mini|hochkant|Miroslav Volf, Yale Theological Conversation, Yale Divinity School, Februar 2006
Miroslav Volf (* 25. September 1956 in Osijek, Jugoslawien, heute Kroatien) ist ein einflussreicher kroatischer evangelikaler, anglikanischer Theologe, bekannt für seine Arbeiten innerhalb der Systematischen Theologie. Aufgrund seiner Erfahrungen im Kroatienkrieg hat er eine Theologie der Vergebung und Gewaltlosigkeit entwickelt. Gegenwärtig hat er die Henry B. Wright-Professur für Systematische Theologie an der Yale University inne und ist Direktor des Yale Center for Faith and Culture, das er auch gegründet hat.
Leben Kindheit und Jugend Volf wurde im kroatischen Osijek geboren und wuchs im kommunistischen Jugoslawien als Sohn eines Pastors einer Pfingstkirche auf. Nach eigener Aussage lebte die Familie in einfachen Verhältnissen und seine Eltern erfuhren aufgrund ihres christlichen Glaubens politischen Druck von Seiten der jugoslawischen Regierung. Volf beschreibt seine Familie rückblickend als Teil einer Minderheit (der Pfingstkirche), die wiederum einer Minderheit (der Kirche in Jugoslawien) angehörte.Volf im Interview mit Phil Vischer.
In Interviews beschreibt Volf seine Eltern als stark gläubige Menschen, deren Leben geprägt war von Integrität, hingebungsvollem Glauben und dem Streben nach einem gottgefälligen Leben, obwohl sie in widrigen politischen und sozialen Umständen lebten. Er berichtet davon, dass seine Familie viel Unrecht erlebte; u. a. kam Volfs Bruder im Alter von 5 Jahren durch das fahrlässige Handeln eines Soldaten der jugoslawischen Armee ums Leben. Laut Volf haben seine Eltern in ihrem Glauben die Kraft gefunden dem Soldaten zu vergeben.Volf im Interview mit Karl Faase. Die Erfahrungen seiner Eltern und ihr Umgang damit, sowie ihre Religiosität sind für Volf laut eigener Aussage ein wichtiger Einfluss gewesen. Er führt sein eigenes Interesse am christlichen Glauben darauf zurück, dass er mit Vorbildern aufgewachsen sei, die ihm ein authentisches Christsein vorgelebt haben. Insbesondere die Haltung und Praxis der Vergebung, die er bei seinen Eltern kennen gelernt habe, beeinflussten sein eigenes Konzept von Vergebung, das er später als Theologe bearbeitete.
Volf selbst erlebte eigener Aussage nach seine Schulzeit als Außenseiter, da er der einzige bekennende Christ an seiner Schule gewesen sei.Volf im Interview mit Krista Tippett. Als Jugendlicher wurde er stark beeinflusst durch seinen späteren Schwager Peter Kuzmić, einem führenden osteuropäischen evangelikalen Theologen, der unter anderem das evangelisch-theologische Seminar in Osijek gegründet hatte, an dem Volf später seinen Bachelor machte.
Akademische Laufbahn Volf absolvierte 1977 einen Bachelor-Abschluss an der evangelisch-theologischen Fakultät (Evangelical Theological Faculty) in Osijek (Kroatien) mit der Auszeichnung summa cum laude. Ein Jahr später absolvierte er einen Master-Abschluss am Fuller Theological Seminary in Pasadena (Kalifornien), ebenfalls ausgezeichnet mit summa cum laude.
