In Ergänzung zur Kirchengeschichte oder Christentumsgeschichte befasst sich die Missionsgeschichte als Teilbereich der Missionswissenschaft besonders mit der Ausbreitung des Christentums.
Mission im Römischen Reich von 30 bis 500
Urchristentum Im Evangelium nach Matthäus steht der oft zitierte sogenannte Missionsbefehl: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ . Jesus von Nazaret wirkte zwei bis drei Jahre im jüdischen Umfeld zusammen mit seinen jüdischen Jüngern. Nach Jesu Tod hielt die judenchristliche Gemeinde am Gedenken seiner im Abendmahl fest, das aus dem messianischen Gedenken der Pessachhaggada entnommen war. Sie erwartete sein Wiederkommen. Ein wichtiger Leiter war der „Herrenbruder Jakobus“. Damals gab es Juden nicht nur in Palästina, sondern auch in der Diaspora in Ägypten, Kleinasien, Griechenland und Italien, und es gab eine kurze Zeit jüdischer Proselytenwerbung. Man schätzt den Anteil der Juden an der damaligen Gesamtbevölkerung des Römischen Reiches auf etwa 7 %.Stephen Neill: Geschichte der christlichen Missionen. Erlangen 1990, S. 22.
Ihre Kenntnis des Tanach, das von Christen Altes Testament genannt wurde, war beim Verständnis des christlichen Glaubens ein großer Vorteil, und so waren auch die Führer der jungen christlichen Bewegung überwiegend Juden, wie auch Paulus einer war. Eine stärkere Loslösung vom Judentum setzte mit seiner Theologie und Mission (um 50 n. Chr.) ein – damit begann die entscheidende Phase der Verselbständigung des Christentums.Walter Homolka, Walter Jacob, Tovia Ben Chorin: Die Lehren des Judentums nach den Quellen. Band III, Knesebeck, München 1999, S. 57ff. Der große Jüdische Krieg gegen die Römer (66–70 n. Chr.) verstärkte eine endzeitliche Stimmung; durch die Katastrophe der Tempelzerstörung verlor auch das an jüdische Traditionen gebundene Judenchristentum an Bedeutung im Rahmen der ganzen christlichen Bewegung. Unter den Autoren der nachneutestamentlichen Texte, etwa den Kirchenvätern, gab es kaum mehr Juden, und nur wenige konnten Hebräisch (Origenes, Hieronymus) verstehen.
Heidenchristentum Bereits in der Apostelgeschichte wird von der Begegnung, Bekehrung und Taufe des äthiopischen Kämmerers durch den Diakon Philippus berichtet. Nach koptischer Überlieferung soll er nach seiner Bekehrung das Evangelium in Südarabien (Arabia eudaimon) und in Ceylon (Taprobane) verkündigt haben.Lothar Störck: Der Eunuch der Kandake als Missionar Südarabiens und Ceylons. In: Studien zur Altägyptischen Kultur. Bd. 26, Buske, Hamburg 1998, , S. 239–250, Abstract und erste Seite.
Laut waren der gottesfürchtige römische Hauptmann Kornelius und sein Haus, die in Caesarea Maritima stationiert waren, die nächsten heidnischen Personen, die durch einen Engel und den Apostel Simon Petrus das Evangelium von Jesus Christus erfuhren und den Heiligen Geist empfingen. Wichtig für die Ausbreitung des christlichen Glaubens war die Verwendung der griechischen Sprache, die im Römischen Reich die wichtigste Handelssprache war. Alle Bücher und die meisten Texte des Neuen Testaments sind in griechischer Sprache verfasst. Ein wichtiges Zentrum für die Ausbreitung des christlichen Glaubens auch unter Nichtjuden (oder „Heiden“, siehe Heidenchristen) war Antiochia in Syrien. Dort wurden die Anhänger Jesu erstmals „Christen“ (Christianoi) genannt. Von dort starteten Barnabas und Paulus ihre erste Missionsreise. Anfangs wurden einzelne Städte erreicht, und von dort begann eine allmähliche Ausbreitung auch in der ländlichen Umgebung.Stephen Neill: Geschichte der christlichen Missionen. Erlangen 1990, S. 24.
