Die Österreichische Kinogeschichte zeichnet die Entwicklung der Kinos in Österreich von den ersten Filmvorführungen im 19. Jahrhundert bis zur heutigen Zeit nach.

Stummfilmära Die ersten Filmvorführungen mini|Ein Stereoskop im Praterkino „Kaiserpanorama“ um 1900mini|Ankündigung der Programmänderung im Vorführraum von Eugène Dupont Mitte April des Jahres 1896 im Illustrierten Wiener Extrablatt mini|Zeitungsinserat für Vorführung von Erotikfilmen unter der üblichen Bezeichnung „Pariser-Abend“ und „Herren-Abend“ des Wanderkinos von Karl Juhasz in Mödling, 1906 Ab 1885 existierte mit dem Kaiserpanorama, in dem bis zu 12 Besucher gleichzeitig gegen Bezahlung in ein Stereoskop Einblick nehmen durften, bereits ein früher Vorgänger des Kinos.

1896 war das Jahr, als in der Schaubude von Josefine Kirbes im Wiener Wurstelprater die erste Präsentation von „Lebenden Bildern“ stattgefunden haben soll. Erst etwas später erfolgte am 20. März dieses Jahres in der Wiener Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren die erste belegte öffentliche Kinovorführung mit dem Lumière’schen Kinematographen vor geladenem Publikum.

Ab 27. März folgten tägliche Vorstellung im Mezzanin des Hauses Kärntner Straße 45/Ecke Krugerstraße 2 im Ersten Wiener Gemeindebezirk. Dort präsentierte Eugène Dupont, ein Gesandter der Lumières, die ihre Erfindung in allen Großstädten Europas bekannt machen wollten, deren erste Werke. Dies geschah gegen eine Eintrittsgebühr von 50 Kreuzern und war täglich von 10 Uhr morgens bis 8 Uhr abends möglich. Am Programm standen kurze Dokumentarszenen der Lumières, die nur wenige Minuten lang dauerten. Die Neue Freie Presse lobte die Qualität der Aufnahmen und lieferte mit ihrem Bericht zur Eröffnung dieses Vorführraumes die erste Filmkritik Österreichs ab. Im April 1896 wurde das Programm weitgehend mit neueren Werken aktualisiert, und am 17. April besuchte auch der Kaiser das Etablissement, der sich auf Französisch mit dem Besitzer unterhielt – so die Neue Freie Presse damals.

Die ausnahmslos importierten Kinematographen – in Österreich existierte noch Jahre lang kein solcher Produzent – sind von da an zumeist bei Schaustellern im Wurstelprater, auf Jahrmärkten, in Wanderkinos und auch im „Stadt-Panoptikum“ von Louis Veltée am Kohlmarkt 5 zu finden. Als Oberösterreichs erster Wanderkinobetreiber gilt Johann Bläser. Am 29. November 1896 zeigte Charles Crassé in Klagenfurt die erste Demonstration lebendiger Photographien.

Die Wanderkinos sind es auch, die in fast allen großen Städten der ganzen Monarchie erstmals den Kinematographen präsentieren – sofern nicht die Brüder Lumière persönlich zuvorgekommen waren. Gesetzlicher Rahmen war das bereits 1836 erlassene „Vagabunden- und Schaustellergesetz“, das bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts auch für die Erwerbung von Kinos bzw. das Vorführen von Filmen zur Anwendung kommt.

Von richtigen Filmen konnte man damals noch nicht sprechen. Produziert wurden aus technischen Gründen nur wenige Minuten lange dokumentarische und fiktionale „Kurzfilme“ mit Titeln wie „Fällen eines Baumes“, „Taubenfüttern“, „Erschießung eines Spions im türkisch-griechischen Krieg“ oder „Ein unheimlicher Traum“, die umgehend in den Schaubuden im Prater oder anderswo in der Stadt, neben anderen Abnormitäten und Kuriositäten, gezeigt wurden. Wer die Schauspieler waren spielte damals zwangsläufig nur eine untergeordnete Rolle. Erste „Filmstars“ mit Wiedererkennungswert entstanden erst mit aufwändigeren und längeren Produktionen Mitte der 1910er Jahre.

Ebenfalls 1897 wurden in Linz erstmals kurze Filme im Rahmen eines Varietéprogramms in „Roithner's Varieté“ vorgestellt. Die erste vollständige Filmvorstellung fand am 20. März 1897 statt – im Gartensalon des Hotels „Zum goldenen Schiff“Richard Kutschera: Geliebte Traumwelt. Linz 1961.. In Höritz im Böhmerwald fand im selben Jahr bei der Aufführung des Theaterstückes Das Leben und Sterben von Jesus Christus die erste Aufführung von heimisch produziertem Filmmaterial statt. Zur Unterstützung des Theaterstückes war ein Kinematograph vorhanden – 3000 Meter Film wurden in der Umgebung abgedreht, von welchen letztendlich 30 Rollen Aufnahmen zu je 30 Metern vorgeführt wurden.Peter A. Schauer: Filme im alten Österreich. Der Höritzer Passionsfilm. Wien 1996.