Von 1979 bis 1991 lehrte er am evangelisch-theologischen Seminar in Osijek, zunächst als Dozent und später als Professor für systematische Theologie. Von 1984 bis 1989 war er gleichzeitig Herausgeber einer christlichen Zeitschrift. 1986 wurde ihm der Titel Doktor der Theologie durch die Universität Tübingen verliehen, sein Doktorvater ist Jürgen Moltmann. Auch für seine Doktorarbeit erhielt er die Auszeichnung summa cum laude. Ab 1991 lehrte er als Associate Professor systematische Theologie am Fuller Theological Seminary, wo er bereits seinen Master-Abschluss erworben hatte. Im Jahr 1994 folgte die Habilitation unter Jürgen Moltmann an der Universität Tübingen (ohne Auszeichnung). 1997 wurde er Professor für systematische Theologie am Fuller Theological Seminary. 1998 erhielt er die Henry B. Wright-Professur für systematische Theologie an der Yale Divinity School in New Haven (Connecticut), die er bis heute innehat. 2003 gründete er das Yale Center for Faith and Culture an der Yale Divinity School, dessen Leiter er bis heute ist.Volf auf divinity.yale.edu
Volf engagiert sich zudem bei ökumenischen und interreligiösen Gesprächen, um sich theologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. So war er 2015 Hauptreferent der Studientage des Instituts für ökumenische Studien der Universität Fribourg und des Studienzentrums für Glaube und Gesellschaft.Glaube und GesellschaftFritz Imhof: Neue Wege entdecken. Idea 3. Juni 2015, Seiten 14–15
Eigene Erfahrungen mit Krieg und Gewalt Zwischen dem Master of Arts 1979 und dem Doktorat an der Universität 1986 leistete Volf in Jugoslawien Militärdienst, wo er aufgrund seines christlichen Glaubens und seines Auslandsstudiums starken Pressionen ausgesetzt war. Er berichtet in Interviews davon, dass er als Spion galt und monatelang beobachtet und unter starkem psychischem Druck verhört wurde. Diese Erfahrungen verarbeitete er theologisch in seinem Buch The End of Memory: Mistreatment, Memory, Reconciliation.
1991 – Volf lehrte am evangelisch-theologischen Seminar Osijek – musste das gesamte Seminar aufgrund der Jugoslawienkriege aus Osijek fliehen und kam in ein abgelegenes Pfarrhaus in Slowenien, wo Volf mit seiner Frau und sechs Studierenden in einem Raum lebte, während sie im Fernsehen militärische Angriffe auf Osijek verfolgten. Volf selbst gehörte nicht zu den Konfliktparteien innerhalb der Bevölkerung, die sich während des Krieges in katholisch-kroatisch noch serbisch-orthodox spalteten, da er einer traditionell pazifistischen Freikirche angehörte. Jedoch erlebte er, wie sich seine Studierenden und sein persönliches Umfeld durch den Krieg in Serben und Kroaten spalteten.
Diese ethnischen Konflikte, die Erfahrungen mit Krieg, Gewalt und Unrecht prägen Volfs Theologie bis heute.Miroslav Volf: Contextual Theologian Reflection. Patheos Blog Er nennt seine persönlichen Erfahrungen und den Versuch mit dem eigenen Wunsch nach Vergeltung umzugehen als Grund für seine theologische Auseinandersetzung mit Themen wie Unrecht, Gewalt und Vergebung. Er habe von seinen frühen Vorbildern (v. a. von seinen Eltern) gelernt, was er später in seinen theologischen Arbeiten zur Vergebung den Willen zur Umarmung (will to embrace) nennt.
Theologie Volf versteht Theologie als Artikulation einer Lebensform. Darum ist sein theologisches Schreiben immer von einem Sinn der Einheit von systematischer Theologie und Bibelauslegung, von Dogmatik und Ethik und von Kirchentheologie (z. B. Karl Barth und später Stanley Hauerwas) und politischer bzw. öffentlicher Theologie (z. B. Jürgen Moltmann und David Tracy) geprägt. Seine Beiträge zur Theologie betreffen das aktuelle Zeitgeschehen: Er schreibt z. B. über die menschliche Arbeit, das Wesen der christlichen Gemeinschaft, das Problem der Andersartigkeit, Gewalt und Versöhnung, die Frage der Erinnerung und die öffentliche Rolle des Glaubens. Aber in all seinen Schriften versuchte er, die Gesamtheit der christlichen Überzeugungen für die jeweils behandelten Themen geltend zu machen.