Die Ausbreitung des christlichen Glaubens erfolgte rasch. Um 55 n. Chr. war ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in Ephesos Christen, so dass die unter Absatzrückgang leidenden Silberschmiede gegen Paulus protestierten , und Paulus kontaktierte die Gemeinde in Rom, weil er ihre Unterstützung für eine Mission in Spanien wollte, denn er hatte im Oströmischen Reich kein Arbeitsfeld mehr .Franz Graf-Stuhlhofer: Basis predigen. Grundlagen des christlichen Glaubens in Predigten. VTR, Nürnberg 2010, S. 64–71: Christen verbünden sich mit der Macht, dort 66.
Wesentlich für die Zunahme des christlichen Glaubens im römischen Reich war der Zugang, die Würdigung und der Einbezug von Sklaven und Frauen in den Gemeinden und im Gottesdienst. Taten der Barmherzigkeit und Unterstützung Bedürftiger und Armer galten als wichtige geistliche Aufgaben, wodurch schnell ein tragfähiges Netz der Wohltätigkeit entstanden war.David Bentley Hart: Atheist Delusions – The Christian Revolution and its fashionable Enemies, Yale University Press, New Haven und London 2009, ISBN 978-0-300-16429-9, besonders Kapitel 12: A Liberating Message Attraktiv war das Christentum nach dem Zeugnis vieler Neubekehrter auch, weil es an alle einen hohen ethischen Anspruch an die eigene Lebensführung stellte, zur Heiligung aufrief und so einen positiven Gegenpol zur von Ungleichheit und Brutalität geprägten römischen Lebensweise bildete.
Nach Überlieferungen waren die Apostel Judas Thaddäus und Bartholomäus in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Armenien gegangen und hatten dort missioniert, gepredigt, christliche Gemeinden gegründet und das Martyrium erlitten.Michel-Jean van Esbroeck: Le roi Sanatrouk et l'apôtre Thaddée. In: Revue des études arméniennes. (REA), Jg. 9 (1972), S. 241–283. Eine erste Erwähnung armenischer Christen findet sich in der um 197 verfassten Streitschrift „Adversus Judaeos“ von Tertullian,Tertullian: Adversus Judaeos. VII, 4. worauf die heutige Armenische Apostolische Kirche Bezug nimmt. Website der „Armenian Church – Mother See of Holy Etchmiadzin“, abgerufen am 12. September 2021 (englisch).
Nach Zeugnissen von Origenes (185–253), Hieronymus (347–420) und weiteren Kirchenvätern soll auch der Apostel Thomas vielen Menschen im Gebiet des heutigen Irak, Iran und Indien das Evangelium verkündet haben. In den 70er Jahren des 1. Jahrhunderts sei er bei Mailapur infolge seiner Missionstätigkeit getötet worden; seine Nachfolger wurden Thomaschristen genannt.
Nestorius (384–453) war Patriarch von Konstantinopel und trat zurück, als die von ihm vertretene Lehre von Maria als Christusgebärerin auf dem Konzil von Ephesos 431 verurteilt wurde. Viele seiner Anhänger wanderten wegen Verfolgung durch die katholische Kirche nach 489 ins persische Sassanidenreich aus, und Edessa im Südosten der Türkei wurde zum Zentrum des Nestorianismus. Trotz Behinderungen konnten die Nestorianer vor allem als Händler über die Seidenstraße eine rege Missionstätigkeit entfalten und unter den Turkvölkern, in der Mongolei, in Xinjiang im Nordwesten der heutigen Volksrepublik China, in Sumatra und in Japan christliche Gemeinschaften gründen. Im 13. Jahrhundert war die Blütezeit dieser Kirchen und Netzwerke, aber durch den muslimischen Mongolenführer und Eroberer Timur Lenk im 14. Jahrhundert erfolgte eine weitgehende Zerstörung und Vernichtung. Die Assyrische Kirche des Ostens hat diese und auch spätere Verfolgungen überlebt.Corinna Mühlstedt: Christen in Syrien und Irak. Die Nachkommen der Nestorianischen Kirche. Die sogenannte Nestorianische Kirche hat ihren Ursprung im heutigen Syrien. Gegründet im 5. Jahrhundert, breitete sie sich entlang der Seidenstraße aus und formte ein weites Netzwerk. Eine ihrer wenigen Nachfolgerkirchen ist die Assyrische Kirche des Ostens – sie ist bedroht vom Krieg in Syrien. Deutschlandfunk, 8. September 2015
Mission im Mittelalter
Im Europa des 6. bis 8. Jahrhunderts wurde die Ausbreitung des Christentums besonders durch die keltisch-irische und die angelsächsische Mission vorangetrieben. Ursprünglich eingeleitet von Gregor dem Großen waren in der Folgezeit verschiedene Einzelpersonen prägend, wie z. B. Columban von Luxeuil, Gallus, Kilian, Willibrord und Bonifatius.