1898, im Dezember, gastierte das Wanderkino von Gottfried Findeis im Wiener Neustädter Hotel „Zum goldenen Hirschen“ um dort selbst produzierte Filme im Stil der Gebrüder Lumière zu präsentieren: „Die Ankunft eines Zuges im Bahnhof von Wiener Neustadt“, „Eine Tunnelfahrt im Aussichtswagen während der Fahrt aufgenommen“, und „Ausgang der Arbeiter aus der Lokomotivfabrik Wiener Neustadt“E. Kieninger: A la Lumière. In: Medien und Zeit 4 (1993), S. 23.. Ebenfalls 1898 wurde gesetzlich veranlasst, dass alle Unternehmer zur öffentlichen Vorführung von Filmen eine Prüfung ablegen müssen. Dennoch wuchs in den folgenden Jahren die Zahl der Schaubuden und Kleintheater weiter an. „Laufende Bilder“ erfreuten sich großer Popularität.

Entstehung der ersten festen Kinos mini|Vor dem Kino Klein im Wiener Prater, 1905 mini|Das 1898 errichtete Jantsch-Theater im Wiener Wurstelprater; 1905 umbenannt in „Lustspieltheater“ Bis zum Jahr 1902 fanden Filmvorführungen nur in einfachen Räumen in adaptierten Gaststätten, beziehungsweise schmalen, lang gestreckten Geschäftslokalen – so genannten Ladenkinos – statt. Des Weiteren in Höfen von Wohnanlagen, im Rahmen von „Abnormitätenschauen“ (zum Beispiel das Homes-Fey-Kino) und in Zirkuszelten. Diese Räumlichkeiten wurden mit der größtmöglichen Anzahl von Stühlen ausgestattet, das Kinoprogramm mit dem Ausschank von Getränken und dem Verkauf von Speisen begleitet. Dies stand im Gegensatz zu den anderen europäischen Städten, die von Beginn an eigene Kinogebäude errichteten. Das erste eigens zum Zwecke des Kinobetriebs errichtete Gebäude entstand 1902, als der Wiener Singspielhallen-Betreiber Gustav Münstedt die Konzession zur Errichtung eines Kinos erhielt. Der „Münstedt Kino Palast“ ersetzte nun seine Singspielhalle im Wiener Prater. Zwischen 1903, als es in Wien erst drei Lokalitäten gab, die ausschließlich Filmvorführungen zeigten, und 1905 entwickelten sich auch aus einigen der Schaubuden, Theater und Zeltkinos weitere ausschließliche Kinos. Zentren waren dabei die Innere Stadt, der Wurstelprater und die Mariahilfer Straße in Wien-Mariahilf. Eines davon war das 1904 von Louis Geni errichtete große „Zeltkino Westend“, dessen Lichtanlage dem Kino zu großer Bekanntheit verhalf.

Im November 1907 wird in Wien der Verband österreichischer Kinobesitzer gegründet.Kinematographische Rundschau, 15. November 1907. In: Francesco Bono, Paolo Caneppele, Günter Krenn (Hrsg.): Elektrische Schatten, Verlag Filmarchiv Austria, Wien 1999, S. 14. 1908 existierten mit den Lichtspieltheatern Stiller, Schaaf, Münstedt, Kern, Klein und Busch bereits sechs Kinos im Prater, in denen die Laufkundschaft mit Hilfe von „Ausrufern“ zu den „Kinematographischen Vorstellungen“ angeworben wurden. Die Ausrufer – auch „Rekommandeure“ genannt – waren oft die Kinobetreiber selbst, die als wortwörtliche „Aushängeschilder“ der frühen Wiener Kinos Laufkundschaft auf ihren Betrieb aufmerksam machten. Damit schlossen sie an eine Tradition an, die es bereits in den Varietés gegeben hatte. Sie wurden noch vor dem Ersten Weltkrieg durch Anzeigetafeln abgelöst.

