mini|Joseph Roth in Ostende (1936) Die Geschichte der 1002. Nacht ist der Titel eines 1939 posthumim Verlag De Gemeenschap in Bilthoven: s. Bijovet und Rietra, S. 41–46. veröffentlichten Romans von Joseph Roth. Der an die orientalische Geschichtensammlung Tausendundeine Nacht erinnernde Titel bezieht sich auf die märchenhafte Züge, die mit der realistischen, gesellschaftskritischen Haupthandlung kontrastieren: In einer Variation des Grisetten-Motivs wird die tragisch verlaufende Affäre des leichtlebigen Rittmeisters der Habsburgermonarchie Taittinger mit der Ofenbauertochter Mizzi Schinagl erzählt, die von ihrem Liebhaber nach ihrer Schwangerschaft mit einem Kurzwarenladen abgefunden wird, in die Prostitution und einen Betrugsfall gerät und am Ende als Schaustellerin im Prater reüssiert.

Inhalt Im ersten Teil der Handlung (Kp. 1–11) ist der mächtige Schah-in Schah von Persien seit einiger Zeit mit seinem märchenhaften Leben unzufrieden und fühlt ein „Unbehagen“. Da seine Ärzte keine Krankheit feststellen können, empfiehlt ihm der Obereunuch Patominos, seine Sehnsucht „nach exotischen Ländern“ durch eine Reise nach Wien zu stillen. Dort absolviert er als Gast der Kaiser- und Königlichen Apostolischen Majestät gelangweilt den Empfang und die Militärparade in Kagran, verfolgt aber interessiert die Lipizaner-Vorführung in der Spanischen Reitschule. Fasziniert ist der Herr über 365 Haremsfrauen von den Damen auf dem Ball im Redoutensaal: „Körper und Gewänder. Zum ersten Mal sah er Verhüllung und Nacktheit auf einmal […] Aber nicht das Geschlecht begehrte er. Er hatte Heimweh nach der Liebe, das ewige männliche Heimweh nach der Vergötterten, der Göttlichen, der Göttin, der Einzigen“.Joseph Roth: Die Geschichte der 1002. Nacht. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 23, 24.

Von den bezaubernden Frauen wählt er sich die junge Gräfin Helene W. aus und gibt seinem Großvizir den Befehl, eine Nacht mit ihr zu arrangieren. Der kaiserliche Hofzeremonienmeister ist über den Wunsch schockiert und sucht einen Ausweg. Er berät sich mit dem für seine Frauengeschichten bekannten Rittmeister Alois Franz Baron von Taittinger, dem Mann „zur sogenannten »speziellen Verwendung« der Hof- und Kabinettkanzlei“. Dieser gilt als attraktiver formvollendeter Charmeur, der labil in den Tag hineinlebt und für seine Probleme Verdrängungs- bzw. Vermeidungsstrategien entwickelt hat. Er wurde einst von der damals noch unverheirateten Helene zurückgewiesen, fand in einer Doppelgängerin, Mizzi Schinagl, der Tochter eines Ofenbauers, Ersatz und begann mit ihr eine Affäre. Nachdem sie schwanger wurde, beendete er die Beziehung und fand sie mit einer Pfaidlerei, einem Kurzwarengeschäft, ab. Taittinger erinnert sich an die Ähnlichkeit der Frauen, lässt Mizzi, inzwischen Prostituierte im Etablissement Josephine Matzners, mit Kleidern und Schmuck aus dem Magazin des Burgtheaters als Adlige ausstaffieren und dem Schah zuführen. Man lässt den Herrscher aus dem Morgenland in dem Glauben, im Abendland leihe man seine Damen kostenlos an Gäste aus und er genießt die Nacht als exotisches Erlebnis. Am nächsten Morgen ist Mizzi verschwunden, der Schah kehrt ernüchtert in seine Residenz zurück und beschließt abzureisen. Der Geliebten einer Nacht lässt er als Geschenk drei kostbare Perlenketten in einem silbernen Kästchen überbringen.

Der zweite Romanabschnitt (Kap 12–15) handelt von Mizzis leichtfertigem Umgang mit ihrem märchenhaften Reichtum, der ihr zunächst Auftrieb gibt, nachdem ihr nach der Trennung von Taittinger das Leben gleichgültig geworden ist und sie gesellschaftlich abgerutscht ist.