Im Östlichen Christentum waren einige katholische Orden (z. B. Zisterzienser, Benediktiner) während der Zeit der Kreuzzüge tätig. Einige Niederlassungen so wie z. B. das Kloster Balamand legen Zeugnis über die Präsenz der Zisterzienser im 12. Jahrhundert im heutigen Libanon ab. Das griechisch-orthodoxe Christentum breitete sich im 9. Jahrhundert von Konstantinopel nach Norden aus und wurde 988 durch den Großfürsten Wladimir den Großen als Staatsreligion der Kiewer Rus eingeführt, was als Beginn der Russisch-Orthodoxen Kirche angesehen werden kann, die danach stark mit den weltlichen Machthabern verflochten war.Harry Noormann: Arbeitsbuch Religion und Geschichte: Das Christentum im interkulturellen Gedächtnis. Band 1, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-17-020029-6, S. 115.
Die katholische Mission ab 1500 Im spanischen Kolonialreich und den portugiesischen Kolonien nahm die Missionierung der indigenen Bevölkerungen in Amerika, Asien und Afrika einen wichtigen Platz in der allgemeinen Kolonialpolitik ein. Nach der Entdeckung Amerikas 1492 hatte Papst Alexander VI. am 4. Mai 1493 in einer Bulle dem König von Spanien und seinen Erben die entdeckten Inseln und Gebiete des Festlandes geschenkt und übertragen. Damit war aber auch die Verpflichtung verbunden, die Menschen dieser neuen Gebiete durch gute Gelehrte und tadellose Männer zu evangelisieren, zu missionieren und zu erziehen.Mariano Delgado: Missionare im 16. Jahrhundert waren friedliebend, vaticannews.va, 1. August 2022, abgerufen am 3. Januar 2026.
In Mexiko betätigten sich seit den frühen 1520er Jahren Missionare der Franziskaner an der Missionierung. Später kamen auch weitere katholische Orden (Augustiner-Eremiten und Dominikaner) hinzu. Besonders bekannt wurde die Mission der Jesuiten in Paraguay. Sie waren aber auch in anderen Teilen des spanischen Kolonialreichs tätig: Besonders in den heute zu Bolivien gehörigen Regionen Mojos und Chiquitos, in Chile auf der Insel Chiloé, im Amazonasgebiet (hier besonders an den Oberläufen des Amazonas), besonders aber im Nordosten von Mexiko, bei den Pima und Seri, wurden jesuitische Missionsstationen gegründet. In der Historiographie ist umstritten, wie stark diese Gebiete vom eigentlichen Kolonialsystem unabhängig waren. Sowohl die Jesuiten als auch die anderen Orden waren in abgelegenen Gebieten tätig, welche zum Teil noch nicht von den Kolonialmächten kontrolliert wurden. So arbeiteten die Dominikaner beispielsweise am Orinoko (auch Alexander von Humboldt wies auf ihre Arbeit hin). Wie ambivalent das Verhältnis von Mission und Kolonisation zu beurteilen ist, wird an dem Beispiel von Bartolomé de Las Casas (1484–1566) deutlich. Zwar war er ein vom spanischen Staat entsandter katholischer Missionar, entwickelte sich aber zu einem der profiliertesten Gegner der Ausbeutung der Indios.
Die Jesuiten waren auch im Kolonialreich einer anderen wichtigen katholischen Kolonialmacht, Frankreich, tätig. Besonders bekannt ist ihre Arbeit unter den Irokesen und Huronen in Kanada. Zu den bekannten Märtyrern zählen Johannes de Brébeuf und sieben seiner Gefährten, deren Geschichte im Spielfilm Black Robe verarbeitet ist.
Neben den Gebieten in Amerika waren die Missionsorden auch auf den Philippinen tätig. Besonders auf der Hauptinsel Luzon, aber auch auf Jolo, Mindanao und Zebu fanden Jesuiten, Augustiner und Dominikaner offene Türen. In anderen Teilen Asiens dagegen hatten sie weniger Erfolg.
Ein wichtiges Gebiet der katholischen Mission wurde im 19. Jahrhundert Afrika. Neben den Jesuiten betätigten sich beispielsweise die Weißen Väter, zunehmend aber auch – nach protestantischem Vorbild – katholische Laiengesellschaften an der Missionierung.