mini|250px|Tell beim Apfelschuss, Holzschnitt des Basler Künstlers Daniel Schwegler für die Ausgabe von Etterlins Chronik von 1507. mini|Tellenbrunnen in Schaffhausen (Kopie des Originals von 1522) mini|Der Apfelschuss auf einer Ofenkachel (um 1700), Landesmuseum Zürich mini|300px|L’Héroïsme de Guillaume Tell, Ölgemälde von Jean-Frédéric Schall (1793) mini|250px|Trikolore der Helvetischen Republik (1799), Tell und sein Sohn mit dem durchschossenen Apfel mini|300px|Darstellung Tells in der Erstausgabe von Schillers Drama (1804) mini|Wilhelm Tell aus der Schiller-Galerie, Stahlstich von Raab nach Pecht, um 1859 mini|Wilhelm Tell als Eichel-Ober im doppeldeutschen Kartenspiel nach József Schneider (1864). mini|300px|Tellensprung, Studie von Ernst Stückelberg für das Fresko in der Tellskapelle (1879) mini|Wilhelm-Tell-Denkmal von Richard Kissling in Altdorf von 1895; auf dem Sockel das Datum des Rütlischwurs nach Tschudi, 1307 mini|Ferdinand Hodlers Wilhelm Tell, 1897, Kunstmuseum Solothurn mini|300px|Verhaftung Tells beim Gesslerhut, Mosaik von Hans Sandreuter (1901) mini|Tell mit seiner Familie, Illustration von Philip Dadd für William Tell Told Again von P. G. Wodehouse (1904)

Wilhelm Tell ist ein legendärer Schweizer Freiheitskämpfer. Seine Geschichte spielt in der heutigen Zentralschweiz und wird auf das Jahr 1307 datiert. Seit dem 15. Jahrhundert erwähnt, wurde er zu einer zentralen Identifikationsfigur verschiedener, sowohl konservativer als auch progressiver Kreise der Eidgenossenschaft. Seit Ende des 19. Jahrhunderts gilt Tell als der Nationalheld der Schweiz.

Der Dichter Friedrich Schiller verfasste in seiner späten Schaffensphase das berühmte gleichnamige Bühnenwerk.

Erzählung Nach der Tell-Legende im Weissen Buch von Sarnen lässt der habsburgische Landvogt Gessler zu Altdorf (under die linden ze Ure) einen Hut (Gesslerhut) auf eine Stange stecken und befiehlt den einheimischen Untertanen, diesen jedes Mal zu grüssen, wenn sie an ihm vorübergehen. Ein «redlicher Mann» genannt Tell, der heimlich im Bund mit Stauffacher, dem Landammann (Amtmann) von Schwyz, ist, verweigert den Gruss, und der Vogt befiehlt ihm, mit der Armbrust einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen. Tell tut widerstrebend, wie ihm geheissen, und trifft den Apfel. Er wird gefragt, wozu er sich einen zweiten Pfeil genommen habe. Nachdem der Vogt ihm zusichert, er werde ihn nicht töten, antwortet Tell und sagt, wenn er sein Kind getroffen hätte, wäre der zweite Pfeil für den Vogt bestimmt gewesen. Daher lässt der Vogt ihn gefesselt auf seine Burg nach Küssnacht überführen, wo er lebenslang eingekerkert werden soll.

Auf dem Vierwaldstättersee aber bringt ein Sturm das Schiff in Gefahr und Tell wird seiner Fesseln entledigt, um das Boot zu lenken. Geschickt steuert er es gegen das Ufer, wo die Steilwand Axen sich erhebt, und springt dort auf eine hervorstehende Felsplatte, die bereits im Weissen Buch von Sarnen Tellsplatte (tellen blatten) heisst. Er eilt über die Berge nach Küssnacht und erwartet den heimkehrenden Vogt in einem Hohlweg, der Hohlen Gasse, und erschiesst ihn aus dem Hinterhalt mit der Armbrust. Tells Tyrannenmord ist der Auslöser zum bewaffneten Aufstand (dem «Burgenbruch»), der nach dem Sieg bei Morgarten (1315) die Eidgenossenschaft als reichsunmittelbare Regionalmacht etabliert.

Erstmals gedruckt wurde die Tellsgeschichte in der Chronik von Petermann Etterlin 1507.

Die Datierung auf 1307 geht auf Aegidius Tschudi zurück, ebenso die Angabe, Tells Kind sei nicht mehr als sechs Jahre alt gewesen. Tells Vornamen Wilhelm übernimmt Tschudi aus dem Tellenlied. Die Vornamen Walther für Tells Sohn und Herrmann für Gessler werden dagegen erst von Schiller (1804) eingeführt. Ebenfalls bei Tschudi, aber nicht in den frühesten Fassungen, wird berichtet, Tell habe 1315 in der Schlacht bei Morgarten mitgekämpft und 1354Tell, Wilhelm. Meyers Konversationslexikon, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885–1892, S. 576/577 in Band 15. im Schächenbach beim Versuch, ein Kind vor dem Ertrinken zu retten, den Tod gefunden.