Sie verkauft die Perlen, legt ihr Geld auf Rat der Bordellbesitzerin Matzner an und hofft auf eine feste Beziehung mit ihrem früheren Geliebten. Der Rittmeister ist nach der für den kaiserlichen Hof peinlichen Angelegenheit, die schnell in Vergessenheit geraten soll, zu seinem Regiment nach Schlesien versetzt worden und antwortet nicht auf Mizzis Briefe. Nach dieser neuen Enttäuschung gleitet ihr das Leben zunehmend aus den Händen. Sie verlässt Wien, mietet ein Haus im Kurort Baden und sucht das gesellschaftliche Leben. Doch sie kann ihre Finanzen und die Männer, die sie sich als Liebhaber hält, nicht realistisch einschätzen: „Sie glich einem armen Wild, das sich selbst seine Jäger sucht“.Joseph Roth: Die Geschichte der 1002. Nacht. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 49. Nach Enttäuschungen verlässt sie apathisch Baden, gibt ihren Sohn Alois Alexander (Xandl) in Graz in ein Erziehungsheim und reist weiter nach Meran. Dort lässt sie sich von dem ihr nachgereisten Badener Geliebten, dem jungen Franz Lissauer, überreden, ihr Geld für seine Geschäfte mit gefälschten Brüsseler Spitzen zu leihen und diese in ihrer Pfaidlerei zum Kauf anzubieten. Der Betrug wird bekannt, als Josephine Matzner, deren Etablissement von immer weniger Kunden besucht wird, ihre Finanzen ordnet. Bei der Überprüfung der Pfaidlerei, deren Teilhaberin sie ist, entdeckt sie Lissauers Machenschaften und zeigt ihn an. Im Prozess beschuldigt dieser Mizzi, die ahnungslos Verträge unterschreiben hat, Profiteurin seines Geschäfts zu sein. Lizzauer wird zu drei Jahren Zuchthaus, Mizzi zu 16 Monate Gefängnis verurteilt.

In der nächsten Etappe des Handlungsverlaufs spielen zwei Personen eine Rolle, die Mizzis Unglück verursacht haben, bzw. daran beteiligt waren (Kap. 16–25): Durch Mizzis Briefe aus dem Gefängnis ist Taittinger besorgt, sie könnten in der Poststation seiner Garnison oder in seinem Büro gelesen werden und die Liebesnacht-Geschichte des Schahs würde bekannt. Er besucht deshalb die frühere Geliebte im Gefängnis, um ihre Briefe auf eine postlagernde Adresse zu lenken, erschrickt über ihren rasierten Kopf und erfährt in Wien von Frau Matzner die Hintergründe des Brüsseler-Spitzen-Prozesses. Der Baron erkennt die mangelnde Empathie der geldgierigen ehemaligen Bordell-Besitzerin Mizzi gegenüber und fühlt sich zugleich zum ersten Mal schuldig am Schicksal der Geliebten, zumal er sich nie um seinen Sohn gekümmert und keine Alimente bezahlt hat. Diese Gedanken verbinden sich mit dem Gefühl, ein oberflächliches, gewissenloses und sinnloses Leben geführt zu haben.

Frau Matzner hat nach ihrer Geschäftsaufgabe eine Wohnung in der Innenstadt gemietet. Einerseits kann sie dort ihre Vergangenheit verbergen, andererseits fühlt sie sich, nachdem sie die Presseberichte über den Prozess genossen hat, jetzt unbeachtet und bedeutungslos. So sucht sie Kontakt zu dem Geheimpolizisten Sedlacek, der sich früher über ihre prominente Kundschaft informiert hat, im Café Wirzl. Hier verkehren auch Journalisten, unter ihnen der Polizeireporter Bernhard Lazik, der Matzners Gespräch mit dem Inspektor über den Besuch Taittinger hört und mit seinem Spürsinn auf die Idee kommt, die Zusammenhänge der Gerüchte um den Schah-Besuch zu recherchieren.

Kurz darauf erkrankt Frau Matzner an einer Rippenfellentzündung und stirbt nach einigen Tagen im Fieberwahn. Ihr Vermögen, 32 000 Gulden, erbt ein wohlhabender Neffe, Hopfenbauer in Saaz, Mizzi ist testamentarisch mit 300 Gulden bedacht worden.

