Das Schilfrohr (Phragmites australis), auch allgemein als Schilf und regional als Rohr (von mittelhochdeutsch rōr, zu westgermanisch *rauza bzw. indogermanisch *reus- ‚was sich im Wind schüttelt‘Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Herausgegeben von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 605.) bezeichnet, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Schilfrohre (Phragmites) innerhalb der Familie der Süßgräser (Poaceae). Es ist weltweit verbreitet.

Beschreibung mini|Illustration des Schilfrohr (Phragmites australis) mini|Die Laubblätter weisen ein bis zwei Zick-Zack-Querfalten („Eselsbiss“) auf. mini|Weißer Haarkranz am Blattansatz (Unterscheidungsmerkmal vom ähnlichen Rohrglanzgras) mini|Blütenstand mini|Fruchtstand

Vegetative Merkmale Das Schilfrohr ist eine ausdauernde krautige Pflanze. Die Nominatform, Phragmites australis subsp. australis, erreicht Wuchshöhen von maximal 4 Metern. In der Hauptwachstumsperiode des Schilfrohrs verlängern sich die Rhizome am Ende täglich um bis zu 3 Zentimeter. Die ältesten Rhizomteile sterben jeweils ab (Wurzelkriech- und Verlandungspionier). Das Schilfrohr entwickelt auch manchmal mehrere Meter lange weit über den Boden kriechende oder im Wasser flutende Ausläufer. Die aufrechten, meist unverzweigten Halme haben einen Durchmesser von 2 bis 15 Millimeter, verholzen meist an ihrer Basis und besitzen viele Knoten.

Die wechselständig am Halm angeordneten Laubblätter sind in Blattscheide und Blattspreite gegliedert. Statt des Blatthäutchens (Ligula) ist ein Haarkranz vorhanden. Die Abflachung der zunächst wie die Blattscheide röhrigen Blattspreite erfolgt durch ein Gelenk. Die einfachen Blattspreiten sind 10 bis 100 Zentimeter lang sowie 0,4 bis 5 Zentimeter breit und in der oberen Hälfte an den Rändern rau.

Generative Merkmale Die Blütezeit reicht von Juli bis September. Das Schilfrohr ist ein Rispengras. Der rispige Blütenstand ist 10 bis 50 Zentimeter lang und 2 bis 15 Zentimeter breit. Die Blütenährchen enthalten am Grunde männliche, darüber zwittrige Blüten. Die Ährchenstiele sind 2 bis 5 Millimeter lang. Die Ährchen sind 10 bis 16 Millimeter lang, hell-braun bis braun und meist stark violett überlaufen, enthalten meist drei bis fünf (zwei bis acht) Blüten. Die Hüllspelzen sind untereinander fast gleich, lanzettlich bis eiförmig und dreinervig. Die Deckspelze des untersten Blütchens ist 7 bis 13 Millimeter lang und dreinervig. Die Vorspelze des untersten Blütchens ist 3 bis 4 Millimeter lang und zweinervig. Die Ährchenachse bei den oberen Blütchen ist dicht mit 6 bis 8 (bis 10) Millimeter langen seidigen Haaren besetzt. Die drei Staubblätter haben 1,6 bis 2 Millimeter lange Staubbeutel.

Die Früchte sind bei einer Länge von 1,8 bis 2 Millimetern lang, schmal elliptisch und frühestens im Dezember reif.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 48, aber auch 36, 72, 84 oder 96.

Ökologie

mini|Bis zu 4 Meter hoher Schilfrohrgürtel am Schwielowsee in Brandenburg

Dieser Geophyt ist eine Sumpfpflanze. Die vegetative Vermehrung erfolgt in starkem Maße durch die bis zu 20 Meter langen Ausläufer sowie durch niederliegende, sich an den Knoten bewurzelnde Halme (Legehalme). Ganze Schilfbestände stellen oft nur eine einzelne Pflanze dar. Im Donaudelta fanden Fachleute Pflanzen, deren Alter auf etwa 8000 Jahre geschätzt wurde.

Große Schilfbestände bieten zahlreichen Vögeln Schutz. Bei Nährstoffüberschuss verdrängt das Schilfrohr jedoch die übrige Ufervegetation. Bei allzu starkem Nährstoffeintrag bricht die Population allerdings auch wieder zusammen und wird beispielsweise von Eutrophierungszeigern wie dem Großen Wasserschwaden (Glyceria maxima) ersetzt. Sollen Schilfbestände aktiv vermehrt werden, müssen im Sommer Halmstücke mit ein bis drei Knoten abgeschnitten und in wenige Zentimeter tiefe Rinnen im Uferbereich eingegraben werden. Nach einigen Wochen bewurzeln sich die Stängelknoten, und es bilden sich Tochtersprosse aus.

