Dieter Schlesak (* 7. August 1934 in Sighișoara, Rumänien; † 29. März 2019 in Camaiore, ItalienStefan Kister: Nachruf in den Stuttgarter Nachrichten, 1. April 2019. Abgerufen am 2. April 2019.) war ein deutscher Schriftsteller.

Leben Werdegang Nach dem Abitur unterrichtete Dieter Schlesak zwei Jahre an der Volksschule in Denndorf. Von 1954 bis 1959 studierte er Germanistik an der Universität Bukarest. Anschließend war er bis 1969 als Redakteur der Bukarester Zeitschrift Neue Literatur und als Autor und Übersetzer tätig.

1968, zu Beginn der „kleinen Tauwetterperiode“ in der Sozialistischen Republik Rumänien, trat Schlesak in die Rumänische Kommunistische Partei ein.Olivia Spiridon: Untersuchungen zur rumäniendeutschen Erzählliteratur der Nachkriegszeit. Igel-Verlag Oldenburg, 2002. S. 111: „Im Nachhinein fand er es absurd, dass er [...] um die Aufnahme in die Partei nachsuchte.“ 1969 kehrte er von einer Reise in die Bundesrepublik Deutschland nicht mehr nach Rumänien zurück und lebte seither als freier Schriftsteller abwechselnd in Stuttgart und Camaiore/Italien, wo er im März 2019 im Alter von 84 Jahren starb.

Schlesak verfasste Lyrik, Essays, Romane und war als Herausgeber und Übersetzer tätig. Er war u. a. Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

Verstrickungen mit dem rumänischen Geheimdienst In den Akten des rumänischen Geheimdienstes Securitate wurde Schlesak auf etwa 70 handschriftlich verfassten Seiten als Inoffizieller Mitarbeiter unter dem Decknamen „Ehrlich“ geführt.Der Tagesspiegel, Ernest Wichner: Dichtung und Verrat. Das Gleiche ist nicht Dasselbe, 7. März 2011 Schlesak bestritt, für den Geheimdienst tätig gewesen zu sein, wies auf Widersprüche in den Akten hin und bezeichnete die Aufzeichnungen als Fälschungen.Deutschlandradio, Anke Schaefer: Ich muss meine Erinnerungen korrigieren, 16. November 2010Die Zeit, Iris Radisch: Oskar Pastior. In der Beziehungshölle., 25. November 2010 Stefan Sienerth, Direktor am Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München, hielt eine Fälschung der gesamten Securitate-Akte Schlesaks für unwahrscheinlich.Frankfurter Allgemeine Zeitung, Felicitas von Lovenberg: , 17. November 2010

2010 stieß Schlesak beim Studium seiner Akte auf Spitzelberichte seiner Freunde und Bekannten über ihn, darunter auch Oskar Pastior.Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dieter Schlesak: Die Schule der Schizophrenie, 16. November 2010, S. 33. In seinen weiteren Publikationen beschuldigte Schlesak weitere Schriftsteller- und Journalistenkollegen der Bespitzelung, so Dieter Roth, damals Lektor beim Bukarester Jugendverlag, Anna Bretz, damals Redakteurin der Bukarester Monatsschrift Volk und Kultur, den Literaturhistoriker Heinz Stănescu,Blog Dieter Schlesak: paperblog.com Bretz Anna und Dieter Roth (damals Lektor beim Jugendverlag Bukarest) waren die Securitatespitzel, 7. Juni 2012 Alfred Kittner und seinen ehemaligen Redaktionskollegen Claus Stephani.

Schlesak erhob unter anderem den Vorwurf, Pastior habe den Selbstmord des Dichters Georg Hoprich verschuldet. Der Literaturkritiker Ernest Wichner hielt dem entgegen, Schlesak könne als Grundlage für diesen Vorwurf „lediglich ein Gespräch mit Hans Bergel als Quelle angeben, eine vom Hörensagen je nach Bedarf so oder anders zu interpretierende Biertischsaga.“Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ernest Wichner: , 18. November 2010

2012 stellte Schlesak ein Manuskript mit dem Titel Die Hölle des Verrats. Der rumänische Geheimdienst, Augenzeugenberichte, Dokumente, eigene Erfahrungen fertig, in dem er Verstrickungen und Verletzungen verarbeitete. Das Manuskript blieb bisher unveröffentlicht.Siebenbürgische Zeitung, Elisabeth Krause: Zwischenschaftler und Vermittler, 7. August 2014, Zugriff am 9. August 2014

Lutz Rathenow sieht in der rumäniendeutschen Debatte über die Securitate-Vergangenheit eine „Mischung aus Aufklärungsversuch und Desinformationseifer.“ „Da wünschte man sich schon deutsche Verhältnisse und Sachgutachten einer halbwegs verlässlich arbeitenden Behörde. Und wir ahnen erst einmal, wie richtig der deutsche Weg war, die Akteneinsicht nicht in dieser Art der Privatisierung versacken zu lassen.“TABVLA RASA: .

