Das AS-AD-Modell, auch AD-AS-Modell oder Gesamtangebots-Gesamtnachfrage-Modell ist ein Modell der Makroökonomie und beschreibt das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht in der geschlossenen Volkswirtschaft auf eine mittellange Frist. Das AS-AD-Modell soll die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen von staatlichen und finanzpolitischen Maßnahmen auf die Löhne, das Preisniveau und die Produktion beschreiben. Das Modell setzt sich aus dem aggregierten Angebot bzw. Gesamtangebot ( Aggregate Supply, kurz: AS) nach dem neoklassischen Ansatz und der aggregierten Nachfrage bzw. Gesamtnachfrage ( Aggregate Demand, kurz: AD) nach John Maynard Keynes zusammen. Der Schnittpunkt der AS- und AD-Kurven ist das makroökonomische Gleichgewicht zu den jeweiligen Preisen.Paul Krugman, Robin Wells: Economics. 4. Auflage, 2015, ISBN 978-1-4641-4384-7, S. 802ff Die Synthese wurde maßgeblich durch Beiträge von Hicks 1937 und Modigliani 1944 entwickelt.
Geschichte mini|John Maynard Keynes (1933) Im Jahr 1936 veröffentlichte John Maynard Keynes die „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“. In diesem Werk kritisierte er die bis dahin vorherrschende Meinung über eine Vollbeschäftigung am Arbeitsmarkt. Er stellte also in Frage, ob sich ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt einstellen wird. Weiterhin ging Keynes von Lohnstarrheiten aus, das heißt, dass Löhne sich zumindest kurzfristig nicht an das Arbeitsmarktgleichgewicht anpassen werden. Damit griff Keynes die Annahme an, dass Lohnflexibilität herrsche.Ute Arentzen: Gabler Wirtschafts-Lexikon. 14. Auflage. Gabler, Wiesbaden 1997, ISBN 3-409-30366-9, S. 2124–2130.
Den Theorien von Keynes stand die neoklassische Ansicht gegenüber, welche sich aus den klassischen Ansätzen von Adam Smith, David Ricardo sowie weiteren Autoren herausgebildet hat. Wichtige Vertreter der Neoklassik waren unter anderem William Stanley Jevons und Léon Walras. Nach dem neoklassischen Modell von Walras herrschen auf den Märkten flexible Preise und vollkommene Voraussicht, das heißt, dass jeder Marktteilnehmer genau bestimmen kann, was für den gesamten Markt die beste ökonomische Lösung hinsichtlich der Wohlstandsverteilung ist. Zudem finden laut Walras keine Anpassungsprozesse statt, da ein Tauschvorgang erst dann stattfindet, wenn die Gleichgewichtspreise festgelegt sind.Ute Arentzen: Gabler Wirtschafts-Lexikon. 14. Auflage. Gabler, Wiesbaden 1997, ISBN 3-409-30376-6, S. 2731–2732.
Durch die Kombination der keynesianischen Betrachtung auf dem Geld- und Gütermarkt sowie der neoklassischen Annahmen auf dem Arbeitsmarkt entwickelten Autoren, wie 1944 Franco Modigliani, erste Beschreibungen eines aggregierten Angebotes und einer aggregierten Nachfrage.Keynes-Gesellschaft: . Stand 21. April 2013.
AS-AD-Modell als Weiterführung des IS-LM-Modells
Während sich im IS-LM-Modell lediglich Gütermarkt und Geldmarkt im Gleichgewicht befinden, bezieht das AS-AD-Modell ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt mit ein. Das Modell nimmt an, dass eine natürliche Arbeitslosenquote existiert, die sich mittelfristig einstellt. Nur wenn die tatsächliche Arbeitslosigkeit der natürlichen Arbeitslosigkeit (auch strukturelle Arbeitslosigkeit) entspricht, befindet sich der Arbeitsmarkt im Gleichgewicht.
Zudem fließen, anders als im IS-LM-Modell, auch Veränderungen des Preisniveaus in die Modellbetrachtung mit ein. Im IS-LM-Modell werden die Preise als gegebene Größen behandelt, das bedeutet, dass eine Veränderung der Nachfrage nach Gütern stets zu einer entsprechenden Änderung der produzierten Gütermenge führt.Jürgen Kromphardt: Grundlagen der Makroökonomie. 2. Auflage. Vahlen, München 2006, ISBN 3-8006-3309-4, S. 169. Das AS-AD-Modell stellt dar, wie sich verschiedene Maßnahmen, beispielsweise eine expansive Geldpolitik, auf eine Volkswirtschaft auswirken könnten. Das AS-AD-Modell zeigt auch, dass sich eine Volkswirtschaft nicht stetig im Wachstum befindet, sondern dass es jeweils Zeiträume mit verschiedenen Wachstumsraten gibt.Rüdiger Dornbusch, Stanley Fischer, Richard Startz: Makroökonomik. 8. Auflage. Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-25713-7, S. 112. Der Zusammenhang zwischen AS-AD- und IS-LM-Modell besteht zum einen darin, dass die AD-Kurve aus dem IS-LM-Modell abgeleitet wird und zum anderen, dass die Auswirkungen der Preisveränderungen auf dem Geld- und Gütermarkt beschrieben werden können.