Als Vorbild für den Kinobetrieb nahm man sich das Theater, und so zeigte sich etwa der Schriftsteller und Komponist Max Brod bei einem Kinobesuch „belustigt, dass es hier eine Kassa, eine Garderobefrau, Musik, Programme, Saaldiener, Sitzreihen gibt, all dies pedantisch genauso wie in einem wirklichen Theater mit lebendigen Spielern“. Manche der 12 festen Kinos, die in Wien um 1906 existieren, gingen tatsächlich auch aus Theatern hervor. So zum Beispiel das 1898 errichtete Jantsch-Theater, welches 1905 in „Lustspieltheater“ umbenannt wurde, und Filme vor 800 bis zu 1000 Zusehern präsentierte. Begleitet wurden die Stummfilme damals zumeist mit elektrischen Orgeln, auf denen die bekanntesten Opern- und Operettenmelodien gespielt wurden. Es gab in der frühen Stummfilmzeit jedoch auch „Tappeure“ genannte Pianospieler. So genannte „Erklärer“ sorgten bei Notwendigkeit für die korrekte Übermittlung des Filminhalts an das Publikum. Sie wurden bei zunehmender Länge der Filme rasch unentbehrlich, bis sie von den im Film eingebauten Zwischentiteln abgelöst wurden.

1908 gab es in Wien bereits 25 Kinos – zumeist Ladenkinos wie es auch das „Bellaria Kino“ war. Im selben Jahr bestand mit Sophie Nehez die erste Frau die Wiener Filmvorführerprüfung. Führende Wiener Cinemascope-Kinos waren in den ersten Jahren das „Weltspiegel“ und das „Eos Kino“. Carl M. Köstner und Hermann Prechtl gründeten 1908 feste „Kinematografen-Theater“ in Klagenfurt. In Villach existierten zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Kinos. Auch die ersten Filmzeitschriften erschienen bereits: die „Kinematographische Rundschau“ ab 1907 und „Der Österreichische Komet“ ab 1908.

Weitere Entwicklung der Kinos bis 1914 Kinos in Wien Jahr Anzahl 1896 1 1903 3 1905 mind. 6 1906 12 1908 mind. 25 1909 74 1914 150 mini|Das erste ortsfeste Kino von Linz, das Lifka-Kino, wurde 1908 eröffnet. Der Schriftzug des Kinos ziert noch heute das Gebäude. mini|Die Breitenseer Lichtspiele in Wien, gegründet 1905 als Zeltkino Guggenberger Nach den ersten Jahren des „Kinobooms“ waren auch in den 74 Wiener Kinos – von denen 41 innerhalb des Gürtels lagen – die zahlreichen Filme mit dem Franzosen Max Linder äußerst beliebt. Diesbezüglich konnte sich das „Kino Klein“ einen guten Ruf verschaffen, da es bereits früh regelmäßig mit aktuellen ausländischen Produktionen aufwarten konnte, die es aus Paris importierte. Von Max Linder erschien alleine im Oktober 1910 jede Woche ein neuer Film: „Les Débuts de Max au cinéma“ (Österreichpremiere am 1. Oktober 1910), „Comment Max fait le tour du monde“ (8. Oktober), „Qui a tué Max?“ (15. Oktober), „Max prend un bain“ (22. Oktober) und „Le Soulier trop petit“ (29. Oktober).

In den zahlreichen Wanderkinos der damaligen Zeit wurden vor allem Komödien und Dokumentationen wie der Phantom Ride „Österreichische Alpenbahn, eine Fahrt nach Mariazell“ gezeigt.

Da noch immer das „Vagabunden- und Schaustellergesetz“ des Jahres 1836 galt, gab es in Wien eine rege, aber ungeregelte, Kino-Bewegung. Lizenzen wurden „nach Bedarf“ eines Kinos in einem Stadtviertel vergeben. Dies führte dazu, dass sich die zumeist kleinen Ladenkinos oft in wenig frequentierten Seitengassen oder -straßen ansiedelten. Die Folge war, dass viele dieser Kinos noch in den ersten Monaten und Jahren schlossen, oder unter Beibehaltung ihrer Namen in andere, besser frequentierte Straßen übersiedelten.

Durch die unscharfe Gesetzeslage entstanden auch fragwürdige Vorschriften und Vorgehensweisen in der Verwaltung. So war für jedes Kino neben einer Notbeleuchtung auch eine „Anstandslampe“ verpflichtend, und die Praterinspektionsbehörde verfolgte während des Kinobooms genauestens die Ertragsentwicklung. So kam es 1912, am Höhepunkt des Booms, zur Erhöhung der Pachtzinse für Kinobetreiber auf das Zehnfache, während die übrigen Praterbetriebe von diesem Schritt des Obersthofmeisteramts verschont blieben.

1911 wurde der „Verband der Kinoindustriellen“ gegründet und im Jahr 1912 erschien Wiens erstes eigenes Kinogesetz, die „Kinematographenverordnung“. Seither benötigte man für den Betrieb eines Kinos eine Konzession. Im selben Jahr fand in Wien der Internationale Kinematographenkongress und die Internationale Kinoausstellung statt, wo die Filmschaffenden um die Anerkennung des Films als Kunstgattung warben, und die Zensur und andere Schikanen, die den Filmschaffenden damals ihre Arbeit erschwerten, heftig kritisiert wurden.