Entwicklungsdienstleister (EDL) (auch: Engineering-Dienstleister oder Ingenieurdienstleister oder Technologieberatung oder Engineering Services) sind Industrieunternehmen, deren Umsatz größtenteils aus der Erbringung von Entwicklungsdienstleistungen erwirtschaftet wird. EDLs bieten heutzutage branchenübergreifend Leistungen & Lösungen an, z. B. im Automobilbau, Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Informationstechnologie, Wehrtechnik, vgl. auch die Liste der ingenieurwissenschaftlichen Fachrichtungen.
Die Produktion und der Verkauf eigener Produkte stehen bei Entwicklungsdienstleistern (EDL) weniger im Vordergrund. Große EDL bieten jedoch eigenständige Produkte und schlüsselfertige Lösungen (teilweise auch serienreif oder als sogenannte „Turn-key-Lösungen“) an. In der Produktion sind Fertigungsdienstleister bzw. Auftragsfertiger heute etablierte Unternehmen. Damit stehen EDLs im Allgemeinen am Anfang der Wertschöpfungskette und sind heutzutage wesentlicher Bestandteil dieser.
Die VDI-Norm 4510 (Erscheinungsdatum: 2006) Ingenieur-Dienstleistungen und Anforderungen an Ingenieur-Dienstleister soll die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit unterstützen.
Beschreibung
Bedeutung Aufgrund von immer komplexer werdenden Technologien und Produktvarianten sowie Technologietrends sind EDLs heutzutage erfolgreich am Markt und leisten einen unersetzlichen Beitrag zu Innovationen. EDLs gelten aufgrund ihrer hohen Technologieaffinität speziell bei Nachwuchskräften als beliebte Arbeitgeber und bieten eigene Karrieremöglichkeiten.
Die Relevanz der Entwicklungsdienstleistungen stieg über die Jahrzehnte. Zum Beispiel war IBM damals noch ein reiner Hersteller von Computerhardware, so wurden 2007 bereits 37 % der Umsätze mit „Services“ geleistet. Software machte 40 % und Hardware/Finance die restlichen 23 %. Auch im Jahr 2022 generiert im Beispielfall IBM die Sparte Consulting weiterhin die zweithöchsten Umsätze.
Entwicklungsauftrag Im Regelfall werden EDLs beauftragt, die Entwicklungstätigkeiten für ein Kundenunternehmen zu übernehmen. Die Entwicklung kann dabei z. B. von einem Lastenheft ausgehen oder der EDL als Teil eines Programms oder Projekt eingebunden werden, oder dem Kunden beratend zur Seite stehen. Die Zielprodukte und -leistungen können sein: Gesamt- oder Teilsysteme (Module), Software (vollständig oder Teilbereiche z. B. Test & Verifikation), IT-Services, Hardware-Entwicklung (Konzept, Design, Verifikation & Validierung) und Projektmanagement-Beratung (Prozesse, Qualität etc.). Die Grenze zwischen Entwicklungsdienstleister, Technologieberatung und Zuliefererunternehmen verschwimmt an dieser Stelle.
Hintergrund Die Unternehmensform des Entwicklungsdienstleisters entstand als Weiterentwicklung des klassischen Ingenieurbüros. Seit den 1980er Jahren wurden verstärkt Entwicklungsaufgaben von Industrieunternehmen an externe und dafür spezialisierte Büros vergeben. Entwicklungsdienstleister verstehen sich als Entwicklungs- und Technologiepartner der Kundenunternehmen. Ingenieurbüros können als Unterform der Entwicklungsdienstleister verstanden werden.
Spannungsfelder Oftmals stehen EDLs mit ihren (Groß-)Kunden (z. B. OEMs, Tier-Zulieferer) in Bezug auf die sog. Kernkompetenz, die Arbeitsbedingungen wie Löhne, Tarifverträge etc. in Konflikt. Wichtige Faktoren für diese Unternehmen spielen deshalb das sog. Stakeholdermanagement, Vertragsmanagement, Risikomanagement, Kundenmanagement etc., um die enge Verflechtung zwischen Auftraggeber und EDL zu gestalten. Auf der anderen Seite ergeben sich im Umfeld auch strategische Partnerschaften, aufgrund der engen Verzahnung und gewünschten Nähe zwischen EDLs und Auftraggebern.
Abgrenzungen
Abgrenzung zur Zeitarbeit
Inhaltlich EDLs unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht von gewöhnlichen Personaldienstleistern (PDLs), welche sich meist auf Personalthemen spezialisieren. Dabei spielt bei EDLs die Zeitarbeit und die damit verbundenen „einfachen Arbeiten“ eine untergeordnete Rolle. Da die Mitarbeiter der EDLs meist beratend aktiv sind, hat ebenfalls 2016/2017 der Gesetzgeber klargestellt, dass die Tätigkeiten von Unternehmensberatern nicht als Zeitarbeit zu bewerten sind.