Entstehung Quellen Die ersten Quellen, in denen die Erzählung belegt ist, datieren auf die Zeit um 1470. Danach scheint sich die Tell-Sage dann sehr rasch zu verbreiten und ist spätestens um 1510 allgemein volkstümlich.

Erstmals taucht Tell im Weissen Buch von Sarnen als «Thäll» (Varianten «Thall», «Tall») auf,Nu was da ein redlicher man hiess der thäll Sarnen, Staatsarchiv Obwalden, Sig. A.02.CHR.0003 (Weisses Buch von Sarnen), S. 447. Nu was der tall gar ein gut schütz. Digitalisat: niedergeschrieben um 1472 vom Obwaldner Landschreiber Hans Schriber.

In dem «Lied vom Ursprung der Eidgenossenschaft» (auch «Tellenlied» oder «Bundeslied» genannt) taucht um 1477 ebenfalls die Figur des Tell auf. Dieses handelt aus der Zeit der Burgunderkriege und wurde zuerst mündlich weitergegeben, die erste Abschrift stammt von 1501.Das alte Tellenlied «Vom Ursprung der Eidgnoschaft», ed. Ludwig Tobler, Schweizerische Volkslieder; mit Einleitung und Anmerkungen (1882), 1–5, Einleitung xvi-xviii; ed. Rocholz, Tell und Gessler in Sage und Geschichte (1877), 180–187. Tells Sohn wird im Weissen Buch von Sarnen wie auch bei Tschudi nur als Kind bezeichnet und bleibt also unbestimmten Geschlechts; im Tellenlied ist dagegen ausdrücklich von einem Sohn die Rede.wie einer muost sim eignen sun ein epfel ab der scheitel schon mit sinen henden schiessen. Tobler (1882), S. 4.

Die Geschichte Tells fand Eingang in die Luzerner Chroniken von Melchior Russ und Petermann Etterlin, die um 1507 erstmals gedruckt wurden, und in die 1508 bis 1516 verfasste Schweizerchronik des Zürcher Heinrich Brennwald. Bereits im Tellenlied wird Tell als der «erste Eidgenoss» bezeichnet, und auch Russ erblickt in Tell den Haupturheber der Befreiung und Stifter des eidgenössischen Bundes.

Der Chronist Aegidius Tschudi erzählt die Tell-Sage in seinem Chronicon Helveticum (um 1550) schliesslich in ihrer endgültigen Form. Es ist Tschudi, der die Ereignisse auf den Herbst des Jahres 1307 datiert, den Apfelschuss selbst auf den Montag, 19. November 1307.Aegidius Tschudi: Chronicon Helveticum, ed. J. R. Iselin, Basel (1734), s. a. 1307, S. 238: «ein redlicher Land-Mann von Uri, Wilhelm Tell genant (der ouch heimlich in der Pundts-Gsellschaft was)». Die Weigerung Tells, den Hut zu grüssen, wird für den «Sonntag nach Othmari, was der 18. Wintermonats» angegeben, die Begegnung mit Gessler «morndes danach am Montag». Nach dem gängigen julianischen Kalender ist der 18. November 1307 allerdings ein Samstag.

Herkunft des Apfelschuss-Motivs Das Motiv vom Apfelschuss tritt zuerst in den Gesta Danorum («Geschichte der Dänen») des Saxo Grammaticus (verfasst ca. 1200–1216) auf. Bei Saxo heisst der Schütze Toko.Vgl. Hans-Peter Naumann: Tell und die nordische Überlieferung. Zur Frage nach dem Archetypus vom Meisterschützen. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 71, 1975, S. 108–128. Der prahlerische Schütze Toko ist ein Gefolgsmann des dänischen Königs Harald Blauzahn und wird von diesem gezwungen, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen. Aus Rache erschiesst Toko den König später aus dem Hinterhalt. Die Apfelschuss-Episode im Weissen Buch von Sarnen stimmt bis in ihre Details mit Saxo Grammaticus überein (auch Toko steckt sich einen zweiten Pfeil zu und bekennt auf die Frage des Königs, dass dieser für ihn gewesen wäre, falls er den Sohn getroffen hätte), so dass Saxo evidenterweise als Quelle für die Tell-Sage gelten kann. (Die Erzählung von Punker von Rohrbach im Hexenhammer stammt von 1486, ist also etwas jünger als der erste Beleg für Tell; hier muss der Schütze anstelle eines Apfels eine Münze treffen.)