Lazik fühlt sich als verkannter Dichter und träumt davon, bekannt und reich zu werden. Auf der Grundlage seiner Informationen aus dem Polizeiumfeld plant er eine Serie von kleinen Schlüsselromanen mit dem Titel „Die Perlen von Teheran“, in denen die Personen zwar nicht mit ihren Namen benannt, aber gut erkennbar sind. Er spricht Taittinger bei seinem Wien-Besuch an, in der Hoffnung, etwas von ihm zu erfahren, überreicht ihm die ersten Heftchen und bittet ihn um 2000 Gulden für die Finanzierung der Folgebände. Der Baron, wütend über seine Zurückstufung nach seinem Coup, akzeptiert Laziks Forderung, offenbar als Gegenleistung dafür, dass alle Personen, außer ihm, identifiziert werden können.

Bei seiner Rückkehr in die Garnison erwarten Taittinger unangenehme Nachrichten: Sein Gut in den slowakischen Karpaten ist hoch verschuldet und sanierungsbedürftig. Mizzis 14-jähriger Sohn ist aus dem Heim in Graz, das in der letzten Zeit von der Mutter keine Bezahlung erhielt, weggelaufen und von der Gendarmerie wieder aufgegriffen worden. Beim Verhör hat er Taittinger als seinen Vater angegeben und reist bald darauf nach dem Verweis von der Schule zu dessen Gut. Außerdem erfährt der Baron, dass in der Garnison hinter seinem Rücken schon lange über seine Inszenierung der Liebesnacht des Schahs gemunkelt wird und dass diese Gerüchte in Laziks Fortsetzungen eine Bestätigung finden. Er wird von Oberst Kovak einbestellt. Nach der Beschwerde des Grafen W., Sektionschef im Finanzministerium, von dem Lazik ebenfalls Geld gefordert hat, fürchtet man im Kriegsministerium die Veröffentlichungen. Die Schlüsselromane des Journalisten werden verboten, man beschuldigt Taittinger wegen seiner Geldzahlung der Mithilfe und besteht auf seinem Abschied aus der Armee: „Es war das Leben, das hier zu Ende ging. Wie ein Sterbender den Körper ablegt, so zieht ein Soldat die Uniform aus. Zivil, Zivil: das war ein unbekanntes, vielleicht ein schreckliches Jenseits.“Joseph Roth: Die Geschichte der 1002. Nacht. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 121. Kurze Zeit hält er sich in seinem maroden Gut auf. Den dort aufgetauchten Sohn schickt er nach der finanziellen Regelung in die Schule zurück, reist dann nach Wien und lässt sich dort für einige Zeit nieder.

Der letzte Handlungsabschnitt spielt in Wien (Kap. 26–34). Als Mizzi im März aus dem Gefängnis entlassen wird, holt sie Baron Taittinger ab, vielleicht mit nicht eingestandenem schlechten Gewissen, und bringt sie in ihre neue Wohnung bei Magdalene Kreutzer, Seilakrobatin und Karussellbesitzerin im Prater, mit der sie sich während ihrer Haft befreundet hat. Die Schaustellerin und Ignaz Trummer, ihr Freund und Teilhaber, versuchen den Baron dazu zu bewegen, als Ausgleich für die nicht gezahlten Alimente und um „ihre zertrümmerte Existenz wieder aufzurichten“,Joseph Roth: Die Geschichte der 1002. Nacht. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 138. sich am Kauf eines Panoptikums mit Wachspuppen auf dem Prater zu beteiligen. Der Baron lebt in Wien zwischen den gesellschaftlichen Schichten, er meidet als Zivilist Begegnungen mit seinen früheren Militärfreunden und gibt ihnen gegenüber vor, sich um sein Gut kümmern zu müssen. Da ihm das Geld ausgeht, beantragt er die Wiederaufnahme in die Armee. Mit Mizzi und den Schaustellern, diesen einfachen „Kinder[n] aus dem Volk“.Joseph Roth: Die Geschichte der 1002. Nacht. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 138. bleibt er im lockeren Kontakt. Am liebsten macht er einsame Spaziergänge. Mizzi ist dankbar für die Zuwendung des Barons, glaubt ihn noch zu lieben, träumt von einem Leben als Baronin, obwohl sie weiß, dass dies unrealistisch ist, und nimmt die sexuelle Beziehung zu ihm wieder auf.