Ahl al-kitāb () ist ein Begriff, mit dem im Koran, im Hadith und im islamischen Recht die Juden und Christen bezeichnet werden. Die Aussagen zu den Ahl al-kitāb im Koran sind ambivalent. Während an einzelnen Stellen die religiösen Gemeinsamkeiten zwischen Ahl al-kitāb und Muslimen betont werden (Sure 3:64, Sure 29:46), wird an vielen anderen Stellen zwischen den wenigen guten und den mehrheitlich schlechten Ahl al-kitāb unterschieden, wobei dann letztere den Ungläubigen zugeordnet werden. In Sure 9:29 wird zum Kampf gegen diese Ungläubigen aufgerufen, bis sie die Dschizya entrichten. Im Hadith finden sich viele Überlieferungen, die die Abkehr Mohammeds von den Bräuchen der Ahl al-kitāb thematisieren.
Das islamische Recht ordnet den Kitābī, d. h. den Angehörigen der Ahl al-kitāb, ebenfalls als Ungläubigen ein, stellt ihn jedoch höher als den Beigeseller. So ist es männlichen Muslimen erlaubt, Frauen von den Ahl al-kitāb zu heiraten, nicht jedoch von den Beigesellern. Und anders als die Beigeseller können die Ahl al-kitāb durch Dhimma-Verträge in ein Schutzverhältnis zum islamischen Staat treten, wenn sie die Dschizya entrichten.Vgl. G. Bergsträsser: Grundzüge des Islamischen Rechts. Bearbeitet u. hrsg. von J. Schacht. Berlin-Leipzig 1935. S. 44f. Langanhaltende Diskussionen gab es unter den islamischen Gelehrten über die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen Muslime das Fleisch von Tieren essen dürfen, die von Ahl al-kitāb geschlachtet wurden. Auch die Frage der Ausdehnung des Ahl-al-kitāb-Konzepts auf andere Religionen wurde immer wieder diskutiert.
Koranische Aussagen Im Koran erscheint der Begriff Ahl al-kitāb erst am Anfang der medinischen Periode. Insgesamt werden die Ahl al-kitāb in 35 Versen erwähnt.Vgl. Sharon: "People of the Book". 2004, S. 39b. Alternativ für ahl al-kitāb werden an einigen Stellen des Korans auch Ausdrücke wie „diejenigen, denen das Buch gegeben wurde“ (allaḏīna ūtū l-kitāba; so z. B. Sure 2:144; 5:5) oder „diejenigen, denen wir das Buch schon vor ihm (d.h. dem Koran) brachten“ (allaḏīna atainā-hum al-kitāba min qabli-hī; so z. B. 28:52) verwendet.
Die Ahl al-kitāb als Juden und Christen Zwar gibt es keine Stelle im Koran, an der die mit dem Ausdruck ahl al-kitāb gemeinte religiöse Gruppe klar identifiziert wird, doch existieren mehrere Stellen, aus denen hervorgeht, dass mit dem „Buch“ (kitāb) die Bibel gemeint ist und somit der Ausdruck die „Anhänger der Bibel“, also Juden und Christen, meint. So heißt es in Sure 2:113: „Die Juden sagen: ‚Die Christen stützen sich auf nichts.‘ – Die Christen sagen: ‚Die Juden stützen sich auf nichts‘. Dabei tragen doch beide das Buch vor.“ Ein Bezug des Ausdrucks zur Bibel ergibt sich auch aus Sure 5:68, wo die Ahl al-kitāb aufgefordert werden, sich an Tora und Evangelium zu halten. Deutlich wird der Bezug zu Judentum und Christentum darüber hinaus in Sure 3:65-67. Hier werden die Ahl al-kitāb ermahnt, nicht über Abraham zu streiten: Abraham sei weder Jude noch Christ, sondern ein wahrer Gläubiger und Hanīf.
Sure 4 enthält zwei Passagen, an denen der Begriff Ahl al-kitāb eindeutig nur auf eine der beiden Gruppen bezogen ist. Die erste Passage sind die Verse 153-160, in denen sich der Begriff auf die Juden bezieht. Zunächst wird mitgeteilt, dass die Ahl al-kitāb Mohammed auffordern, ein Buch vom Himmel auf sie herabkommen zu lassen. Dieses Verhalten wird zu ihren israelitischen Vorvätern in Bezug gesetzt, die von Mose verlangten, ihnen Gott zu zeigen. Obwohl sie von einem Donnerschlag erfasst wurden und so die „Beweise“ (baiyināt) zu ihnen gekommen waren, stellten sie ein goldenes Kalb her (Sure 4:153). Gott hob daraufhin den Berg Sinai über ihnen empor, erlegte ihnen das Sabbatgebot auf und nahm von ihnen einen festen Bund entgegen (Sure 4:154). Da sie ihren Bund gebrochen haben, Gottes Zeichen leugneten und die Propheten grundlos töteten, außerdem Maria verleumdeten und von Jesus behaupteten, dass sie ihn getötet hätten, hat Gott ihnen Gutes verboten, was ihnen einst erlaubt war (Sure 4:155-160). Jesus wird am Tag der Auferstehung Zeuge gegen diejenigen Ahl al-kitāb sein, die nicht an ihn glaubten (Sure 4:159).