Laut einer Studie (Blickpunkt Arbeitsmarkt: Akademiker/-innen) der Bundesagentur für Arbeit, spielen sog. „Atypische Erwerbsformen“ (d. h. Zeitarbeit, Befristung, Teilzeit, Minijobber) bei Akademikern eine „in der Regel untergeordnete Rolle.“ Befristete Arbeitsverhältnisse treten jedoch dennoch auf, Zitat Studie: „Befristungen treten vorrangig in der Anfangsphase des Berufslebens auf und werden mit fortschreitender beruflicher Etablierung immer mehr zur Ausnahme.“
Für Berufseinsteiger stellen EDLs oft ein Sprungbrett in die berufliche Karriere dar. Gleichwohl hadern EDLs auf der anderen Seite mit einer hohen Fluktuation von Fachkräften.
Gehalt Die Mehrzahl der Mitarbeiter bei EDL-Unternehmen sind qualifizierte Fachkräfte (Ingenieure, Naturwissenschaftler, Techniker, sonstige. Qualifikationen beispielsweise aus der IT) und verdienen im Vergleich zur Zeitarbeit (häufig: Mindestlohn) höhere, qualifikations-übliche Löhne. Das Durchschnittsgehalt eines Ingenieurs, laut einer Umfrage für das Jahr 2020, ist im Median 60.000 EUR. Abweichungen ergeben sich durch das Bundesland, die Branche, Erfahrung (Berufsjahre) und Unternehmensgröße des Arbeitgebers.
Eine Analyse der Hans Böckler Stiftung aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „Ingenieure, IT-Experten und Techniker in Leiharbeit und Fremdfirmeneinsatz“ ermittelte die folgenden Fakten:
Von 100 % Ingenieuren, IT-Experten und Techniker wurden 9,1 % „nicht beim Arbeitgeber eingesetzt“ (d. h. Leiharbeit etc.) IT-Experten wiesen mit 25,7 % den höchsten Anteil unter „befristet Beschäftigten“ auf Durchschnittsgehalt bei Ingenieuren für 2013 war 4.656 EUR im Monat Lohngefälle ergaben sich aufgrund der „Art des Arbeitseinsatzes“: Beschäftigte in Leiharbeit wiesen dabei den größten Abstand zu Beschäftigten am Ort des Arbeitgebers auf Bei „Entsandten“ war der Unterschied kleiner Die Lohngefälle-Effekte werden in der Studie durch das Alter und die Erfahrungsjahre der Personen erklärt. Die Tarifbindung ist bei allen Leih- und Zeitarbeitern am größten Dieser Effekt wird begründet mit dem Versuch, das „Equal Pay“-Prinzip der Arbeitnehmerüberlassung zu umgehen.
Gehälter USA Laut einer jährlichen Umfrage (Stand 2021) des US-Karriere-Unternehmen Dice haben die Tech-Gehälter 2019 auf 2020 zugelegt und lagen im Durchschnitt bei 97.859 USD, im Silicon Valley sogar bei 126.801 USD.
Gehälter Schweiz Die Ingenieursvereinigung Swiss Engineering publiziert jährlich eine Gehaltsstudie (Salärbroschüre), die für Mitglieder kostenfrei ist.
Abgrenzung zu gewöhnlichen Personaldienstleistern und Unternehmensberatung EDLs sind weniger in den folgenden Geschäftsbereichen tätig, wobei es auch hier Ausnahmen gibt:
Recruitment, Headhunting, Personalentwicklung, Personalberatung (z. B. wie Expertum) Outsourcing (z. B. wie ehem. EDS; EDLs übernehmen nur selten ganze Ausgliederungen von Abteilungen) Unternehmensberatung, mit Ausnahmen: Hauseigene, externe Unternehmen wie: Porsche Consulting, Volkswagen Consulting etc. Eigene Inhouse Consulting Geschäftsbereiche und Teams, die Kunden beraten Spezialisierte Beratungsingenieure (vertreten durch den Verband Beratender Ingenieure)
Abgrenzung zu Zulieferern EDLs werden nicht zu den klassischen Zulieferer-Unternehmen gezählt, sind aber Teil der Wertschöpfungskette.
Vertragsformen und Art der Auftragsabwicklung Je nach Situation sind verschiedene Formen der Auftragsabwicklung und Vertragsgestaltung gängig: Dienstleistungsvertrag (z. B. Beratungsleistungen) Werkverträge (z. B. Erstellung eines Produktes, Hardware, Software etc.) Arbeitnehmerüberlassung oder Zeitarbeit (Bereitstellung von Personal) Die häufige Anwendung von Werksverträgen und Arbeitnehmerüberlassungen wurde durch Reformen stark beeinflusst. Laut einer Umfrage des DGB waren 2015 bei EDLs ca. 50 % „Marktanteil fremdvergeben“, entsprechend 36.500 Beschäftigten.