Bewertung Für eine 1963 in der Neuen Literatur veröffentlichte Gedichtmontage, darunter „Das Sonnenschiff“,Neue Literatur, Bukarest, Nr. 2/1963, S. 46 habe sich Schlesak nach Ansicht des reformierten Geistlichen Gerd Zikeli „den Musenkuss“ von Ingeborg Bachmanns „Die große Fracht“Ingeborg Bachmann: „Anrufung des großen Bären. Gedichte“, Piper, 1956 geholt.Frankfurter Allgemeine Zeitung, Gerd Zikeli: , 2. Dezember 2010 Der Schriftsteller Ingmar Brantsch war der Meinung, Schlesak habe Ingeborg Bachmann „kommunistisch veredelt“.Ingmar Brantsch: „Ich war kein Dissident.“ Pop Verlag, Ludwigsburg, 2009, Seite 206–211Frankfurter Allgemeine Zeitung, Gerd Zikeli: , 2. Februar 2010

2006 erschien Schlesaks Dokumentarroman Capesius. Der Auschwitzapotheker – eine komplexe Collage aus Erzählung, Dokumentation und Rückblende, wie es im Klappentext heißt. Die Rezeption des zeitgeschichtlichen Zeugnisses war sehr unterschiedlich; einerseits brachte ihm das Buch viel Lob und Anerkennung,Siebenbürger Zeitung, Georg Aescht: Von der Familiarität des Bösen, 30. November 2006.David – Jüdische Kulturzeitschrift, Claus Stephani: , Wien, Heft 79, 12/2008, S. 66.Siebenbürger Zeitung, Claus Stephani: Filmreifer Bestseller, 16. Oktober 2008.; es wurde in zehn Sprachen übersetzt, zuletzt ins Englische und Spanische, anderseits jedoch stieß das Buch besonders bei siebenbürgisch-sächsischen Landsleuten, die ihn teilweise als „Nestbeschmutzer“ bezeichneten, auf Ablehnung.Dieter Schlesak: Soll mein Buch „Capesius, der Auschwitzapotheker“ verboten werden? Dem Autor als „Nestbeschmutzer“ die geplanten Ehrenbürgerrechte seiner Heimatstadt versagt werden?, 16. September 2010.

Claus Stephani erhob Plagiatsvorwürfe gegen Schlesak: Er habe auf den Seiten 339/40 ohne Verweis aus Werken Stephanis zitiert, so aus Schmerz bis in den Tod. Ein Lebensbericht, Neue Literatur (Bukarest) 3/7, Juli 1984, S. 43–47.Dieter Schlesak im Selbstbedienungsladen (I). 24. April 2013. Abgerufen am 16. August 2015. Auch im Roman Vaterlandstage habe Schlesak auf den Seiten 127 ff. aus Stephanis Oral-History-Bänden Oben im Wassertal (Bukarest 1970) und Erfragte Wege (Bukarest 1975) abgeschrieben.Claus Stephani: Dieter Schlesak im Selbstbedienungsladen (II). 10. Februar 2013. Abgerufen am 16. August 2015.

Auszeichnungen (Auswahl) 1980: Andreas-Gryphius-Förderpreis 1982: Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds 1987: Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds 1988: Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst von Baden-Württemberg 1989: Schubart-Literaturpreis 1991: Förderstipendium der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 1993: Nikolaus-Lenau-Preis der Internationalen Lenau-Gesellschaft für die Lyrik 1994: Hauptpreis des Ostdeutschen Kulturrates für die Prosa 2001: Dr. Manfred Jahrmarkt-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung für das Gesamtwerk 2005: Dr. h. c. der Universität Bukarest 2006: Premio Umberto Saba, Trieste 2007: Maria-Ensle-Preis der Kunststiftung Baden-Württemberg 2014: Astrolabio Pisa, Erster Preis für La luce dell’anima. Zeit Los brennt dieses Licht hier, das in Zusammenarbeit mit der italienischen Lyrikerin Vivetta Valacca entstandPoetrydream: PREMIO = ASTROLABIO, 3. Dezember 2014, in italienischer Sprache

Veröffentlichungen (Auswahl)

Prosa

Vaterlandstage und Die Kunst des Verschwindens. Roman. Benziger Verlag, Zürich 1986, ISBN 3-545-36435-6. Der Verweser. Roman. Allitera-Verlag, München 2002, ISBN 3-935877-66-8. Romans Netz. Ein Liebesroman. Die erotische Bibliothek. Edition Köln, Köln 2004, ISBN 3-936791-10-4. Capesius, der Auschwitzapotheker. Roman. Dietz Verlag, Bonn 2006, ISBN 3-8012-0369-7.Basierend auf der Biographie von Victor Capesius (1907–1985). Vlad. Die Dracula-Korrektur. Roman. Pop Verlag, Ludwigsburg 2007, ISBN 978-3-937139-36-4.Basierend auf der Biographie von Vlad III. Drăculea. Übersetzt in acht Sprachen, zuletzt in die Hebräische Sprache, Verlag Kineret, Jerusalem. VLAD, DER TODESFÜRST. Die Dracula-Korrektur. 2., neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Pop Verlag, Ludwigsburg 2008. ISBN 978-3-937139-57-9. Transsylwahnien. Roman. Pop Verlag, Ludwigsburg 2014, ISBN 978-3-86356-090-4.