Die zweite Textstelle ist Sure 4:171, an der sich der Ausdruck eindeutig auf Christen bezieht. Die Ahl al-kitāb werden hier gewarnt, in ihrer Religion nicht zu weit zu gehen. Sie sollen Jesus Christus nicht als Sohn Gottes verehren, sondern nur als seinen Gesandten, „sein Wort, das er an Maria richtete,“ und als Geist von ihm. Außerdem wird in dem Vers die christliche Trinitätslehre zurückgewiesen: „So glaubt an Gott und seine Gesandten und sagt nicht: ‚Drei‘! – Hört auf damit, es wäre für euch besser. Denn siehe, Gott ist ein Gott.“Vgl. Sharon: "People of the Book". 2004, S. 39b.
Die Suche nach einer gemeinsamen Grundlage In Sure 5:15 wird den Ahl al-kitāb verkündet, dass Gottes Gesandter zu ihnen gekommen ist, um ihnen vieles von dem klarzumachen, was sie vom Buch verborgen haben, und um (gleichzeitig) gegen vieles nachsichtig zu sein. Licht und ein „klares Buch“ (kitāb mubīn) seien zu ihnen gekommen. Erneut in direkter Ansprache wird den Ahl al-kitāb in Sure 5:19 verkündet, dass Gottes Gesandter zu ihnen gekommen ist, und zwar, um ihnen während einer Pause unter den Gesandten Klarheit zu verschaffen. Gottes Gesandter sei für sie Freudenbote (bašīr) und Warner (naḏīr). In Sure 5:65 wird den Ahl al-kitāb in Aussicht gestellt, dass im Falle, dass sie glauben und gottesfürchtig sind, Gott ihnen ihre Missetaten vergibt und sie in den Paradiesgarten eintreten lässt.
Mehrere Koranverse (Sure 3:70, 99, Sure 5:44) erkennen den Ahl al-kitāb zu, aufgrund ihrer eigenen Offenbarungsschriften Zeugen (šuhadāʾ) der göttlichen Wahrheit zu sein.Rudi Paret: Der Koran. Kommentar und Konkordanz. 4. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart 1989. S. 72 ad Sure 3:70. Ein Vers in Sure 3 lässt deutlich den Willen erkennen, eine gemeinsame Grundlage zwischen Muslimen und Ahl al-kitāb zu finden:
Nach einer Tradition, die von Ibn Ishāq überliefert wird, richtete Mohammed diese Worte an die Juden von Medina, doch gibt es auch die Überlieferung, wonach dieser Vers im Zusammenhang seiner Auseinandersetzung mit den Christen aus Nadschrān, die nach 630 nach Medina kamen, offenbart wurde.Vgl. Wahyudi: Exegetical Analysis of the "Ahl al-kitāb" Verses of the Qur'an. 1998, S. 427. Der ägyptische Reformdenker Muhammad ʿAbduh nannte diesen Vers aufgrund seiner grundlegenden Bedeutung für die islamische Missionsbewegung den „Daʿwa-Vers“ (āyat ad-daʿwa). Mohammed soll diesen Vers auch in seinem Missionsbrief an den byzantinischen Kaiser Herakleios verwendet haben.Wahyudi: Exegetical Analysis of the "Ahl al-kitāb" Verses of the Qur'an. 1998, S. 429f.
Ganz ähnlich werden in Sure 29:46 die Gläubigen aufgefordert, mit den Ahl al-kitāb nur auf schöne Art zu streiten und dabei den gemeinsamen Glauben an den einen Gott und das, was ihnen in der Vergangenheit und den Muslimen in der Gegenwart herabgesandt wurde, zu betonen. Die Hoffnung, mit den Ahl al-kitāb eine Gemeinschaft bilden zu können, schlägt sich auch in einer Aussage von Sure 5 nieder, die Tischgemeinschaft und Konnubium mit ihnen erlaubt. Sie lautet: „Heute sind euch erlaubt die guten Dinge, und die Speise derer, denen das Buch gegeben wurde, ist euch erlaubt. Und eure Speise ist ihnen erlaubt, und die keuschen Frauen von den Gläubigen und von denen, denen das Buch gegeben wurde.“ (Sure 5:5).