Bedeutende EDLs & Rankings
Top 25 (nach automotiveIT) Die fünf umsatzstärksten IT-EDLs aus 2020 (nach automotiveIT):
T-Systems (622 Millionen Euro) IBM (520 Millionen Euro) Capgemini (450 Millionen Euro) Accenture (443 Millionen Euro) NTT-Gruppe (414 Millionen Euro)
Top 10 (nach Lünendonk) Laut dem Beratungsunternehmen Lünendonk sind die Top 10 der Anbieter von Engineering Services in Deutschland (Stand 2021):
IAV GmbH Bertrandt AG AKKA Technologies Germany SE (heute: Adecco) Ferchau GmbH Edag Engineering Group AG Capgemini Engineering (ehem. Altran) ALTEN S.A. FEV Europe GmbH Modis GmbH (heute: Adecco) Brunel N.V.
Dabei sind die Umsätze der Unternehmen im drei bzw. vierstelligen Millionenbereich, sowie die Mitarbeiterzahlen im vier-, fünf- bis sechsstelligen Bereich. Die Zusammensetzung der Liste unterliegt den Kriterien von Lünendonk. Eine spezielle Liste für Zeitarbeitsunternehmen wird ebenfalls von Lünendonk publiziert und erscheint jährlich.
Top 50 (nach ATZ extra) Das Top 50 Ranking des MTZ Magazins mit führenden EDLs erscheint jährlich. Die Kriterien des ATZ-Rankings unterliegen ähnlichen Kriterien wie dem Lündendonk-Ranking (Umsatz, Mitarbeiterzahl etc.).
Top 50 (nach Everest Group) Laut der Top 50 des Beratungsunternehmens Everest Group, sind 48 % der Engineering-Service Anbieter aus Europa.
Weitere europäische oder weltweite EDLs (Beispiele) AECOM: EDL aus den USA Assystem S. A.: französischer EDL mit ca. 7000 Mitarbeitern (Stand 2021) AVL: EDL aus Österreich AFRY (vormals ÅF Pöyry): EDL aus Schweden ITK Engineering GmbH Jacobs Engineering Group: EDL aus den USA Semcon: EDL aus Schweden Segula Technologies S. A.: französischer EDL, der 2018 das Entwicklungszentrum von Opel gekauft hat.
Spezialisierte EDLs (Beispiele) Ebenfalls existieren eigenständige EDL-Ausgründungen großer Industrieunternehmen, wie z. B.:
Bosch Engineering Continental Engineering Services (CES) DB Engineering Consulting IBM Consulting (vormals IBM Global Business Services) Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Magna Steyr Engineering AG & Co. KG
Diese Unternehmen sind meist Teil der Unternehmensgruppe oder ausgegründet und bieten spezialisierte Entwicklungsleistungen primär für den eigenen Konzern und Kundenkreis an.
EMS-Dienstleister (Beispiele) Eine weitere Spezialisierung unter den EDLs sind die sog. EMS-Dienstleister. Diese Unternehmen haben ihren Fokus auf Auftrags- und Serienentwicklungsleistungen der Elektronik und Elektrotechnik, meist mit sehr großen Entwicklungsvorleistungstätigkeiten, und wirken ebenfalls beratend.
F&E-Dienstleister (Beispiele) Dazu zählen z. B. die Fraunhofer Institute mit ihren Dienstleistungen.
Technologieberatung (Beispiele) Eine weitere Lünendonk-Liste speziell für IT-Dienstleister existiert. Einige Beispiele und weitere Firmen sind:
Accenture (> 1/2 Mio. Mitarbeiter, USA) Adesso SE (> 5k Mitarbeiter, Deutschland) Bechtle AG (> 10k Mitarbeiter, Deutschland) CGI Inc. (> 50k Mitarbeiter, Kanada) CHG-Meridian (> 1k Mitarbeiter, Deutschland) Cognizant (> 1/4 Mio. Mitarbeiter, USA) DXC Technology (> 100k Mitarbeiter, USA) HCL Technologies (> 200k Mitarbeiter, Indien) Infosys (> 1/4 Mio. Mitarbeiter, Indien) Tata Consultancy Services (> 1/2 Mio. Mitarbeiter, Indien) Wipro (> 150k Mitarbeiter, Indien)
Unternehmen wie Accenture sind heutzutage mit Büros in ganz Deutschland vertreten. Unternehmen wie DXC Technology bieten nicht nur ausschließlich IT-Dienstleistungen, sondern sind auch für andere Branchen wie Automotive mit Produkten und Leistungen vertreten, nicht zuletzt aufgrund der starken Digitalisierung im Bereich der Automobilindustrie. Ebenfalls zeigen die Top 10 laut Lünendonk-Liste, wie stark „Digital Engineering“, „Agile Softwareentwicklung“ und „Data Analytics“ einen Einfluss auf den Geschäftserfolg der „Engineering-Dienstleister“ haben.