miniatur|Titelblatt der Erstausgabe 1799 Lucinde (Untertitel: Bekenntnisse eines Ungeschickten) ist ein Roman von Friedrich Schlegel, der 1799 als erster Teil eines vierteiligen Romanprojektes erschien.Friedrich Schlegel: Lucinde. Frölich, Berlin 1799. () Er beschreibt in Briefen, Dialogen, Aphorismen, Tagebucheinträgen und anderen literarischen Formen die Liebe von Julius und Lucinde. Der Autor – nicht nur Schriftsteller, sondern auch Literaturtheoretiker, Historiker und Philosoph – artikuliert in und mit diesem Buch sein frühromantisches Romankonzept. Ein wichtiger Grundsatz dessen besagt, dass ein Roman stets sowohl einen Roman als auch seine eigene Theorie darstellen soll.
Überblick Das Buch besteht aus 13 Teilen und einem Prolog. Jeweils sechs kurze, teils fragmentartige Texte gruppieren sich um den Mittelteil, in dem im Rückblick die Entwicklung Julius‘ zum Mann und seine Liebe zu Lucinde in der Personalen Form beschrieben werden. In den Rahmenstücken preist Julius seine alles umfassende romantische Liebesbeziehung euphorisch und teilt seine Erkenntnisse über die Welt und die Menschen mit, die er durch die Gemeinschaft mit Lucinde gewonnen hat.
Inhalt Prolog Der Autor beginnt mit einer Devotionsformel, mit der Frage, was sein Geist seinem Sohn geben solle, der „gleich ihm so arm an Poesie ist als reich an Liebe“, und lenkt sogleich den Blick mit dem Bild von Leda und dem Schwan auf sein Thema.
Julius an Lucinde Julius beschreibt seine Vision der „Eine[n] ewig[en] und einzig[en] Geliebte[n] in vielen Gestalten“, seinen „tiefen Blick in das Verborgene der [ewig lebenden] Natur“ und seinen Traum von einer allumfassenden Verbindung mit Lucinde als „eine romantische Verwirrung von all diesen Dingen, ein wundersames Gemisch von den verschiedensten Erinnerungen und Sehnsüchten“.
Dithyrambische Fantasie über die schönste Situation Hymnus vom Ideal der harmonischen körperlich-geistigen, irdisch himmlischen Liebesbeziehung, gesteigert bis zum Tausch der männlichen und weiblichen Rolle.
Charakteristik der kleinen Wilhelmine Das zweijährige Kind als Ideal der unkonventionellen Natürlichkeit, als „kleine[s] Kunstwerk[-] schöner und zierlicher Lebensweisheit“ in „beneidenswürdige[r] Freiheit von Vorurteilen“ ohne „falsche[-] Scham“.
Allegorie von der Frechheit Ein „Beschützer“ führt Julius ein allegorisches Schauspiel vor: „einige Jünglinge am Scheideweg“. Die gesellschaftliche Situation der „Mannigfaltigkeit und Zügellosigkeit“ wird dann in eine innere Handlung in reinerer Form projiziert. Julius erkennt „[i]nnere Saturnalien“, die schlagartig abgelöst werden von dem Auftrag, als Schriftsteller die Botschaften des ewigen Geistes zu verkünden: „Vernichten und Schaffen, Eins und Alles […] Die Zeit ist da. Das innere Wesen der Gottheit kann offenbart und dargestellt werden, alle Mysterien dürfen sich enthüllen und die Furcht soll aufhören. Weihe dich selbst ein und verkünde es, dass die Natur allein ehrwürdig und die Gesundheit allein liebenswürdig ist.“ Julius rühmt die angeborenen Vorzüge des weiblichen Geistes und der Liebeskunst der Frauen. Nur durch „Fantasie“ könnten sich die Männer der „intensive[n] Unendlichkeit, Unzertrennlichkeit ohne Maß und Ziel“ annähern. Den höchsten Grad, das Gefühl von harmonischer Wärme, die „wunderbare Mischung der Harmonie aller Sinne“ könne nur der Jüngling oder der Jüngling gebliebene Mann erreichen.
Idylle über den Müßiggang Als Gegenentwurf zum prometheisch-aktiven, der „Erziehung und Aufklärung“ verpflichteten Menschen wird der kontemplative Typus und seine „gottähnliche Kunst der Faulheit“ hervorgehoben: „Nur mit Gelassenheit und Sanftmut in der heiligen Stille der echten Passivität kann man sich an sein ganzes Ich erinnern und die Welt und das Leben anschauen.“ Das Sprechen und Bilden sei nur Nebensache der Kunst, entscheidend seien Denken und Dichten. Deshalb sei bei der Passivität der Frauen „mehr Genuss und mehr Dauer, Kraft und Geist des Genusses“.
