Der Terminus „Relativismus“ bezeichnet in der Philosophie vor allem einen Typ von Positionen zu der Frage, was Überzeugungen (oder Aussagen) bezüglich eines Themenbereichs wahr macht. „Relativistische“ Positionen in diesem Sinne besagen: Die Wahrheit der Überzeugungen in dem betreffenden Themenbereich ist relativ auf anderes, etwa auf Subjekte, Raum- und Zeitstellen, Begriffsschemata o. Ä. Negativ formuliert heißt das: Es gibt in diesem Themenbereich keine absoluten, objektiven Wahrheiten (die für prinzipiell alle Subjekte gelten) oder Tatsachen bzw. Sachverhalte (die objektiv bestehen).
Das ist keine Antwort auf die epistemologische Frage, ob und wie man die betreffenden Wahrheiten herausfinden kann, sondern auf die ontologische Frage, ob es hier überhaupt Wahrheiten gibt (nämlich: ja), und in welchem Sinne sie eigentlich bestehen (nämlich: relativ zu anderem). Relativistische Positionen haben aber oft erkenntnistheoretische Implikationen.
Mit der Kennzeichnung „ontologischer Anti-Realismus“ meint man oft eine weitergehende Position, der zufolge es (in dem jeweiligen Bereich) keine Wahrheit, keine Wirklichkeit und keine Tatsachen gibt. Manche Varianten des Relativismus laufen jedoch auf den Anti-Realismus hinaus und „Anti-Realismus“ wird teils auch im Sinne von ontologischem Relativismus verwendet.
Der Terminus „Relativismus“ wird auch zur Bezeichnung einer Reihe von anderen theoretischen Positionen verwendet, die nicht unmittelbar den Status bzw. Gehalt und Referenz von Überzeugungen (oder Aussagen) betreffen. Hier ist insbesondere der semantische Relativismus zu nennen (siehe auch: Relativismus).
Merkmale des ontologischen Relativismus
Wahrheit trotz Widerspruch
Relativisten behaupten, die Wahrheit bestimmter Überzeugungen (oder Aussagen) sei relativ etwa zu Subjekten: was z. B. für bestimmte Subjekte wahr ist, kann hier (d. h. im zur Debatte stehenden Themenbereich) für andere falsch sein (ggf. auch jeweils zum selben Zeitpunkt usw.). Daher können auch sich scheinbar widersprechende Aussagen wahr sein, etwa für verschiedene Subjekte. Dabei bedeutet „wahr sein für jemanden“ nicht die Binsenweisheit, dass verschiedene Leute unterschiedliche Meinungen haben, sondern: Nur stets unter Erwähnung von (dem jeweils gleichen) Aussagegehalt und dessen, worauf hier Relativität besteht (ein bestimmtes Subjekt etwa), ist hier überhaupt von Wahrheit zu sprechen.
Relativismus vs. Absolutismus
Die Gegenposition zum Relativismus wird oft „Absolutismus“ bezüglich Wahrheit, Wirklichkeit und Tatsachen genannt. In seiner einfachsten Form besagt der Absolutismus, eine Überzeugung mit einem bestimmten Gehalt sei einfach entweder wahr oder falsch.
Dabei werden auch von vielen Absolutisten Vagheitsprobleme zugestanden: angenommen etwa, es geht um die Überzeugung, es hat um soundso viel Uhr in Potsdam geregnet. Ist die Überzeugung auch wahr, wenn es nur in der nördlichen Hälfte von Potsdam geregnet hat? Eine mögliche Behandlungsweise ist, solchen Überzeugungen Wahrheitswertfähigkeit schlicht abzusprechen: sie könnten weder wahr noch falsch sein. Denn, so eines der möglichen Argumente für derartige Positionen, Wahrheit erfordere präzisierbare Wahrheitsbedingungen, für diese sei hier der Gehalt schlicht zu vage.In eine ähnliche Richtung geht die Argumentation von Putnam, H. (1988): Representation and Reality, Cambridge, MA: MIT Press. Auch diese Variante des Absolutismus ist eine Gegenposition zum Relativismus, dem zufolge eine Überzeugung ja sowohl wahr als auch falsch sein kann.
Multiple Wirklichkeiten
Man kann einige relativistische Positionen, denen zufolge die Wahrheit bestimmter Überzeugungen nach Subjekten und Zeitpunkten variiert, wie gesagt, auch so formulieren: Es gibt in dem betreffenden Themenbereich nicht die eine Wirklichkeit, sondern mehrere.