Zusammensetzung aus aggregiertem Angebot und aggregierter Nachfrage Das aggregierte Angebot und damit die aggregierte Angebotskurve zeigt zu jedem gegebenen Preisniveau die Menge, die die Unternehmen anbieten wollen.Rüdiger Dornbusch, Stanley Fischer, Richard Startz: Makroökonomik. 8. Auflage. Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-25713-7, S. 115.
In der mittleren Frist, also dem Betrachtungszeitpunkt, in dem das AS-AD-Modell ansetzt, befindet sich die Angebotskurve im Übergang von der kurzen Frist in die lange Frist. In der kurzen Frist verläuft die Angebotskurve nach der klassischen Theorie horizontal, da kurzfristig davon ausgegangen werden kann, dass die Preise nicht veränderlich sind. In der langen Frist verläuft sie vertikal, das heißt, die Preise sind flexibel. Dies hat zur Folge, dass die Angebotskurve in der mittleren Frist eine positive Steigung aufweist.Rüdiger Dornbusch, Stanley Fischer, Richard Startz: Makroökonomik. 8. Auflage. Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-25713-7, S. 117–119.
Die aggregierte Nachfragekurve zeigt die Kombination des Preisniveaus und der Menge, bei der sich Güter- und Geldmarkt im Gleichgewicht befinden. Dies ist der Schnittpunkt der IS- und der LM-Funktion im IS-LM-Modell.Rüdiger Dornbusch, Stanley Fischer, Richard Startz: Makroökonomik. 8. Auflage. Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-25713-7, S. 113.
Die IS-Funktion beschreibt, dass sich ein Gleichgewicht auf dem Gütermarkt ergibt, wenn die produzierte Menge der Nachfrage entspricht. Die LM-Funktion zeigt, dass sich ein Gleichgewicht auf Geld- und Finanzmärkten einstellt, wenn das Geldangebot der Geldnachfrage entspricht. Hierbei muss das reale Geldangebot, also das in Gütern ausgedrückte Geldangebot, mit dem Realeinkommen übereinstimmen.
Anpassungsmechanismus beim Übergang von der kurzen in die mittlere Frist mini|Ausgangspunkt der Anpassung im AS-AD-Modell: Die tatsächliche Produktion liegt über der natürlichen Produktion, die Preiserwartung liegt unter dem tatsächlichen Preisniveau mini|Erster Schritt der Anpassung im AS-AD-Modell: Die an der Lohnsetzung Beteiligten erhöhen ihre Preiserwartung, dadurch kommt es zu einer Verschiebung der AS-Kurve nach oben mit der Folge einer geringeren Produktion mini|Zweiter Schritt der Anpassung im AS-AD-Modell: obiges Verhalten wiederholt sich, bis die Produktion auf ihrem natürlichen Niveau angelangt ist
Kurzfristig kann die Produktion von ihrem natürlichen Niveau abweichen, da eine Änderung einer Variablen aus der AS- oder AD-Funktion zu einer Änderung des Preis- und Produktionsniveaus führt. Mittelfristig wird die Produktion hingegen immer auf ihr natürliches Niveau zurückkehren. Die Anpassung erfolgt über Veränderungen der Preiserwartungen und den damit ausgelösten Folgen für das tatsächliche Preisniveau und die Produktion.