Christlicher Glaube und Wirtschaft Die erste Phase von Volfs akademischer Arbeit begann mit seiner Dissertation und dauerte bis in die achtziger Jahre. Damals ging es ihm um das Verhältnis von christlichem Glauben und Wirtschaft, insbesondere um Wesen und Zweck der menschlichen Alltagsarbeit. In seiner Dissertation, veröffentlicht als Zukunft der Arbeit, Arbeit der Zukunft: Der Marxsche Arbeitsbegriff und seine theologische Wertung (1988), lieferte er sowohl einen theologische Beitrag zu einer kritischen Bewertung der Marxschen Philosophie als auch einen wissenschaftstheoretischen Beitrag zum Marxismus selbst (insbesondere zum Einfluss Feuerbachs auf Marx’ Theorie der ökonomischen Entfremdung und zu den Affinitäten zwischen den Ideen des späten Fichte und Marx’ Konzeptualisierung der kommunistischen Gesellschaft).
Die Dissertationsschrift formuliert eine alternative Theologie der Arbeit, die in der Ekklesiologie und Eschatologie statt in der Schöpfungs- oder Heilslehre begründet ist und somit mit der Dritten Person der Trinität in Verbindung steht. Volf bricht also mit der langen Tradition protestantischen Denkens über die Arbeit als „Berufung“ (sowohl Luther und Calvin als auch Puritaner und spätere Theologen, darunter Karl Barth) und schlägt „Charisma“ als die zentrale theologische Kategorie vor, mit deren Hilfe die menschliche Arbeit zu verstehen ist. Diese Denkrichtung bietet eine theologische Darstellung der Arbeit in zeitgenössische Gesellschaften, in denen Menschen im Laufe ihres Lebens verschiedenen Arten von Arbeit nachgehen und eine Vielzahl von Diensten in der Kirche ausüben.
Aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeit über Glauben und Wirtschaft war Volf auch einer der Hauptverfasser der Oxford-Erklärung zur Frage von Glaube und Wirtschaft (1990), die auf einer Konferenz im Jahr 1990 vor einem breiten Spektrum christlicher Theologen, Philosophen, Ethiker, Wirtschaftswissenschaftler, Entwicklungshelfer und Politologen vorgetragen wurde (Gerechtigkeit, Geist und Schöpfung. Die Oxford-Erklärung zur Frage von Glaube und Wirtschaft, eds. Herman Sauter and Miroslav Volf, 1992; Christianity and Economics in the Post-Cold War Era: The Oxford Declaration and Beyond, ed. H. Schlossberg, 1994).
Trinität und Gemeinschaft 1985 wurde Volf Mitglied der pfingstlerischen Seite des offiziellen römisch-katholischen und pfingstlerischen Dialogs, damals zum Thema communio. Zusammen mit Peter Kuzmič verfasste Volf das erste Positionspapier. Im letzten Jahr des Dialogs (1989) verfasste er zusammen mit Hervé Legrand, damals Professor am Institut catholique in Paris, das gemeinsame Schlussdokument („Perspectives on Koinonia“). Dieses intensive ökumenische Engagement war eines der Auslöser dafür, dass Volf damit begann die Beziehung zwischen der Kirche als Gemeinschaft und der Dreifaltigkeit theologisch zu untersuchen und zum Thema seiner Habilitationsschrift machte.
Die Habilitation wurde 1996 unter dem Titel Trinität und Gemeinschaft: Eine Ökumenische Ekklesiologie publiziert. Darin versucht Volf zu zeigen, dass eine freikirchliche Ekklesiologie eine theologisch legitime Form der Ekklesiologie ist (eine Aussage, die sowohl von römisch-katholischer als auch von orthodoxer Seite bestritten wird), indem er die ursprünglich eher individualistische Ekklesiologie der Freikirchen, die sich ganz auf die Herrschaft Christi konzentriert, um einen robusteren gemeinschaftlichen Charakter erweitert. Dieser gemeinschaftliche Aspekt ist bei Volf an die gemeinschaftliche Natur Gottes – und damit an die Trinität – zurückgebunden. An seinen Gesprächspartnern Joseph Ratzinger (katholisch) und Johannes Zizioulas (orthodoxer Bischof) kritisiert Volf, dass sie den gemeinschaftlichen Charakter der Kirche in hierarchischen trinitarischen Beziehungen begründen. Volfs Alternativvorschlag ist eine nicht-hierarchische Darstellung der Kirche als eine Gemeinschaft, die sich ganz in einem egalitären Verständnis der Trinität gründet.