trug damit zusammen mit dem ebenfalls als Drehbuchautor tätigen M. Karunanidhi dazu bei, den tamilischen Film zu einem Vehikel der DMK-Partei zu machen. Anfangs war der populäre Sivaji Ganesan, dem Annadurai bereits 1945 durch sein Theaterstück Sivaji Kanda Hindu Rajyam zum Durchbruch verholfen hatte, der wichtigste Schauspieler des DMK-Films. Mitte der 1950er Jahre wandte Ganesan sich aber von der DMK ab und später der Kongresspartei zu. Seine Position übernahm der Schauspieler M. G. Ramachandran (genannt MGR), der durch seine immense Popularität zum Aufstieg der DMK beitrug und gleichzeitig selbst eine immer wichtigere Rolle in der Partei gewann.
DK und Gründung der DMK mini|Parteiflagge der DMK Schon 1940 war C. N. Annadurai Generalsekretär der Justice Party geworden, deren Vorsitz E. V. Ramasami ein Jahr zuvor übernommen hatte. Nachdem 1944 die Justice Party und die Selbstachtungsbewegung unter E. V. Ramasamis Führung zur Organisation Dravidar Kazhagam (DK) fusionierten, stieg Annadurai zum zweiten Mann in der DK auf.Kannan 2010, S. 87–94. Schon bald zeigten sich aber Konflikte zwischen C. N. Annadurai und seinem Mentor. Als E. V. Ramasami 1947 den indischen Unabhängigkeitstag zum Trauertag erklärte, weil er die Dominanz von Brahmanen und Nordindern im unabhängigen Indien befürchtete, stellte sich Annadurai öffentlich gegen ihn und begrüßte die indische Unabhängigkeit.Kannan 2010, S. 114–115. Auch sprach sich Annadurai im Gegensatz zu E. V. Ramasami für die Teilnahme an Wahlen aus. Annadurai teilte die Ideologie der DK, bevorzugte aber einen weniger radikalen und dafür mehrheitsfähigen Ansatz.Kannan 2010, S. 122–124.
Zwischenzeitlich schienen die Differenzen beigelegt, als E. V. Ramasami C. N. Annadurai 1948 zu seinem Nachfolger erklärte. Letztlich kam es aber zum Bruch, als E. V. Ramasami 1949 seine Sekretärin Maniammai heiratete und diese zu seiner Nachfolgerin bestimmte. Daraufhin spaltete sich unter der Führung Annadurais die Partei Dravida Munnetra Kazhagam (DMK) von der DK ab. Rund drei Viertel der Mitglieder der DK schlossen sich der DMK an. C. N. Annadurai betonte, es gebe keine ideologischen Differenzen zwischen DK und DMK und begründete die Spaltung damit, E. V. Ramasami habe durch seine Hochzeit mit der über 40 Jahre jüngeren Maniammai seine eigenen Ideale verraten. Der Posten des Parteipräsidenten der DMK wurde symbolisch für E. V. Ramasami offen gelassen, Annadurai übernahm das Amt des Generalsekretärs.Barnett 1976, S. 72–76.
Der Aufstieg der DMK Unter C. N. Annadurais Führung gelang es der DMK, in den 1950er Jahren eine Massenbasis aufzubauen. Dabei entradikalisierte sie sich erheblich und vollzog einen ideologischen Wandel zu einer massenkompatibleren Position. Annadurai wandte sich von der Forderung nach der Abschaffung des Kastenwesens und einer kompletten Ablehnung der Religion zur Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und Rationalismus, der in dem vielzitierten Satz „Es gibt nur eine Kaste und nur einen einzigen Gott“ (ein Zitat aus dem Tirumandiram) zum Ausdruck kommt.Barnett 1976, S. 89.
Nachdem sie die Wahlen 1952 noch ausgelassen hatte, trat die DMK 1957 erstmals bei der Wahl zum Parlament des nunmehr nach den Sprachgrenzen des Tamil neuformierten Bundesstaates Madras an. C. N. Annadurai war unter den ersten 15 Abgeordneten, die als Ergebnis der Wahl für die DMK ins Parlament einzogen.Kannan, S. 220–222. Die nächste Wahl 1962 sah die DMK bereits als stärkste Oppositionskraft hinter der regierenden Kongresspartei. Annadurai wurde aber in seinem Wahlkreis von einem Kongress-Kandidaten besiegt und verpasste den Wiedereinzug in das Bundesstaatsparlament. Stattdessen ließ er sich im selben Jahr in die Rajya Sabha, das gesamtindische Oberhaus, wählen.Kannan S. 260–262.
In seiner Antrittsrede als Rajya-Sabha-Abgeordneter bekräftigte Annadurai noch die Forderung nach einem unabhängigen Dravida Nadu.Kannan S. 263. Schon wenig später rückte die DMK aber von der Sezessionsforderung ab. Als im Oktober 1962 der Indisch-Chinesische Grenzkrieg ausbrach, stellte sich Annadurai hinter die Zentralregierung.Kannan S. 265. Endgültig gab die DMK die Forderung nach einem unabhängigen Dravida Nadu im Jahr 1963 auf. Damit umging sie die drohende Gefahr, wegen ihrer Sezessionsbestrebungen von der indischen Zentralregierung verboten zu werden.Dagmar Hellmann-Rayanayagam: Tamil. Sprache als politisches Symbol, Wiesbaden 1984, S. 134 f. An die Stelle der Forderung nach Eigenstaatlichkeit trat die Forderung nach politischer und kultureller Autonomie der Bundesstaaten innerhalb der Indischen Union. Dies zeigte sich in der Ablehnung der Pläne der indischen Zentralregierung, das Hindi zur alleinigen Amtssprache Indiens zu machen. 1965 kam es im Bundesstaat Madras wegen der geplanten Einführung des Hindi als Amtssprache zu heftigen Protesten, in deren Verlauf fünf Menschen sich öffentlich selbst verbrannten und über 60 Protestierende von der Polizei erschossen wurden. Als Konsequenz der Anti-Hindi-Proteste wurde beschlossen, das Englische bis auf weiteres als gleichberechtigte Amtssprache beizubehalten.
Als Chief Minister