Treue und Scherz Dialog zwischen Julius und Lucinde über Liebesspiele, gesellschaftliche Konventionen, Rollenbilder, Eifersucht, Freundschaft zwischen Frauen und Männern.
Lehrjahre der Männlichkeit In Er-Form wird Julius‘ Entwicklung erzählt. Sie beginnt mit einer Phase der Unbeständigkeit zwischen „dem Anscheine der heftigsten Leidenschaft und doch zerstreut und abwesend“, in der „[s]ein ganzes Dasein […] in seiner Fantasie eine Masse von Bruchstücken ohne Zusammenhang“ war. Auf der nächsten Entwicklungsstufe lernt er drei Frauentypen kennen. Bei der Liebe zu Luise blitzt ein „heiliges Bild der Unschuld“ in seiner Seele auf, ein „gefährlicher Traum“, „entscheidend für sein ganzes Leben“. Er hätte das Mädchen, „noch an der Grenze der Kindheit“, fast verführt, wenn er nicht rechtzeitig zur Besinnung an „das arme Schicksal der Menschen“ gekommen wäre. An einem neuen Wohnort begegnet er einer koketten Gesellschaftsdame, die mit den sie bewundernden Männern spielt und unvermittelt zwischen Anlockung und Zurückweisung wechselt. Hier „verwirrt[-] er sich immer mehr in die Intrigen einer schlechten Gesellschaft“ und wendet sich Lisette zu, einem „beinahe öffentlich[en] Mädchen“. Sie fasziniert ihn nicht nur wegen ihrer unerschöpflichen Mannigfaltigkeit in allen verführerischen Künsten der Sinnlichkeit, sondern auch wegen ihres Witzes und ihrer unverstellten Vorliebe für Unabhängigkeit und Geld. Sie verliebt sich in Julius, doch als sie ihm „die Ehre der Vaterschaft ankündigt[-]“, verlässt er sie entrüstet. Mit den Worten: „Lisette soll zu Grunde gehen […] so will es das Schicksal, das eiserne“ ersticht sie sich. Julius sucht nun Freundschaften mit seelenverwandten, für Kunst und romantische Ideen begeisterungsfähigen Jünglingen, die allerdings ähnlichen Gemütsschwankungen ausgesetzt sind und diese weitergeben. Dadurch vereinsamt er wieder und fällt in einen Zustand der Depression, obwohl er sich in der Gesellschaft nichts anmerken lässt und fröhlich wirkt. Nach diesen Enttäuschungen sucht er wieder Zuwendung und Liebe bei Frauen, die in der Gesellschaft selbstbewusst auftreten, Sinn für Kunst und Literatur haben, die Gefühle und Sensibilität zeigen und Lebenserfahrung mit Natürlichkeit und Spontaneität, Ernst und Scherz miteinander verbinden. Zwei Frauen kommen seinen Idealvorstellungen der Originalität am nächsten. Die erste ist bereits mit seinem Freund verbunden und er muss seine Liebe zu ihr hinter einer geschwisterlichen Freundschaft verbergen. Sie fördert ihn in seiner menschlichen und künstlerischen Entwicklung, seiner Zuwendung zu antiken Stoffen, was ihn jedoch nicht vollkommen zufrieden stellt. Durch die lebenserfahrene Freundin kann er seiner späteren großen Liebe, Lucinde, gereift gegenübertreten. Sie haben die gleiche romantische Lebenseinstellung, differieren aber im Detail. Ohne lange Werbung werden sie schnell ein Paar und erleben in ihrer Liebe eine zuvor nicht gekannte körperlich-seelische Harmonie mit transzendentalem Bezug. Julius stabilisiert seine Persönlichkeit, tritt in der Gesellschaft gelassen und freundlich auf und findet einen kreativen Freundeskreis.
Metamorphosen Betrachtungen über die Entwicklung des kindlichen Geistes vom Narzissmus zur ergänzenden Bildung der Gegenliebe: „Jeder gibt dasselbe, was er nimmt […] alles ist gleich und ganz und in sich vollendet wie der Kuss der göttlichen Kinder. […] In goldener Jugend und Unschuld wandelt die Zeit und der Mensch im göttlichen Frieden der Natur, und ewig kehrt Aurora schöner wieder.“ Nur im Licht der Liebe könne man die Welt finden und schauen: „Nur in der Antwort seines Du kann jedes Ich seine unendliche Einheit ganz fühlen“ und wie ein Künstler seine Seele bilden und die Gesetze des Lebens schauen.