Schilf bildet an Seen und Gräben natürliche Monokulturbestände. Sind Wasserversorgung und Nährstoffangebot günstig, verdrängt er durch seine Dominanz andere Wildkräuter und Gräser.

Das Schilfrohr spielt bei der Verlandung von Gewässern eine große Rolle. Zwischen den dichten Halmen sammelt sich mit der Zeit viel Schlamm an und führt langsam zur Verlandung.

Die Benetzbarkeit der Blattoberfläche ist gering. Wasser perlt in Tropfen ab, wie es auch bei Lotosblumen beobachtet werden kann, und nimmt dabei auf der Oberfläche anhaftende Schmutzpartikel mit (Lotuseffekt).Rolf Froböse: Wenn Frösche vom Himmel fallen. Die verrücktesten Naturphänomene. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2007, ISBN 978-3-527-31659-5, S. 170.

Phragmites australis ist windblütig vom „langstaubfädigen Typ“.

Die winzigen Fruchtährchen verbreiten sich als Schirmchenflieger. Auch eine Schwimmausbreitung und eine Wasserhaftausbreitung ist möglich. Der Fruchtansatz ist von Jahr zu Jahr unterschiedlich; er ist auch vom Standort abhängig. Die Früchte sind Lichtkeimer, die Keimungsrate liegt bei zirka 80 Prozent. Die Keimfähigkeit bleibt ein bis vier Jahre erhalten.

Systematik und Verbreitung Die Erstveröffentlichung erfolgte 1753 unter dem Namen Arundo phragmites durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus I, Seite 81. In einer Gattung Phragmites kann das Artepitheton phragmites nicht verwendet werden. Die nächstälteste gültige Beschreibung war Arundo australis durch Antonio José Cavanilles in Anales de Historia Natural, Band 1, Seite 100 im Jahr 1799. Die Neukombination zu Phragmites australis wurde 1840 durch Carl Bernhard von Trinius in Ernst Gottlieb von Steudel: Nomenclator Botanicus. Editio secunda, Band 1, Seite 143 veröffentlicht. Weitere Synonyme für Phragmites australis sind: Arundo phragmites , Cenchrus frutescens , Phragmites communis

Das Schilf ist weltweit verbreitet und manche Autoren unterscheiden folgende Unterarten: Phragmites australis subsp. americanus (Syn.: Phragmites americanus ): Sie kommt in Nordamerika vor. Phragmites australis subsp. australis: Sie erreicht Wuchshöhen von bis zu 4 Metern. Sie kommt in Eurasien, Afrika und in Australien vor. Phragmites australis subsp. berlandieri : Sie kommt in Nord-, Mittel- und Südamerika vor. Phragmites australis subsp. chrysanthus (Syn.: Phragmites australis subsp. altissimus , Phragmites communis subsp. isiacus , Phragmites australis subsp. pseudodonax ): Sie erreicht Wuchshöhen (nach Conert 1987) von 6 bis 10 Meter hoch. Die Laubblätter sind bis 75 Zentimeter lang und bis 6 Zentimeter breit. Der rispige Blütenstand ist 30 bis 50 Zentimeter lang und dicht. Phragmites australis subsp. humilis : Sie erreicht Wuchshöhen von nur bis zu 1,2 Metern. Sie wird von manchen Autoren als Synonym zur Unterart Phragmites australis subsp. australis gestellt.

Standorte mini|Schilfbestand

Das Schilfrohr kommt häufig und beständig in der Röhrichtzone stehender und langsam fließender Gewässer bis zu einem Meter Wassertiefe vor, daneben auch in Quellmooren, auf Moorwiesen oder in Erlenbruch- und Weidenauenwäldern. Es liebt nicht zu kalte Schlick- und Schlammböden, die stickstoffhaltig und basenreich sein sollten und verhältnismäßig sauerstoffarm sein können. Reißende Hochwässer erträgt es nicht. Gemäß dem Ökologen Heinz Ellenberg ist die Art ein Wärmezeiger, ein Wechselwasserzeiger und eine Klassencharakterart der Röhrichte und Großseggen-Sümpfe (Phragmitetea australis). Es kommt aber auch in Pflanzengesellschaften der Klasse Scheuchzerio-Caricetea, der Ordnung Molinietalia und des Verbands Alnion vor.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 4+w+ (nass aber stark wechselnd), Lichtzahl L = 3 (halbschattig), Reaktionszahl R = 3 (schwach sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 4 (kollin), Nährstoffzahl N = 4 (nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).

