miniatur|hochkant|Frank Thiess (1960)

Frank Theodor Thiess (* in Luisenstein, Gut Lindenberg, bei Uexküll, Gouvernement Livland (heute Lettland), Russisches Kaiserreich; Im Kirchenbuch als „Eluisenstein“ bezeichnet, so auch Thiess in seinen Erinnerungen (Verbrannte Erde, S. 310). Auf damaligen Karten (1914ff.) erscheint jedoch nur „Luisenstein“ am Kleinen Jägel, heute im Ort Dobelnieki bei Ogre. † 22. Dezember 1977 in Darmstadt) war ein deutscher Schriftsteller.

Leben Frank Thiess war der Sohn des Bauingenieurs Franz Thieß aus Riga und der Gutsbesitzerin Sophie von Eschenbach.Eigene Auskunft von Thiess in: Glenzdorfs Internationales Filmlexikon, Bd. III (1961), S. 1728. Er kam bereits im Alter von drei Jahren nach Berlin, weil seine Familie wegen der Russifizierungsmaßnahmen der zaristischen Behörden die Heimat vorübergehend verließ. Nach seinem Abitur am Gymnasium Stephaneum in Aschersleben studierte Thiess an der Universität Berlin und an der Universität Tübingen Germanistik und Philosophie und promovierte 1914 mit einer Arbeit über Die Stellung der Schwaben zu Goethe. Im Ersten Weltkrieg wurde er – nach einer kurzen Zeit als Schauspielschüler am Lessingtheater in Berlin – zum Kriegsdienst eingezogen und erkrankte an der Ostfront schwer. Von 1915 bis 1919 arbeitete er als Redakteur für Außenpolitik beim Berliner Tageblatt unter Theodor Wolff. Danach war er 1920/21 Dramaturg an der Volksbühne Stuttgart und ab 1921 Theaterkritiker in Hannover beim Hannoverschen Anzeiger. Danach arbeitete er ab 1923 als freier Schriftsteller in Berlin und am Steinhuder Meer.

Frank Thiess wurde auf dem Waldfriedhof Darmstadt (Grabstelle: L 3d 3) bestattet.

Wirken als Schriftsteller Frühen Erfolg als Schriftsteller brachte ihm der Roman Die Verdammten (Juli 1922) ein, der den Zerfall einer baltischen Familie schildert. In den Jahren 1924 bis 1931 folgte der vierteilige Romanzyklus Jugend, der den Identitätskrisen Jugendlicher in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gewidmet war.Dazu: Roy L. Ackermann: The role of the trial in the school prose of the Weimar Republic. Lang, Bern 1982, ISBN 3-261-04980-4, darin das Kapitel Frank Thiess’s „Das Tor zur Welt“.

Im NS-Staat Zwei seiner Romane (Die Verdammten und Frauenraub) fielen 1933 der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten zum Opfer.Beide Bücher in der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“, Stand vom 31. Dezember 1938, S. 148 (online). Ein weiterer Roman von Thiess, Das Reich der Dämonen, wurde 1941 verboten. Nach dem Ende des NS-Staats 1945 verwies er des Öfteren auf diese Fakten und bezeichnete sich selbst als Vertreter der „Inneren Emigration“, insbesondere in der Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Emigranten Thomas Mann (siehe unten).

Dazu steht im Widerspruch, dass Thiess die „Machtergreifung“ Adolf Hitlers in einem Interview mit dem Hannoverschen Tageblatt 1933 ausdrücklich als „erlösende Tat“ begrüßt hatteNachgedruckt im Neuen Hannoverschen Kurier vom 21. Juni 1946 und dass er schon 1933 seinen Roman Der Leibhaftige mit einem neuen Vorwort versehen hatte, das ihn den Nationalsozialisten empfahl.Ernst Loewy: Literatur unter dem Hakenkreuz. Fischer Verlag, 1969, S. 331. Er war Mitglied der Reichsschrifttumskammer, unterlag also keinem generellen Publikationsverbot. Auch sein erfolgreichstes Werk, das ihn erst wirklich bekannt machte, konnte er 1936, also in der Zeit des Nationalsozialismus veröffentlichen: den in mehreren hunderttausend Exemplaren aufgelegten Tatsachenroman Tsushima über die gleichnamige Seeschlacht zwischen der russischen und der japanischen Flotte im Jahr 1905.

Während und kurz nach dem Krieg erschienen zwei Romane über Enrico Caruso, Neapolitanische Legende (1942) und Caruso in Sorrent (1946), die ebenfalls auf große Resonanz stießen. Zudem verfasste Thiess zahlreiche essayistische Werke.