Manche Relativisten vertreten die Ansicht, dass jedes Subjekt in seiner ganz eigenen Wirklichkeit lebe. Andere behaupten, dass bestimmte Gruppen (die Mitglieder „einer“ Kultur etwa) sich jeweils eine Wirklichkeit teilen könnten. Und noch andere sind der Auffassung, dass sich die Wirklichkeit unterschiedlicher Einzelsubjekte bzw. Gruppen durchaus überschneiden, aber eben nicht vollständig decken würden.Vgl.: Boghossian, P. (2006). Fear of Knowledge. Oxford: Oxford University Press.
Auch in dieser Formulierung kann man den Relativismus leicht mit der einen oder anderen Binsenweisheit verwechseln. Der Punkt ist nicht, dass unterschiedliche Subjekte in unterschiedlichen materiellen oder sozialen Umwelten leben – in unterschiedlichen Nischen innerhalb der einen Wirklichkeit. Der Punkt ist auch nicht, dass die eine Wirklichkeit jedem Subjekt jeweils ganz unterschiedliche Erfahrungen beschert, die sonst kein anderes Subjekt macht. Und es geht schließlich auch nicht darum, dass die eine Wirklichkeit unendlich facettenreich ist, und sich daher unter den unterschiedlichsten Gesichtspunkten betrachten lässt. Die Behauptung lautet: Es gibt gar nicht die eine Wirklichkeit.
Relativismus vs. Realismus
Relativistische Positionen widersprechen an und für sich nicht dem ontologischen Realismus. Der ontologische Realismus besagt: Die Wirklichkeit ist von Überzeugungen (Wünschen, Gedanken, Ideen usw.) unabhängig. Was die Tatsachen sind, hängt nicht davon ab, was irgendjemand für die Tatsachen hält.
So gut wie alle ontologischen Realisten sind zugleich Absolutisten. Der Realismus wird daher standardmäßig für „die eine Wirklichkeit“ formuliert. Das macht jedoch nicht den Kern des Realismus aus. Der Kern ist die These der Unabhängigkeit.Harré, R. (1986). Varieties of Realism. Oxford: Blackwell.
Die relativistische Position sagt zunächst nur, dass es mehr als eine Wirklichkeit gebe. Das heißt an sich noch nicht, dass diese multiplen Wirklichkeiten von irgendwelchen Überzeugungen abhängen würden.
Ontologischer Anti-Realismus
Die populärsten Form des Relativismus ist die Behauptung: Unterschiedliche Subjekte (oder Gruppen von Subjekten) leben genau deshalb (oder vermittels davon) in unterschiedlichen Wirklichkeiten, weil sie unterschiedliche Überzeugungen haben. Die unterschiedlichen Wirklichkeiten werden gewissermaßen von Überzeugungen fabriziert. (Diese Position nennt man auch Konstruktivismus.) Oder diese Wirklichkeiten bestehen einfach nur in Überzeugungen. (Letzteres ist eine Variante des Idealismus, dem zufolge die Welt aus Ideen besteht.)
Beide Positionen sind Varianten des ontologischen Anti-Realismus. Ihnen zufolge gibt es (in dem betreffenden Themenbereich) keine von Überzeugungen unabhängige Wirklichkeit.
Irrtum und Unwissenheit
Die einfachste Variante des ontologischen Anti-Realismus besagt: Überzeugungen in dem betreffenden Themenbereich werden für ein Subjekt zu einem Zeitpunkt einfach dadurch wahr, dass dieses Subjekt diese Überzeugung zu diesem Zeitpunkt hat (sie vertritt, ihren Inhalt für wahr hält).
Demnach gibt es in dem betreffenden Themenbereich keinen Irrtum und auch keine Unwissenheit. Es gibt nur allerhand verschiedene Meinungen, von denen jede so gut ist wie die andere.
Manche Vertreter solcher Positionen drücken das so aus: „Alle Überzeugungen zu dem Thema sind wahr.“ Die meisten sagen jedoch lieber: „Gar nichts ist hier wahr. Es gibt bei diesem Thema keine Wahrheit.“ Wo so etwas wie Irrtum und Unwissenheit gar nicht vorkommen kann, ergibt die Auszeichnung bestimmter Überzeugungen als wahr ja gar keinen Sinn mehr.