Zwei Briefe Julius und Lucinde sind für einige Zeit räumlich getrennt und können nur brieflich kommunizieren. Lucinde erwartet ein Kind und sie kaufen ein kleines Landgut für ihr Familienleben. Das gemeinsame Kind bedeutet für Julius die unauflösliche Bindung: „Nun hat das Heiligtum der Ehe mir das Bürgerrecht im Stande der Natur gegeben.“ In der ländlichen Idylle erhofft er sich die Lösung von der verderbten kranken städtischen Gesellschaft: „Da könnten, wenn alles wäre wie es sollte, schöne Wohnungen und liebliche Hütten wie frische Gewächse und Blumen den grünen Boden schmücken und einen würdigen Garten der Gottheit bilden.“ Aber er weiß, dass dies unrealistisch ist. Julius schreibt, er sei, trotz der schmerzlichen Trennung von Lucinde, jetzt „heiliger, ruhiger“ geworden und fühle „eine Weichheit und süße Wärme in allen Vermögen der Seele und des Geistes, wie die schöne Ermattung der Sinne die auf das höchste Leben folgt.“ Zugleich fühlt er Zuversicht und Mut, […] ein heldenmäßiges Leben zu beginnen und auszuführen und mit Freunden verbrüdert für die Ewigkeit zu handeln. „Das ist meine Tugend; so ziemt es mir, den Göttern ähnlich zu werden. Die deinige ist es, gleich der Natur als Priesterin der Freude das Geheimnis der Liebe leise zu offenbaren und in der Mitte würdiger Söhne und Töchter das schöne Leben zu einem heiligen Fest zu weihen.“ Wie in den „Lehrjahren“ preist er die Liebe als Zugang zur göttlichen Natur: „Der Sinn für die Welt ist uns erst recht aufgegangen. Du hast durch mich die Unendlichkeit des menschlichen Geistes kennen gelernt, und ich habe durch dich die Ehe und das Leben begriffen, und die Herrlichkeit der Dinge.“ Der zweite Brief wurde nach der Genesung Lucindes geschrieben. Als er von ihrer Schwester Amalie die Nachricht von ihrer schweren Erkrankung erhielt, fürchtete er ihren Tod und stellte sich in Tagträumen sein Leben ohne sie vor: seine Todeserfahrungen, sein Eintauchen in eine geistige Welt, ihre „göttliche Gestalt umschienen von wunderbarem Glanz“. Seine Laufbahn würde unvollendet enden. Kunst und Tugend schienen ihm unerreichbar: „Ich wäre verzweifelt, hätte ich nicht beide in Dir gesehn und vergöttert, holdselige Madonna! Und Dich und Deine milde Göttlichkeit in mir.“
Eine Reflexion Julius reflektiert über das Bestimmte, als männliches Prinzip, und das Unbestimmte, Namenlose, als weibliches. Beide ergänzen sich, sie sind die bewegenden Kräfte des Universums, die nach Symmetrie und Harmonie streben. In ihrer Auseinandersetzung, „Leben und Weben“, entwickeln sie die ewig strömende Schöpfung weiter: „Die Natur will den ewigen Kreislauf immer neuer Versuche; und sie will auch, dass jeder einzelne in sich vollendet einzig und neu sei, ein treues Abbild der höchsten unteilbaren Individualität.“
Julius an Antonio In zwei Briefen erklärt Julius Antonio, warum er nicht mehr mit ihm, sondern mit Eduard befreundet sein will. Es gebe zwei Arten von Freundschaft: Erstens den Bund der Helden, der im „heiße[n] Kampf“ des „rastlosen Lebens“ gegen alles Böse kämpft, überall dort, wo die „edle Kraft in großen Massen wirkt und Welten bildet oder beherrscht“, zweitens die auf Ergänzung und „wunderbare Symmetrie des Eigentümlichsten“ abzielende innerliche Seelengemeinschaft, die sich vor äußeren Gefährdungen schützen müsse. Er habe sich für den ersten Typus entschieden.
Sehnsucht und Ruhe Nach dem Muster des Hohelieds Salomos preisen sich die beiden Liebenden Julius und Lucinde im Wechselgesang, der mit ihrer Sehnsucht nach der großen Liebesnacht endet: die Wunderblume seiner Fantasie, die Priesterin der Nacht, Ruhepunkt ihrer Seele, ihr heiliges Sehnen, das große Wunder seines wunderbaren Herzens.
Tändeleien der Fantasie