Kontroverse mit Thomas Mann In einem in der Münchener Zeitung vom 13. August 1945 veröffentlichten offenen Brief bat der Schriftsteller Walter von Molo den 1933 zunächst in die Schweiz und nach Frankreich, später in die USA emigrierten Thomas Mann, dringend darum, nach Deutschland zurückzukehren: „Kommen Sie bald wie ein guter Arzt, der nicht nur die Wirkung sieht, sondern die Ursache der Krankheit sucht und diese vornehmlich zu beheben bemüht ist (...), vor allem bei den zahlreichen, die einmal Wert darauf gelegt haben, geistig genannt zu werden ...“Zitiert nach Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 2001, S. 529. Noch bevor Mann, der keinerlei Absichten hegte, wieder in Deutschland zu leben, darauf antworten konnte, veröffentlichte Thiess am 18. August in derselben Zeitung wie Molo den Artikel „Die innere Emigration“, in dem er schrieb: „Auch ich bin oft gefragt worden, warum ich nicht emigriert sei, und konnte immer nur dasselbe antworten: Falls es mir gelänge, diese schauerliche Epoche (über deren Dauer wir uns freilich alle getäuscht hatten) lebendig zu überstehen, würde ich dadurch derart viel für meine geistige Entwicklung gewonnen haben, daß ich reicher an Wissen und Erleben daraus hervorginge, als wenn ich aus den Logen und Parterreplätzen des Auslands der deutschen Tragödie zuschaute.“

Thomas Mann reagierte zunächst weder auf Molos Brief noch auf Thiess' Replik. In einem privaten Brief vom September 1945 äußerte er sich höchst verärgert: „Es ist schwer erträglich, daß diese Leute, die, weil sie nie den Mund gegen den heraufkommenden Schrecken aufgetan hatten, in der angenehmen Lage waren, zu Hause bleiben zu können, sich nun als die eigentlichen Helden und Märtyrer präsentieren, die dem Vaterland treu geblieben sind und mit ihm gelitten haben, während wir anderen im Auslande ein bequemes Zuschauerleben führten. Wenn Frank Thieß die Absicht gehabt hätte, die Kluft zwischen innen und außen unheilbar zu erweitern, hätte er nicht anders schreiben können, als er getan hat.“Thomas Mann: Tagebücher. 1944 – 1.4.1946, herausgegeben von Inge Jens, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1985, Anm. 254, S. 704–705. Öffentlich ignorierte Mann Frank Thiess. Dagegen antwortete er Walter von Molo in einem gleichfalls offenen Brief am 2. September 1945 in der Neuen Schweizer Rundschau. Darin lehnte er eine Rückkehr fürs erste ab, ergriff aber die Gelegenheit, sich generell zur deutschen Literatur der NS-Zeit zu äußern, zu der auch etliche von Thiess' Werken zählten: „In meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an. Sie sollten eingestampft werden.“

Letztlich bestärkte Thiess’ Angriff auf Mann im In- und Ausland die Vorbehalte gegen die „Innere Emigration“ und gegen sein eigenes Werk.

Publizistisches und politisches Wirken in der Nachkriegszeit Frank Thiess schrieb am 2. März 1947 an Luise Jodl, die Witwe von Alfred Jodl, der 1946 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war:Bestand Deutsches Literaturarchiv Marbach Thiess, Frank an Jodl, Luise, zitiert nach Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012, ISBN 978-3-421-04315-3, S. 34 „Vom Standpunkt der Pharisäer aus gesehen, wurde auch Jesus bestraft, doch die Christen wendeten diese ‚Strafe‘ in ein Opfer, das er für die Sünden der Menschheit brachte, und so ging von Golgatha ein Strom des Lebens aus. Die Zelle des Generalobersten Jodl ist heute so groß wie ganz Deutschland, und die Richter über uns werden andere sein als die Männer in Nürnberg. Die Geschichte richtet immer anders als die Gegenwart.“

Thiess wurde im Nachkriegsdeutschland zum Vizepräsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt gewählt, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte. Trotz der Differenzen zwischen Exil-Schriftstellern und Autoren der so genannten Inneren Emigration überdauerte Thiess’ seit 1928 bestehende Freundschaft mit Hermann Broch (gest. 1951).

In den 1950er Jahren gab Thiess die Zeitschrift Das literarische Deutschland heraus. Sie erschien zweiwöchentlich im Format einer Tageszeitung und sollte in gewisser Weise die Zeitschrift Die literarische Welt wieder aufleben lassen, die Willy Haas früher in Berlin, dann in Prag herausgegeben hatte; die letzten Nummern titelten ebenfalls „Die literarische Welt“.