Auf nicht überfluteten Standorten zeigt das Schilfrohr bewegtes Grundwasser an. Als Tiefwurzler ist es aus vernässten Äckern schwer zu vertreiben. Jedoch sterben verletzte Schilfrhizome bei langanhaltender Überflutung ab, wenn Wasser in das Durchlüftungsgewebe eindringt. Ähnlich verhindert ein hoch anstehendes Grundwasser ein Tiefenwachstum der Rhizome.

In den Allgäuer Alpen in Bayern steigt Schilfrohr zwischen Rohrmoos und der neuen Piesenalpe bis in Höhenlagen von 1260 Metern auf. Bei Bozen auf der Rittneralpe erreicht es Höhenlagen von 1675 Meter, in der Schweiz bei Las Palüds und bei Ftan 1620 Meter und oberhalb Lü 1900 Meter. In Tibet liegen die Höhengrenzen bei 2700 bis 3000 Meter, in Äthiopien bei 2200 Meter und in den Anden bei 3000 Meter.

Inhaltsstoffe Im Wurzelstock von Phragmites australis konnten die psychoaktiven Entheogene Dimethyltryptamin (DMT) und Bufotenin nachgewiesen werden.

Wirtschaftliche und industrielle Nutzung

Nahrung Die jungen Sprossen werden in einigen Gebieten als Gemüse verwendet, wobei der typische Schilfgeschmack dieser Süßgrasart gewöhnungsbedürftig ist. Aus den getrockneten Wurzeln kann man Mehl zum Brotbacken gewinnen.

Im Burgenland werden zur Herstellung des traditionellen Schilfweins Weintrauben auf Schilfmatten gelagert.

Gebrauchsgüter In der Antike war das aus einem Schilfstängel geschnittene Schreibrohr jahrhundertelang das wichtigste Schreibgerät. Etwa um das 6. Jh. wurde es in Europa von der Schreibfeder (aus einer Vogelfeder) verdrängt. Im islamischen Kulturkreis ist es bis heute für Kalligrafie in Gebrauch.

Dünne Matten aus Schilfrohr dienen zur Beschattung von Gewächshäusern, dickere als Wärmedämmung oder Windschutz. Die Art wird auch zur dekorativen Gestaltung von Uferpartien als Zierpflanze und zur Landgewinnung (z. B. im IJsselmeer) eingesetzt. Die Herstellung der Matten erfolgte lange Jahrhunderte durch Weben. Die als Rohrweberei bezeichneten Manufakturen verwendeten ursprünglich das auf zugefrorenen Seen im Winter geschnittene Schilfrohr. Es wurde ein Jahr lang im Freien getrocknet, danach weitere Monate trocken und luftig gelagert und final zu dünnen Matten verwoben, meist von Hand geknotet. Maschinell hergestellte Schilfmatten aus dem Baumarkt haben nur eine Haltbarkeit von rund zwei Jahren, die handgefertigten dagegen halten mehrere Jahre. Im Brandenburgischen Pritzerbe gibt es im Jahr 2020 die einzige verbliebene Schilfrohrweberei in Deutschland.Stefanie Hildebrandt: Volles Rohr. In: Berliner Zeitung, 2. März 2020 (Printausgabe).

Bauwesen mini|Schilfrohr gesammelt für Reetdächer

Schilfrohr spielt vor allem eine Rolle als Naturbaustoff. Es nimmt keine Feuchtigkeit auf und verrottet daher nur langsam, es ist stabil und aufgrund seiner griffigen Oberflächenstruktur ein ausgezeichneter Putzgrund. Aufgrund seines Gehalts an Kieselsäure ist es brandhemmend.

Schilfrohr dient in Form von Reet als Dachdeckmaterial. Im Lehmbau werden als Putzträger mehrschichtige Schilfrohrplatten oder Rabitzgeflechte aus einfachem Schilfrohr verwendet. Des Weiteren kann es als Dämmstoff für die Außen- und Innendämmung, als Schilfrohrgewebe oder Trennwand für den ökologischen Trockenbau verwendet werden.

Reet wurde früher beim Besticken neuer Deiche mit der Deichnadel verwendet.

Energiegewinnung Eine Nutzung von Schilfrohr für die Gewinnung von Biogas oder als lignocellulosereicher Rohstoff für die Herstellung von Cellulose-Ethanol ist möglich.

In der Abwasserreinigung Pflanzenkläranlagen Schilf ist für die Bepflanzung einer Pflanzenkläranlage geeignet. Es wirkt durch die große Blattoberfläche und durch die Sauerstoffabgabe hohler, luftführender Stängelteile (Aerenchyme) unter Wasser gewässerreinigend (Sauerstoffeintrag: 5–12 g Sauerstoff pro m²/Tag). Der Sauerstoffeintrag fördert den mikrobiellen Abbau organischer Substanz durch aerophile Bakterien, die in großer Menge an den Wurzelhaaren des Schilfes siedeln.

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