Name Ein alemannischer Rufname Tello oder Tallo (zu einem *dallo- «stolz, leuchtend, prunkend») ist im Gebiet der nachmaligen Schweiz sowohl als selbständiger Personenname (8. Jahrhundert) als auch in Ortsnamen wie Delligen in Obwalden, Dallenwil in Nidwalden,älteste Nennung als Tellewilare, bis im 14. Jahrhundert Tellenwile; die Herleitung von einem Personenanemn Tello, Dallo ist unsicher, möglicherweise auch von einem Dag-al- bzw. Dag-ilo- von *daga- «brennen» (ortsnamen.ch). Dällikon und Thalwil in Zürich und Delsberg im Jura bezeugt.Schweizerisches Idiotikon, Band XII, Spalte 1402 ff. (Digitalisat). Als Personenname ist Tello auch bei Walahfrid Strabo belegt; spätestens im 14. Jahrhundert scheint der Name aber nicht mehr gebräuchlich gewesen zu sein (ortsnamen.ch; Ernst Förstemann, Altdeutsches Namenbuch (1856/59), 330 f.).

Seit Beginn der Überlieferung wird der Name Tell beziehungsweise im Weissen Buch von Sarnen der Tall jedoch mit dem gleichlautenden schweizerdeutschen Wort für «Einfältiger, Tor», abgeleitet vom Verb talen «einfältig, kindisch tun» gleichgesetzt und als Spitzname gesehen. Diese Bedeutung wird impliziert, wenn bei Tschudi Tell zu Gessler sagt, denn wëre ich witzig, und ich hiessi anders und nit der Tall («wäre ich verständig, hiesse ich anders und nicht der Tall»).Christoph Landolt: Wilhelm Tell – woher kommt dieser Name? Wortgeschichte vom 9. Juli 2014, hrsg. von der Redaktion des Schweizerischen Idiotikons auf idiotikon.ch, dazu ausführlich Schweizerisches Idiotikon, Band XII, Spalte 1398–1405, Artikel Täll II (Digitalisat, mit Anmerkung am Schluss des Artikels zur Wortherkunft). So heisst es im Weissen Buch von Sarnen: Der Thall der sprach: Es ist geschen angeverd, denn ich han nit gewüsset, das es uwer gnad so hoch besachen solti, denn were ich witzig und ich hiessi anders und nit der Tall; bei Tschudi sagt Tell: Lieber Herr, es ist ungevärd, und nit uß Verachtung geschechen, verziehend mirs, wär ich witzig, so hieß ich nit der Tell, bitt umb Gnad, es soll nit mer geschechen. (hrsg. Iselin 1734, S. 238); bei Schiller: Verzeiht mir lieber Herr! Aus Unbedacht, Nicht aus Verachtung Eurer ists geschehn, Wär ich besonnen, hieß ich nicht der Tell, Ich bitt um Gnad’, es soll nicht mehr begegnen. In diesem Zusammenhang wird auch ein Bezug zum Namen des Apfelschuss-Helden bei Saxo Grammaticus erwogen, nämlich Toko, zu dänisch tokke ‹wild umherrennen, albern sein›.Schweizerisches Idiotikon, Band XII, Spalte 1402 (Digitalisat). Mythologisierende Historiker wie Alois Lütolf bevorzugten allerdings die Herleitung von «stolz, prunkend» (das zweite Element im Götternamen Heimdallr).

Rezeptionsgeschichte Die breite Rezeption der Tell-Sage im 16. Jahrhundert ist belegt durch zahlreiche bildliche Darstellungen der Apfelschuss-Szene und die Existenz von öffentlichen Gedenkstätten. Volkstümliche Dramatisierungen in der Tradition der Fasnachtsspiele (Tellenspiele) sind ab 1512 fassbar. Die Tellskapelle auf der Tellsplatte bestand bereits im frühen 16. Jahrhundert. Eine weitere Tellskapelle wurde 1582 in Bürglen gebaut. Ein erstes Telldenkmal in Altdorf stammt von 1583. Im 17. Jahrhundert wird «die Drei Tellen» eine volkstümliche Bezeichnung für die Drei Eidgenossen.

Tschudis Chronicon Helveticum wurde erst 1734–1736 publiziert. Tschudis Fassung der Sage erreichte dennoch, über Josias Simlers De Republica Helvetiorum libri duo, dessen Werk 1576 erstmals erschien und immer neu aufgelegt wurde, vom späteren 16. bis zum beginnenden 19. Jahrhundert ein breites Publikum.

Ein Lied Wilhelm bin ich der Telle ist in Drucken von 1613 bis 1633 überliefert, «gebessert und gemehrt» durch den Pritschenmeister Hieronymus Muheim aus Uri, wohl eine Überarbeitung eines älteren Originals.Tobler (1882), xvi

Der Geograph und Universalgelehrte Johann Gottfried Gregorii alias Melissantes verbreitete die Geschichte zwischen 1708 und 1729 durch mehrere seiner volksnahen Geographiebücher im deutschsprachigen Raum.Zum Beispiel Melissantes: Cosmographia universalis, Leipzig/Frankfurt am Main [und Erfurt] 1715, S. 810 f.; Geographia novissima. Frankfurt am Main/Leipzig [und Erfurt] 1709, Teil 1, S. 600 f.