Unterscheidung zwischen guten und schlechten Ahl al-kitāb Eine Passage in Sure 28 lässt erkennen, dass es bei den Ahl al-kitāb sehr positive Reaktionen auf den Koran gab. Sie lautet: „Diejenigen, denen wir das Buch schon vor ihm brachten, die glauben daran. Und wird es ihnen vorgetragen, sagen sie: ‚Wir glauben daran. Siehe, es ist die Wahrheit von unserem Herrn. Siehe, schon vor ihm waren wir Muslime.‘“ (Sure 28:52f). Spätere Exegeten haben die hier vorausgesetzte Existenz von Muslimen unter den vorislamischen Ahl al-kitāb damit erklärt, dass diese bereits durch Tora und Evangelium mit der Botschaft des Islams vertraut waren und deshalb in Mohammed den wahren Propheten erkannten.Vgl. McAuliffe: "Persian exegetical evaluation of the ahl al-kitāb". 1983, S. 102. In denen folgenden Versen werden diese Ahl al-kitāb für ihre Standhaftigkeit gelobt: Sie wehren mit dem Guten das Böse ab und wenden, wenn sie nichtiges Gerede hören, sich davon ab. Deswegen sollen sie doppelten Lohn erhalten (Sure 28:54f). Nach einer Überlieferung, die auf Mudschāhid ibn Dschabr zurückgeführt wird, handelte es sich um eine Gruppe von Ahl al-kitāb, die zum Islam konvertierte und daraufhin von den Juden schikaniert wurde.Vgl. McAuliffe: "Persian exegetical evaluation of the ahl al-kitāb". 1983, S. 102.
Eine ausführlichere Beschreibung der Ahl al-kitāb, in der zwei Gruppen von ihnen unterschieden werden, findet sich in Sure 3:110-115. Die Gläubigen bilden demnach unter den Ahl al-kitāb nur eine Minderheit: „Es gibt unter ihnen Gläubige, aber die meisten von ihnen sind Frevler (fāsiqūn)“ (Sure 3:110). Die beiden folgenden Verse sind der Beschreibung dieser Frevler gewidmet: Sie können den Muslimen nicht schaden, sind aber selbst aufgrund ihrer Widerspenstigkeit und ihrer Übertretungen mit Schmach und Armut geschlagen (Sure 3:111f.). Hieraufhin wird erneut die Unterschiedlichkeit der beiden Gruppen hervorgehoben und eine ausführlichere Beschreibung von den gläubigen Ahl al-kitāb gegeben: „Sie sind nicht alle gleich. Unter den Ahl al-kitāb gibt es eine aufrechte Gemeinschaft (umma qāʾima). Sie tragen die Zeichen Gottes vor, zur Zeit der Nacht, und werfen sich dabei nieder. Sie glauben an Gott und den Jüngsten Tag, gebieten das Rechte, verbieten das Verwerfliche und sind schnell bereit zu guten Taten. Jene gehören zu den Rechtschaffenen (ṣāliḥūn)“ (Sure 3:113f.). Diesen Rechtschaffenen unter den Ahl al-kitāb wird zum Schluss der Passage jenseitiger Lohn in Aussicht gestellt: „Für das, was sie an Gutem tun, werden sie nicht Undank ernten. Gott kennt die Gottesfürchtigen“ (Sure 3:115). Nach der islamischen Überlieferung ist mit der „aufrechten Gemeinschaft“ (umma qāʾima) eine Gruppe von Juden gemeint, die zum Islam konvertierten, namentlich ʿAbdallāh ibn Salām, Thaʿlaba ibn Saʿya und Asad ibn ʿUbaid.Vgl. Wahyudi: Exegetical Analysis of the "Ahl al-kitāb" Verses of the Qur'an. 1998, S. 434.
Die Existenz von Rechtschaffenen unter den Ahl al-kitāb wird erneut in Sure 3:199 betont: „Siehe, unter den Ahl al-kitāb ist wahrlich mancher, der an Gott glaubt und an das, was zu euch herabgesandt wurde und zu ihnen. Demütig sind sie gegen Gott und verkaufen Gottes Zeichen nicht für geringen Preis. Denen steht bei ihrem Herrn ihr Lohn zu.“ Nach der islamischen Überlieferung bezieht sich dieser Vers auf den Negus Ashama ibn Abdschar,Vgl. ʿAbd ar-Raḥmān as-Suhailī: at-Taʿrīf wa-l-iʿlām fīmā ubhima min al-asmāʾ wa-l-aʿlām fī l-qurʾān al-karīm. Ed. ʿAbdā Muhannā. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut, 1987. S. 38. den abessinischen Herrscher, der in den Jahren zuvor eine Abordnung von Mohammeds Anhängern gütig aufgenommen und starkes Interesse an ihren religiösen Vorstellungen gezeigt hatte.Vgl. McAuliffe: "Persian exegetical evaluation of the ahl al-kitāb". 1983, S. 93. Anlass für die Offenbarung dieses Verses soll das Eintreffen der Nachricht vom Tod dieses Herrschers gewesen sein. Als Mohammed bei dieser Gelegenheit seine Gefährten dazu aufforderte, „für euren Bruder, der in einem anderen Land gestorben ist,“ zu beten, sollen einige seiner Anhänger, die in den Quellen als Munāfiqūn bezeichnet werden, darüber gemäkelt haben, weil sie es für abwegig hielten, für einen „christlichen Ungläubigen“ (ʿilǧ naṣrānī) zu beten. Sure 3:199 soll die Antwort auf diese Kritik gewesen sein. Nach anderen Auffassungen bezieht sich der Vers auf den jüdischen Konvertiten ʿAbdallāh ibn Salām oder allgemein auf Juden und Christen, die zum Islam übergetreten sind.Vgl. McAuliffe: "Persian exegetical evaluation of the ahl al-kitāb". 1983, S. 94.