Wo keine von Überzeugungen unabhängige Wirklichkeit existiert, ergibt es allerdings auch keinen Sinn mehr, so etwas zu sagen, wie: „Was ich zu dem Thema früher einmal geglaubt habe, war Quatsch (es war damals schon Quatsch, das habe ich damals nur nicht begriffen)“, oder: „Keiner weiß, was bezüglich dieses Themas gleich passieren wird (es wird irgendetwas passieren, wir haben aber keine Ahnung, was es sein könnte.)“
Andere Varianten des ontologischen Anti-Realismus räumen ein, dass Irrtum und Unwissenheit möglich seien. Eine solche Position lautet zum Beispiel: Was für bestimmte Subjekte zu bestimmten Zeitpunkten wahr ist, hängt von den Überzeugungen bestimmter anderer Subjekte ab – beispielsweise von den Überzeugungen der für sie zuständigen Autoritäten, wie Wissenschaftlern, Priestern, Häuptlingen usw. Dieser Position zufolge können sich nur diese Autoritäten nicht irren. Alle anderen können immer noch daneben liegen – ihre Überzeugungen stimmen mit denen der Autoritäten womöglich nicht überein.
Zwar gibt es solchen Positionen zufolge zumindest für die Nicht-Autoritäten eine Art unabhängige Wirklichkeit – ihre Wirklichkeit wird ja nicht von ihren eigenen Überzeugungen fabriziert bzw. besteht nicht in diesen. Sie sind aber dennoch anti-realistisch. Die postulierten Wirklichkeiten sind ja immer noch von anderen Überzeugungen abhängig.
Eine noch andere Variante des ontologischen Anti-Realismus beruft sich auf die Ideen der logischen Konsistenz und der logischen Implikation. Manche der Überzeugungen eines Subjekts (oder einer Gruppe) können demnach insofern falsch sein, als sie dem Gros der anderen Überzeugungen dieses Subjekts (bzw. dieser Gruppe) widersprechen. Die Möglichkeit der Unwissenheit besteht dann darin, dass aus dem Gros der konsistenten Überzeugungen die Wahrheit weiterer Überzeugungen folgen kann, das betreffende Subjekt (bzw. die Gruppe) es jedoch versäumt hat, die entsprechenden Schlussfolgerungen auch tatsächlich zu ziehen.
Man beachte, dass, welche Überzeugungen tatsächlich vereinbar sind und was jeweils tatsächlich aus ihnen folgt, dieser Position zufolge unabhängig davon sein muss, was die betreffenden Subjekte jeweils selbst für konsistent bzw. für impliziert halten.
Ontologischer Anti-Realismus vs. Fallibilismus, Skeptizismus, Nihilismus, epistemologischer Anti-Realismus und Pragmatismus
Viele erkenntnistheoretische Positionen setzen den ontologischen Realismus voraus. Dazu gehört insbesondere der epistemologische Realismus („Es ist möglich, die Wahrheit herauszufinden“), aber zum Beispiel auch der Fallibilismus („Wir können nie sicher sein, ob wir die Wahrheit herausgefunden haben“), der Skeptizismus („Es gibt immer Grund, zu Zweifeln, ob unsere Überzeugungen der Wirklichkeit entsprechen“) und der Nihilismus („Keine unserer Überzeugungen entspricht der Wirklichkeit“).
Weil der ontologische Anti-Realismus dem ontologischen Realismus widerspricht, ist er inkompatibel mit diesen erkenntnistheoretischen Positionen.
In der populären Diskussion wird er jedoch manchmal aus einer der zuletzt genannten drei Positionen abgeleitet. Das heißt, es wird argumentiert: Wenn wir zu einem bestimmten Thema nie Gewissheit haben können (Fallibilismus), dann gibt es bei diesem Thema keine Wahrheit (Anti-Realismus). Oder: Wenn immer Zweifel an der Wahrheit unserer Überzeugungen zu dem Thema besteht (Skeptizismus), dann gibt es hier keine Wahrheit (Anti-Realismus). Oder: Wenn nichts von dem, was wir zu dem Thema glauben, wahr ist (Nihilismus), dann gibt es hier keine Wahrheit (Anti-Realismus).
Oft wird der ontologische Anti-Realismus auch verwechselt mit dem epistemologischen Anti-Realismus („Es gibt zwar von Überzeugungen unabhängige Wahrheiten, aber wir können sie nicht herausfinden“) oder mit dem Pragmatismus („Wir sollten Überzeugungen nicht danach beurteilen, ob sie wahr sind, sondern danach, ob sie nützlich sind“).
Ontologischer Relativismus bezüglich unterschiedlicher Themenbereiche
Ästhetik
Eine relativistische Position in der Ästhetik könnte zum Beispiel so lauten: Die Aussage: „Sushi sind lecker“, kann für Hans jetzt wahr sein, für Fritz hingegen falsch.
Diese Position würde dem ästhetischen Absolutismus widersprechen, der sagt: Sushi sind entweder lecker oder nicht, und wenn Hans und Fritz darüber uneinig sind, dann hat einer eben unrecht – er verfügt vielleicht nicht über die Fähigkeiten, die Leckerheit bzw. Unleckerheit von Sushi zu erkennen.