Lyrik

Grenzstreifen. Gedichte. Literaturverlag, Bukarest 1968. Weiße Gegend, fühlt die Gewalt in diesem Traum. Gedichte. Libri, Norderstedt 2000, ISBN 3-935284-13-6 (EA 1981). Aufbäumen. Gedichte und ein Essay. Rowohlt, Reinbek 1991, ISBN 3-498-06241-7. Tunneleffekt. Gedichte. Mit einem Essay „Fragmente zu einer posthumen Poetik“. Druckhaus Galrev, Berlin 2000, ISBN 3-933149-22-3. Lippe Lust. Poesia erotica. Buch + Media, München 2000, ISBN 3-935284-25-X. Los. Reisegedichte Lyrikedition 2000, München 2002, ISBN 3-935877-59-5. Herbst Zeit Lose. Liebesgedichte. Lyrikedition 2000, München 2006, ISBN 3-86520-185-7. Settanta volte sete. Oltrelimite/Poesie. Siebzig mal Durst. Edition ETS 2006, ISBN 88-467-1455-5 (in deutscher und italienischer Sprache). Namen Los. Liebes- und Todesgedichte. Pop Verlag, Ludwigsburg 2007, ISBN 978-3-937139-30-2. Heimleuchten. Gedichte. Pop Verlag, Ludwigsburg 2009, ISBN 978-3-937139-77-7. Der Tod ist nicht bei Trost. Liebes- und Todesgedichte. Buch + Media, München 2010, ISBN 978-3-86906-117-7. Licht Blicke. Gedichte. Pop Verlag, Ludwigsburg 2012, ISBN 978-3-86356-044-7. EIN BUCHSTAB BLEIBT Auf grünem Zweig. Tagebuchgedichte und ein Essay. Pop Verlag, Ludwigsburg 2014, ISBN 978-3-86356-101-7.

Sachbuch Visa. Ost-West Lektionen. Fischer, Frankfurt/M. 1970, ISBN 3-10-073201-4. Wenn die Dinge aus dem Namen fallen. Essay. Rowohlt, Reinbek 1991, ISBN 3-498-06264-6. Stehendes Ich in laufender Zeit. Reclam, Leipzig 1994, ISBN 3-379-01517-2. So nah, so fremd. Heimatlegenden; Prosa und Essay. AGK-Verlag, Dinklage 1995, ISBN 3-928389-13-0. Eine transsylvanische Reise. Ost-West-Passagen am Beispiel Rumäniens. Edition Köln, Köln 2004, ISBN 3-936791-08-2. Zeugen an der Grenze unserer Vorstellung. Studien, Essays, Portraits. KGS-Verlag, München 2005, ISBN 3-9809851-2-1. Mein Krebs Gang. Ein Überlebenstagebuch. Kann Liebe den Tod überwinden? 2008, ISBN 978-3-939845-69-0 (E-Book). Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod? 2. Auflage. BoD, Norderstedt 2010, ISBN 978-3-8391-3977-6. Der Tod und der Teufel. Materialien zu „Vlad, der Todesfürst. Die Dracula-Korrektur“. Pop Verlag, Ludwigsburg 2009, ISBN 978-3-937139-75-3.

Herausgabe Transilvania mon amour. Siebenbürgische Elegien und Übersetzungen aus der Lyrik siebenbürgischer Kollegen. Zweisprachige Ausgabe Deutsch / Rumänisch. Hora-Verlag, Hermannstadt 2009, ISBN 978-973-8226-82-1.

Literatur Jürgen Serke (Hrsg.): Die verbrannten Dichter. Berichte, Texte, Bilder einer Zeit. Fischer, Frankfurt/M. 1982, ISBN 3-596-22239-7. Werner Söllner: Dieter Schlesak. In: KGL, 32. Nlg. 1989. Bruno Jahn: Dieter Schlesak. In: Walther Killy: Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache, Bd. 10. Bertelsmann-Lexikon-Verlag, Gütersloh 1991, ISBN 3-570-04680-X. Imre Török: Autoren in Baden-Württemberg. Ein aktuelles Nachschlagewerk. Silberburg-Verlag, Stuttgart 1991, ISBN 3-925344-94-2. Stefan Sienerth: Werner Schlesak. In: Walter Myß (Hrsg.): Lexikon der Siebenbürger Sachsen. Wort-und-Welt-Verlag, Thaur/Innsbruck 1993, ISBN 3-85373-140-6. Kurt Böttcher (Hrsg.): Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller, 20. Jahrhundert, Bd. 2. Leipzig 1993, ISBN 3-487-09611-0. Alexander von Bormann: Dieter Schlesak. In: Wilfried Barner (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart. Beck, München 1994, ISBN 3-406-38660-1.