Frank Thiess rezensierte das Buch des geschichtsrevisionistischen Historikers David Leslie Hoggan Der erzwungene Krieg. Die Ursachen und Urheber des Zweiten Weltkriegs positiv als „Leistung, die mit wissenschaftlicher Sorgfalt, seltener Noblesse und beispielhafter Gerechtigkeit von einem Amerikaner für Deutschland vollbracht wurde“; der rechtsextreme Grabert Verlag nutzte diese Rezension als Klappentext.Klappentext von David Hoggan: Der erzwungene Krieg. Tübingen 1990.

1965 publizierte Thiess in der Deutschen National- und Wochenzeitung; seine Artikel wurden im Reichsruf, dem Organ der Deutschen Reichspartei, nachgedruckt. Er unterstützte student, war Autor im Deutschen Studentenanzeiger, in Konservativ heute und in den Deutschen Monatsheften. Thiess gehörte dem Witikobund an. 1967 setzte er sich für die Freilassung von Rudolf Heß ein.Wolf Rüdiger Heß: Weder Recht noch Menschlichkeit. Druffel, Leoni am Starnberger See 1974, S. 35.

Nachleben Das Lexikon der phantastischen Literatur urteilte 1998 über Thiess’ Reputation: „Sein Werk ist heute weitgehend, und teilweise zu Unrecht, in Vergessenheit geraten.“Rein A. Zondergeld, Holger E. Wiedenstried: Lexikon der phantastischen Literatur. Weitbrecht Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-522-72175-6, S. 342.

Auszeichnungen und Ehrungen 1955: Großes Bundesverdienstkreuz Johann-Heinrich-Merck-Ehrenurkunde der Stadt Darmstadt Ehrenring des Deutschen Kulturwerks Europäischen Geistes (DEKG) 1960: Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt 1961: Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1952) 1968: Hessische Goethe-Plakette 1968: Konrad-Adenauer-Preis 1975: Andreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde Esslingen

Schriften (Auswahl) Cäsar Flaischlen. Ein Essay, 1914 Die Stellung der Schwaben zu Goethe, 1915 Der Tanz als Kunstwerk. Studien zu einer Ästhetik der Tanzkunst, 1920 Delphin-verlag Lucie Höflich, 1920 E. Reiss Verlag Der Tod von Falern. Roman einer sterbenden Stadt. Roman, 1921 Stuttgart, J. Engelhorns Nachfahren Die Verdammten, Roman, 1922 J. Engelhorns Nachfahren Nikolaus W. Gogol und seine Bühnenwerke. Eine Einführung, 1922 Berlin, Schneiders Bühnenführer Das Gesicht des Jahrhunderts. Briefe an Zeitgenossen, 1923 Stuttgart, Engelhorn Angelika ten Swaart, Roman, 1923 Jugend (Tetralogie) Der Leibhaftige, Roman, 1924 Das Tor zur Welt, Roman, 1926 Abschied vom Paradies. Ein Roman unter Kindern, 1927 Der Zentaur, Roman, 1931 Narren. Fünf Novellen, 1926 Frauenraub, Roman, 1927 (neubearb. Katharina Winter, 1949) Der Kampf mit dem Engel, 1928 Erziehung zur Freiheit. Abhandlungen und Auseinandersetzungen, 1929 Eine sonderbare Ehe, Novelle, 1929 Die Geschichte eines unruhigen Sommers und andere Erzählungen, 1932 Die Zeit ist reif. Reden und Vorträge, 1932 Johanna und Esther. Eine Chronik ländlicher Ereignisse, Roman, 1933 Der Weg zu Isabelle, Roman, 1934 Der ewige Taugenichts. Romantisches Spiel in 3 Akten (nach Eichendorff), 1935 Tsushima. Der Roman eines Seekrieges, 1936 Stürmischer Frühling. Ein Roman unter jungen Menschen, 1937 Die Herzogin von Langeais, Tragödie, 1938 Die Wölfin, Erzählung, 1939 Das Reich der Dämonen. Der Roman eines Jahrtausends, 1941 Neapolitanische Legende, Roman, 1942 Der Tenor von Trapani, Novelle, 1942 Caruso, Vortrag, 1943 Caruso in Sorrent, Roman, 1946 Puccini. Versuch einer Psychologie seiner Musik, 1947 Despotie des Intellekts, 1947 Goethe als Symbol, Vortrag, 1947