Folgender Prozess vollzieht sich, wenn beispielsweise der Übergang von kurzer zu mittlerer Frist betrachtet wird, unter der Annahme, dass das tatsächliche Produktionsniveau über dem natürlichen Produktionsniveau liegt (siehe Abbildung „Ausgangspunkt der Anpassung im AS-AD-Modell“).Olivier Blanchard und Gerhard Illing: Makroökonomie. Pearson, Juli 2006, ISBN 3-8273-7209-7, S. 214. Das natürliche Produktionsniveau ist das Niveau, auf dem produziert wird, wenn die Beschäftigung dem natürlichen Beschäftigungsniveau entspricht. Das natürliche Beschäftigungsniveau ist das Niveau, das sich ergibt, wenn man die natürliche Arbeitslosenquote von der Zahl der Erwerbsbevölkerung abzieht. Im Ausgangspunkt liegt die tatsächliche Produktion (mit bezeichnet) über der natürlichen Produktion (). In diesem Fall entspricht auch das erwartete Preisniveau () nicht dem tatsächlichen Preisniveau (). Das erwartete Preisniveau ist niedriger. Im ersten Schritt (siehe Abbildung „Erster Schritt der Anpassung im AS-AD-Modell“) werden dann die an der Lohnsetzung Beteiligten ihre Preiserwartung auf das tatsächliche Preisniveau erhöhen, da unter der Annahme, dass das Produktionsniveau über dem natürlichen Produktionsniveau liegt, die bisherige Preiserwartung unter dem tatsächlichen Preisniveau lag. Dadurch wird sich die AS-Kurve nach oben verschieben, weil ein Anstieg der Produktion die Beschäftigung steigen lässt, wodurch die Arbeitslosenquote sinkt und sich damit die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer verbessert. Dies führt dann zu einem Anstieg der Nominallöhne, was sich in einer verteuerten Produktion niederschlägt und damit in einem höheren Preisniveau widerspiegelt. Durch diese Verschiebung erfolgt eine Reduktion der Geldmenge, da ein Anstieg des Preisniveaus diesen Effekt auf dem Geldmarkt hervorruft. Diese Reduktion der Geldmenge führt zu höheren Zinsen, weil nun ein Anpassungsprozess auf dem Geldmarkt stattfindet, der zu einer Verschiebung der LM-Kurve führt (In einer offenen Volkswirtschaft wird dieser Prozess auch über einen Anstieg des realen Wechselkurses und demnach einer Verschlechterung der Nettoexporte zudem verstärkt). Dies bedeutet aber auch, dass sich ein neues Gleichgewicht auf dem Geld- und Gütermarkt einstellt, welches dann eine geringere Produktion beschreibt. Durch die Verschiebung im ersten Schritt ist das natürliche Produktionsniveau jedoch noch nicht erreicht. Dieser Prozess wird sich solange wiederholen, bis die Produktion wieder auf ihr natürliches Niveau gesunken ist. Dadurch entspricht auch das erwartete Preisniveau wieder dem tatsächlichen Preisniveau (siehe Abbildung „Zweiter Schritt der Anpassung im AS-AD-Modell“).
Auswirkungen auf das AS-AD-Modell durch Variablenveränderung Nachfolgend werden die Auswirkungen der Veränderungen von Variablen aus dem IS-LM-Modell und aus dem Arbeitsmarktmodell und Folgen von externen Einflüssen, sogenannten Schocks, betrachtet.
Geldpolitik mini|Anpassungsprozess im AS-AD-Modell bei expansiver Geldpolitik Erhöht sich die Geldmenge, senkt dies kurzfristig den Zinssatz auf dem Geldmarkt im IS-LM-Modell, unter der Annahme, dass die Produktion vor der Erhöhung ihrem natürlichen Niveau entsprach (siehe Abbildung „Anpassungsprozess im AS-AD-Modell bei expansiver Geldpolitik“). Dies erhöht die Produktion und das Preisniveau. Die Produktionssteigerung ist anfänglich höher als die Steigerung des Preisniveaus. Dieser Effekt kehrt sich jedoch um, so dass die Erhöhung der Geldmenge mittelfristig zu einem gleich großen Anstieg des Preisniveaus und keiner Veränderung der Produktion führt. Es handelt sich in diesem Fall um die Neutralität des Geldes.
Dieses Ergebnis wird durch den folgenden Anpassungsprozess erreicht: Erhöht sich die nominale Geldmenge im IS-LM-Modell, so erhöht sich damit auch die reale Geldmenge bei zunächst gegebenem Preisniveau. Damit erhöht sich gemäß den Eigenschaften des IS-LM-Modells die Produktion. Dies führt dazu, dass sich die aggregierte Nachfragekurve nach rechts verschiebt. Durch diese Verschiebung liegt die Produktion im Gleichgewicht, jedoch über ihrem natürlichen Niveau und damit liegt auch das tatsächliche Preisniveau über dem Preisniveau, welches die an der Lohnsetzung Beteiligten erwartet haben. Diese werden nun ihre Preiserwartungen nach oben anpassen, damit wird sich die aggregierte Angebotskurve nach oben verschieben und es erfolgt eine Bewegung entlang der AD-Kurve. Dieser Prozess wird sich solange fortsetzen, bis die Produktion wieder auf ihren natürlichen Niveau angelangt ist, mit der Folge, dass die Produktion sich mittelfristig nicht verändert hat, das Preisniveau jedoch der Geldmengenerhöhung entsprechend gestiegen ist.Olivier Blanchard und Gerhard Illing: Makroökonomie. Pearson, Juli 2006, ISBN 3-8273-7209-7, S. 217–222.